Irma Holder im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Irma Holder
Irma Holder, (Bild: GEMA)

Das ist das 25. Porträt der Reihe „Wer schreib denn eigentlich…?“. Höchste Zeit, eine erfolgreiche Textdichterin vorzustellen! Eine, die in dieser von Männern dominierten Branche seit 46 Jahren den Herren der Schöpfung zeigt, wie’s geht: Irma Holder.

Ein Leben wie ein Schlagertext: Du bist ein Phänomen! So lässt sich die Biographie von Irma Holder zusammenfassen. (Auch wenn der zitierte Titel von ihrer Kollegin Kristina Bach stammt). Seit den 1970er Jahren sprudeln aus ihr unaufhörlich Schlager- und volkstümliche Liedtexte wie aus einem artesischen Brunnen. An die 1000 Lieder sind es mittlerweile geworden. Kaum zu glauben: Mit 76 (!) Jahren schrieb sie gemeinsam mit Andrea Berg den Mega-Hit Du hast mich tausend mal belogen. Das war 2001. Heuer bekam sie den Deutschen Musikautorenpreis der GEMA in der Kategorie Schlager verliehen.

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Kurt Hertha im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Es ist wieder mal so weit. Der Mai ist gekommen. Da schlagen nicht nur (Vorsicht!) die Bäume aus, nein, da wagen auch scharenweise romantische Bräute den Gang zum Traualtar in Seide, Tüll und Spitze – ganz in weiß. So wie schon vor 51 Jahren von Roy Black besungen. Die Musik zu diesem Kassenschlager, der 2,5 Millionen Mal verkauft wurde, stammt von Rolf Arland, der Text von Kurt Hertha.

 

„ICH MÖCHT GERN AN BIERSEE…“

Kurt Hertha wurde am 2. Mai 1926 im oberfränkischen Gestungshausen bei Coburg geboren. Er trug zwar den Namen eines bekannten Hamburger Fußballvereins, zog aber die Musik dem Kicken vor. Hertha erlernte Violine und Klavier zu spielen und wurde im Zweiten Weltkrieg – gerade mal achtzehn Jahre alt – Funker, der an die 1000 Funksprüche absetzte und dazu noch ein paar freche Bemerkungen gegen das Nazi-Regime. Diese brachten ihm den Vorwurf der Wehrkraftzersetzung ein. Nur mit viel Glück entkam er einer Internierung in ein Straflager, weil er als frontnaher Unterhaltungsmusiker tätig war. Nach Ende des Krieges stand Herthas Berufsziel fest: IMM (Irgendwas mit Musik). Er spielte als Gitarrist bei den 3 Jools (mit Fritz Jool am Akkordeon und Richard Hacker am Kontrabass) und schrieb kabarettistische Texte für den Bayrischen Rundfunk, so auch das parodistische Lied Pack den Badenweiler aus.3 Jools Kurt Hertha
1955 komponierte und textete er die Lobeshymne auf den Gerstensaft Ich möcht’ gern an Biersee, die der bayrische Jodlerkönig Franzl Lang bekannt machte. Das Lied wurde die Nummer 1 auf dem Münchner Oktoberfest und sorgt auch 60 Jahre danach dort noch immer für ausgelassene Schunkellaune.

GANZ IN WEISS

Als Hertha feststellte, dass es mehr gute Komponisten als Textdichter gab, verlegte er sich ganz aufs Schreiben. Sein Durchbruch gelang ihm 1961 mit Tanze mit mir in den Morgen, mit dem sich Gerhard Wendlandt in die Herzen der Damenwelt sschmeichelte. Erfolg bedeutete damals – in Zahlen ausgedrückt – mehr als eine Million verkaufter Schallplatten. Von nun an hatte Kurtchen, wie ihn der Komponist Christian Bruhn nannte, viel zu tun. Mit ihm verband ihn nicht nur eine kongeniale Zusammenarbeit, sondern eine lebenslange Freundschaft, wie Bruhn in seinen Lebenserinnerungen Marmor, Stein und Liebeskummer erzählt. Neben Gerhard Wendlandt verfasste Hertha Texte für Petula Clark (Monsieur und Casanova Baciami), Ralph Bendix, Zarah Leander, das Medium Terzett sowie Gitte Haenning, die sich damals nur Gitte nannte, Bernd Spier und den singenden Eisschnellläufer Manfred Schnelldorfer. Für Franz Beckenbauer, damals noch 21 Jahre alt und Held der Fußball-WM in England, schrieb er Gute Freunde kann niemand trennen und für Gilbert Becaud die deutsche Fassung von Nathalie. Ganz in weiß1965 gelang Hertha mit einem Schmusesong der ganz große Coup. Und das zu seiner Zeit, wo die sogenannte Beatwelle rollte. Ein Schild im Schaufenster eines Brautmodensalons hatte ihn zu jenem Lied inspiriert, das Roy Black zum Star machte: Ganz in Weiß. 

Du KANNST NICHT IMMER SIEBZEHN SEIN

In den 1970ern legte Hertha noch einen Zahn zu und schrieb 33 Hits. Die Liste der Künstler ist lang und unvollständig und umfasst u. a. Bata Ilic, Christian Anders, Wencke Myhre, Nana Moskouri, Adamo, Katja Ebstein, Freddie Breck, Iwan Rebroff, Ireen Sheer und Jürgen Marcus. Für Chris Roberts schrieb er Du kannst nicht immer siebzehn sein und Die Maschen der Mädchen und für Freddy Quinn (damals Freddy) die deutschen Fassung des Hits der George Baker Selection Morning Sky. Der Versuch 1976 beim Eurovision Song Contest, der noch Grand Prix de la Chanson hieß, zu punkten, scheiterte. Der Sing Sang Song, interpretiert von den Les Humphries Singers, erreichte nur den 15. Platz.

Kurt Hertha, der sich auch hinter dem Pseudonym Felix Prost verbarg, war ein Vielschreiber. 1300 Titel sind es im Laufe seines Lebens geworden. Sogar Kurt Herthaein Weihnachtslied von Robert Stolz ist darunter. Er vertonte Herthas Gedicht Es blüht eine Rose zur Weihnachtszeit. 1998 holten Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe das Lied Halte fest den, der dich liebt aus der Versenkung, das im Original in den 1970er Jahren von Michael Holm gesungen wurde, der auch als Co-Autor fungierte. Das war eine der letzten Veröffentlichungen eines Textes von Kurt Hertha. Danach widmete sich das Ehrenmitglied der GEMA seiner großen Leidenschaft, der Astronomie. Die ging so weit, dass er sich auf das Dach seines Haus in Grünwald bei München eine Sternwarte bauen ließ. Der Glanz der Goldenen und Platin-Schallplatten war ihm offensichtlich nicht genug.

Kurt Hertha starb am 8. Juli 2007 im Alter von 81 Jahren. Er fand am Waldfriedhof in Grünwald die letzte Ruhestätte, dort wo auch Joachim und Thomas Fuchsberger sowie Max Greger begraben sind. Dem Abschied von dieser Welt sah der ambitionierte Sternengucker gelassen entgegen. Und kommt für mich die letzte Nacht, sind keine Tränen angebracht, weil meine Seele quietschvergnügt von einem Stern zum andern fliegt.

Stephan ULLMANN mit seinem ersten Soloalbum ALLES ANDERS – und ein exCELLEnter Kollege

Nicht nur ein excellenter Kollege – aber einer der vielen ist einer von uns. Erdmann Lange (Celler Schule 2014) hat ganz entscheidend an diesem Album mitgewirkt.
Also der Reihe nach:

Stephan Ullmann ist vor allem in der Musikszene des Rhein-Neckar-Raums, aber auch darüber hinaus seit Jahren eine feste Grüße – allerdings meist in der zweiten Reihe oder als Side-Kick für andere: Er war Gitarrist für Acts wie Anne Haigis, Julia Neigel oder Xavier Naidoo, hat für Herbert Grönemeyers Liveshows Beats programmiert, mit den No Angels zusammengearbeitet und in dem Studio, das er zusammen mit dem Grönemeyer-Drummer Armin Rühl betreibt, Platten für Grönemeyers „Grönland“ – Label produziert. Dazu kamen unzählige Liveshows auf großen Firmen-Events und Galas, die er als Gitarrist und Sänger bestritten hat – und seit mehreren Jahren die Tätigkeit als Songwriting-Coach für die ZDF / KiKa – Sendung „Dein Song“.

