Fini Busch im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Schützenliesl
Schützenliesl

Es war der erste Hit auf dem Münchner Oktoberfest, das Lied Schützen-liesl (Nachsatz: Dreimal hat’s gekracht), das 1953 auf der Wiesn seine Premiere hatte. Noch heute ist die Hymne auf die Kellnerin Coletta Möritz, die dank eines Ölgemäldes von Friedrich August von Kaulbach zum ersten Münchner Pinup-Girl wurde und Plakate, Krüge und Schützenscheiben zierte, im Repertoire einer jeden Oktoberfestkapelle. Den massen-tauglichen Text schrieben zur Musik von Gerhard Winkler (alias Ben Bern) Fred Rauch (alias Sepp Haselbach) und Fini Busch (alias Harry Sixt), die so wie die Schützenliesl auch ein Münchner Kindl war. Ihr ist dieses Porträt gewidmet.

GUTE-NACHT-LIED

Josefine Busch, genannt Fini, wurde am 18. Februar 1928 in München geboren. Sie wuchs als Tochter eines Postbeamten und einer Hausfrau mit fünf Geschwistern im Schlachthofviertel auf und bekam nach dem Besuch der Handelsschule 1945 aufgrund ihrer ausgezeichneten Englisch-Kenntnisse eine Anstellung bei Radio München, dem Vorläufer des Bayrischen Rundfunks.

Porträt Fini Busch
Fini Busch

Dort arbeitete sie in der Unterhaltungsabteilung bei Jimmy Jungermann. „Er hat mir ziemlich schnell freie Hand gelassen. Ich habe eigene Sendungen gemacht, Lieder ausgesucht und Zwischentexte geschrieben. Ich war ein Fan der amerikanischen Musik“, so Busch in einem Interview in dem Münchner Magazin zeitenweise. Ihr Talent als Textdichterin entdeckte Fini 1949 zufällig. Der Rundfunk suchte ein Gute-Nacht-Lied. Auf Anraten ihres Chefs („Das ist was für ein Mädel!“)reichte sie das anonymisierte Lied ein, das dann von einer Jury ausgewählt wurde.

SUGAR BABY

Das war der Beginn einer großen Autorenkarriere. Fini Busch war nicht nur die Jüngste in der Textdichterriege, sie war damals auch die einzige Frau. Gern verschanzte sie sich hinter meist männlichen Pseudonymen wie Harry Sixt, Inge Martens, Walter Kartis und Karl Kiesinger. Eine Vorschrift von Radio München aus dem Jahre 1951, dass nur fünf Lieder pro Woche gespielt werden durften, die von einem Rundfunkangestellten stammten, brachten die Hitschreiberin und den Programmdirektor Hanns Huber – Er und Fini waren mittlerweile ein Ehepaar in Turbulenzen. So verließ Fini 1953 den Radiosender, um sich ganz dem Schreiben (später auch ihren drei Kindern) zu widmen. Mit dem Komponisten Werner Scharfenberger, damals Pianist bei Max Greger, entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit. Ingesamt 400 Lieder sind entstanden.

v.l.n.r. Komponist Werner Scharfenberger, Sängerin Connie Francis, Fini Busch
v.l.n.r. Komponist Werner Scharfenberger, Sängerin Connie Francis, Fini Busch

Die Texte schrieb sie meist auf die Notenvorlagen. „Ich habe mich immer von der Musik beeinflussen lassen. Die Interpreten haben sich nie in meine Texte eingemischt,“ so Busch. 1500 Lieder sind es geworden. Hier eine kleine Auswahl: Franzl Lang sang die eingangs zitierte Schützenliesl, Peter Kraus Sugar Baby, Mit siebzehn und Va bene sowie gemeinsam mit Conny Sag mir was du denkst, Connie Francis Napoli und Meine Reise ist zu Ende, Ted Herold Moonlight und Hula Rock und Fred Bertelmann Bleib so, wie du bist. Auch Alice und Ellen Kessler, Gus Backus und Peter Rubin, der Fini Busch auch seinen Künstlernamen verdankt, ließen sich von ihr die Lieder schreiben.

SEEMANN, DEINE HEIMAT IST DAS MEER

Fernweh und Meer, Sehnsucht und Liebe – das waren in den Sechziger Jahren die sicheren Zutaten für ein erfolgreiches Lied. Aber dass ausgerechnet „Seemann“, gesungen von Lolita, ein Riesenhit wurde, der es sogar in englischer Übersetzung in die amerikanischen Hitparaden schaffte, überraschte dann doch alle Beteiligten. Fini Busch: „Werner Scharfenberger und ich wurden beauftragt, so ganz auf die Schnelle für Lolita ein Lied zu schreiben als B-Seite einer Schallplatte. Die A-Seite war fertig, sie hieß La Luna, und der Produzent sagte: ’Schreibt’s irgendwas hinten drauf, völlig wurscht.’ Er wollte die Platte möglichst rasch herausbringen, und so entstand der ‚Seemann’. Er wurde ein Hit, von La Luna hat man nie wieder was gehört.“ Das Lied wurde auch von Freddy Quinn, Heino und Andrea Berg gesungen. Die englische Version Sailor sang interpretiert von Petula Clark und landete an der Spitze der amerikanischen Charts.

EIN SCHIFF WIRD KOMMEN

Mit Ein Schiff wird kommen gelang Fini Busch der zweite große Wurf. Das Lied stammt aus dem griechischen Film Sonntags … nie! und wurde im Original von Melina Mercouri gesungen. Im Deutschen wurde der Text entschärft, indem das Hafenmädchen aus Piräus nicht auf Freier wartet, sondern auf die große Liebe. Ein kleiner Kniff, um die deutschen Gemüter nicht zu verschrecken. Am 9. September 1960 kam der Film in die deutschen Kinos, zwei Tage später stand die Sängerin Lale Andersen in Köln im Tonstudio, um die deutsche Version aufzunehmen, die Fini Busch in Windeseile geschrieben hatte. Unter Zeitdruck zu schreiben war wohl eine besondere Qualität von ihr. Bereits wenige Wochen später war das Lied die Nummer 1 der Hitparade. Über eine Million Singles wurden gekauft. Das Lied wird auch gerne gecovert. Es gibt mehr als ein Dutzend verschiedene Versionen, darunter von Caterina Valente, Dalida, Nana Mouskouri, Daliah Lavi und Andrea Berg.

An Ideen für neue Texte hätte es Fini Busch auch in den späten Jahren nicht gemangelt, aber die Musik entsprach nicht mehr ihrem Geschmack. So zog sich, wie ihr langjähriger Komponist Werner Scharfenberger, aus dem Showgeschäft zurück. Sie starb am 2. November 2001 in ihrer Heimatstadt. Ihre Tochter Gabriele Misch, Schauspielerin und Sängerin, setzt sich mit viel Engagement dafür ein, das Andenken an ihre Mutter zu bewahren. Ein Bühnenprogramm, in dem sie Werk ihrer Mutter interpretiert, trägt den Titel Sugar Baby.

Wolfgang Neukirchner im Porträt

Von Claudia Karner

Schlagertitel sind oPlatte Es gibt kein Bier auf Hawaiift Binsenweisheiten, die von Generation zu Generation weitergereicht werden: Liebeskummer lohnt sich nicht zum Beispiel oder Wunder gibt es immer wieder oder Tränen lügen nicht. Keine hat sich allerdings im Laufe der Jahre als so haltlos erwiesen wie Es gibt kein Bier auf Hawaii. Diese Behauptung, die jahrelang deutsche Männer von einem Urlaub auf der Südseeinsel abhielt, brachte der Pianist und Sänger Paul Kuhn 1963 in Umlauf.

Wolfgang Neukirchner hatte sich den Text zur Schunkelmusik von Jean Joseph Kluger ausgedacht. Und zwar unter dem Pseudonym Roeckelein. Bier gibt es schon seit 1889 auf Hawaii, das Lied ist aber 50 Jahre später noch immer ein Ohrwurm. Ein kühles Blondes auf den Texter!

