Wir geh’n durch die Zeit – Das aktuelle Musikvideo von Roland Kaiser

Über Marcel Brell, Celler Schule Jahrgang 2010, heißt es auf seiner Homepage: „Brells Lieder sind wie Filme im Kopf“. Kein Wunder: Denn Brell schreibt nicht nur Songs, er filmt auch! Im Oktober wurde das aktuelle Musikvideo von Roland Kaiser veröffentlicht. Und Brell hat es gedreht.

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„Andere denken in seinem Alter an Rente“, kommentiert MDR.de das jüngste Album, „Roland Kaiser legt mit 65 noch einmal so richtig los“. Am 20. Oktober erschien „stromaufwärts – kaiser singt kaiser“. Der Name ist Programm. Das Konzept: Neue Interpretationen seiner größten Hits.
„Es war eine sehr bewegende Reise zurück an die Quellen meiner musikalischen Laufbahn – immer stromaufwärts, da muss man manchmal rudern, manchmal geht es mit geblähtem Segel voran (Roland Kaiser / Marketing & Communikation Service).“
Mit dem Album feiert Kaiser gleichzeitig „seinen Einstand beim Sony Music-Label RCA Deutschland“, heißt es auf der Homepage des Schlagersängers.

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Das neue Album hat auch direkt sein erstes Musikvideo bekommen. Und zwar zu dem Song ‚Wir geh’n durch die Zeit‘ (Text: Anna Krabbe / Musik: Anna Krabbe & Frank Kretschmer):
„Die Jahre flogen wie ein Wimpernschlag vorüber und voller Staunen steh ich dir nun gegenüber…“
Kopfsteinpflaster und Altbauten. Ein Paar Arm in Arm unterwegs auf den Straßen der Stadt… Das Musikvideo begleitet die beiden durch die gemeinsamen Stunden sowie beim Revue passieren lassen ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Marcel Brell, sonst bekannt als Komponist und Sänger, Träger des Fred-Jay-Preises und nominiert für den Deutschen Musikautorenpreis (in der Kategorie Nachwuchs), hat diese klaren und gefühlvollen Bilder erschaffen.

Das Musikvideo ist „für echte Fans ein Muss“, behauptet schlager.de. Und auch für die, deren Herz nicht Schlager schlägt, ist „Wir geh’n durch die Zeit“ auf jeden Fall einen Klick wert.

 

 

 

 

[Foto von Roland Kaiser: Sandra Ludewig. Quelle: www.roland-kaiser.de;

Foto von Marcel Brell: Quelle: www.marcelbrell.de]

Juhu, berühmt! – Ach nee, doch nich'“ Unerhörte Abenteuer einer Musikerin

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Christin Henkel, Celler Schule Jahrgang 2013, war schon immer vielseitig: Sie vertont Filme, Werbung & Hörspiele, hat jüngst das Orchesterstück „Ein Sommer aus Stahl“ fertig gestellt und tourt mit ihrem Klavier-Kabarett-Programm durch Deutschland.
Jetzt hat sie auch noch ein Buch geschrieben! Und zwar über ein Thema, das sowohl für ihr Publikum als auch für uns KollegInnen interessant sein könnte.

In den Pressestimmen heißt es: „Ein Buch, das mehr über den aktuellen Kulturbetrieb aussagt als eine wissenschaftliche Untersuchung und dabei liebenswert unbekümmert bleibt (Eclipsed, 01.04.2017)!“

Christin Henkel hat ein Faible für Prokrastination, einen Hang zum Liebeskummer und einen tiefschwarzen Humor. Die junge Kabarettistin ist hochtalentiert, aber jenseits der Musik lauern die Fettnäpfchen. In „Juhu, berühmt! – Ach nee, doch nich‘.“ erzählt sie vom schweren Weg, sich selbst zu finden, vom seltsamen Treiben in der Musikbranche und davon, wie ein Label versuchte, aus ihr eine Helene Fischer zu machen. In ihren amüsanten Geschichten erzählt die Musikerin mit viel Gespür für Humor und Selbstironie, wie sie endlich ihre Nische findet: Einige meinen, es sei Klavier-Kabarett, die anderen sagen, sie sei Singer/Songwriterin, der nächste nennt es Chanson. Christin Henkel selbst nennt es „KlaKaSon“ – ein Mix aus Klavier, Kabarett & Chanson. Am Ende hat sie etwas, das ihr niemand nehmen kann und alle aus den Händen reißen: ihre erste eigene Platte „KlaKaSon“

Die Singer-Songwriterin, Musikerin und Kabarettistin war mit „Surflehrer Klaus“, der Burn-out hat und „Juhu verliebt! Ach nee, doch nich'“ zu Gast bei Nightwash, Sebastian Puffpaff oder Dieter Nuhr und verzaubert regelmäßig mit ihren zarten Tönen und sarkastischen Texten das Publikum.“

Doch trotz des kurvenreichen Weges der künstlerischen Selbstfindung, trotz der harten Realität des Kulturbetriebes jenseits der Verklärung von Scheinwerferlicht und Nebelmaschine, scheint das Plädoyer der Geschichten ein hoffnungsvolles zu sein. Die Münchner Abendzeitung schreibt: „Die beschriebenen Alltagsszenarien bringt die junge Musikerin feinfühlig mit viel Witz auf den Punkt und vermittelt ganz nebenbei, dass es sich doch lohnt an seine Träume zu glauben.“

Fini Busch im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Schützenliesl
Schützenliesl

Es war der erste Hit auf dem Münchner Oktoberfest, das Lied Schützen-liesl (Nachsatz: Dreimal hat’s gekracht), das 1953 auf der Wiesn seine Premiere hatte. Noch heute ist die Hymne auf die Kellnerin Coletta Möritz, die dank eines Ölgemäldes von Friedrich August von Kaulbach zum ersten Münchner Pinup-Girl wurde und Plakate, Krüge und Schützenscheiben zierte, im Repertoire einer jeden Oktoberfestkapelle. Den massen-tauglichen Text schrieben zur Musik von Gerhard Winkler (alias Ben Bern) Fred Rauch (alias Sepp Haselbach) und Fini Busch (alias Harry Sixt), die so wie die Schützenliesl auch ein Münchner Kindl war. Ihr ist dieses Porträt gewidmet.