ULLMANNCoverALLES ANDERSJetzt aber soll „ALLES ANDERS“ werden, und dafür hat sich ULLMANN Verstärkung geholt: Nicht nur sind auf seinem Soloalbum, auf dem er erstmals eigene, deutschsprachige Songs veröffentlicht, illustre Musiker wie Ralf Gustke (Drums) und Robbee Mariano (Bass) von den Söhnen Mannheims zu hören. Als Toningenieur zeichnete Sascha Kohl, sonst live unterwegs mit Xavier Naidoo und Rea Garvey, verantwortlich. Und für mehr als die die Hälfte der Titel auf ALLES ANDERS hat mit Erdmann Lange ein Ex-CELLEnt die Texte beigesteuert:

Aus seiner Feder sind IRGENDWO IM NIRGENDWO (übers Loslassen und die Hoffnung auf ein Wiedersehen), DU LÜGST SO SCHÖN (übers Verführt werden wider besseres Wissen),  DIE ALTEN FOTOS (übers Zurückdenken an wilde Zeiten), IN DEINEN ADERN (übers Vatersein), AM OFFENEN HERZEN (über Leidenschaft, die auch mal über Schmerzgrenzen geht) und FEUER FLAMME ASCHE (übers Abkühlen nach großer Hitze) – zum Teil in enger Zusammenarbeit mit Stephan Ullmann, der in allen Fällen die Musik komponiert hat.

Auslöser für Stephan Ullmann war der von ihm selbst nach dem Tod seines Vaters geschriebene Song WENN DIE BLÄTTER FALLEN – für ihn die erste deutschsprachige Nummer. In diese Richtung sollte es weitergehen – das Gefühl, erstmals eigene, sehr persönliche Songs präsentieren zu wollen, ließ ihn ab diesem Zeitpunkt nicht mehr los, und dafür suchte er einen passenden Sparringspartner. In persönlichen Gesprächen über das Leben, die Liebe und die Musik und bei dem einen oder anderen Kaltgetränk ist dann – nachdem ein gemeinsamer Freund Stephan Ullmann und Erdmann Lange überhaupt erst miteinander bekannt gemacht hatte – mehr als nur eine musikalische Zusammenarbeit entstanden.

Das Resultat ist auf ALLES ANDERS zu hören. Und weitere Songs sind bereits in Ko-Produktion…

Infos zum Album / Stephan ULLMANN: www.dynamo-records.com  &  www.deltasoul.de

Toni Hämmerle im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2016)

1963 – da war Thomas Gottschalk gerade den kurzen Hosen entwachsen – wurde im ZDF zum ersten Mal eine Fernsehsendung um eine Stunde überzogen. Für den medialen Aufreger sorgte ein Lied, das die Narren der Prunkkarnvealssitzung von Mainz wie es singt und lacht derart begeisterte, dass sie nicht mehr zu singen aufhören konnten: Das Humba Täterä. Das lag wohl am Refrain, der mit Da ruft der ganze Saal: Dasselbe noch einmal! nicht enden wollte. Geschaffen hat dieses musikalische Perpetuum mobile, bis heute der karnevalistische Brüller Nummer 1, der Komponist, Textdichter und Pianist Toni Hämmerle.

 

HIER AM RHEIN GEHT DIE SONNE NICHT UNTER

Anton Hämmerle, genannt Toni, wurde am 11. Dezember 1914 in Mainz geboren. Er spielte schon als Kind Mundharmonika, Akkordeon, Geige und Klavier. Nach dem Musikstudium am Peter-Cornelius-Konservatorium in Mainz arbeitete er als Musiklehrer. 1941 nahm sein Leben eine tragische Wende. Hämmerle, der schon als kleiner Junge an einer starken Sehschwäche litt, wurde gemeinsam mit seiner späteren Frau Christina bei einem Bomben-angriff verschüttet und verlor dabei zur Gänze sein Augenlicht. Zum Glück blieben ihm der Humor und die Lebensfreude erhalten. Toni war eben ein eschter Meenzer Bub!

Nach dem Krieg zog er mit seiner Frau nach Gießen und arbeitete an der Universität als Telefonist. Das war eine der wenigen Beschäftigungs-möglichkeiten, die es damals für blinde Menschen gab. Die Musik und der Karneval waren für Hämmerle, der rheinischen Frohnatur, Lebenselixier, und so engagierte er sich in der Gießener Fassenachts-Vereinigung, wo er mit seinem Chor „Die Hämmerles“ bei den Karnevals-sitzungen auftrat. Bald machte er sich als Komponist und Texter von Schlagern, vor allem Karnevalsschlagern von sich reden. 1952 begann seine Zusammenarbeit mit dem Mainzer Carneval Verein und dessen Star Ernst Neger, der sich als singender Dachdeckermeister mit Heile, heile, Gänsje in die Herzen der Deutschen eingeschlichen hatte. Für ihn schrieb er Hier am Rhein geht die Sonne nicht unter und Wir haben immer noch Durst.

HUMBA TÄTERÄ Toni Hämmerle, Margit Sponheimer, Ernst Neger

1963 landete Hämmerle mit Humba Täterä seinen größten Erfolg. Das Lied platzierte sich unter den Top 20 und brachte dem Mann am Klavier einen unerwarteten Tantiemenregen. Die Bild-Zeitung verstieg sich zu folgender kühnen Behauptung: In Afrika hatten deutsche Entwicklungshelfer Mühe, Eingeborene zu überzeugen, dass Humba Täterä nicht die deutsche Nationalhymne ist.

Ausgerechnet der Kölner Lukas Podolski ist dafür verantwortlich, dass das Meenzer Liedsche zum Fußball-Schlachtgesang wurde, als er es bei der EM 2008 nach dem Sieg gegen Portugal vor laufenden Kameras sang. Gib mir ein H, gib mir ein U, gib mir ein M… schallt es seither durch die deutschen Stadien. Tim Toupet, der singende Friseur aus Kölle, hatte Humba Täterä gemeinsam mit DJ Padre zwei Jahre zuvor entstaubt und in aufgemotzter Woodstock-Version zum Partykracher gemacht. Noch ein Kuriosum am Rande: Auch Michael Kunze ließ sich von dem unverwüstlichen Ohrwurm inspirieren und verfasste 1995 gemeinsam mit Udo Jürgens ein Lied mit dem Titel Humtata und Tätärä.(Kein Faschingsscherz!)

GELL, DU HAST MICH GELLE GERN

Zurück zu Toni Hämmerle: Für Margret Sponheimer schrieb er Gell, du hast mich gelle gern, die damit ihre Karriere beim Mainzer Carneval Verein startete. Die Single verkaufte sich über eine Million Mal. Für Heinz Schenk, der mit der Fernsehsendung „Der blaue Bock“ berühmt wurde, verfasste er Hätt’ der Adam aus dem Apfel Äppelwoi gemacht. Hämmerle war ein Garant für Stimmung und gute Laune. Das wussten auch Camillo Felgen, Ralf Bendix und Paul Kuhn zu schätzen. Seine besinnlichen Balladen fanden weniger Anklang.

AVE MARIA

Eine seiner letzten Kompositionen, ein Ave Maria, wurde erst bei seiner Beerdigung auf dem Neuen Friedhof in Gießen uraufgeführt. Toni Hämmerle war am 8. Dezember 1968 im 54. Lebensjahr gestorben. An ihn erinnern die nach ihm benannte Pony-Station, Hilfswerk für behinderte Kinder e.V., im westfälischen Ahlen, in der hauptsächlich blinde Kinder betreut und gefördert werden, und eine Bronze-Büste des Künstlers Alf Becker vor seinem ehemaligen Wohnhaus in Gießen, die anlässlich seines 100. Geburtstags aufgestellt wurde.