HARLEM BLUES

Wolfgang Neukirchner und Paul Kuhn
Freunde fürs Leben: Wolfgang Neukirchner und Paul Kuhn

Wolfgang Neukirchner kam am 20. Dezember 1923 in Essen als Sohn von Rudolf Neukirchner und dessen polnischer Frau Helscha zur Welt. Sein Vater war Kammermusiker, seine Mutter klassische Sängerin. Wolfgang besuchte das Goethe-Gymnasium in Essen-Bredeney. Er lernte Flöte wie sein Vater, brachte sich später selbst Gitarre bei, entwickelte seine Liebe zum Jazz und Blues und gründete eine Musikgruppe, die „Band ohne Namen“. „Darüber, dass die Nazis die Musik abgelehnt haben, haben wir uns nie Gedanken gemacht“, sagte er in einem Interview. „Schwierigkeiten haben wir deswegen nie bekommen.“ Nur seine Mutter schimpfte über die „Hottentottenmusik“. 1937/38 machte sogar ein Plattengeschäft in Essen, das ein eigenes Studio besaß, der Band das Angebot, eine Platte mit zwei Stücken aus ihrem Repertoire aufzunehmen. „Das war damals eine Sensation“, so Neukirchner. Harlem Blues, im Original gesungen von Mamie Smith, eines seiner damaligen Lieblingslieder, kam auch darauf.

SCHAFFE, SCHAFFE, HÄUSLE BAUE

Nach dem Krieg begann Neukirchner mit dem Jura-Studium in Bamberg. Sein Herz schlug aber für die Musik, und so zog er drei Jahre lang mit dem Studentenkabarett Die Amnestierten, in dem Ursula Noack (später Münchner Lach- und Schießgesellschaft)und Hanne Wieder auftraten, durch die Lande. Erst im letzten Abdruck beendete er sein Studium und wurde Richter am Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen. „Ich bin eben nur ein halber Bohemien, zur anderen Hälfte bin ich ein Spießbürger“, meinte er. Unter dem Motto „Morgens richten, abends dichten“ gestaltete er sein produktives Doppelleben.

Über Ralf Bendix, Schulfreund aus Essener Tagen, der eigentlich Karl-Heinz Schwab hieß und hauptberuflich Filialleiter einer amerikanischen Fluggesellschaft in Düsseldorf war, kam er ins Schlagergeschäft. Als Bendix einen Schallplattenvertrag erhielt, verfasste Neukirchner für ihn Texte. Einen Flop erlebte er gleich zu Beginn der Karriere mit der Übersetzung des amerikanischen Gospelsongs In the Beginning, zu deutsch: Es war im Anfang. Electrola-Produktionschef Nils Nobach, der auf Neukirchner große Stücke hielt („Er ist ein Dichter, der seine Lieder nicht mit dem Rechenschieber konstruiert“), erhoffte sich den gleichen Erfolg, den das Lied in den USA erzielte, stieß aber auf heftigsten Widerstand bei der evangelischen Kirche. 1957 war die Zeit noch nicht reif für deutschsprachige Gospels.

1964 schrieb Neukirchner für seinen Freund Bendix etwas Bodenständiges. Schaffe, schaffe, Häusle baue ist bis heute die heimliche Nationalhymne der Schwaben geblieben. Unter dem Motto „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“ verschanzte sich der korrekte Richter beim Texten hinter den Pseudonymen Sigi Mahr und Josua Röckelein, gemeinsam mit dem Komponisten und Arrangeur Erich Becht hinter dem Pseudonym Adolf von Kleebsattel. An die 200 Lieder sind entstanden u. a. für Udo Jürgens (Peppino und Frag mich nie, was Heimat ist), Bobbejaan (Ich steh an der Bar und ich habe kein Geld), Gitte, Rex Gildo, Cliff Richard, Ralf Bendix (Mein Freund Meier, mein Freund Lehmann und auch ich) und Paul Kuhn, der im Grund seines Herzens ein großer Jazzer war und eher widerwillig und nur aus kommerziellen Gründen den Gerstensaft besang.

BLAU BLÜHT DER ENZIAN

Ein Glücksfall für alle Beteiligte war 1965 die Begegnung von Wolfgang Neukirchner und Ralf Bendix mit Heinz-Georg Kramm. Dieser tingelte unter dem Namen Heino mit Seemannsliedern durch die Lande. Die beiden witterten Star-Potential und rieten Heino zu einem Imagewechsel. Was dabei herauskam, ist bekannt: ein markiger volkstümelnder Sänger und Lieder wie Jenseits den Tales, Blau blüht der Enzian, Karamba, karacho, ein Whisky und Schwarzbraun ist die Haselnuss, die der Spiegel als Wald- und Wiesenlieder abtat, bei vielen deutschen Schlagerfans aber große Begeisterung hervorrief. Verfasst wurden sie vom Kreativ-Duo Becht und Neukirchner, produziert von Ralf Bendix.

Richterkollegen und Rechtsanwälte hingegen hätten sich immer wortreich von der Musik distanziert, so Neukirchner, dann aber trotzdem um eine Heino-Platte mit Widmung „für die Mutter“ gebeten. Blau blüht der Enzian wurde 1972 zu einem von Heinos größten Hits. 15 Wochen lang konnte er sich in den Top Ten behaupten. Das Lied war so populär, dass es ein Jahr später Titelsong eines der wenigen noch produzierten Schlagerfilme wurde. Die äußerst erfolgreiche Zusammenarbeit mit Heino endete 1988. Der Grund dafür laut Neukirchner: Heinos Ehefrau, Prinzessin Hannelore von Auersperg, hätte sich immer mehr ins Geschäft eingemischt.

Aus dem Musikbusiness hat sich der pensionierte Gerichtspräsident schon vor langer Zeit zurückgezogen. Nur für seinen Freund Paul Kuhn machte er eine Ausnahme und schrieb ein Lied über dessen spätes Hobby, das Golfen.

Erich Meder im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Der Wörthersee ohne Rose? Unvorstellbar! Ob Oldtimer-Rennen, Hair-Styling, Rudern oder Tauchen: Fast bei jedem Wettbewerb zwischen Velden, Pörtschach und Krumpendorf winkt die Rose vom Wörthersee als Siegertrophäe. Die Idee für dieses Marketing-Alleinstellungsmerkmal lieferte der Schlager Du bist die Rose vom Wörthersee aus dem Film Der alte Herr Kanzleirat, gesungen von Maria Andergast und Hans Lang. Fast 50 Jahre später starten noch immer Strandbad-Casanovas der alten Schule mit den ersten Zeilen ihre Flirtversuche. Zu verdanken ist das alles dem Textdichter Erich Meder, dessen Geburtstag sich heuer zum 120. Mal jährt. Ein guter Anlass, dem Fast-Vergessenen ein Porträt zu widmen.

ICH MÖCHT’ SO GERNE WISSEN, OB SICH DIE FISCHE KÜSSEN

Erich Mender: Porträt

Erich Meder kam am 28. Juli 1897 in Brünn (heute Tschechien) zur Welt. Sein Vater Eduard war Mediziner, seine Mutter Martha stammte ebenfalls aus einer Arztfamilie. 1905 zogen die Meders nach Wien, wo Erich das Gymnasium besuchte und 1914 maturierte. Nach dem Kriegseinsatz studierte er an der Universität Wien Welthandel, arbeitete als Bankbeamter und Kaufmann und versuchte sich als Erfinder. So meldete er u. a. ein Windrad zum Patent an. In den 1930er Jahren entdeckte Meder sein Talent für das Schreiben und verfasste Werbe- und Schlager-texte. Über 1300 meist heitere Lieder, von denen viele heute zu echten Klassikern des Wienerlieds zählen, sind es im Laufe seines Lebens geworden. Auf was für umwerfend komische Ideen dieser Mann kam! Er kreierte das längste deutsche Wort, das vermutlich jemals Eingang in die deutsche Schlagerwelt gefunden hat und noch heute Deutsch-Lernende auf eine harte Probe stellt: Donaudampfschifffahrtsgesell-schaftskapitän. Charles Loubé schrieb die Musik dazu. Meder beschäftigte sich mit ungeklärten zoologischen Phänomenen wie Ich möcht’ so gerne wissen, ob sich die Fische küssen (Musik: Maly/Haas)und philosophierte: A klanes Golasch wird net größer (Musik: Josef M. Kratky), Die Liebe ist wie Zahnweh (Musik: Peter Igelhoff, einer seiner wichtigsten Komponisten) oder Ein Regenwurm hat’s gut (Musik: Heinz Sandauer), gesungen von Heinz Rühmann.