GUTE-NACHT-LIED

Josefine Busch, genannt Fini, wurde am 18. Februar 1928 in München geboren. Sie wuchs als Tochter eines Postbeamten und einer Hausfrau mit fünf Geschwistern im Schlachthofviertel auf und bekam nach dem Besuch der Handelsschule 1945 aufgrund ihrer ausgezeichneten Englisch-Kenntnisse eine Anstellung bei Radio München, dem Vorläufer des Bayrischen Rundfunks.

Porträt Fini Busch
Fini Busch

Dort arbeitete sie in der Unterhaltungsabteilung bei Jimmy Jungermann. „Er hat mir ziemlich schnell freie Hand gelassen. Ich habe eigene Sendungen gemacht, Lieder ausgesucht und Zwischentexte geschrieben. Ich war ein Fan der amerikanischen Musik“, so Busch in einem Interview in dem Münchner Magazin zeitenweise. Ihr Talent als Textdichterin entdeckte Fini 1949 zufällig. Der Rundfunk suchte ein Gute-Nacht-Lied. Auf Anraten ihres Chefs („Das ist was für ein Mädel!“)reichte sie das anonymisierte Lied ein, das dann von einer Jury ausgewählt wurde.

SUGAR BABY

Das war der Beginn einer großen Autorenkarriere. Fini Busch war nicht nur die Jüngste in der Textdichterriege, sie war damals auch die einzige Frau. Gern verschanzte sie sich hinter meist männlichen Pseudonymen wie Harry Sixt, Inge Martens, Walter Kartis und Karl Kiesinger. Eine Vorschrift von Radio München aus dem Jahre 1951, dass nur fünf Lieder pro Woche gespielt werden durften, die von einem Rundfunkangestellten stammten, brachten die Hitschreiberin und den Programmdirektor Hanns Huber – Er und Fini waren mittlerweile ein Ehepaar in Turbulenzen. So verließ Fini 1953 den Radiosender, um sich ganz dem Schreiben (später auch ihren drei Kindern) zu widmen. Mit dem Komponisten Werner Scharfenberger, damals Pianist bei Max Greger, entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit. Ingesamt 400 Lieder sind entstanden.

v.l.n.r. Komponist Werner Scharfenberger, Sängerin Connie Francis, Fini Busch
v.l.n.r. Komponist Werner Scharfenberger, Sängerin Connie Francis, Fini Busch

Die Texte schrieb sie meist auf die Notenvorlagen. „Ich habe mich immer von der Musik beeinflussen lassen. Die Interpreten haben sich nie in meine Texte eingemischt,“ so Busch. 1500 Lieder sind es geworden. Hier eine kleine Auswahl: Franzl Lang sang die eingangs zitierte Schützenliesl, Peter Kraus Sugar Baby, Mit siebzehn und Va bene sowie gemeinsam mit Conny Sag mir was du denkst, Connie Francis Napoli und Meine Reise ist zu Ende, Ted Herold Moonlight und Hula Rock und Fred Bertelmann Bleib so, wie du bist. Auch Alice und Ellen Kessler, Gus Backus und Peter Rubin, der Fini Busch auch seinen Künstlernamen verdankt, ließen sich von ihr die Lieder schreiben.

SEEMANN, DEINE HEIMAT IST DAS MEER

Fernweh und Meer, Sehnsucht und Liebe – das waren in den Sechziger Jahren die sicheren Zutaten für ein erfolgreiches Lied. Aber dass ausgerechnet „Seemann“, gesungen von Lolita, ein Riesenhit wurde, der es sogar in englischer Übersetzung in die amerikanischen Hitparaden schaffte, überraschte dann doch alle Beteiligten. Fini Busch: „Werner Scharfenberger und ich wurden beauftragt, so ganz auf die Schnelle für Lolita ein Lied zu schreiben als B-Seite einer Schallplatte. Die A-Seite war fertig, sie hieß La Luna, und der Produzent sagte: ’Schreibt’s irgendwas hinten drauf, völlig wurscht.’ Er wollte die Platte möglichst rasch herausbringen, und so entstand der ‚Seemann’. Er wurde ein Hit, von La Luna hat man nie wieder was gehört.“ Das Lied wurde auch von Freddy Quinn, Heino und Andrea Berg gesungen. Die englische Version Sailor sang interpretiert von Petula Clark und landete an der Spitze der amerikanischen Charts.

EIN SCHIFF WIRD KOMMEN

Mit Ein Schiff wird kommen gelang Fini Busch der zweite große Wurf. Das Lied stammt aus dem griechischen Film Sonntags … nie! und wurde im Original von Melina Mercouri gesungen. Im Deutschen wurde der Text entschärft, indem das Hafenmädchen aus Piräus nicht auf Freier wartet, sondern auf die große Liebe. Ein kleiner Kniff, um die deutschen Gemüter nicht zu verschrecken. Am 9. September 1960 kam der Film in die deutschen Kinos, zwei Tage später stand die Sängerin Lale Andersen in Köln im Tonstudio, um die deutsche Version aufzunehmen, die Fini Busch in Windeseile geschrieben hatte. Unter Zeitdruck zu schreiben war wohl eine besondere Qualität von ihr. Bereits wenige Wochen später war das Lied die Nummer 1 der Hitparade. Über eine Million Singles wurden gekauft. Das Lied wird auch gerne gecovert. Es gibt mehr als ein Dutzend verschiedene Versionen, darunter von Caterina Valente, Dalida, Nana Mouskouri, Daliah Lavi und Andrea Berg.

An Ideen für neue Texte hätte es Fini Busch auch in den späten Jahren nicht gemangelt, aber die Musik entsprach nicht mehr ihrem Geschmack. So zog sich, wie ihr langjähriger Komponist Werner Scharfenberger, aus dem Showgeschäft zurück. Sie starb am 2. November 2001 in ihrer Heimatstadt. Ihre Tochter Gabriele Misch, Schauspielerin und Sängerin, setzt sich mit viel Engagement dafür ein, das Andenken an ihre Mutter zu bewahren. Ein Bühnenprogramm, in dem sie Werk ihrer Mutter interpretiert, trägt den Titel Sugar Baby.

Wolfgang Neukirchner im Porträt

Von Claudia Karner

Schlagertitel sind oPlatte Es gibt kein Bier auf Hawaiift Binsenweisheiten, die von Generation zu Generation weitergereicht werden: Liebeskummer lohnt sich nicht zum Beispiel oder Wunder gibt es immer wieder oder Tränen lügen nicht. Keine hat sich allerdings im Laufe der Jahre als so haltlos erwiesen wie Es gibt kein Bier auf Hawaii. Diese Behauptung, die jahrelang deutsche Männer von einem Urlaub auf der Südseeinsel abhielt, brachte der Pianist und Sänger Paul Kuhn 1963 in Umlauf.