Garantiert unvergessen bleibt sein Humba Täterä, das auch in diesem Jahr alle Jecken und Karnevalisten durch die närrische Zeit begleiten wird. Ja, da geht’s Humba, humba, humba, täterä, täterä, täterä… Wenn ich nur aufhören könnt’! 😉

 

Eckart Hachfeld im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Vierzig Jahre sind es her, dass Mathilde, Ottilie, Marie und Liane, das Damenkränzchen in der Konditorei ums Eck, das erste Mal zum Sturm auf das Kuchenbuffet bliesen. Udo Jürgens hat ihren genüsslichen Schlachtruf Aber bitte mit Sahne! unvergessen gemacht. In den Mund gelegt wurde ihm dieser von dem satirischen Multitalent Eckart Hachfeld. – Ein Porträt mit Sahnehäubchen.
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VOM OFFIZIER ZUM SATIRIKER
Eckart Hachfeld wurde am 9. Oktober 1910 als Sohn eines Offiziers in Lothringen, das damals zu Deutschland gehörte, geboren. Er besuchte das Gymnasium in Mannheim und studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg, Leipzig und Kiel. Nach der Promotion 1935 arbeitete der Jurist u. a. als Anzeigen- und Werbeleiter und war im Zweiten Weltkrieg als Offizier im Einsatz. Er kam in englische Kriegsgefangenschaft, wo er – man glaubt es kaum – sein humoristisches Talent entdeckte und eine Kabarett-Truppe namens Waschbrettl um sich scharte. 1946 ließ sich Hachfeld mit seiner Frau Erika Levin und seinen drei Söhnen Eckart, Rainer und Tilman in Hamburg nieder und startete als Kabarett-Texter durch. Er schrieb für die Bonbonniere in Hamburg, die Mausefalle in Stuttgart sowie die Stachelschweine in Berlin, wurde Hausautor im Düsseldorfer Kom(m)ödchen und machte Wolfgang Neuss zum ,Mann an der Pauke’. Hachfeld galt als kreativster Satiriker des Wirtschaftswunders. Sammy Drechsel von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft bezeichnete ihn als Kaiser unter den Kabarett-Textern. Auch viele Sendungen in Radio und Fernsehen trugen seinen satirischen Stempel.
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AMADEUS GEHT DURCHS LAND
Ein neues Kapitel schlug der vielseitige Texter, der nach Berlin übersiedelt war, 1951 auf, als er für Die Welt eine gereimte wöchentliche Zeitsatire mit dem Titel Amadeus geht durchs Land verfasste. Sein Wechsel zum Stern zehn Jahre später hatte einen unerfreulichen Rechtsstreit zur Folge, den der Autor aber gewann. Bis 1990 nahm Amadeus Woche für Woche seine Landsleute aufs Korn. An die 2000 Glossen sind es geworden. Sie erschienen auch in Buchform, ebenso wie eine Neufassung des Struwwelpeters. Sohn Rainer, der als Karikaturist arbeitete, steuerte die Zeichnungen bei. Auch als Drehbuchautor machte sich Hachfeld einen Namen. Die Liste der Filme ist lang. Unvergessen sind Der Pauker (1959, mit Heinz Rühmann), Was eine Frau im Frühling träumt (1959, mit Winnie Markus), Ich zähle täglich meine Sorgen (1960, mit Peter Alexander), Der letzte Fußgänger (1960, mit Heinz Erhardt) Kohlhiesls Töchter (1962, mit Lieselotte Pulver) und Was ist denn bloß mit Willi los? (1970, mit Heinz Erhardt). Noch heute tauchen die einstigen Kassenschlager im Samstagsnachmittagsprogramm im Fernsehen auf.
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ABER BITTE MIT SAHNE
Am meisten im Gedächtnis geblieben sind aber Hachfelds Schlagertexte. 1970 kontaktierte Udo Jürgens’ Manager Hans R. Beierlein den Autor auf der Suche nach gesellschaftskritischen Liedern. Lieb Vaterland war ein Wagnis, das zahlreiche Diskussionen auslöste. Soviel Provokation wollten die meisten Udo-Fans dann doch nicht hören und auch die Radiostationen wie Radio Luxemburg nicht, die das Lied boykottierten. Versöhnlicher stimmte das Lied Zeig mir den Platz an der Sonne, das Udo Jürgens im August 1971 im Berliner Olympiastadion vor 75.000 Zuhörern als Hymne der Deutschen Fernsehlotterie präsentierte. Den Vogel schoss Hachfeld eindeutig mit Aber bitte mit Sahne ab. Das Lied erschien 1976, wurde 1977 in den Diskotheken zum Superhit und ist heute noch ein unverwüstlicher Oldie. Insgesamt 18 Lieder schrieb Hachfeld für Udo Jürgens. Französisch singende Stars wie Dalida (Er war gerade achtzehn Jahr), Adamo, Gilbert Becaud und Charles Aznavour belieferte er mit deutschen Texten. Auch die Übersetzung von Stephen Sondheims Song Send In The Clowns aus dem Musical A Little Night Music (Wo sind die Clowns) stammt aus seiner Feder.

AUF DEM WALK OF FAME

Eckart Hachfeld drängte sich nie ins Rampenlicht. „Mein Vater verstand sich als Handwerker, nie als Künstler“, sagte sein Sohn Tilman, ein Theologe, in einem Interview. Und sein Sohn Eckart, der Gründer des Berliner Gripstheaters, der den Künstlernamen Volker Ludwig trägt, meinte: „Jeder deutsche Fernsehzuschauer und Rundfunkhörer kennt Texte von ihm, auch wenn er in der Regel nicht weiß, wie der Autor heißt“.

Der Ruhm war bereits verblasst, als der „Text-Kaiser“ am 5. November 1994, wenige Wochen nach seinem 84. Geburtstag, nach einem Herzinfarkt starb. Die Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze, behauptete Schiller. Dem Textdichter auch nicht, füge ich hinzu. Für Satiriker jedoch fällt manchmal ein Stern ab. So auch für Eckart Hachfeld. Ein Stern auf dem Walk of Fame des Kabaretts in Mainz trägt seinen Namen.

20 Jahre Celler Schule:
wahre Worte, schöne Töne und das große Lalala…..

Dritter Oktober 2016, Tag der Deutschen Einheit. Im Lutherheim Springe strömt schon seit drei Tagen das Nestwerk der Celler Schule zusammen. Der Abschlussabend begießt gleich zwei Geburtstage: Die Celler Schule hat ihre ersten zwanzig Jahre gestemmt. Und Tobias Reitz wird um Mitternacht 37. (wir dürfen das an dieser Stelle verraten, weil es ja ohnehin auf Wikipedia steht).
unterricht-01konsrtantins-reimweltSeit drei Tagen schon haben gut dreißig ExCELLEnten unterschiedlichster Jahrgänge einander gecoacht, blindgedichtet, die Publikumspsychologie der ersten fünf Minuten erforscht, Sinn und Unsinn aus Rhythmen hervorgezaubert, Konstantin Schmidts neue, bessere Reimdatenbank mit-entworfen, julias-rhythmen-1Variationen zu einer Bielfeldt-Miniatur geschrieben, einen Hit aus den eigenen Reihen nach Geschenken ans Publikum durchforstet (Max Giesinger: 80 Millionen), einem zweistündigen Radioportrait der Celler Schule mit Henry Gross auf NDR1 Niedersachsen gelauscht, gut gegessen und:



immer zu wenig geschlafen.

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Denn bis in die Nacht zieht es die Gäste an Tasten und Saiten und sie spielen sich gegenseitig ihre Songs vor. Statt Genregrenzen ein wunderbar buntes Durcheinander, die ganze Bandbreite von Klamauk und Kabarett über Pop und Schlager bis hin zu Chansons und Liedermacherjuwelen.

 

Am letzten Abend platzt die Bude dann fast aus den Nähten. Ein weiteres reichliches Dutzend ehemaliger Teilnehmerinnen trudelt ein und ein paar der alten Hasen: Burkhard Brozat, Thomas Woitkewitsch (sowieso) und Rolf Zuckowski. Der bringt seine ganz andere Nationalhymne mit und singt um Mitternacht für Tobi das wohl berühmteste Geburtstagsständchen in unserer Sprache: „Wie schön, dass du geboren bist“. Wer hört das schon live vom Original? Und wann erlebt Rolfs Lied einen solchen Chor wie an diesem Abend? Die Celler Schule schmettert mit.
Und ein bisschen darf sie dabei auch sich selbst meinen.

Es war einmal…

Sommer 1996: Zum allerersten Mal trafen sich zehn Pioniere im Predigerheim Celle zum „Förderseminar für Textschaffende in der Unterhaltungsmusik“. Die Idee dahinter dürfte den meisten Lesern dieses Blogs bekannt sein:
Jeder, der Songtexte in deutscher Sprache verfasst, kann sich für diese zweiwöchige Masterclass bewerben. Eine Jury wählt zehn Teilnehmer aus und bestimmt in einem anonymisierten Bewerbungsverfahren anhand der Texte, wer dabei sein wird. Bewerben kann man sich bis zum 21.10. hier:

Draufgebracht wurde Edith Jeske übrigens von Hans Hee, dem wir unter zahllosen Hits das unsterbliche „Wasser ist zum Waschen da“ verdanken und einen der meistgespielten Evergreens: „Sierra Madre“. Hee war damals Präsident des deutschen Textdichterverbandes und verordnete Edith, ein Förderseminar für Textdichter zu entwerfen. Thomas Woitkewitsch war es dann, der irgendwann ganz selbstverständlich von der „Celler Schule“ sprach – denn damals war es noch Celle, wo die Veranstaltung stattfand. Der Name blieb, obwohl sie längst nach Springe umgezogen ist.