HALLO DIENSTMANN

Erich Mender: „Die Rose vom Werthers“

Musikfilme waren Mitte des 20. Jahrhunderts der große Renner. Ein Glücksfall für Erich Meder war die Begegnung mit dem Wiener Komponisten Hans Lang. Die beiden waren auf einer Wellenlänge, und so entstand eine höchst produktive Zusammenarbeit, die dem Textdichter zu großer Popularität verhalf.„Man bekommt das Drehbuch und sucht nach Möglichkeiten, die Lieder einzubauen, die meist vom Regisseur vorgeschrieben werden. Fast zeitgleich mit dem Textdichter beginnt die Arbeit. Nicht erst Text oder Musik. Von der Schlagzeile weg geht es Schritt für Schritt. Nur so kann ein Lied aus einem Guss entstehen“, so beschrieb Hans Lang in einem Zeitungsinterview die Arbeitsweise. Die eingangs zitierte Rose vom Wörthersee, ursprünglich nur eines von mehreren Gesangsstücken in dem Film Der alte Herr Kanzleirat, war so erfolgreich, dass um das Lied ein neuer Film „gebaut“ wurde. Das Publikum stürmte die Kinokassen. Kein Wunder bei der Starbesetzung mit Marte Harell als Inkarnation der „Rose“, Curd Jürgens, Waltraud Haas und Hans Moser. Moser brillierte auch neben Paul Hörbiger in Hallo Dienstmann. Weitere unvergessene Filme, zu denen das Duo Lang/Meder die Lieder verfasste: Kind der Donau mit Marika Rökk, Der alte Sünder mit Paul Hörbiger und Maria Andergast, Kaiserwalzer mit Rudolf Prack, Fiaker-Milli mit Erni Mangold und Immer die Radfahrer mit Hans-Joachim Kulenkampff und Heinz Erhardt.

Nach Ende des 2. Weltkriegs schrieb Erich Meder auch für das Radio, das damals RAWAG hieß und der Vorläufer des Österreichischen Rundfunks (ORF) war. Er verfasste die Kennmelodie für eine legendäre Sendung „Was gibt es Neues?“. 40 Jahre lang lockte damit Heinz Conrads am Sonntagmorgen die Österreicher vor das Radio (später am Samstagabend vor den Fernsehapparat),ließ plaudernd die Woche Revue passieren und sang mit großer Begeisterung Meder’sche Ohrwürmer wie Den Wurschtl kann kana derschlag’n, A Schneeflockerl und a Ruaßflankerl oder I hab rote Hoar.

IT’S OH SO QUIET

Meders Lieder sind nicht nur ausschließlich im Repertoire von typischen Wienerlied-Sängern zu finden. Wolfgang Ambros, Aushängeschild des Austro-Pop, nahm 2005 eine CD mit Liedern auf, die Hans Moser berühmt gemacht hatte, darunter Hallo Dienstmann und Der alte Sünder. Vollblutkomödiant Otto Schenk interpretiert immer wieder In der Kellergass’n auf unnachahmliche Weise. Er kannte Erich Meder noch persönlich. „Über meinen Vater lernte ich diesen wunderbar komischen Menschen kennen. Er war verbandelt mit Fritz Grünbaum und Karl Farkas, ein Urkabarettist“, schwärmte Schenk in einem Zeitungsinterview. „Er hat mir meine jüdischen Witze beigebracht. Als Wienerlied-Schreiber war er auch in der Nazi-Zeit sehr geschätzt. Das Wienerische wurde in der Ostmark hochgehalten. Das war eine Form des erlaubten Widerstands.“

Ein Lied des Vielschreibers, der auch unter den Pseudonymen Ernst Berger, Hans Maler und Karl Edelhofer veröffentlichte, schaffte es um die Jahrtausendwende in die internationalen Charts: die englische Cover-Version von Jetzt wird es still, die im Original von Horst Winter gesungen wurde. Bert Reisfeld, ein in die USA emigrierter Wiener Komponist, hatte 1951 die Übersetzung und das Arrangement für Betty Hutton geschrieben. 44 Jahre später landete die isländische Sängerin Björk mit ihrer Interpretation von It’s Oh So Quiet einen Riesenerfolg. Das offizielle Video auf Youtube wurde fast 3 Millionen Mal angeklickt, ein weiteres mehr als 9 Millionen Mal.

CHRONIST DER WIENER SEELE

Erich Meder: Buchcover

Aus Meders Privatleben ist wenig bekannt. Das liegt wohl an der Tatsache, dass er ein Leben lang seine Homosexualität verheimlichen musste. Er starb am 19. September 1966 mit 69 Jahren in Wien, wo er auch seine letzte Ruhestätte fand. Den Nachlass erbte nach dem Tod seines letzten Lebensgefährten Franz Dopf vor drei Jahren dessen Neffe Wolfgang Bacher, ein Zahnarzt aus Salzburg. „Als mein Onkel verstarb, war mir noch gar nicht klar, welchen Schatz ich nun zu verwalten habe. Nach mühsamen Recherchen war ich eines Tages bei über 1300 Werken angelangt. Und seither versuche ich, seinen Werken den Stellenwert in der Gegenwart zu geben, der ihm gebührt“, sagt Wolfgang Bacher. Er öffnete Erich Meders Schatzkiste auf Facebook und initiiert verschiedene Konzerte, u. a. 2017 beim Wiener-liedfestival wean hean. Besonders viel Enthusiasmus steckt er in das Buch Erich Meder – Ein Schlagertexter als Chronist der Wiener Seele, das der Musikwissenschaftler Wolfgang Stanicek schrieb. Bacher ist der Heraus-geber. Das Buch kommt Ende Herbst 2017 auf den Markt.

Irma Holder im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Irma Holder
Irma Holder, (Bild: GEMA)

Das ist das 25. Porträt der Reihe „Wer schreib denn eigentlich…?“. Höchste Zeit, eine erfolgreiche Textdichterin vorzustellen! Eine, die in dieser von Männern dominierten Branche seit 46 Jahren den Herren der Schöpfung zeigt, wie’s geht: Irma Holder.

Ein Leben wie ein Schlagertext: Du bist ein Phänomen! So lässt sich die Biographie von Irma Holder zusammenfassen. (Auch wenn der zitierte Titel von ihrer Kollegin Kristina Bach stammt). Seit den 1970er Jahren sprudeln aus ihr unaufhörlich Schlager- und volkstümliche Liedtexte wie aus einem artesischen Brunnen. An die 1000 Lieder sind es mittlerweile geworden. Kaum zu glauben: Mit 76 (!) Jahren schrieb sie gemeinsam mit Andrea Berg den Mega-Hit Du hast mich tausend mal belogen. Das war 2001. Heuer bekam sie den Deutschen Musikautorenpreis der GEMA in der Kategorie Schlager verliehen.

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Kurt Hertha im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Es ist wieder mal so weit. Der Mai ist gekommen. Da schlagen nicht nur (Vorsicht!) die Bäume aus, nein, da wagen auch scharenweise romantische Bräute den Gang zum Traualtar in Seide, Tüll und Spitze – ganz in weiß. So wie schon vor 51 Jahren von Roy Black besungen. Die Musik zu diesem Kassenschlager, der 2,5 Millionen Mal verkauft wurde, stammt von Rolf Arland, der Text von Kurt Hertha.

 

„ICH MÖCHT GERN AN BIERSEE…“

Kurt Hertha wurde am 2. Mai 1926 im oberfränkischen Gestungshausen bei Coburg geboren. Er trug zwar den Namen eines bekannten Hamburger Fußballvereins, zog aber die Musik dem Kicken vor. Hertha erlernte Violine und Klavier zu spielen und wurde im Zweiten Weltkrieg – gerade mal achtzehn Jahre alt – Funker, der an die 1000 Funksprüche absetzte und dazu noch ein paar freche Bemerkungen gegen das Nazi-Regime. Diese brachten ihm den Vorwurf der Wehrkraftzersetzung ein. Nur mit viel Glück entkam er einer Internierung in ein Straflager, weil er als frontnaher Unterhaltungsmusiker tätig war. Nach Ende des Krieges stand Herthas Berufsziel fest: IMM (Irgendwas mit Musik). Er spielte als Gitarrist bei den 3 Jools (mit Fritz Jool am Akkordeon und Richard Hacker am Kontrabass) und schrieb kabarettistische Texte für den Bayrischen Rundfunk, so auch das parodistische Lied Pack den Badenweiler aus.3 Jools Kurt Hertha
1955 komponierte und textete er die Lobeshymne auf den Gerstensaft Ich möcht’ gern an Biersee, die der bayrische Jodlerkönig Franzl Lang bekannt machte. Das Lied wurde die Nummer 1 auf dem Münchner Oktoberfest und sorgt auch 60 Jahre danach dort noch immer für ausgelassene Schunkellaune.