Wolfgang Neukirchner hatte sich den Text zur Schunkelmusik von Jean Joseph Kluger ausgedacht. Und zwar unter dem Pseudonym Roeckelein. Bier gibt es schon seit 1889 auf Hawaii, das Lied ist aber 50 Jahre später noch immer ein Ohrwurm. Ein kühles Blondes auf den Texter!

HARLEM BLUES

Wolfgang Neukirchner und Paul Kuhn
Freunde fürs Leben: Wolfgang Neukirchner und Paul Kuhn

Wolfgang Neukirchner kam am 20. Dezember 1923 in Essen als Sohn von Rudolf Neukirchner und dessen polnischer Frau Helscha zur Welt. Sein Vater war Kammermusiker, seine Mutter klassische Sängerin. Wolfgang besuchte das Goethe-Gymnasium in Essen-Bredeney. Er lernte Flöte wie sein Vater, brachte sich später selbst Gitarre bei, entwickelte seine Liebe zum Jazz und Blues und gründete eine Musikgruppe, die „Band ohne Namen“. „Darüber, dass die Nazis die Musik abgelehnt haben, haben wir uns nie Gedanken gemacht“, sagte er in einem Interview für die Internet-Dokumentation  Jugend! (Deutschland 1918 -1945). „Schwierigkeiten haben wir deswegen nie bekommen.“ Nur seine Mutter schimpfte über die „Hottentottenmusik“. 1937/38 machte sogar ein Plattengeschäft in Essen, das ein eigenes Studio besaß, der Band das Angebot, eine Platte mit zwei Stücken aus ihrem Repertoire aufzunehmen. „Das war damals eine Sensation“, so Neukirchner. Harlem Blues, im Original gesungen von Mamie Smith, eines seiner damaligen Lieblingslieder, kam auch darauf.

SCHAFFE, SCHAFFE, HÄUSLE BAUE

Nach dem Krieg begann Neukirchner mit dem Jura-Studium in Bamberg. Sein Herz schlug aber für die Musik, und so zog er drei Jahre lang mit dem Studentenkabarett Die Amnestierten, in dem Ursula Noack (später Münchner Lach- und Schießgesellschaft)und Hanne Wieder auftraten, durch die Lande. Erst im letzten Abdruck beendete er sein Studium und wurde Richter am Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen. „Ich bin eben nur ein halber Bohemien, zur anderen Hälfte bin ich ein Spießbürger“, meinte er. Unter dem Motto „Morgens richten, abends dichten“ gestaltete er sein produktives Doppelleben.

Über Ralf Bendix, Schulfreund aus Essener Tagen, der eigentlich Karl-Heinz Schwab hieß und hauptberuflich Filialleiter einer amerikanischen Fluggesellschaft in Düsseldorf war, kam er ins Schlagergeschäft. Als Bendix einen Schallplattenvertrag erhielt, verfasste Neukirchner für ihn Texte. Einen Flop erlebte er gleich zu Beginn der Karriere mit der Übersetzung des amerikanischen Gospelsongs In the Beginning, zu deutsch: Es war im Anfang. Electrola-Produktionschef Nils Nobach, der auf Neukirchner große Stücke hielt („Er ist ein Dichter, der seine Lieder nicht mit dem Rechenschieber konstruiert“), erhoffte sich den gleichen Erfolg, den das Lied in den USA erzielte, stieß aber auf heftigsten Widerstand bei der evangelischen Kirche. 1957 war die Zeit noch nicht reif für deutschsprachige Gospels.

1964 schrieb Neukirchner für seinen Freund Bendix etwas Bodenständiges. Schaffe, schaffe, Häusle baue ist bis heute die heimliche Nationalhymne der Schwaben geblieben. Unter dem Motto „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“ verschanzte sich der korrekte Richter beim Texten hinter den Pseudonymen Sigi Mahr und Josua Röckelein, gemeinsam mit dem Komponisten und Arrangeur Erich Becht hinter dem Pseudonym Adolf von Kleebsattel. An die 200 Lieder sind entstanden u. a. für Udo Jürgens (Peppino), Bobbejaan (Ich steh an der Bar und ich habe kein Geld), Gitte, Rex Gildo, Cliff Richard, Ralf Bendix (Mein Freund Meier, mein Freund Lehmann und auch ich) und Paul Kuhn, der im Grund seines Herzens ein großer Jazzer war und eher widerwillig und nur aus kommerziellen Gründen den Gerstensaft besang.

BLAU BLÜHT DER ENZIAN

Ein Glücksfall für alle Beteiligte war 1965 die Begegnung von Wolfgang Neukirchner und Ralf Bendix mit Heinz-Georg Kramm. Dieser tingelte unter dem Namen Heino mit Seemannsliedern durch die Lande. Die beiden witterten Star-Potential und rieten Heino zu einem Imagewechsel. Was dabei herauskam, ist bekannt: ein markiger volkstümelnder Sänger und Lieder wie Jenseits den Tales, Blau blüht der Enzian, Karamba, karacho, ein Whisky und Schwarzbraun ist die Haselnuss, die der Spiegel als Wald- und Wiesenlieder abtat, bei vielen deutschen Schlagerfans aber große Begeisterung hervorrief. Verfasst wurden sie vom Kreativ-Duo Becht und Neukirchner, produziert von Ralf Bendix.

Richterkollegen und Rechtsanwälte hingegen hätten sich immer wortreich von der Musik distanziert, so Neukirchner, dann aber trotzdem um eine Heino-Platte mit Widmung „für die Mutter“ gebeten. Blau blüht der Enzian wurde 1972 zu einem von Heinos größten Hits. 15 Wochen lang konnte er sich in den Top Ten behaupten. Das Lied war so populär, dass es ein Jahr später Titelsong eines der wenigen noch produzierten Schlagerfilme wurde. Die äußerst erfolgreiche Zusammenarbeit mit Heino endete 1988. Der Grund dafür laut Neukirchner: Heinos Ehefrau, Prinzessin Hannelore von Auersperg, hätte sich immer mehr ins Geschäft eingemischt.Aus dem Musikbusiness hat sich der pensionierte Gerichtspräsident schon vor langer Zeit zurückgezogen. Nur für seinen Freund Paul Kuhn machte er eine Ausnahme und schrieb ein Lied über dessen spätes Hobby, das Golfen.