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Und weil sie nicht gestorben sind…

Seit 1996 hat sich einiges getan in der Celler Schule. Vieles davon verdankt sie einem Absolventen aus dem Jahre 2001: Tobias Reitz. Für ihn bedeutete das Zusammentreffen mit Edith Jeske nicht nur die Initialzündung seiner Karriere als Schlagertextdichter, sondern er stieg kurz darauf auch …

  • … durch ein Kellerfenster in eine Millionärsvilla ein?
  • … in einen Zug nach Nirgendwo?
  • … in der Fußball-Kreisliga dramatisch ab?

Mehr dazu morgen an dieser Stelle.

Robert Gilbert im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Am Sonntag will mein Süßer...Sommer, Sonne, dazu eine frische Brise – idealer können die Voraussetzungen für ein gelungenes Wochenende nicht sein. Denn: Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n… Ein klassischer Ohrwurm! 1929 erklang der Schlager zum ersten Mal und wurde 32 Jahre später für den gleichnamigen Film wieder aus der Versenkung geholt. Dany Mann And The Old Merry Tale Jazzband landeten damit den Sommerhit 1961. Wenke Myrrhe verhalf dem unverwüstlichen Gute-Laune-Lied Ende der 1960er Jahre zu erneuter Popularität. Aber wer hat es geschrieben? Von Anton Profes stammt die Melodie, von Robert Gilbert der Text. Robääär Gilbääär? Nie gehört? Dann unbedingt weiterlesen!
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KATHRIN, DU HAST DIE SCHÖNSTEN BEINE VON BERLIN

Robert Gilbert wurde am 29. September 1899 als Robert David Winterfeld in Berlin geboren. Da war sein Vater Max Winterfeld gerade 20 Jahre alt und schlug sich als Kapellmeister und Komponist durch, ehe er sich den Künstlernamen Jean Gilbert zulegte und mit der Operette Die keusche Susanne und dem Ohrwurm Puppchen, du bist mein Augenstern den Durchbruch schaffte. Weil sein Vater immer auf Achse war, besuchte Robert zwangsläufig an die 30 Schulen. 1918 wurde er in den Krieg eingezogen, wo der Spartakusbund, einer Vereinigung marxistischer Sozialisten, sein politisches Bewusstsein weckte. Nach Kriegsende studierte er Philosophie und Kunstgeschichte, ging für mehr soziale Gerechtigkeit auf die Straße und opponierte vorerst gegen seinen zu Reichtum gekommenen Vater. Da er aber heiraten wollte und Geld verdienen musste, machte der Junior eine Kehrtwendung, nahm er Künstlernamen seines Vaters an und verfasste mit ihm Texte für Revuen und Operetten. „Von Schopenhauer zum Gassenhauer“ notierte er Jahre später in seinem „beiläufigen Lebenslauf“. Den ersten Schlager, komponiert von Fritz Löwe (später Frederick Loewe), widmete er seiner Frau: Kathrin, du hast die schönsten Beine von Berlin. Kathrin nannte er die Angebetete nur um um des Reimes Willen, in Wirklichkeit hieß sie Elisabeth, genannt Elke.

Robert Gilbert (rechts im Bild) und Werner Richard Heymann mit der Sängerin Elisabeth von Lüdinghausen.

EIN FREUND, EIN GUTER FREUND

Robert Gilbert arbeitete mit den besten Komponisten seiner Zeit zusammen: Nico Dostal, Friedrich Hollaender, Oscar Straus und Ralph Benatzky. In der Operette Im Weißen Rössl (Uraufführung:1930)fragte er: Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist? und verhalf mit Liedern wie Im Salzkammergut, da kamma gut lustig sein und Im Weißen Rössl am Wolfgangsee einer ganzen Region zur unbezahlten Fremdenverkehrswerbung, die heute noch Früchte trägt.Danach entdeckte ihn der neue Tonfilm.
Mit dem Komponisten Werner Richard Heymann schuf er unvergessliche Evergreens: Ein Freund, ein guter Freund und Liebling, mein Herz läßt dich grüßen (aus: Die Drei von der Tankstelle, 1930), Das gibt’s nur einmal (aus: Der Kongreß tanzt, 1931) und Das ist die Liebe der Matrosen (aus: Bomben auf Monte Carlo, 1931). In über 100 Filmen sangen Stars wie Lilian Harvey, Willy Fritsch, Zarah Leander, Heinz Rühmann und Willi Forst Gilberts Texte.

Das Lied Irgendwo auf der Welt, das Lilian Harvey in dem Film Ein blonder Traum (1932) sang, wurde durch die Comedian Harmonists zum Hit und 1997 Titelsong der von Josef Vilsmaier verfilmten Biographie der ersten Boygroup der Welt. Werner Richard Heymann hatte nicht nur die Melodie geschrieben, sondern auch den Refrain. Seine Tochter Elisabeth Trautwein-Heymann vertraute mir an: „Es war das Hoffnungslied meines Vaters. Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück, und ich träum davon in jedem Augenblick… Ich habe Robert Gilbert als Kind fast täglich bei uns erlebt. Er und mein Vater arbeiteten quasi bis zu dessen Lebensende eng zusammen. Er war ein Genie des Wortes. Wenn zwei Genii sich finden und lieb haben, dann entsteht Ewiges.“

DA WÄR’S HALT GUT, WENN MAN ENGLISCH KÖNNT

Robert Gilbert war ein Zerrissener: Er widmete sich nicht nur der Tantiemen bringenden leichten Muse, er schuf mit Hanns Eisler gesellschaftskritische Lieder wie Das Stempellied, das, vorgetragen von Ernst Busch, zu einem klassischen Arbeiterkampflied wurde. „Ein deutsches Schicksal – zwischen Kunst und Kommerz“, befand der Feuilletonist Maurus Pacher. „Hier brillante Agitation, da die unvergesslichen Schlagertexte für Millionen. Ein Schuss Schizophrenie war sicher dabei.“ Auf Grund seiner politischen Einstellung und seiner jüdischen Herkunft sah Gilbert sich gezwungen, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 mit Frau und Tochter nach Österreich zu fliehen und fünf Jahre später nach Amerika zu emigrieren. Seine europäische Prominenz nützte ihm dort nicht viel. Er schrieb für das New Yorker Exilkabarett und räsonierte: „Da wär’s halt gut, wenn man Englisch könnt!“ Was für ein Glück es war, dass Gilbert es doch erlernte, sollte sich Jahre später herausstellen.

ES GRÜNT SO GRÜN, WENN SPANIENS BLÜTEN BLÜHEN

Nach elf Hungerjahren kehrte Robert Gilbert, der die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, nach Europa zurück und trennte sich von seiner Frau Elke. Mit seiner zweiten Frau Gisela und Sohn Stephan lebte er in München und später in der Schweiz und startete eine sensationelle Karriere als Übersetzer, die er Frederic Loewe alias Fritz Löwe, seinem alten Freund aus frühen Berliner Tagen, und der mittlerweile perfekten Beherrschung des amerikanischen Idioms zu verdanken hatte. Dem ersten Geniestreich, der Übertragung des Musicals My Fair Lady ins Deutsche und ins Berlinerische, folgten 22 weitere Übersetzungen, darunter Annie get your gun, Hello Dolly, Can Can, Oklahoma und Der Mann von La Mancha.

Gilbert war eine echte Berliner Schnauze. „Meckern ist wichtig, nett sein kann jeder“, behauptete er und machte die Lebensphilosophie zum Titel eines seiner Gedichtbände. „Erwarte mir als Verfasser der Liedtexte zum Weißen Rössl mindestens ein Denkmal. Aus Zwetschgenknödeln“, meinte er schnoddrig. Dieser Wunsch ging ebenso wenig in Erfüllung wie der, nicht vor dem Jahr 2001 endgültig Gute Nacht zu sagen. „Denn dann hätte ich in drei Jahrhunderten gelebt. Was gar nicht so einfach ist.“ Gilbert, den Maurus Pacher als unglaublich Vielseitigen, wahrhaft Gespaltenen und in Anspielung an Die Drei von der Tankstelle als ebenso wahrhaft „Guten Freund“ bezeichnete, starb am 20. März 1978 zurückgezogen in Locarno in der Schweiz – 23 Jahre vor seinem Wunschtermin.

Eine melancholische Lebensbilanz zog er schon lange vor seinem Tod.

Einen Grashalm besingen
Möchte ich.
Einen Freund trösten
Wollte ich.
Einen Feind versöhnen
Will ich.
Was wird aus dem, was ich will?
Der Freund ist untröstlich.
Der Feind unversöhnlich.
Und die Grashalme mahnen mich:
Sei still!