GANZ IN WEISS

Als Hertha feststellte, dass es mehr gute Komponisten als Textdichter gab, verlegte er sich ganz aufs Schreiben. Sein Durchbruch gelang ihm 1961 mit Tanze mit mir in den Morgen, mit dem sich Gerhard Wendlandt in die Herzen der Damenwelt sschmeichelte. Erfolg bedeutete damals – in Zahlen ausgedrückt – mehr als eine Million verkaufter Schallplatten. Von nun an hatte Kurtchen, wie ihn der Komponist Christian Bruhn nannte, viel zu tun. Mit ihm verband ihn nicht nur eine kongeniale Zusammenarbeit, sondern eine lebenslange Freundschaft, wie Bruhn in seinen Lebenserinnerungen Marmor, Stein und Liebeskummer erzählt. Neben Gerhard Wendlandt verfasste Hertha Texte für Petula Clark (Monsieur und Casanova Baciami), Ralph Bendix, Zarah Leander, das Medium Terzett sowie Gitte Haenning, die sich damals nur Gitte nannte, Bernd Spier und den singenden Eisschnellläufer Manfred Schnelldorfer. Für Franz Beckenbauer, damals noch 21 Jahre alt und Held der Fußball-WM in England, schrieb er Gute Freunde kann niemand trennen und für Gilbert Becaud die deutsche Fassung von Nathalie. Ganz in weiß1965 gelang Hertha mit einem Schmusesong der ganz große Coup. Und das zu seiner Zeit, wo die sogenannte Beatwelle rollte. Ein Schild im Schaufenster eines Brautmodensalons hatte ihn zu jenem Lied inspiriert, das Roy Black zum Star machte: Ganz in Weiß. 

Du KANNST NICHT IMMER SIEBZEHN SEIN

In den 1970ern legte Hertha noch einen Zahn zu und schrieb 33 Hits. Die Liste der Künstler ist lang und unvollständig und umfasst u. a. Bata Ilic, Christian Anders, Wencke Myhre, Nana Moskouri, Adamo, Katja Ebstein, Freddie Breck, Iwan Rebroff, Ireen Sheer und Jürgen Marcus. Für Chris Roberts schrieb er Du kannst nicht immer siebzehn sein und Die Maschen der Mädchen und für Freddy Quinn (damals Freddy) die deutschen Fassung des Hits der George Baker Selection Morning Sky. Der Versuch 1976 beim Eurovision Song Contest, der noch Grand Prix de la Chanson hieß, zu punkten, scheiterte. Der Sing Sang Song, interpretiert von den Les Humphries Singers, erreichte nur den 15. Platz.

Kurt Hertha, der sich auch hinter dem Pseudonym Felix Prost verbarg, war ein Vielschreiber. 1300 Titel sind es im Laufe seines Lebens geworden. Sogar Kurt Herthaein Weihnachtslied von Robert Stolz ist darunter. Er vertonte Herthas Gedicht Es blüht eine Rose zur Weihnachtszeit. 1998 holten Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe das Lied Halte fest den, der dich liebt aus der Versenkung, das im Original in den 1970er Jahren von Michael Holm gesungen wurde, der auch als Co-Autor fungierte. Das war eine der letzten Veröffentlichungen eines Textes von Kurt Hertha. Danach widmete sich das Ehrenmitglied der GEMA seiner großen Leidenschaft, der Astronomie. Die ging so weit, dass er sich auf das Dach seines Haus in Grünwald bei München eine Sternwarte bauen ließ. Der Glanz der Goldenen und Platin-Schallplatten war ihm offensichtlich nicht genug.

Kurt Hertha starb am 8. Juli 2007 im Alter von 81 Jahren. Er fand am Waldfriedhof in Grünwald die letzte Ruhestätte, dort wo auch Joachim und Thomas Fuchsberger sowie Max Greger begraben sind. Dem Abschied von dieser Welt sah der ambitionierte Sternengucker gelassen entgegen. Und kommt für mich die letzte Nacht, sind keine Tränen angebracht, weil meine Seele quietschvergnügt von einem Stern zum andern fliegt.

Neue CD von Sylvia – Die Unvollendete

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Sylvia - die Unvollendete
Sylvia – Die Unvollendete

Was kann einen himmelblauen Frühlingstag noch schöner machen? Ein Päckchen aus Berlin. Darin die neue CD der Musikkabarettistin und Chansonsängerin Sylvia – Die Unvollendete. Nach „Fang nichts mit deinem Pianisten an“ legt die ExCELLEntin (Jahrgang 2007) ihr 2. Album mit dem Titel „Egoisten müssen zusammenhalten“ vor.

Ist Ihnen dieses Phänomen vertraut? Sie lernen jemanden kennen und möchten gerne mehr über ihn erfahren. Gespannt werfen Sie die Suchmaschine Ihres Vertrauens an und stalken dem Objekt Ihrer Begierde virtuell hinterher. Sylvia tut es auch. „Ich hab dich gegoogelt heut Nacht“, gesteht sie mit leicht frivoler Stimme auf dem 1. Lied der CD, einem Lied, das man nicht mehr aus dem Ohr kriegt und das mit einer wunderbaren Pointe endet. Ein toller Einstieg! Dass die Chansons eine unerwartete Wendung nehmen, ist neben den witzigen, unverbrauchten und durchwegs perfekten (von wegen unvollendet!) Reimen eine Spezialität von Sylvia. Erstaunlich, was die Frau alles auf dem Kasten hat: Sie schreibt nicht nur die Texte, sondern auch die Melodien selbst, die – durchaus beabsichtigt – wie aus der Zeit gefallen klingen. Das macht eine ganze besondere reizvolle Mischung aus. Ihre musikalischen Vorbilder wie Friedrich Hollaender und Georg Kreisler sind unüberhörbar.

Der Bogen der Themen ist weit gespannt. Mal gibt sich Sylvia – Die Unvollendete mit entzückender Berliner Schnauze (n)ostalgisch („Wenn noch DDR wär“), mal nimmt sie den zeitgeistigen Lifestlye auf die Schippe („Nimm doch ’nen Nerd“, „Du bist fest und ich bin frei“ und „Wer kennt wen?“). „Das Bett von Jeannette“, in dessen Matratze noch Licht brennt (Was für eine köstliche Formulierung!) endet in einem Furioso. Regisseur und Chansonsänger Jo van Nelsen attestiert dem Lied absolute Kreisler-Qualitäten in Text und Melodie.

„Fang nichts mit deinem Pianisten an“, riet Sylvia – Die Unvollendete auf ihrer ersten CD. Nun hat sie es doch wieder getan. Der Mann am Klavier ist Peter André Rodekuhr, der auch zwei Duette mit der Chansonette singt. Egoisten müssen zusammenhalten. Zumindest für die Dauer von 14 Liedern. Die CD gibt es auf Amazon, I-Tunes und GooglePlay.

 

 

 

 

 

 

 

Kurt Robitschek im Porträt

Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Frühling in Wien – da kommt einem schlagartig ein Lied in den Sinn: Im Prater blüh’n wieder die Bäume… Dass Robert Stolz, damals noch am Anfang seiner großen Operettenkarriere, die Melodie zu diesem Jahrhundert-Hit geschrieben hat, ist hinlänglich bekannt. Dass der Text von Kurt Robitschek stammt, weiß heute keiner mehr. Zu unrecht, wie ich meine.

Foto Kurt Robitschek
Kurt Robitschek

IM PRATER BLÜH’N WIEDER DIE BÄUME

Kurt Robitschek wurde am 23. August 1890 in Prag als Sohn von Laura und Ludwig Robitschek, einem höheren jüdischen Bankangestellten, geboren. Dessen solide Berufspläne durchkreuzte der Sohn, als er mit 16 Jahren das Gymnasium abbrach und mit einem Wanderzirkus durch die Lande zog. In Wien arbeitete er als Journalist und Schriftsteller und entdeckte im Kabarett Simpl die Liebe zur Kleinkunst. 1910 schrieb Robitschek die erste Komödie, zwei Jahre später gemeinsam mit Otto Hein das erste Operettenlibretto. Komponist zu Du liebes Wien, so der Titel, war Robert Stolz. 1916 – mitten im Ersten Weltkrieg, wo Robitschek im Kriegseinsatz als Infanterist einen Bauchschuss erlitt – gelang ihm mit Stolz der walzerselige Jahrhundert-Hit Im Prater blüh’n wieder die Bäume. Alle sangen ihn und singen ihn noch heute: Richard Tauber, Fritz Wunderlich, Peter Alexander, Dagmar Koller und Eva Lind, um nur einige der Interpreten aufzuzählen. Stolz und Robitschek waren ein gutes Team: Mehr als 90 Lieder gehen auf ihr Konto. Robitschek BaumUnd noch heute freut sich nicht nur die Tourismusbranche über einen weiteren Welterfolg aus Robitscheks Feder(Youtube spuckt in 0,85 Sekunden mehr als 1,1 Mio. Einträge zum Thema aus!): Die Stadt meiner Träume, besser bekannt unter dem Titel Wien, Wien, nur du allein. Schon mit seinem Opus 1 landete Rudolf Sieczynski einen musikalischen Volltreffer, der in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

SEID LIEB UND NETT ZU UNS!