 

Am 16. Oktober 2017, knapp zwei Monate nach Veröffentlichung dieses Artikels, starb Wolfgang Neukirchner kurz vor Vollendung des 94. Lebensjahres in seiner Heimatstadt Essen. Er wurde auf dem Bredeneyer Friedhof beigesetzt.

Ade, Johanna Renate Wöhlke
die Celler Schule trauert um dich.

Liebe Johanna,
2003 haben wir uns kennengelernt. Damals warst du Teilnehmerin der Celler Schule. Vom ersten Tag an hatten wir beide einen Draht zueinander – du mit deiner fröhlichen Gelassenheit, deiner übersprudelnden Phantasie und geradezu unerschöpflichen Lebensfreude, um die ich damals noch oft kämpfen musste. Unser Kontakt hat sich über all die Jahre gehalten. Und deiner zur Celler Schule. Von unseren Abschlussfesten hast du dir kaum eines entgehen lassen und mit vielen unvergesslichen Fotos die Stimmungen eingefangen.

Du warst in unserem Netzwerk keine der Jungen, dafür hast du deine Begeisterung für die Celler Schule dort hingetragen, wo von uns keiner hinkam. Als du 2010 von deiner Krebserkrankung erfuhrst, bist du mit einem tapferen Lächeln in die Behandlungen gegangen und hast danach von deiner schicken Perücke geschwärmt.Johanna Renate Wöhlke
Es sah alles so gut aus, die Chemo hast du hinter dich gebracht, deine aufmüpfigen Locken wuchsen wieder. Und du hast entschieden, sie nicht mehr zu färben.
So fröhlich konnte grau sein.
Und dann – am 2. April 2011 bekam ich von dir die Nachricht: „Ich bin gesund, mehr später!!!!!!!!!!!! KUSS
Und doch kam es anders.
Zu unserem letzten Abschlussfest bist du „aus gesundheitlichen Gründen“ nicht gekommen, zum 20-jährigen Jubiläum auch nicht.
Ende November im vergangenen Jahr bekam ich auf facebook die letzte Nachricht von dir. Vorgestern dann hat mich auf Umwegen die Post von deiner Familie erreicht. Am 15. Juni bist du gestorben.
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Als unsere Kollegin Christiane Weber 2012 starb, mailtest du mir folgenes:
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„…keiner kann länger hier sein als seine Lebensuhr ihm gibt. Edith: TROTZALLEDEM! Ich weiß, wovon ich rede…jeder Tag zählt…jeder Tag – und am Ende die Erinnerung an die guten und schlechten gelebten Tage. Das ist unser Leben, so ist es…Ihr habt Euch gekannt, gehabt und seid ein Stück Weges miteinander gegangen. Das war schön! Wie schön, Freunde zu haben und gehabt zu haben! Wie schön zu leben und gelebt zu haben! Wie schön, ein Teil dieser Welt zu sein und gewesen zu sein…“

 

Liebe Johanna, auch du warst ein Teil, ein ganz besonderer Teil unserer kleinen Celler-Schule-Welt. Du wirst uns fehlen, und doch bleibst du.
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Und das Lied, ein ganz besonderes Lied, das du 2003 mit Rainer Bielfeldt zusammen geschrieben hast, soll dich begleiten.
SEIFENBLASEN

Irma Holder im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Irma Holder
Irma Holder, (Bild: GEMA)

Das ist das 25. Porträt der Reihe „Wer schreib denn eigentlich…?“. Höchste Zeit, eine erfolgreiche Textdichterin vorzustellen! Eine, die in dieser von Männern dominierten Branche seit 46 Jahren den Herren der Schöpfung zeigt, wie’s geht: Irma Holder.

Ein Leben wie ein Schlagertext: Du bist ein Phänomen! So lässt sich die Biographie von Irma Holder zusammenfassen. (Auch wenn der zitierte Titel von ihrer Kollegin Kristina Bach stammt). Seit den 1970er Jahren sprudeln aus ihr unaufhörlich Schlager- und volkstümliche Liedtexte wie aus einem artesischen Brunnen. An die 1000 Lieder sind es mittlerweile geworden. Kaum zu glauben: Mit 76 (!) Jahren schrieb sie gemeinsam mit Andrea Berg den Mega-Hit Du hast mich tausend mal belogen. Das war 2001. Heuer bekam sie den Deutschen Musikautorenpreis der GEMA in der Kategorie Schlager verliehen.

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Kurt Hertha im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Es ist wieder mal so weit. Der Mai ist gekommen. Da schlagen nicht nur (Vorsicht!) die Bäume aus, nein, da wagen auch scharenweise romantische Bräute den Gang zum Traualtar in Seide, Tüll und Spitze – ganz in weiß. So wie schon vor 51 Jahren von Roy Black besungen. Die Musik zu diesem Kassenschlager, der 2,5 Millionen Mal verkauft wurde, stammt von Rolf Arland, der Text von Kurt Hertha.

 

„ICH MÖCHT GERN AN BIERSEE…“

Kurt Hertha wurde am 2. Mai 1926 im oberfränkischen Gestungshausen bei Coburg geboren. Er trug zwar den Namen eines bekannten Hamburger Fußballvereins, zog aber die Musik dem Kicken vor. Hertha erlernte Violine und Klavier zu spielen und wurde im Zweiten Weltkrieg – gerade mal achtzehn Jahre alt – Funker, der an die 1000 Funksprüche absetzte und dazu noch ein paar freche Bemerkungen gegen das Nazi-Regime. Diese brachten ihm den Vorwurf der Wehrkraftzersetzung ein. Nur mit viel Glück entkam er einer Internierung in ein Straflager, weil er als frontnaher Unterhaltungsmusiker tätig war. Nach Ende des Krieges stand Herthas Berufsziel fest: IMM (Irgendwas mit Musik). Er spielte als Gitarrist bei den 3 Jools (mit Fritz Jool am Akkordeon und Richard Hacker am Kontrabass) und schrieb kabarettistische Texte für den Bayrischen Rundfunk, so auch das parodistische Lied Pack den Badenweiler aus.3 Jools Kurt Hertha
1955 komponierte und textete er die Lobeshymne auf den Gerstensaft Ich möcht’ gern an Biersee, die der bayrische Jodlerkönig Franzl Lang bekannt machte. Das Lied wurde die Nummer 1 auf dem Münchner Oktoberfest und sorgt auch 60 Jahre danach dort noch immer für ausgelassene Schunkellaune.