 

Literarisches PS: Wissenschaftlich mit dem Leben von Robert Gilbert befasst hat sich der Journalist Christian Walther. Die 435-seitige Dissertation ist 2016 im Verlag Peter Lang erschienen und kostet stolze 84,50 Euro. Marianne Gilbert Finnegan, die halbjüdische Tochter aus erster Ehe, schrieb unter dem Titel „Memories of a Mischling“ (deutscher Titel: Das gab’s nur einmal – Verloren zwischen Berlin und New York)“ ihre Lebenserinnerungen. Erschienen 2009 bei Diogenes.

Günter Loose im Porträt

Günther Loose -V-
– Günter Loose –

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

In Kürze geht der Eurovision Songcontest 2016 über die Bühne. Deutschland schickt Jamie-Lee Kriewitz nach Stockholm. Ob das Manga-Mädchen mit dem Titel Ghost einen Blumentopf gewinnen kann? Seit 1970 wissen wir: Wunder gibt es immer wieder! Damals landete Katja Ebstein mit diesem Titel auf Platz 3 und erreichte die bis dato beste Platzierung beim ESC, der damals noch Grand Prix de la Chanson hieß. Die Musik schrieb Christian Bruhn, den Text Günter Loose, dem das heutige Porträt gewidmet ist.

EIN KLEINER NEGERJUNGE TRÄUMT VON EINER SCHNEEBALLSCHLACHT

Rudolf Günter Loose wurde am 5. Februar 1927 in Berlin geboren, wo er auch seine Jugend verbrachte. Sein Interesse galt schon im Gymnasium der Unterhaltungsmusik und dem Jazz, er studierte aber auf Wunsch seines Vaters fünf Semester Medizin. Nach dem Studienabbruch trennte er sich von seinem ersten Vornamen und startete mit Schulfreund und Jazz-Kumpel Klaus Hübner ein ehrgeiziges Projekt. Er gründete eine Gastspiel-Direktion für Jazz. „Bei unseren Jam-Sessions machte Paul Kuhn seine ersten Schritte – wir allerdings nach zwei Jahren unsere letzten“, notierte Loose in seinen Erinnerungen im Booklet zur CD-Sammelbox „Meine Lieder – meine Texte“. Nach dieser Pleite versuchte er sich als Lesezirkel-Vertreter, Regieassistent und klinkenputzender Schlagertexter. Erstmals auf offene Ohren stieß er bei dem Komponisten Gerhard Honig, Musikredakteur des Deutschlandsenders, der im Osten der damals noch nicht geteilten Stadt Berlin ansässig war. Ein kleiner Negerjunge träumt von einer Schneeballschlacht, so lautete der Titel und wurde von der dunkelhäutigen Leila Negra gesungen. Von nun an ging’s bergauf. In Ostberlin entwickelte sich eine gedeihliche Zusammenarbeit mit dem Komponisten Gerd Natschniski, die bedauerlicherweise durch den Bau der Berliner Mauer ein Ende fand. Loose textete u. a. für den DDR-Star Bärbel Wachholz.

ITSY BITSY TEENY WEENY HONOLULU STRANDBIKINI

Den Durchbruch in der Bundesrepublik erlebte Günter Loose 1959 mit dem Song Ein Mädchen mit 16, gesungen von Conny Froboess. Das brachte ihm die erste Hitparadenplatzierung ein. 1960 verschaffte Loose mit Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strand Bikini Catarina Valente den Sommerhit des Jahres. Jedes neue Freddy Quinn-Lied bedeutete damals eine Goldene Schallplatte. Deshalb suchte Loose den Kontakt zu Freddys Komponisten Lotar Olias. So entstanden Du musst alles vergessen, La Guitara Brasilana und Irgendwann gibt’s ein Wiedersehen. Durch Olias lernte Loose James Last kennen, mit dem er Eine ganze Nacht (Games that Lovers play) verfasste, der von über 100 Interpreten in der Welt gesungen wurde. Loose schrieb für alle Schlagergrößen seiner Zeit: Rex Gildo, Vicky Leandros, Ireen Sheer, Bata Ilic, Ricky Shayne und Ted Herold sowie die ehemaligen Eislaufstars Marika Kilius und Hans Jürgen Bäumler. Auch ausländische Stars wie Johnny Cash, Chris Andrews, Paul Anka, Cliff Richard und Adamo kamen nicht an Loose vorbei. Er übersetzte deren Hits ins Deutsche.

MARMOR, STEIN UND EISEN BRICHT

Die erste Begegnung mit dem Komponisten Christian Bruhn dauerte zwei feuchtfröhliche Tage und Nächte. Zum Schreiben und Komponieren kamen die beiden nicht. „Aber wir entdeckten unsere gemeinsame Liebe zum Jazz, und das machte uns zu Freunden“, so Loose. Keine schlechte Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. So entstand für Drafi Deutscher Marmor, Stein und Eisen bricht (Wegen des grammatikalisch falsch gebrauchten Verbs durfte das Lied in Bayern nicht im Radio gespielt werden), für Manuela Ich geh’ noch zur Schule und für Roberto Blanco Ein bisschen Spaß muss sein. Dieser Titel war auch Looses Lebensmotto. „Ohne Spaß läuft gar nichts“, sagte er. „Mir wäre kein Text eingefallen, viele schöne Lieder wären nie entstanden, und ich wäre nie bei diesem Beruf geblieben, der mir viel mehr als nur ein bisschen Spaß bereitet hat“.

WUNDER GIBT ES IMMER WIEDER

Eines Abends im Jahr 1970, kurz vor Einsendeschluss zum Grand Prix d’Eurovision de la Chanson (der heute Eurovision Songcontest heißt) in Amsterdam rief Günter Loose Christian Bruhn an: „Du, wir haben da noch eine angefangene Country-Nummer, die heißt Wunder gibt es immer wieder. Die sollten wir einreichen. Mach‘ eine schöne Festival-Musik dazu, vielleicht etwas langsamer, bedeutender, ich kann ja den Text ändern, wenn’s nötig ist“, erinnerte sich Bruhn in seiner Biographie „Marmor, Stein und Liebeskummer“. Innerhalb weniger Stunden schrieb er eine Melodie mit einem gewaltigen, spannungsgeladenen Intro, dazu ein Arrangement mit Bigband und Streichern. Das Ergebnis ist bekannt. Katja Ebstein holte sich den 3. Platz beim Grand Prix. Es war aber auch der Startschuss für eine jahrelange enge Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten und der Sängerin, die 1972 in eine Ehe mündete. Das Lied wurde in viele Sprachen übersetzt und auch oft gecovert, u .a. von Guildo Horn, Karel Gott und Deborah Sasson.

WELCHE FARBE HAT DER SONNENSCHEIN?

Apropos Songcontest: 1984 wollte es Loose noch einmal wissen. Für die Formation Rainy Day verfasste er Text und Musik zu Welche Farbe hat der Sonnenschein, den Schweizer Beitrag für Luxemburg. Das Lied landete auf Platz 17, und Loose beendete seine höchst erfolgreiche Karriere als Textdichter. 3000 Lieder hatte er geschrieben, darunter auch unter dem Pseudonym Peter Berling, was wohl als eine Reminiszenz an seine Heimatstadt gedacht war. Bis 2002 betrieb Loose in Zürich eine Künstleragentur. Er starb am 3. Oktober 2013 im Alter von 86 Jahren in der Schweiz. „Was kann dem Künstler Besseres passieren, als dass seine Werke ihn überleben. Und das ist Dir gelungen, lieber Rudi. Hab Dank!“, schrieb Christian Bruhn in einem Nachruf.

Fritz Rotter im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Fritz Rotter
Veronika, der Lenz ist da!

Kaum schielt der Frühling um die Ecke, bricht alle Welt in einen Freudenschrei aus: Veronika, der Lenz ist da! Dass die Comedian Harmonists Veronika zum unausrottbaren Ohrwurm und ihrer Kennung gemacht haben, ist hinlänglich bekannt. Wem wir den köstlichen Text zu verdanken haben, weiß kaum jemand. Darum: Fritz Rotter vor den Vorhang!

VERONIKA, DER LENZ IST DA!