Anfang der Zwanziger Jahre ging Robitschek nach Berlin, trat in verschiedenen Cabarets als Conferencier auf und gründete 1924 gemeinsam mit den Schauspielern Paul Morgan, Max Hansen und Max Adalbert das Kabarett der Komiker, dessen Direktion er auch übernahm. Mit dem Satz Seid lieb und nett zu uns! begrüßte der Tausendsassa allabendlich die Gäste, trat dort als Conferencier auf und schrieb satirische Lieder und Texte zum aktuellen Zeitgeschehen. Das KadeKo wurde Anziehungspunkt für die berühmtesten Kabarettkünstler seiner Zeit. Äußerst beliebt war auch die Hauspostille „Die Frechheit“.

Als streitbar, immer innovativ und furchtlos beschreibt die Autorin Marie Theres Arnbom Robitschek in dem Buch War’n Sie schon mal in mich verliebt? Filmstars, Operettenlieblinge und Kabarettgrößen zwischen Wien und Berlin. Der Kabarettist, der nie ein Blatt vor den Mund nahm, erkannte schon früh die Gefahr, die durch den aufkeimenden Nationalsozialismus drohte, und brachte mit der Operettenparodie Quo vadis, die erste, beißende, ätzende, vielbeachtete und wenig befolgte Satire gegen Adolf Hitler, so O-Ton Robitschek, auf die Bühne. Quasi als Warnung. Bis 1932 stand Quo vadis immer wieder auf dem Programm. Was sich später als Verderbnis für die jüdischen Künstler herausstellte sollte.

AN DER SCHÖNEN ROTEN DONAU

1927 übersiedelte das Kabarett der Komiker auf den Kurfürstendamm. Die Spielstätte umfasste mehr als 800 Sitzplätze und war als erstes Rauchtheater die Attraktion in Berlin. Nach der NS-Machtübernahme musste das KadeKo 1933 zusperren. Robitschek flüchtete über Prag nach Wien, wo er in den Kammerspielen die Bühne des Lachens gründete. 1936 war aber auch ihm das Lachen gründlich vergangen, und er emigrierte mit seiner Frau, der Schauspielerin und Kabarettistin Ilse Bois, nach Amerika. In New York legte er seinen ursprünglichen Namen ab, nannte sich Ken Robey und fand eine geistige Heimat in den Kaffeehäusern und Restaurants, wo die Exil-Juden Kabarettabende veranstalteten.1941 gelang es ihm wieder das Kabarett der Komiker zum Leben zu erwecken, wo er Publikumslieblingen wie Karl Farkas, Hermann Leopoldi und Armin Berg eine Bühne bot.

„An der schönen roten Donau wohnt jetzt wiederum das Glück, und im Prater blüh’n die Bäume, sag’n S’ Herr Kohn, wann kommen S’ z’rück? An der schönen roten Donau herrscht jetzt wieder Glück und Scherz. Mir ham schließlich kan Charakter, doch wir ham a gold’nes Herz“, schrieb Kurt Robitschek pardon Ken Robey für Hermann Leopoldi im Exil. Er kehrte nie mehr nach Wien, das von den Russen besetzt war, zurück und starb am 16. Dezember 1950 in New York an Lungenkrebs.

Kaum zu glauben, dass Wien, die Stadt seiner Jugend, der er zwei der schönsten Lieder geschenkt hat, ihn zur Gänze vergessen hat.

Toni Hämmerle im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2016)

1963 – da war Thomas Gottschalk gerade den kurzen Hosen entwachsen – wurde im ZDF zum ersten Mal eine Fernsehsendung um eine Stunde überzogen. Für den medialen Aufreger sorgte ein Lied, das die Narren der Prunkkarnvealssitzung von Mainz wie es singt und lacht derart begeisterte, dass sie nicht mehr zu singen aufhören konnten: Das Humba Täterä. Das lag wohl am Refrain, der mit Da ruft der ganze Saal: Dasselbe noch einmal! nicht enden wollte. Geschaffen hat dieses musikalische Perpetuum mobile, bis heute der karnevalistische Brüller Nummer 1, der Komponist, Textdichter und Pianist Toni Hämmerle.

 

HIER AM RHEIN GEHT DIE SONNE NICHT UNTER

Anton Hämmerle, genannt Toni, wurde am 11. Dezember 1914 in Mainz geboren. Er spielte schon als Kind Mundharmonika, Akkordeon, Geige und Klavier. Nach dem Musikstudium am Peter-Cornelius-Konservatorium in Mainz arbeitete er als Musiklehrer. 1941 nahm sein Leben eine tragische Wende. Hämmerle, der schon als kleiner Junge an einer starken Sehschwäche litt, wurde gemeinsam mit seiner späteren Frau Christina bei einem Bomben-angriff verschüttet und verlor dabei zur Gänze sein Augenlicht. Zum Glück blieben ihm der Humor und die Lebensfreude erhalten. Toni war eben ein eschter Meenzer Bub!

Nach dem Krieg zog er mit seiner Frau nach Gießen und arbeitete an der Universität als Telefonist. Das war eine der wenigen Beschäftigungs-möglichkeiten, die es damals für blinde Menschen gab. Die Musik und der Karneval waren für Hämmerle, der rheinischen Frohnatur, Lebenselixier, und so engagierte er sich in der Gießener Fassenachts-Vereinigung, wo er mit seinem Chor „Die Hämmerles“ bei den Karnevals-sitzungen auftrat. Bald machte er sich als Komponist und Texter von Schlagern, vor allem Karnevalsschlagern von sich reden. 1952 begann seine Zusammenarbeit mit dem Mainzer Carneval Verein und dessen Star Ernst Neger, der sich als singender Dachdeckermeister mit Heile, heile, Gänsje in die Herzen der Deutschen eingeschlichen hatte. Für ihn schrieb er Hier am Rhein geht die Sonne nicht unter und Wir haben immer noch Durst.

HUMBA TÄTERÄ Toni Hämmerle, Margit Sponheimer, Ernst Neger

1963 landete Hämmerle mit Humba Täterä seinen größten Erfolg. Das Lied platzierte sich unter den Top 20 und brachte dem Mann am Klavier einen unerwarteten Tantiemenregen. Die Bild-Zeitung verstieg sich zu folgender kühnen Behauptung: In Afrika hatten deutsche Entwicklungshelfer Mühe, Eingeborene zu überzeugen, dass Humba Täterä nicht die deutsche Nationalhymne ist.

Ausgerechnet der Kölner Lukas Podolski ist dafür verantwortlich, dass das Meenzer Liedsche zum Fußball-Schlachtgesang wurde, als er es bei der EM 2008 nach dem Sieg gegen Portugal vor laufenden Kameras sang. Gib mir ein H, gib mir ein U, gib mir ein M… schallt es seither durch die deutschen Stadien. Tim Toupet, der singende Friseur aus Kölle, hatte Humba Täterä gemeinsam mit DJ Padre zwei Jahre zuvor entstaubt und in aufgemotzter Woodstock-Version zum Partykracher gemacht. Noch ein Kuriosum am Rande: Auch Michael Kunze ließ sich von dem unverwüstlichen Ohrwurm inspirieren und verfasste 1995 gemeinsam mit Udo Jürgens ein Lied mit dem Titel Humtata und Tätärä.(Kein Faschingsscherz!)

GELL, DU HAST MICH GELLE GERN

Zurück zu Toni Hämmerle: Für Margret Sponheimer schrieb er Gell, du hast mich gelle gern, die damit ihre Karriere beim Mainzer Carneval Verein startete. Die Single verkaufte sich über eine Million Mal. Für Heinz Schenk, der mit der Fernsehsendung „Der blaue Bock“ berühmt wurde, verfasste er Hätt’ der Adam aus dem Apfel Äppelwoi gemacht. Hämmerle war ein Garant für Stimmung und gute Laune. Das wussten auch Camillo Felgen, Ralf Bendix und Paul Kuhn zu schätzen. Seine besinnlichen Balladen fanden weniger Anklang.