GANZ IN WEISS

Als Hertha feststellte, dass es mehr gute Komponisten als Textdichter gab, verlegte er sich ganz aufs Schreiben. Sein Durchbruch gelang ihm 1961 mit Tanze mit mir in den Morgen, mit dem sich Gerhard Wendlandt in die Herzen der Damenwelt sschmeichelte. Erfolg bedeutete damals – in Zahlen ausgedrückt – mehr als eine Million verkaufter Schallplatten. Von nun an hatte Kurtchen, wie ihn der Komponist Christian Bruhn nannte, viel zu tun. Mit ihm verband ihn nicht nur eine kongeniale Zusammenarbeit, sondern eine lebenslange Freundschaft, wie Bruhn in seinen Lebenserinnerungen Marmor, Stein und Liebeskummer erzählt. Neben Gerhard Wendlandt verfasste Hertha Texte für Petula Clark (Monsieur und Casanova Baciami), Ralph Bendix, Zarah Leander, das Medium Terzett sowie Gitte Haenning, die sich damals nur Gitte nannte, Bernd Spier und den singenden Eisschnellläufer Manfred Schnelldorfer. Für Franz Beckenbauer, damals noch 21 Jahre alt und Held der Fußball-WM in England, schrieb er Gute Freunde kann niemand trennen und für Gilbert Becaud die deutsche Fassung von Nathalie. Ganz in weiß1965 gelang Hertha mit einem Schmusesong der ganz große Coup. Und das zu seiner Zeit, wo die sogenannte Beatwelle rollte. Ein Schild im Schaufenster eines Brautmodensalons hatte ihn zu jenem Lied inspiriert, das Roy Black zum Star machte: Ganz in Weiß. 

Du KANNST NICHT IMMER SIEBZEHN SEIN

In den 1970ern legte Hertha noch einen Zahn zu und schrieb 33 Hits. Die Liste der Künstler ist lang und unvollständig und umfasst u. a. Bata Ilic, Christian Anders, Wencke Myhre, Nana Moskouri, Adamo, Katja Ebstein, Freddie Breck, Iwan Rebroff, Ireen Sheer und Jürgen Marcus. Für Chris Roberts schrieb er Du kannst nicht immer siebzehn sein und Die Maschen der Mädchen und für Freddy Quinn (damals Freddy) die deutschen Fassung des Hits der George Baker Selection Morning Sky. Der Versuch 1976 beim Eurovision Song Contest, der noch Grand Prix de la Chanson hieß, zu punkten, scheiterte. Der Sing Sang Song, interpretiert von den Les Humphries Singers, erreichte nur den 15. Platz.

Kurt Hertha, der sich auch hinter dem Pseudonym Felix Prost verbarg, war ein Vielschreiber. 1300 Titel sind es im Laufe seines Lebens geworden. Sogar Kurt Herthaein Weihnachtslied von Robert Stolz ist darunter. Er vertonte Herthas Gedicht Es blüht eine Rose zur Weihnachtszeit. 1998 holten Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe das Lied Halte fest den, der dich liebt aus der Versenkung, das im Original in den 1970er Jahren von Michael Holm gesungen wurde, der auch als Co-Autor fungierte. Das war eine der letzten Veröffentlichungen eines Textes von Kurt Hertha. Danach widmete sich das Ehrenmitglied der GEMA seiner großen Leidenschaft, der Astronomie. Die ging so weit, dass er sich auf das Dach seines Haus in Grünwald bei München eine Sternwarte bauen ließ. Der Glanz der Goldenen und Platin-Schallplatten war ihm offensichtlich nicht genug.

Kurt Hertha starb am 8. Juli 2007 im Alter von 81 Jahren. Er fand am Waldfriedhof in Grünwald die letzte Ruhestätte, dort wo auch Joachim und Thomas Fuchsberger sowie Max Greger begraben sind. Dem Abschied von dieser Welt sah der ambitionierte Sternengucker gelassen entgegen. Und kommt für mich die letzte Nacht, sind keine Tränen angebracht, weil meine Seele quietschvergnügt von einem Stern zum andern fliegt.

Neue CD von Sylvia – Die Unvollendete

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

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Sylvia – Die Unvollendete

Was kann einen himmelblauen Frühlingstag noch schöner machen? Ein Päckchen aus Berlin. Darin die neue CD der Musikkabarettistin und Chansonsängerin Sylvia – Die Unvollendete. Nach „Fang nichts mit deinem Pianisten an“ legt die ExCELLEntin (Jahrgang 2007) ihr 2. Album mit dem Titel „Egoisten müssen zusammenhalten“ vor.

Ist Ihnen dieses Phänomen vertraut? Sie lernen jemanden kennen und möchten gerne mehr über ihn erfahren. Gespannt werfen Sie die Suchmaschine Ihres Vertrauens an und stalken dem Objekt Ihrer Begierde virtuell hinterher. Sylvia tut es auch. „Ich hab dich gegoogelt heut Nacht“, gesteht sie mit leicht frivoler Stimme auf dem 1. Lied der CD, einem Lied, das man nicht mehr aus dem Ohr kriegt und das mit einer wunderbaren Pointe endet. Ein toller Einstieg! Dass die Chansons eine unerwartete Wendung nehmen, ist neben den witzigen, unverbrauchten und durchwegs perfekten (von wegen unvollendet!) Reimen eine Spezialität von Sylvia. Erstaunlich, was die Frau alles auf dem Kasten hat: Sie schreibt nicht nur die Texte, sondern auch die Melodien selbst, die – durchaus beabsichtigt – wie aus der Zeit gefallen klingen. Das macht eine ganze besondere reizvolle Mischung aus. Ihre musikalischen Vorbilder wie Friedrich Hollaender und Georg Kreisler sind unüberhörbar.

Der Bogen der Themen ist weit gespannt. Mal gibt sich Sylvia – Die Unvollendete mit entzückender Berliner Schnauze (n)ostalgisch („Wenn noch DDR wär“), mal nimmt sie den zeitgeistigen Lifestlye auf die Schippe („Nimm doch ’nen Nerd“, „Du bist fest und ich bin frei“ und „Wer kennt wen?“). „Das Bett von Jeannette“, in dessen Matratze noch Licht brennt (Was für eine köstliche Formulierung!) endet in einem Furioso. Regisseur und Chansonsänger Jo van Nelsen attestiert dem Lied absolute Kreisler-Qualitäten in Text und Melodie.