Fritz Rotter (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Berliner Theaterunternehmer) wurde am 1. März 1900 in Wien geboren. Sein jüdischer Vater war Generalvertreter für Champagner, seine Mutter führte den gutbürgerlichen Haushalt. Schon als 17jähriger war Fritz Stammgast im Café Dobler an der Linken Wienzeile, wo die Kabarett- und Literaturszene verkehrte – das spätere Filmgenie Fritz Lang liebte es ebenso, dort seine Melange zu trinken – und schrieb für das Kabarett Simpl Texte und Lieder. An die 1200 Lieder sollten es im Laufe seines Lebens werden. Ob Rotter auch einen „ordentlichen“ Beruf erlernt hat, verschweigt die Chronik.„Die Lieder sind kabarettistisch-komisch und leicht und höchst liebenswert und frech und charmant und alles zugleich!“ so beschrieb sie Robert Dachs in dem Buch „Sag zum Abschied…“. Und er stellte fest: „Rotter war ein Meister der dritten Strophe. Bei ihm bekam ein an und für sich harmloser Refrain in der letzten Strophe immer etwas leicht Unanständiges.“

WENN DER WEISSE FLIEDER WIEDER BLÜHT

Fritz Rotter
Fritz Rotter

Rotter war ein Multitalent und Vielschreiber. Er verfasste Libretti für Operetten und Revuen, Bühnenstücke und Drehbücher sowie Romane und Gedichte und war auch als Komponist tätig. Lieder, die heute noch unvergessen sind, sind Wenn der weiße Flieder wieder blüht (Musik: Franz Doelle),Ich hab’ mir für Grinzing einen Dienstmann engagiert (Musik und Co-Autor: Bruno Uher) und Heut war ich bei der Frieda. Rotter besaß eine untrügliche Nase für musikalische Talente. Er hatte sich bereits in der Szene einen Namen gemacht, als er Walter Jurmann, einen ehemaligen Medizinstudenten und Barpianisten, kennenlernte. Er schlug ihm vor, mit ihm zusammenzuarbeiten und nach Berlin zu übersiedeln, dorthin wo in den Zwanziger Jahren der Bär steppte. Bereits das erste gemeinsame Lied Was weißt denn du, wie ich verliebt bin, gesungen von Star-Tenor Richard Tauber, wurde ein durchschlagender Erfolg. Dann folgte das Jahrhundertlied Veronika, der Lenz ist da. Der zündende Einfall kam Jurmann, als er mit Rotter auf den Schallplattenproduzenten Herbert Grenzebach im Büro der Plattenfirma Ultraphon wartete. Als dieser endlich kam, sang Jurmann spontan: „Wer kommt denn da? Der Grenzebach!“ Der Produzent witterte sofort Erfolgspotential in den acht Tönen und meinte: „Das ist eine Melodie. Da müssen Sie was draus machen!“ Die Autoren ließen sich nicht lange bitten. Ungeklärt geblieben ist allerdings, welche Dame namens Veronika den Textdichter zu den heiter-frivolen Zeilen inspiriert hat.

ICH KÜSSSE IHRE HAND, MADAME!

Fritz Rotter hatte nicht nur überbordende Lust am Nonsens, er hatte auch einen Hang zur Galanterie, wie das Lied Ich küsse Ihre Hand, Madame! beweist. Richard Tauber machte es zu einem Kassenschlager. In dem gleichnamigen Film war das Lied als kurze Tonsequenz in einem der letzten deutschsprachigen Tonfilme zu hören. Eine echte Sensation!

Die Machtübernahme Hitlers 1933 bedeutete das brutale Aus für die Karriere von Fritz Rotter. Er flüchtete mit Frau und Kind über Paris und London in die USA. Mehr als sieben dürre Jahre musste er überstehen, ehe sich wieder der Erfolg einstellte. Mit einem Bühnenstück, dem Kriegsdrama Letters to Lucerne, landete er auf dem Broadway in New York einen Triumph. Mit dem Film September Affair schaffte er den Sprung nach Hollywood. Er arbeitete u. a. mit Franz Werfel, Fritz Kortner und Fritz Lang. Dem Filmproduzenten Erich Pommer gelang es, Fritz Rotter, der mittlerweile die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, wieder nach Deutschland zu holen. Gemeinsam mit Helmut Käutner schrieb er für den Film Nachts auf den Straßen  das Drehbuch. Hans Albers und Hildegard Knef spielten die Hauptrollen.

WAS MACHT DER MAYER AM HIMALAYA?

Nach seiner Rückkehr konnte Rotter nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen. Mit Liedern wie Ich soll dich grüßen von Berlin und Ich möchte gern ein Beatle sein war allerdings kein Blumentopf zu gewinnen. 1966 geriet ein Lied von Rotter, das Freddy Quinn interpretierte, in die Negativ-Schlagzeilen. Wir, so der Titel, war eine harsche Kritik an der herumgammelnden Jugend. Dafür musste Freddy Quinn arge Kritikerschelte einstecken und sich öffentlich rechtfertigen. Martin Kraus vermerkte in dem Blog „Deutsche Lieder. Die Bamberger Anthologie“, das Lied bliebe als kuriose Kommentierung der sogenannten 68er-Bewegung im Gedächtnis. 1987 entdeckten die Toten Hosen den Song und coverten ihn unter ihrem Pseudonym Rote Rosen.

Fritz Rotter drängte nie ins Rampenlicht. In einem seiner seltenen Interviews antwortete er auf die Frage, wo er denn am liebsten lebe:„Dort, wo man mich am wenigsten belästigt.“ Seine Ruhe fand er im Tessin. wo er in Ascone – von der Öffentlichkeit gänzlich unbeachtet – seinen Lebensabend verbrachte und  am 11. April 1984 starb. Das Wiener Volksliedwerk widmete dem genialen Textdichter zum 30. Todestag im Rahmen des Wienerliedfestivals Weanhean 2014 im Konzerthaus einen Abend unter dem Titel Was macht der Mayer am Himalaya. Österreichische Bühnengrößen wie Katharina Straßer, Ursula Strauss und Wolf Bachofner sowie der Pianist Bela Koreny stellten unter Beweis, wie grandios diese Schlagerkunst einmal gewesen ist.

Max Colpet im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Max Colpet Graphik
Max Colpet: Die unsignierte Grafik stammt aus seinem Buch „…wenn man trotzdem lacht“

Sag mir, wo die Blumen sind! Wo sind sie geblieben? Was vordergründig wie eine Frage einer enttäuschten Frau am Valentinstag klingt, sind die ersten Verse eines der bekanntesten deutschsprachigen Antikriegslieder. Das Original Where have all the flowers gone schrieb 1955 der US-amerikanische Singer-Songwriter Pete Seeger. Angeblich hat er sich dazu auf einem Flug nach Ohio von einem ukrainischen Volkslied inspirieren lassen. Die Übertragung ins Deutsche stammt von Max Colpet. Der wiederum nahm dafür Anleihe bei einem Gedicht aus dem 18. Jahrhundert, das Johann Georg Jacobi schrieb und Sag mir, wo die Veilchen sind hieß. Die Interpretin, die das Lied 1962 zum ersten Mal sang, ist bis heute unvergessen. Es war Marlene Dietrich. Max Colpet hingegen erlitt das typische Textdichter-Schicksal. Die Erinnerung an ihn bedarf also einer kleinen Politur.

HOPPLA, JETZT KOMM ICH!

Max Colpet (auch Max Kolpe) wurde am 19. Juli1905 als Max Kolpenitzky in Königsberg (heute Kalingrad) in Ostpreußen geboren. Sein Vater war ein russisch-jüdischer Kaufmann. 1914, bei Ausbruch des 1. Weltkriegs, war die Familie gezwungen, das Land Richtung Deutschland zu verlassen. Max verbrachte seine Jugend in Hamburg, wo er sein Abitur machte. Er übersiedelte nach Berlin, um an der Technischen Hochschule zu studieren und kam mit der dortigen Künstlerszene in Kontakt. Seine ersten literarischen Lorbeeren verdiente er sich mit Gedichten, später mit Texten für die Kabaretts von Friedrich Hollaender, Tingeltangel und Katakombe. 1928 gründete er mit dem Schauspieler Erik Ode, der in den 1970er Jahren mit der Krimiserie „Der Kommissar“ Fernsehgeschichte schreiben sollte, das Kabarett Anti. Dann verlegte er sich aufs Drehbuchschreiben für den Film. Mit dem Script für Scampolo – ein Kind der Straße, das er mit Billy Wilder (damals noch Samuel Wilder) verfasste, landete Colpet 1932 einen Erstlingserfolg. Weitere gemeinsame filmische Arbeiten folgten. Dass sich Hans Albers in dem Film Der Sieger mit dem Lied Hoppla – jetzt komm ich (Musik: Werner Heymann) in die Herzen der Zuschauerinnen katapultierte, ist auch Max Colpet zu verdanken.