AVE MARIA

Eine seiner letzten Kompositionen, ein Ave Maria, wurde erst bei seiner Beerdigung auf dem Neuen Friedhof in Gießen uraufgeführt. Toni Hämmerle war am 8. Dezember 1968 im 54. Lebensjahr gestorben. An ihn erinnern die nach ihm benannte Pony-Station, Hilfswerk für behinderte Kinder e.V., im westfälischen Ahlen, in der hauptsächlich blinde Kinder betreut und gefördert werden, und eine Bronze-Büste des Künstlers Alf Becker vor seinem ehemaligen Wohnhaus in Gießen, die anlässlich seines 100. Geburtstags aufgestellt wurde.

Garantiert unvergessen bleibt sein Humba Täterä, das auch in diesem Jahr alle Jecken und Karnevalisten durch die närrische Zeit begleiten wird. Ja, da geht’s Humba, humba, humba, täterä, täterä, täterä… Wenn ich nur aufhören könnt’! 😉

 

O Tannenbaum! Ernst Anschütz im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Alle Jahre wieder die gleiche Diskussion: Hat der Tannenbaum nun treue Blätter, oder doch grüne? Und warum eigentlich Blätter? Schließlich gehören doch die Tannen zu den Nadelbäumen…

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Ernst Anschütz

All diese kniffeligen Fragen verdanken wir Ernst Anschütz, der uns vor knapp zweihundert Jahren das Lied O Tannenbaum zum Weihnachtsgeschenk gemacht hat.

FUCHS, DU HAST DIE GANS GESTOHLEN

Ernst Gebhard Salomon Anschütz wurde 1780 in Goldlauter in Thüringen als evangelischer Pfarrerssohn geboren. Er besuchte das Gymnasium und studierte in Leipzig Theologie und Philosophie und nahm bereits 1799 in Leipzig seine erste Stelle als Lehrer an der Wendlerschen Freischule, einer Armenschule, an. Anschütz spielte ausgezeichnet Klavier, Orgel, Violine und Klarinette und nahm großen Anteil am musikalischen Leben in Leipzig. Als Mitglied einer Freimaurerloge blieben ihm alle Kirchenämter und ein Posten als Schuldirektor verwehrt und er hatte große Schwierigkeiten, für den Lebensunterhalt seiner Frau Amalie und seiner sieben Kinder zu sorgen. Fünzig Jahre lang arbeitete er als Lehrer und Organist und gab auch privaten Musikunterricht. Anschütz’ große Leidenschaft galt neben dem Schachspiel dem Sammeln von Volks- und Kinderliedern. Er verfasste selbst Texte und Melodien wie Fuchs, du hast die Gans gestohlen, schrieb aber auch viele bereits bestehende Lieder kindgerecht um.

O MÄGDELEIN, WIE FALSCH IST DEIN GEMÜTE

Auch heute gehören Lieder wie Es klappert die Mühle am rauschenden Bach oder Wenn ich ein Vöglein wär’ zum Standardprogramm der Kindergartenkinder (oder zumindest deren sangesfreudigen Großeltern. Für Ein Männlein steht im Walde (Text: Hoffmann von Fallersleben) und für Alle Jahre wieder (Text: Wilhelm Hey) schrieb Anschütz die Melodie. Auch diese Lieder sind in dem dreibändigen Musikalischen Schulgesangsbuch, das er im Verlag seines Freundes Anton Philipp Reclam herausbrachte und ihn zu einem der Väter des Schulsingens in Deutschland machte, enthalten. Er verzichtete weitgehend auf das Honorar, um den Eltern den Kauf des Buches zu ermöglichen. Ob auch Alle meine Entchen von Anschütz stammt, ist nicht hundertprozentig belegbar. 1824 fiel ihm ein Lied des Pädagogen, Predigers und Volksliedsammlers August Zarnack (1777 – 1827) in die Hände, in dem sich unter dem Titel O Tannenbaum ein enttäuschter Liebhaber über seine untreue Geliebte beklagte und dabei den Vergleich zum weitaus beständigeren Nadelbaum heranzog. Und das auf die leicht variierte Melodie einer alten Volksweise aus dem 16. Jahrhundert. Dieses Lied, in dessen zweiter Strophe O Mägdelein, o Mägdelein, wie falsch ist dein Gemüte gesungen wird, ist heute noch im Allgemeinen Deutschen Kommersbuch zu finden.

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O TANNENBAUM, WIE TREU SIND DEINE BLÄTTER

O TANNENBAUM, WIE TREU SIND DEINE BLÄTTER

Anschütz machte es zum Weihnachtslied, in dem er die erste Strophe beibehielt und die folgenden zwei umschrieb. Das Aufstellen von Tannen als Weihnachtsbäume war inzwischen ein landesweiter Brauch geworden. Die zweite Zeile des Liedes hieß ursprünglich Wie treu sind deine Blätter. Auch in Anschütz’ Version blieb das zuerst unverändert, jedoch wurde der Text Wie grün sind deine Blätter im 20. Jahrhundert besser bekannt. „Eine in diesem Ausmaß beispiellose Huldigung einer Baumgattung: Inbegriff der Treue und unverwüstlich in der Farbe. Zu Weihnachten hätten alle ihre helle Freude an ihr“, schreibt der Autor Daniel Glattauer in seinem satirischen Büchlein „Der Karpfenstreit – Die schönsten Weihnachtskrisen“. Er kennt vermutlich Robert Gernhardts Geschichte „Erna, der Baum nadelt!“ nicht. Die Einfachheit der Melodie und die Bekanntheit des Liedes reizte auch außerhalb der Weihnachtssaison zum Umdichten. So gab es nach der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. 1918 die Zeilen wie O Tannenbaum … der Kaiser hat in’ Sack gehaun, er kauft sich einen Henkelmann und fängt bei Krupp in Essen an. Und unzählige Versionen wie O Tannenbaum, der Lehrer hat mich blau gehaun, O Tannenbaum, die Oma sitzt im Kofferraum oder O Gaslatern’, wie haben dich die Hunde gern kursieren seit Generationen viel belacht auf den Schulhöfen.

MARYLAND, MY MARYLAND

O Tannenbaum wurde in der Originalfassung auch in vielen anderen Sprachen übersetzt und kaum ein Sänger, eine Sängerin oder ein Kinderchor, der Weihnachtslieder im Programm hat – von Placido Domingo, Andrea Bocelli, Nana Mouskouri und Helene Fischer bis zu den Wiener Sängerknaben (die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen) – kommen um den kassenklingenden Hit herum. Die Melodie wird aber auch weltweit zweckentfremdet. Chinesen singen sie als Schulhymne, die Bewohner des US-Staates Maryland als Landeshymne, und die Fans des englischen Fußballvereins FC Chelsia brüllen We’ll keep the blue Flag flying high durchs Stadion.

Was wohl der Schöpfer des unsterblichen Weihnachtsliedes, der am 18. Dezember 1861 in ärmlichen Verhältnissen in Leipzig starb, dazu gesagt hätte? Die Grabstätte auf dem Neuen Johannisfriedhof wurde mittlerweile aufgelassen. In seinem Geburtsort Goldlauter erinnert eine Straße und ein bescheidener Gedenkstein am alten Pfarrhaus an ihn. Und all die ungezählten Tannen im nahen Thüringer Wald mit ihren treuen (Biologielehrer bitte weghören!) Blättern.