„Fang nichts mit deinem Pianisten an“, riet Sylvia – Die Unvollendete auf ihrer ersten CD. Nun hat sie es doch wieder getan. Der Mann am Klavier ist Peter André Rodekuhr, der auch zwei Duette mit der Chansonette singt. Egoisten müssen zusammenhalten. Zumindest für die Dauer von 14 Liedern. Die CD gibt es auf Amazon, I-Tunes und GooglePlay.

 

 

 

 

 

 

 

Eckart Hachfeld im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Vierzig Jahre sind es her, dass Mathilde, Ottilie, Marie und Liane, das Damenkränzchen in der Konditorei ums Eck, das erste Mal zum Sturm auf das Kuchenbuffet bliesen. Udo Jürgens hat ihren genüsslichen Schlachtruf Aber bitte mit Sahne! unvergessen gemacht. In den Mund gelegt wurde ihm dieser von dem satirischen Multitalent Eckart Hachfeld. – Ein Porträt mit Sahnehäubchen.
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VOM OFFIZIER ZUM SATIRIKER
Eckart Hachfeld wurde am 9. Oktober 1910 als Sohn eines Offiziers in Lothringen, das damals zu Deutschland gehörte, geboren. Er besuchte das Gymnasium in Mannheim und studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg, Leipzig und Kiel. Nach der Promotion 1935 arbeitete der Jurist u. a. als Anzeigen- und Werbeleiter und war im Zweiten Weltkrieg als Offizier im Einsatz. Er kam in englische Kriegsgefangenschaft, wo er – man glaubt es kaum – sein humoristisches Talent entdeckte und eine Kabarett-Truppe namens Waschbrettl um sich scharte. 1946 ließ sich Hachfeld mit seiner Frau Erika Levin und seinen drei Söhnen Eckart, Rainer und Tilman in Hamburg nieder und startete als Kabarett-Texter durch. Er schrieb für die Bonbonniere in Hamburg, die Mausefalle in Stuttgart sowie die Stachelschweine in Berlin, wurde Hausautor im Düsseldorfer Kom(m)ödchen und machte Wolfgang Neuss zum ,Mann an der Pauke’. Hachfeld galt als kreativster Satiriker des Wirtschaftswunders. Sammy Drechsel von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft bezeichnete ihn als Kaiser unter den Kabarett-Textern. Auch viele Sendungen in Radio und Fernsehen trugen seinen satirischen Stempel.
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AMADEUS GEHT DURCHS LAND
Ein neues Kapitel schlug der vielseitige Texter, der nach Berlin übersiedelt war, 1951 auf, als er für Die Welt eine gereimte wöchentliche Zeitsatire mit dem Titel Amadeus geht durchs Land verfasste. Sein Wechsel zum Stern zehn Jahre später hatte einen unerfreulichen Rechtsstreit zur Folge, den der Autor aber gewann. Bis 1990 nahm Amadeus Woche für Woche seine Landsleute aufs Korn. An die 2000 Glossen sind es geworden. Sie erschienen auch in Buchform, ebenso wie eine Neufassung des Struwwelpeters. Sohn Rainer, der als Karikaturist arbeitete, steuerte die Zeichnungen bei. Auch als Drehbuchautor machte sich Hachfeld einen Namen. Die Liste der Filme ist lang. Unvergessen sind Der Pauker (1959, mit Heinz Rühmann), Was eine Frau im Frühling träumt (1959, mit Winnie Markus), Ich zähle täglich meine Sorgen (1960, mit Peter Alexander), Der letzte Fußgänger (1960, mit Heinz Erhardt) Kohlhiesls Töchter (1962, mit Lieselotte Pulver) und Was ist denn bloß mit Willi los? (1970, mit Heinz Erhardt). Noch heute tauchen die einstigen Kassenschlager im Samstagsnachmittagsprogramm im Fernsehen auf.
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ABER BITTE MIT SAHNE
Am meisten im Gedächtnis geblieben sind aber Hachfelds Schlagertexte. 1970 kontaktierte Udo Jürgens’ Manager Hans R. Beierlein den Autor auf der Suche nach gesellschaftskritischen Liedern. Lieb Vaterland war ein Wagnis, das zahlreiche Diskussionen auslöste. Soviel Provokation wollten die meisten Udo-Fans dann doch nicht hören und auch die Radiostationen wie Radio Luxemburg nicht, die das Lied boykottierten. Versöhnlicher stimmte das Lied Zeig mir den Platz an der Sonne, das Udo Jürgens im August 1971 im Berliner Olympiastadion vor 75.000 Zuhörern als Hymne der Deutschen Fernsehlotterie präsentierte. Den Vogel schoss Hachfeld eindeutig mit Aber bitte mit Sahne ab. Das Lied erschien 1976, wurde 1977 in den Diskotheken zum Superhit und ist heute noch ein unverwüstlicher Oldie. Insgesamt 18 Lieder schrieb Hachfeld für Udo Jürgens. Französisch singende Stars wie Dalida (Er war gerade achtzehn Jahr), Adamo, Gilbert Becaud und Charles Aznavour belieferte er mit deutschen Texten. Auch die Übersetzung von Stephen Sondheims Song Send In The Clowns aus dem Musical A Little Night Music (Wo sind die Clowns) stammt aus seiner Feder.

AUF DEM WALK OF FAME

Eckart Hachfeld drängte sich nie ins Rampenlicht. „Mein Vater verstand sich als Handwerker, nie als Künstler“, sagte sein Sohn Tilman, ein Theologe, in einem Interview. Und sein Sohn Eckart, der Gründer des Berliner Gripstheaters, der den Künstlernamen Volker Ludwig trägt, meinte: „Jeder deutsche Fernsehzuschauer und Rundfunkhörer kennt Texte von ihm, auch wenn er in der Regel nicht weiß, wie der Autor heißt“.

Der Ruhm war bereits verblasst, als der „Text-Kaiser“ am 5. November 1994, wenige Wochen nach seinem 84. Geburtstag, nach einem Herzinfarkt starb. Die Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze, behauptete Schiller. Dem Textdichter auch nicht, füge ich hinzu. Für Satiriker jedoch fällt manchmal ein Stern ab. So auch für Eckart Hachfeld. Ein Stern auf dem Walk of Fame des Kabaretts in Mainz trägt seinen Namen.