I LIKE TO BE IN AMERICA

Die Schaffensperiode in Deutschland war allerdings nicht von langer Dauer. 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, musste Colpet, der staatenlose Jude, erneut fliehen. Während es ihm gelang, sich nach Paris abzusetzen, wurden seine Eltern deportiert und starben im KZ. Auch in Frankreich gelang es dem Sprachtalent ins Filmgeschäft einzusteigen. Colpet schrieb vier französische Drehbücher. 1948 lockte Hollywood, wo sein Freund Billy Wilder auf ihn wartete, und er packte wieder seine Reiseschreibmaschine ein. I like to be in America lautete nun sein Credo. Pikanterie am Rande: Einige Jahre später übertrug Colpet die Westside Story, d a s Erfolgsmusical von Leonard Bernstein (Text: Stephen Sondheim), ins Deutsche. Aus I like to be in America wurde Was uns gefällt in Amerika. In seinen Memoiren Sag mir, wo die Jahre sind – Erinnerungen eines unverbesserlichen Optimisten – die Erstauflage erschien 1976 – resümierte er wehmütig: „Emigrieren: das Land, in dem man geboren ist, verlassen, sich an andere Länder, an andere Gebräuche gewöhnen, das ist nicht einfach. Hoffnungen werden schnell begraben. Enttäuschungen häufen sich. Selten gelingt es einem, sich völlig anzupassen und zu assimilieren, so sehr man sich auch bemüht. Man ist und bleibt ein Emigrant, ein Zuwanderer, wird nie das Gefühl los, ein Eindringling zu sein, ein Fremdkörper in einem andersartigen Gefüge, einem fremden Land, einer ungewohnten Welt. Aber noch schwerer ist die Remigration.“

SAG MIR, WO DIE BLUMEN SIND

Trotz seiner Erfolge kehrte Colpet, mittlerweile amerikanischer Staatsbürger, 1958 nach Good Old Germany zurück und ließ sich in München nieder. Er verfasste Kabarett-Texte für die Lach- und Schießgesellschaft und schrieb Chansons und Schlager für die Größen der Zeit: Marlene Dietrich, Zarah Leander, Nana Mouskuri, Charles Aznavour, Gilbert Becaud, Lale Andersen, Gitte, Katja Ebstein, Thomas Fritsch, Freddy Quinn und Gus Backus. An die 1000 sollen es im Laufe seines Lebens geworden sein. Sag mir, wo die Blumen sind blieb sein größter Hit. Seine weiteren Antikriegslieder wie Der ewige Soldat (Original: The Universal Soldier von Buffy Sainte-Marie) oder „Der Deserteur (Original: Le Deserteur von Boris Vian) fanden nicht den Anklang, den er sich gewünscht hatte. „Ich schäme mich fast, dass ich mit einem Lied wie Bohnen in den Ohr’n, das ich aus Gefälligkeit für Gus Backus geschrieben habe, das Zehnfache verdiente“, so Colpet.

Was heute vielen Musical-Fans den Schauer über den Rücken laufen lässt: In den 1960er Jahren war es üblich, fremdsprachige Musicals ins Deutsche zu übersetzen. Das eröffnete dem Sprachengenie Colpet ein weites Betätigungsfeld. Neben der Westside Story war er auf die deutschen Fassungen von drei Musicals von George Gershwin Lady be good, Girl-Crazy und Oh, Kay sowie auf Irma la Douce besonders stolz, wie er in seinen Memoiren festhielt. Noch mehr Herzblut legte er in sein eigenes Musical Millionen für Penny, zu dem Lothar Olias, ebenfalls ein gebürtiger Königsberger, die Musik komponierte. Es wurde am Gärtnerplatztheater in München 1967 uraufgeführt und gilt als das erste deutsche Musical. Der rauschende Erfolg wollte sich allerdings nicht einstellen.

IM SANDMEER DER ZEIT

Max Colpet war auch schriftstellerisch tätig. Außer seinen Lebenserinnerungen veröffentlichte er 1979 den Roman Es fing so harmlos an und Satierische Verse – Zoo ist das Leben, die der tschechische Künstler Miroslav Sasek illustrierte. Sein letztes Buch Im Sandmeer der Zeit. 60 Jahre Filmschaffen – eine moderne Odyssee kam zu seinem 90. Geburtstag auf den Markt. Max Colpet starb am 2. Jänner 1998 im 93. Lebensjahr in München und fand auf dem Nordfriedhof seine letzte Ruhestätte.

 

 

 

Alle Jahre wieder: Wilhelm Hey im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Kleine Vorbemerkung: In der Serie „Wer schrieb eigentlich…?“ stelle ich Textdichter des 20. Jahrhunderts vor. Alle Jahre wieder mache ich im Dezember eine Ausnahme und porträtiere einen Textdichter, der uns ein Weihnachtslied geschenkt hat, das noch heute zum singbaren Familien-Repertoire unter dem Christbaum zählt. Heuer ist Alle Jahre wieder an der Reihe.

Wilhelm Hey
Grafik: Freundeskreis Wilhelm Hey

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.“ So lautet die erste Strophe des Weihnachtsklassikers. Als Wilhelm Hey 1837 den Text schrieb, konnte er nicht ahnen, dass die ersten drei Worte fast 200 Jahre später auch außerhalb der Weihnachtszeit zum allgemeinen Zitatenschatz zählen würden. Alle Jahre wieder! – gefolgt von einem tiefen Seufzer: Und schon wissen wir, nun kommt etwas Unabwendbares, eine Regelmäßigkeit, der wir – egal ob erfreulich oder nervig – wir nicht entrinnen können. Auch die 11,5 Millionen Internet-Einträge, die die Suchmaschine in 0,31 Sekunden ausspuckt, sprechen eine deutliche Sprache.

WILHELM HEY (1798 – 1854)

Wilhelm Hey wurde 1798 als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Leina (Thüringen) geboren und wuchs nach dem Tode seiner Eltern bei seinem Bruder Karl auf. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Gotha studierte er Theologie in Jena und Göttingen. Er war als Haus- und Internatslehrer tätig, ehe er 1818 Pfarrer in Töddelstadt bei Erfurt wurde. (Das war auch das Jahr, in dem zum ersten Mal Stille Nacht, heilige Nacht in Oberndorf bei Salzburg erklang.) Hey wurde Hofprediger in Gotha, danach Superintendent in Ichtershausen und zeichnete sich durch sein soziales Engagement für Handwerker, Lehrlinge sowie berufstätige Mütter und deren Kinder aus. 1847 wurde ihm von der Universität Heidelberg das Ehrendoktorat verliehen.

ALLE JAHRE WIEDER

Zu dieser Zeit hatte sich Hey schon einen Namen als Fabeldichter gemacht. Das Buch Fünfzig Fabeln für Kinder, das Otto Speckter illustrierte, erschien 1833 zwar anonym und wurde deshalb vorerst dem Illustrator zugeschrieben. Das zweite Buch Noch fünfzig Fabeln für Kinder erschien 1837 unter Heys Namen. Sie wurden durch das Geschick des Verlegers Friedrich Perthes, den mit Hey eine lange Freundschaft verband, d a s deutsche Bilderbuch des 19. Jahrhunderts. Hey schrieb klare, ungekünstelte und für Kinder leicht verständliche Reime. Das machte den großen Erfolg aus. Die Fabeln wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Hey war ebenfalls als Übersetzer tätig. So übertrug er 1838 The Course of Time von Robert Pollok vom Englischen ins Deutsche. Wer nun Interesse bekommen hat: Hier ist eine umfangreiche Fabelsammlung zu finden.

Wilhelm Hey 2Anlässlich Heys 100. Geburtstag stand in der Zeitschrift Die Gartenlaube: „Zahllose Nachahmungen der Heyschen Fabeln haben die meisterhaften Vorbilder weder erreichen noch verdrängen können und wenn auch für den Dichter in den meisten Literaturgeschichten kaum ein Platz von wenigen Zeilen übrig ist, seine Dichtungen selbst sorgen dafür, seinem Namen den gebührenden Ehrenplatz dauernd zu sichern.“

1837 hatte Wilhelm Hey die Idee zu Alle Jahre wieder. Die Melodie wird dem Komponisten und Musikpädagogen Friedrich Silcher zugeschrieben, der sie in seinem Liederzyklus Zwölf Kinderlieder aus dem Anhange des Speckter’schen Fabelbuches von 1842 veröffentlichte. Eine andere Melodiefassung stammt von dem Komponisten, Organisten und Lehrer Ernst Anschütz, dem ein weiterer Weihnachts-Evergreen zu verdanken ist: O Tannenbaum.

WEISST DU, WIEVIEL STERNLEIN STEHEN?