Eckart Hachfeld im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Vierzig Jahre sind es her, dass Mathilde, Ottilie, Marie und Liane, das Damenkränzchen in der Konditorei ums Eck, das erste Mal zum Sturm auf das Kuchenbuffet bliesen. Udo Jürgens hat ihren genüsslichen Schlachtruf Aber bitte mit Sahne! unvergessen gemacht. In den Mund gelegt wurde ihm dieser von dem satirischen Multitalent Eckart Hachfeld. – Ein Porträt mit Sahnehäubchen.
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VOM OFFIZIER ZUM SATIRIKER
Eckart Hachfeld wurde am 9. Oktober 1910 als Sohn eines Offiziers in Lothringen, das damals zu Deutschland gehörte, geboren. Er besuchte das Gymnasium in Mannheim und studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg, Leipzig und Kiel. Nach der Promotion 1935 arbeitete der Jurist u. a. als Anzeigen- und Werbeleiter und war im Zweiten Weltkrieg als Offizier im Einsatz. Er kam in englische Kriegsgefangenschaft, wo er – man glaubt es kaum – sein humoristisches Talent entdeckte und eine Kabarett-Truppe namens Waschbrettl um sich scharte. 1946 ließ sich Hachfeld mit seiner Frau Erika Levin und seinen drei Söhnen Eckart, Rainer und Tilman in Hamburg nieder und startete als Kabarett-Texter durch. Er schrieb für die Bonbonniere in Hamburg, die Mausefalle in Stuttgart sowie die Stachelschweine in Berlin, wurde Hausautor im Düsseldorfer Kom(m)ödchen und machte Wolfgang Neuss zum ,Mann an der Pauke’. Hachfeld galt als kreativster Satiriker des Wirtschaftswunders. Sammy Drechsel von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft bezeichnete ihn als Kaiser unter den Kabarett-Textern. Auch viele Sendungen in Radio und Fernsehen trugen seinen satirischen Stempel.
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AMADEUS GEHT DURCHS LAND
Ein neues Kapitel schlug der vielseitige Texter, der nach Berlin übersiedelt war, 1951 auf, als er für Die Welt eine gereimte wöchentliche Zeitsatire mit dem Titel Amadeus geht durchs Land verfasste. Sein Wechsel zum Stern zehn Jahre später hatte einen unerfreulichen Rechtsstreit zur Folge, den der Autor aber gewann. Bis 1990 nahm Amadeus Woche für Woche seine Landsleute aufs Korn. An die 2000 Glossen sind es geworden. Sie erschienen auch in Buchform, ebenso wie eine Neufassung des Struwwelpeters. Sohn Rainer, der als Karikaturist arbeitete, steuerte die Zeichnungen bei. Auch als Drehbuchautor machte sich Hachfeld einen Namen. Die Liste der Filme ist lang. Unvergessen sind Der Pauker (1959, mit Heinz Rühmann), Was eine Frau im Frühling träumt (1959, mit Winnie Markus), Ich zähle täglich meine Sorgen (1960, mit Peter Alexander), Der letzte Fußgänger (1960, mit Heinz Erhardt) Kohlhiesls Töchter (1962, mit Lieselotte Pulver) und Was ist denn bloß mit Willi los? (1970, mit Heinz Erhardt). Noch heute tauchen die einstigen Kassenschlager im Samstagsnachmittagsprogramm im Fernsehen auf.
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ABER BITTE MIT SAHNE
Am meisten im Gedächtnis geblieben sind aber Hachfelds Schlagertexte. 1970 kontaktierte Udo Jürgens’ Manager Hans R. Beierlein den Autor auf der Suche nach gesellschaftskritischen Liedern. Lieb Vaterland war ein Wagnis, das zahlreiche Diskussionen auslöste. Soviel Provokation wollten die meisten Udo-Fans dann doch nicht hören und auch die Radiostationen wie Radio Luxemburg nicht, die das Lied boykottierten. Versöhnlicher stimmte das Lied Zeig mir den Platz an der Sonne, das Udo Jürgens im August 1971 im Berliner Olympiastadion vor 75.000 Zuhörern als Hymne der Deutschen Fernsehlotterie präsentierte. Den Vogel schoss Hachfeld eindeutig mit Aber bitte mit Sahne ab. Das Lied erschien 1976, wurde 1977 in den Diskotheken zum Superhit und ist heute noch ein unverwüstlicher Oldie. Insgesamt 18 Lieder schrieb Hachfeld für Udo Jürgens. Französisch singende Stars wie Dalida (Er war gerade achtzehn Jahr), Adamo, Gilbert Becaud und Charles Aznavour belieferte er mit deutschen Texten. Auch die Übersetzung von Stephen Sondheims Song Send In The Clowns aus dem Musical A Little Night Music (Wo sind die Clowns) stammt aus seiner Feder.

AUF DEM WALK OF FAME

Eckart Hachfeld drängte sich nie ins Rampenlicht. „Mein Vater verstand sich als Handwerker, nie als Künstler“, sagte sein Sohn Tilman, ein Theologe, in einem Interview. Und sein Sohn Eckart, der Gründer des Berliner Gripstheaters, der den Künstlernamen Volker Ludwig trägt, meinte: „Jeder deutsche Fernsehzuschauer und Rundfunkhörer kennt Texte von ihm, auch wenn er in der Regel nicht weiß, wie der Autor heißt“.

Der Ruhm war bereits verblasst, als der „Text-Kaiser“ am 5. November 1994, wenige Wochen nach seinem 84. Geburtstag, nach einem Herzinfarkt starb. Die Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze, behauptete Schiller. Dem Textdichter auch nicht, füge ich hinzu. Für Satiriker jedoch fällt manchmal ein Stern ab. So auch für Eckart Hachfeld. Ein Stern auf dem Walk of Fame des Kabaretts in Mainz trägt seinen Namen.

Ein Prosit der Gemütlichkeit – Bernhard Dietrich im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)
„Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit, ein Prosit, ein Pro-o-sit der Gemütlichkeit…“ Das ist der Allzeit-Wiesn-Hit schlechthin. An die neun Millionen Menschen besuchen jährlich das Münchner Oktoberfest, das größte Bierfest der Welt, kurz Wiesn genannt. ein-Prosit-der-GemuetlichkeitWer jemals dort in einem Bierzelt auf den Bänken tanzte, der weiß: An diesem Lied kommt keiner vorbei. Auch wenn die Bayern das gar nicht gerne hören: Das Loblied auf die Gemütlichkeit schrieb ein Sachse, Bernhard Dietrich aus Chemnitz.
OANS, ZWOA, DREI, GSUFFA
Du lieber Herr Gesangsverein! Es muss wohl Ende des 19. Jahrhunderts gewesen sein, dass Bernhard Dietrich diese epochalen Zeilen für seine Sangesbrüder verfasste. Viel ist nicht aus seinem Leben bekannt. Er war von 1860 bis 1896 Mitglied des Jakobs-Kirchenchores in Chemnitz, sang bei einem nach ihm bekannten Doppelquartett und betätigte sich, wie aus dem Chemnitzer Stadtarchiv hervorgeht, neben seiner Arbeit als Prokurist als Komponist. Seine Hymne auf die Gemütlichkeit fand bei den Männerchören Gefallen und wurde in alle Richtungen getragen, so auch nach München auf das Oktoberfest. Dort wurde es mit einem Schlachtruf „Oans, zwoa, drei, gsuffa!“ von den Bayern ergänzt. Die Idee dazu dürfte aus dem nicht minder berühmten Lied „In München steht ein Hofbräuhaus“ stammen, das von Wilhelm „Wiga“ Gabriel (Musik) und Klaus Siegfried Richter (Text) verfasst wurde. Heute werden mit jedem Prosit, das vom jeweiligen Kapellmeister mit einem „Die Krüge hoch, die Krüge hoch!“ eingeleitet wird, die Bierzeltbesucher zum Griff zum Maßkrug ermuntert. Und diese kommen der Aufforderung gerne nach. Bis 3000 (!) Euro sollen dabei in die Kasse des Wiesn-Wirts gespült werden, geht das Gerücht. Was die Wiesn-Wirte allerdings heftigst dementieren.

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Foto: Die Krüge hoch! ©Exithamster

DIE KRÜGE HOCH, DIE KRÜGE HOCH!
Der Komponist Bernhard Dietrich hingegen ging leer aus. Er konnte den Siegeszug seines Liedes nicht mehr erleben und starb 1902. Seine Sangesbrüder attestierten ihm in der Traueranzeige edle, unvergessliche Charaktereigenschaften. „In seinen köstlichen Liedergaben wird sein Andenken bei uns stets fortleben.“ Dass zumindest eine dieser musikalischen Köstlichkeiten unsterblich wurde, dafür sorgte Georg Lang, ein fränkischer Gastwirt. Er revolutionierte das Münchner Oktoberfest, in dem er – durch einen geschickten Schachzug – fünf Buden anmietete und mit Planen überdachte. So entstand das erste Bierzelt. Und weil es in den Zelten immer so laut herging und die Musikkapelle kaum zu hören war, teilte man beim Eingang Liedtexte aus, damit die Besucher mitsingen konnten.

SÜSSER DIE TANTIEMEN NIE KLINGEN…
Lauthals im Bierzelt zu mitzusingen, dieser Brauch hat sich bis in unsere Tage erhalten. bildAber was macht einen heutigen Wiesn-Hit aus? „Die Melodie muss ins Ohr gehen und der Text darf nicht zu kompliziert sein. Zumindest der Refrain muss von allen mitgegrölt werden können. Oder wenigstens eine Zeile“, sagt Walter Bankhammer, der Kapellmeister der Niederalmer. Und der muss es ja wissen, schließlich spielt seit 20 Jahren mit seiner Showband im Schützen-Festzelt auf. Sein Tipp für den Wiesn-Hit 2016? „Lulapalu“ von Andreas Gabalier oder „Ham kummst“ von Seiler und Speer. Die drei Herren dürfen sich – gemäß dem Motto: Süßer die Tantiemen nie klingen… schon jetzt die Hände reiben.