Ein Prosit der Gemütlichkeit – Bernhard Dietrich im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)
„Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit, ein Prosit, ein Pro-o-sit der Gemütlichkeit…“ Das ist der Allzeit-Wiesn-Hit schlechthin. An die neun Millionen Menschen besuchen jährlich das Münchner Oktoberfest, das größte Bierfest der Welt, kurz Wiesn genannt. ein-Prosit-der-GemuetlichkeitWer jemals dort in einem Bierzelt auf den Bänken tanzte, der weiß: An diesem Lied kommt keiner vorbei. Auch wenn die Bayern das gar nicht gerne hören: Das Loblied auf die Gemütlichkeit schrieb ein Sachse, Bernhard Dietrich aus Chemnitz.
OANS, ZWOA, DREI, GSUFFA
Du lieber Herr Gesangsverein! Es muss wohl Ende des 19. Jahrhunderts gewesen sein, dass Bernhard Dietrich diese epochalen Zeilen für seine Sangesbrüder verfasste. Viel ist nicht aus seinem Leben bekannt. Er war von 1860 bis 1896 Mitglied des Jakobs-Kirchenchores in Chemnitz, sang bei einem nach ihm bekannten Doppelquartett und betätigte sich, wie aus dem Chemnitzer Stadtarchiv hervorgeht, neben seiner Arbeit als Prokurist als Komponist. Seine Hymne auf die Gemütlichkeit fand bei den Männerchören Gefallen und wurde in alle Richtungen getragen, so auch nach München auf das Oktoberfest. Dort wurde es mit einem Schlachtruf „Oans, zwoa, drei, gsuffa!“ von den Bayern ergänzt. Die Idee dazu dürfte aus dem nicht minder berühmten Lied „In München steht ein Hofbräuhaus“ stammen, das von Wilhelm „Wiga“ Gabriel (Musik) und Klaus Siegfried Richter (Text) verfasst wurde. Heute werden mit jedem Prosit, das vom jeweiligen Kapellmeister mit einem „Die Krüge hoch, die Krüge hoch!“ eingeleitet wird, die Bierzeltbesucher zum Griff zum Maßkrug ermuntert. Und diese kommen der Aufforderung gerne nach. Bis 3000 (!) Euro sollen dabei in die Kasse des Wiesn-Wirts gespült werden, geht das Gerücht. Was die Wiesn-Wirte allerdings heftigst dementieren.

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Foto: Die Krüge hoch! ©Exithamster

DIE KRÜGE HOCH, DIE KRÜGE HOCH!
Der Komponist Bernhard Dietrich hingegen ging leer aus. Er konnte den Siegeszug seines Liedes nicht mehr erleben und starb 1902. Seine Sangesbrüder attestierten ihm in der Traueranzeige edle, unvergessliche Charaktereigenschaften. „In seinen köstlichen Liedergaben wird sein Andenken bei uns stets fortleben.“ Dass zumindest eine dieser musikalischen Köstlichkeiten unsterblich wurde, dafür sorgte Georg Lang, ein fränkischer Gastwirt. Er revolutionierte das Münchner Oktoberfest, in dem er – durch einen geschickten Schachzug – fünf Buden anmietete und mit Planen überdachte. So entstand das erste Bierzelt. Und weil es in den Zelten immer so laut herging und die Musikkapelle kaum zu hören war, teilte man beim Eingang Liedtexte aus, damit die Besucher mitsingen konnten.

SÜSSER DIE TANTIEMEN NIE KLINGEN…
Lauthals im Bierzelt zu mitzusingen, dieser Brauch hat sich bis in unsere Tage erhalten. bildAber was macht einen heutigen Wiesn-Hit aus? „Die Melodie muss ins Ohr gehen und der Text darf nicht zu kompliziert sein. Zumindest der Refrain muss von allen mitgegrölt werden können. Oder wenigstens eine Zeile“, sagt Walter Bankhammer, der Kapellmeister der Niederalmer. Und der muss es ja wissen, schließlich spielt seit 20 Jahren mit seiner Showband im Schützen-Festzelt auf. Sein Tipp für den Wiesn-Hit 2016? „Lulapalu“ von Andreas Gabalier oder „Ham kummst“ von Seiler und Speer. Die drei Herren dürfen sich – gemäß dem Motto: Süßer die Tantiemen nie klingen… schon jetzt die Hände reiben.

 

 

Ex-CELLE-nter Doppelerfolg beim Textwettbewerb Traulieder!

Julia Hagemann
Julia Hagemann

Ilona Boraud

Neue Texte zu bekannten Kirchenliedern suchte die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und schrieb 2015 den Wettbewerb „Texte für Traulieder“ aus. In den folgenden Monaten wurden aus 128 Einsendungen drei Gewinnertexte ausgesucht – und gleich zwei davon stammen von Ex-CELLE-ntinnen!
Julia Hagemann überzeugte mit ihrem – so die Jury – „unkonventionellen“ Text „Dein liebster Mensch steht heut vor dir“ auf die Melodie von „Geh aus mein Herz“.

Ilona Boraud gewann bei der Melodie „Großer Gott, wir loben dich“ mit dem Beitrag „Eure Liebe“. Die Jury lobte den „bilderreichen“ und „leicht eingängigen“ Text.
Die vollständigen Texte sind hier zu lesen:
Die Gewinnertexte werden mit jeweils 300 Euro prämiert und in das neue Beiheft  zum Gesangbuch der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck aufgenommen. Am 10. September 2017 findet in Marburg ein feierlicher Gottesdienst statt, in dem das Beiheft der Öffentlichkeit übergeben wird und die Preisträgerinnen offiziell gewürdigt werden.

Günter Loose im Porträt

Günther Loose -V-
– Günter Loose –

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

In Kürze geht der Eurovision Songcontest 2016 über die Bühne. Deutschland schickt Jamie-Lee Kriewitz nach Stockholm. Ob das Manga-Mädchen mit dem Titel Ghost einen Blumentopf gewinnen kann? Seit 1970 wissen wir: Wunder gibt es immer wieder! Damals landete Katja Ebstein mit diesem Titel auf Platz 3 und erreichte die bis dato beste Platzierung beim ESC, der damals noch Grand Prix de la Chanson hieß. Die Musik schrieb Christian Bruhn, den Text Günter Loose, dem das heutige Porträt gewidmet ist.