Wilhelm Hey war zweimal verheiratet. Nach dem Tod seiner Frau Auguste 1827 heiratete er fünf Jahre später Luise von Axen. Den gemeinsamen Sohn Wilhelm, der 1838 auf die Welt kam, sang er vermutlich mit seinem berühmten Wiegenlied in den Schlaf: Weißt du, wieviel Sternlein stehen? Der Autor Karlheinz Maess wählte die letzte Zeile des Liedes als Titel für eine Biographie. „…kennt auch dich und hat dich lieb.“ Das Leben des Pfarrers und Freundes der Kinder Wilhelm Hey, die 1989 erschien.

In Leinatal ist der Sitz des Freundeskreis Wilhelm Hey, der sich zur Aufgabe macht, das Andenken an den Dichter, dessen Lieder auch im Evangelischen Gesangsbuch zu finden sind, zu bewahren. In Töttelstädt erinnert eine Gedenktafel am ehemaligen Pfarrhaus an sein Leben und Wirken, außerdem trägt eine Straße seinen Namen. In Ichtershausen ist die Staatliche Regelschule nach Wilhelm Hey benannt. Die sogenannte Hey-School!

Fritz Löhner-Beda im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Sie sind das Obst der deutschen Einheit. Aber warum Bananen,ausgerechnet Bananen? „Die Banane ist eine Hoffnung für viele und eine Notwendigkeit für uns alle“, sagte Konrad Adenauer einst im Wirtschaftswunderland. Die Aussage muss sich wohl ins kollektive Gedächtnis der Deutschen gegraben haben. Wie ließe es sich sonst erklären, dass einen Tag nach dem Mauerfall am 9. November 1989 in den westdeutschen Supermärkten alle krummen Dinger schlagartig ausverkauft waren? Die Banane – das Luxussymbol der Ossies!

Dabei hatte schon in den 1920-Jahren die Tropenfrucht Furore gemacht. Josephine Baker brachte nur mit einem Bananenröckchen bekleidet die Männer in Paris, Berlin und Wien zur Raserei, und Fritz Löhner-Beda, einer der genialsten Textdichter seiner Zeit, setzte dem gelben Früchtchen mit dem Lied „Ausgerechnet Bananen“ ein literarisches Denkmal.

WAS MACHST DU MIT DEM KNIE, LIEBER HANS?

Fritz Löhner-BedaFriedrich Löhner wurde am 24. Juni 1883 als Bedrich Löwy im böhmischen Wildenschwert geboren. Die gutbürgerliche jüdische Familie zog vier Jahre später nach Wien. Beda bedeutet auf Tschechisch Fritz. So riefen ihn seine Eltern, und diesen Namen nahm er auch als Pseudonym an, als er als Gymnasiast seine ersten Gedichte veröffentlichte. 1908 promovierte Löhner zum Doktor der Rechte, übte seinen Beruf allerdings nie aus. Er hatte schon früh schriftstellerische Ambitionen und liebte die Unterhaltung, die sogenannte leichte Muse. Beda schrieb Gedichte und Kabarett-Sketche und machte sich auch bald als Schlagertexter einen Namen. Die Texte bestachen durch feine Ironie, charmante Zweideutigkeiten und höchste Reimkunst. Zur raschen Verbreitung trugen die neuen Medien Radio und Tonfilm  bei, und die Comedian Harmonists, die erste Boygroup der Welt, machten sie zu Hits mit ungeahntem Haltbarkeitsdatum. Wer kennt nicht „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans!“ (Musik: Richard Fall), „O Donna Clara! (Musik: Jerzy Petersbursky ) und „Ausgerechnet Bananen“ (Musik: Irving Cohn). Dieses Lied war eine äußerst freie Übertragung des englischen Songs „Yes, we habe noch Bananas“. Dass all diese Lieder in den 1990er Jahren ein Revival erlebten, ist nicht zuletzt Max Raabe und dem Palast-Orchester zu verdanken.

DEIN IST MEIN GANZES HERZ

Entscheidend für die steile Karriere von Löhner-Beda war die Begegnung mit dem Operettenkomponisten Franz Lehár. Dem ersten gemeinsamen Werk, „Der Sterngucker“, war zwar kein Erfolg beschieden. Aber schon beim zweiten Anlauf schafften Lehár und Löhner-Beda, der Ludwig Herzer als Co-Autor ins Boot holte, mit „Friederike“ einen Sensationserfolg. Den größten Triumph erreichte das Trio mit „Land des Lächelns“ (1929). „Dein ist mein ganzes Herz“ wurde zum berühmtesten aller Lieder die der Startenor Richard Tauber sang. Löhner-Beda widmete es seiner Frau Helene. Um in Lehárs Nähe zu sein, kaufte er sich in Bad Ischl die Villa Felicitas, die ehemalige Villa von Katharina Schratt. Dort pflegte der damalige Kaiser Franz Josef, wenn er in Bad Ischl auf Sommerfrische war, zu einem Gugelhupf und mehr einzukehren. (Übrigens: Zur Zeit steht die Villa wieder zum Verkauf frei!)

Auch viele dieser Operettenklassiker feiern wieder ein Revival. Im vergangenen Jahren erschienen CDs der Startenöre Jonas Kaufmann („Du bist die Welt für mich“) und Piotr Bezcala („Mein ganzes Herz“), die Werke von Franz Lehàr und somit auch Fritz Löhner- Beda zum Inhalt haben.

FREUNDE, DAS LEBEN IST LEBENSWERT!

Mit dem Komponisten Paul Abraham schrieb Löhner-Beda 1930 „Victoria und ihr Husar“, 1931 „Die Blume von Hawaii“, 1932 „Ball im Savoy“ und 1934 mit Franz Lehár „Giuditta“. Daraus stammt das Lied „Freunde, das Leben ist lebenswert!“. Es sollte die letzte Operette der beiden sein. Löhner-Beda erkannte nicht die tödliche Gefahr, die von Hitler, den er spöttisch den Tapezierer nannte, ausging. Freunde drängten ihn, das Land zu verlassen, doch er blieb. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 war es für Flucht zu spät. Mit dem 1. Prominenten-Transport wurde er in das KZ Dachau und dann nach Buchenwald deportiert. Unter den Häftlingen befand sich auf der Komponist  Hermann Leopoldi. Im KZ schrieben die beiden das Buchenwaldlied, eine Lagerhymne, die die Häftlinge beim täglichen Appell singen mussten. Ein Lied, von dem Löhner-Beda sagte, es wäre sein bestes gewesen.

EINMAL KOMMT DER TAG, DANN SIND WIR FREI!

Währenddessen hatte sein Name schon aufgehört zu existieren. Er wurde in das „Lexikon der jüdischen Musik“ aufgenommen und durfte, obwohl die Lieder und Operetten gespielt wurden, nicht mehr in den Programmen, Notenheften und Schallplattenetiketten aufscheinen. Löhner-Beda hoffte bis zuletzt auf Lehárs Fürsprache. Umsonst! Er starb am 4. Dezember 1942 in Auschwitz, ohne vom Tod seiner Frau und seiner beiden Töchter, die in einem KZ in Minsk ums Leben gekommen waren, erfahren zu haben. Weil er zu langsam arbeitete, wurde er von einem Mithäftling erschlagen. Die offizielle Todesursache lautete Altersschwäche. „Denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei“ – diese Zeile aus dem Buchenwaldlied ging für Fritz Löhner-Beda nicht in Erfüllung.

…UND PFEIFEN AUF DIE SITTSAMKEIT!

Wer mehr über das tragische Leben und das Werk von Fritz Löhner-Beda, Collage Jörg Hoffmann_2Löhner-Beda wissen will, kann dies in zwei Biographien nachlesen: „Kein Land des Lächelns“ von Barbara Denscher und „Dein ist mein ganzes Herz“ von Günther SchwarbergCharles Lewinksy verwandelte Bedas Leben in das berührende Theaterstück „“Freunde, das Leben ist lebenswert“. Christoph-Wagner-Trenkwitz, Chefdramaturg an der Wiener Volksoper, brachte den Gedichtband „Wie man sich trefft im Ampezzotal“ heraus, der längst vergriffene Texte von Beda beinhaltet.

Heuer setzten das Salzburger Vokalensemble Auftakt und der Wiener Schauspieler Alfred Pfeifer ein Herzensprojekt von mir in die Tat um. „…und pfeifen auf die Sittsamkeit!“ heißt die heiter-frivole Hommage an den verehrten Meister. Das Besondere an der CD: Einen Tonträger, der ausschließlich Werke von Fritz Löhner-Beda beinhaltet, gab es noch nie. „…und pfeifen auf die Sittsamkeit!“ – so heißt auch das Bühnenprogramm, das am 11. November wieder im kleinen theater in Salzburg zu sehen ist.