 

 

Robert Gilbert im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Am Sonntag will mein Süßer...Sommer, Sonne, dazu eine frische Brise – idealer können die Voraussetzungen für ein gelungenes Wochenende nicht sein. Denn: Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n… Ein klassischer Ohrwurm! 1929 erklang der Schlager zum ersten Mal und wurde 32 Jahre später für den gleichnamigen Film wieder aus der Versenkung geholt. Dany Mann And The Old Merry Tale Jazzband landeten damit den Sommerhit 1961. Wenke Myrrhe verhalf dem unverwüstlichen Gute-Laune-Lied Ende der 1960er Jahre zu erneuter Popularität. Aber wer hat es geschrieben? Von Anton Profes stammt die Melodie, von Robert Gilbert der Text. Robääär Gilbääär? Nie gehört? Dann unbedingt weiterlesen!
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KATHRIN, DU HAST DIE SCHÖNSTEN BEINE VON BERLIN

Robert Gilbert wurde am 29. September 1899 als Robert David Winterfeld in Berlin geboren. Da war sein Vater Max Winterfeld gerade 20 Jahre alt und schlug sich als Kapellmeister und Komponist durch, ehe er sich den Künstlernamen Jean Gilbert zulegte und mit der Operette Die keusche Susanne und dem Ohrwurm Puppchen, du bist mein Augenstern den Durchbruch schaffte. Weil sein Vater immer auf Achse war, besuchte Robert zwangsläufig an die 30 Schulen. 1918 wurde er in den Krieg eingezogen, wo der Spartakusbund, einer Vereinigung marxistischer Sozialisten, sein politisches Bewusstsein weckte. Nach Kriegsende studierte er Philosophie und Kunstgeschichte, ging für mehr soziale Gerechtigkeit auf die Straße und opponierte vorerst gegen seinen zu Reichtum gekommenen Vater. Da er aber heiraten wollte und Geld verdienen musste, machte der Junior eine Kehrtwendung, nahm er Künstlernamen seines Vaters an und verfasste mit ihm Texte für Revuen und Operetten. „Von Schopenhauer zum Gassenhauer“ notierte er Jahre später in seinem „beiläufigen Lebenslauf“. Den ersten Schlager, komponiert von Fritz Löwe (später Frederick Loewe), widmete er seiner Frau: Kathrin, du hast die schönsten Beine von Berlin. Kathrin nannte er die Angebetete nur um um des Reimes Willen, in Wirklichkeit hieß sie Elisabeth, genannt Elke.

Robert Gilbert (rechts im Bild) und Werner Richard Heymann mit der Sängerin Elisabeth von Lüdinghausen.

EIN FREUND, EIN GUTER FREUND

Robert Gilbert arbeitete mit den besten Komponisten seiner Zeit zusammen: Nico Dostal, Friedrich Hollaender, Oscar Straus und Ralph Benatzky. In der Operette Im Weißen Rössl (Uraufführung:1930)fragte er: Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist? und verhalf mit Liedern wie Im Salzkammergut, da kamma gut lustig sein und Im Weißen Rössl am Wolfgangsee einer ganzen Region zur unbezahlten Fremdenverkehrswerbung, die heute noch Früchte trägt.Danach entdeckte ihn der neue Tonfilm.
Mit dem Komponisten Werner Richard Heymann schuf er unvergessliche Evergreens: Ein Freund, ein guter Freund und Liebling, mein Herz läßt dich grüßen (aus: Die Drei von der Tankstelle, 1930), Das gibt’s nur einmal (aus: Der Kongreß tanzt, 1931) und Das ist die Liebe der Matrosen (aus: Bomben auf Monte Carlo, 1931). In über 100 Filmen sangen Stars wie Lilian Harvey, Willy Fritsch, Zarah Leander, Heinz Rühmann und Willi Forst Gilberts Texte.

Das Lied Irgendwo auf der Welt, das Lilian Harvey in dem Film Ein blonder Traum (1932) sang, wurde durch die Comedian Harmonists zum Hit und 1997 Titelsong der von Josef Vilsmaier verfilmten Biographie der ersten Boygroup der Welt. Werner Richard Heymann hatte nicht nur die Melodie geschrieben, sondern auch den Refrain. Seine Tochter Elisabeth Trautwein-Heymann vertraute mir an: „Es war das Hoffnungslied meines Vaters. Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück, und ich träum davon in jedem Augenblick… Ich habe Robert Gilbert als Kind fast täglich bei uns erlebt. Er und mein Vater arbeiteten quasi bis zu dessen Lebensende eng zusammen. Er war ein Genie des Wortes. Wenn zwei Genii sich finden und lieb haben, dann entsteht Ewiges.“

DA WÄR’S HALT GUT, WENN MAN ENGLISCH KÖNNT

Robert Gilbert war ein Zerrissener: Er widmete sich nicht nur der Tantiemen bringenden leichten Muse, er schuf mit Hanns Eisler gesellschaftskritische Lieder wie Das Stempellied, das, vorgetragen von Ernst Busch, zu einem klassischen Arbeiterkampflied wurde. „Ein deutsches Schicksal – zwischen Kunst und Kommerz“, befand der Feuilletonist Maurus Pacher. „Hier brillante Agitation, da die unvergesslichen Schlagertexte für Millionen. Ein Schuss Schizophrenie war sicher dabei.“ Auf Grund seiner politischen Einstellung und seiner jüdischen Herkunft sah Gilbert sich gezwungen, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 mit Frau und Tochter nach Österreich zu fliehen und fünf Jahre später nach Amerika zu emigrieren. Seine europäische Prominenz nützte ihm dort nicht viel. Er schrieb für das New Yorker Exilkabarett und räsonierte: „Da wär’s halt gut, wenn man Englisch könnt!“ Was für ein Glück es war, dass Gilbert es doch erlernte, sollte sich Jahre später herausstellen.

ES GRÜNT SO GRÜN, WENN SPANIENS BLÜTEN BLÜHEN

Nach elf Hungerjahren kehrte Robert Gilbert, der die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, nach Europa zurück und trennte sich von seiner Frau Elke. Mit seiner zweiten Frau Gisela und Sohn Stephan lebte er in München und später in der Schweiz und startete eine sensationelle Karriere als Übersetzer, die er Frederic Loewe alias Fritz Löwe, seinem alten Freund aus frühen Berliner Tagen, und der mittlerweile perfekten Beherrschung des amerikanischen Idioms zu verdanken hatte. Dem ersten Geniestreich, der Übertragung des Musicals My Fair Lady ins Deutsche und ins Berlinerische, folgten 22 weitere Übersetzungen, darunter Annie get your gun, Hello Dolly, Can Can, Oklahoma und Der Mann von La Mancha.

Gilbert war eine echte Berliner Schnauze. „Meckern ist wichtig, nett sein kann jeder“, behauptete er und machte die Lebensphilosophie zum Titel eines seiner Gedichtbände. „Erwarte mir als Verfasser der Liedtexte zum Weißen Rössl mindestens ein Denkmal. Aus Zwetschgenknödeln“, meinte er schnoddrig. Dieser Wunsch ging ebenso wenig in Erfüllung wie der, nicht vor dem Jahr 2001 endgültig Gute Nacht zu sagen. „Denn dann hätte ich in drei Jahrhunderten gelebt. Was gar nicht so einfach ist.“ Gilbert, den Maurus Pacher als unglaublich Vielseitigen, wahrhaft Gespaltenen und in Anspielung an Die Drei von der Tankstelle als ebenso wahrhaft „Guten Freund“ bezeichnete, starb am 20. März 1978 zurückgezogen in Locarno in der Schweiz – 23 Jahre vor seinem Wunschtermin.

Eine melancholische Lebensbilanz zog er schon lange vor seinem Tod.

Einen Grashalm besingen
Möchte ich.
Einen Freund trösten
Wollte ich.
Einen Feind versöhnen
Will ich.
Was wird aus dem, was ich will?
Der Freund ist untröstlich.
Der Feind unversöhnlich.
Und die Grashalme mahnen mich:
Sei still!

 

Literarisches PS: Wissenschaftlich mit dem Leben von Robert Gilbert befasst hat sich der Journalist Christian Walther. Die 435-seitige Dissertation ist 2016 im Verlag Peter Lang erschienen und kostet stolze 84,50 Euro. Marianne Gilbert Finnegan, die halbjüdische Tochter aus erster Ehe, schrieb unter dem Titel „Memories of a Mischling“ (deutscher Titel: Das gab’s nur einmal – Verloren zwischen Berlin und New York)“ ihre Lebenserinnerungen. Erschienen 2009 bei Diogenes.