EIN KLEINER NEGERJUNGE TRÄUMT VON EINER SCHNEEBALLSCHLACHT

Rudolf Günter Loose wurde am 5. Februar 1927 in Berlin geboren, wo er auch seine Jugend verbrachte. Sein Interesse galt schon im Gymnasium der Unterhaltungsmusik und dem Jazz, er studierte aber auf Wunsch seines Vaters fünf Semester Medizin. Nach dem Studienabbruch trennte er sich von seinem ersten Vornamen und startete mit Schulfreund und Jazz-Kumpel Klaus Hübner ein ehrgeiziges Projekt. Er gründete eine Gastspiel-Direktion für Jazz. „Bei unseren Jam-Sessions machte Paul Kuhn seine ersten Schritte – wir allerdings nach zwei Jahren unsere letzten“, notierte Loose in seinen Erinnerungen im Booklet zur CD-Sammelbox „Meine Lieder – meine Texte“. Nach dieser Pleite versuchte er sich als Lesezirkel-Vertreter, Regieassistent und klinkenputzender Schlagertexter. Erstmals auf offene Ohren stieß er bei dem Komponisten Gerhard Honig, Musikredakteur des Deutschlandsenders, der im Osten der damals noch nicht geteilten Stadt Berlin ansässig war. Ein kleiner Negerjunge träumt von einer Schneeballschlacht, so lautete der Titel und wurde von der dunkelhäutigen Leila Negra gesungen. Von nun an ging’s bergauf. In Ostberlin entwickelte sich eine gedeihliche Zusammenarbeit mit dem Komponisten Gerd Natschniski, die bedauerlicherweise durch den Bau der Berliner Mauer ein Ende fand. Loose textete u. a. für den DDR-Star Bärbel Wachholz.

ITSY BITSY TEENY WEENY HONOLULU STRANDBIKINI

Den Durchbruch in der Bundesrepublik erlebte Günter Loose 1959 mit dem Song Ein Mädchen mit 16, gesungen von Conny Froboess. Das brachte ihm die erste Hitparadenplatzierung ein. 1960 verschaffte Loose mit Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strand Bikini Catarina Valente den Sommerhit des Jahres. Jedes neue Freddy Quinn-Lied bedeutete damals eine Goldene Schallplatte. Deshalb suchte Loose den Kontakt zu Freddys Komponisten Lotar Olias. So entstanden Du musst alles vergessen, La Guitara Brasilana und Irgendwann gibt’s ein Wiedersehen. Durch Olias lernte Loose James Last kennen, mit dem er Eine ganze Nacht (Games that Lovers play) verfasste, der von über 100 Interpreten in der Welt gesungen wurde. Loose schrieb für alle Schlagergrößen seiner Zeit: Rex Gildo, Vicky Leandros, Ireen Sheer, Bata Ilic, Ricky Shayne und Ted Herold sowie die ehemaligen Eislaufstars Marika Kilius und Hans Jürgen Bäumler. Auch ausländische Stars wie Johnny Cash, Chris Andrews, Paul Anka, Cliff Richard und Adamo kamen nicht an Loose vorbei. Er übersetzte deren Hits ins Deutsche.

MARMOR, STEIN UND EISEN BRICHT

Die erste Begegnung mit dem Komponisten Christian Bruhn dauerte zwei feuchtfröhliche Tage und Nächte. Zum Schreiben und Komponieren kamen die beiden nicht. „Aber wir entdeckten unsere gemeinsame Liebe zum Jazz, und das machte uns zu Freunden“, so Loose. Keine schlechte Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. So entstand für Drafi Deutscher Marmor, Stein und Eisen bricht (Wegen des grammatikalisch falsch gebrauchten Verbs durfte das Lied in Bayern nicht im Radio gespielt werden), für Manuela Ich geh’ noch zur Schule und für Roberto Blanco Ein bisschen Spaß muss sein. Dieser Titel war auch Looses Lebensmotto. „Ohne Spaß läuft gar nichts“, sagte er. „Mir wäre kein Text eingefallen, viele schöne Lieder wären nie entstanden, und ich wäre nie bei diesem Beruf geblieben, der mir viel mehr als nur ein bisschen Spaß bereitet hat“.

WUNDER GIBT ES IMMER WIEDER

Eines Abends im Jahr 1970, kurz vor Einsendeschluss zum Grand Prix d’Eurovision de la Chanson (der heute Eurovision Songcontest heißt) in Amsterdam rief Günter Loose Christian Bruhn an: „Du, wir haben da noch eine angefangene Country-Nummer, die heißt Wunder gibt es immer wieder. Die sollten wir einreichen. Mach‘ eine schöne Festival-Musik dazu, vielleicht etwas langsamer, bedeutender, ich kann ja den Text ändern, wenn’s nötig ist“, erinnerte sich Bruhn in seiner Biographie „Marmor, Stein und Liebeskummer“. Innerhalb weniger Stunden schrieb er eine Melodie mit einem gewaltigen, spannungsgeladenen Intro, dazu ein Arrangement mit Bigband und Streichern. Das Ergebnis ist bekannt. Katja Ebstein holte sich den 3. Platz beim Grand Prix. Es war aber auch der Startschuss für eine jahrelange enge Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten und der Sängerin, die 1972 in eine Ehe mündete. Das Lied wurde in viele Sprachen übersetzt und auch oft gecovert, u .a. von Guildo Horn, Karel Gott und Deborah Sasson.

WELCHE FARBE HAT DER SONNENSCHEIN?

Apropos Songcontest: 1984 wollte es Loose noch einmal wissen. Für die Formation Rainy Day verfasste er Text und Musik zu Welche Farbe hat der Sonnenschein, den Schweizer Beitrag für Luxemburg. Das Lied landete auf Platz 17, und Loose beendete seine höchst erfolgreiche Karriere als Textdichter. 3000 Lieder hatte er geschrieben, darunter auch unter dem Pseudonym Peter Berling, was wohl als eine Reminiszenz an seine Heimatstadt gedacht war. Bis 2002 betrieb Loose in Zürich eine Künstleragentur. Er starb am 3. Oktober 2013 im Alter von 86 Jahren in der Schweiz. „Was kann dem Künstler Besseres passieren, als dass seine Werke ihn überleben. Und das ist Dir gelungen, lieber Rudi. Hab Dank!“, schrieb Christian Bruhn in einem Nachruf.