„Freiheit über alles lieben“(Beethoven): ExCellentin trifft Egmont

Von Turid Müller

 

Beate Haeckl, Celler Schule Jahrgang 2003, war schon damals – als Texterin, Autorin und Sprecherin – in vielen verschiedenen kreativen Gewässern unterwegs. Im letzter Zeit hat sie sich vermehrt dem Musiktheater zugewandt. So wurde 2015 am Théâtre de la Monnaie in Brüssel die Oper „Penthesilea“ nach Heinrich von Kleist uraufgeführt, für die sie als Librettistin mit dem französischen Komponisten Pascal Dusapin zusammenarbeitete. Als Dramaturgin wirkte sie letzthin an der Musiktheaterproduktion „Egmont“ in deutscher Sprache mit. Die Herausforderung bestand darin, das fünfaktige Drama von Goethe auf ein angemessenes Maß zu reduzieren, sowohl was die Besetzung als auch die Dramaturgie betrifft. Im Verlauf dieser zweijährigen Arbeit entstand eine Bühnenfassung, die auch einem französischen Publikum zugänglich sein sollte.

 

Fotograf: Knut Stritzke

 

Egmont! Das heißt: Beethoven bzw. Goethe! – Ein alter Schinken?
Nicht in der Pariser Inszenierung von 2017:
„Laurence Equilbey [Dirigat] und Séverine Chavrier [Regie] hatten den Wunsch, dem Werk der beiden Genies seinen ganzen Einfallsreichtum und seine Aktualität zurückzugeben, indem sie sich den Herausforderungen der Erzählung dieses vielschichtigen Stücks stellten. Hierfür haben sie gemeinsam mit der Dramaturgin Beate Haeckl eine besondere Form gewählt, die Musik, gespieltes und gefilmtes Theater und das Geschehen aus der Sicht zweier Hauptpersonen, Klara und Ferdinand, auf der Bühne vereint,“ ist in einem Paper des insula orchestras zu lesen.

 

Das Orchester spielte die von Goethe zu seinem Drama „Egmont“ in Auftrag gegebene symphonische Zwischenmusik von Beethoven, Séverine Chavrier inszenierte das auf fünf Personen reduzierte Stück in deutscher Sprache. Die Uraufführung fand im Konzertsaal der Seine Musicale auf der Ile Seguin im Südwesten von Paris statt. Der große Kulturkomplex wurde Anfang 2017 erst eingeweiht.

Die Produktion ging in Frankreich auf Tournee; im Dezember 2017 gastierte sie im Theater an der Wien.

 

Orchesterdirigentin Laurence Equilbey bringt die Besonderheit der Herangehensweise auf den Punkt: „Beethovens Bühnenmusik drängt nach Freiheit und dient dem Drama und Egmonts Welt auf prachtvolle Weise. Sie lässt uns abwechselnd seine Liebe für das Leben, sein Heldentum, seine Trauer bei Klaras Tod und die Exaltiertheit bei der triumphalen Sinfonie zum Abschluss verspüren, als Egmont für die Freiheit seines Volkes alles opfert.
Wird diese Musik allein, unabhängig von Goethes Stück gespielt, klingt sie nicht so, wie sie eigentlich sollte. Deshalb haben wir mit Séverine Chavrier und Beate Haeckl beschlossen, eine besondere Form zu schaffen, ein gefilmtes und auf der Bühne gespieltes Theater, das die wichtigsten Momente des Stücks Egmont wiedergibt und die ganze Kraft der herausragenden Musik Beethovens zum Ausdruck bringt.“

 

Altklug oder jung weise? – Michael Feindler rechnet mit Vorurteilen gegenüber der Jugend ab

Von Turid Müller

 

Im aktuellen Monatsgedicht widmet sich der junge Kabarettist einem Satz, den er schon oft gehört hat: „Das, was Sie da machen, ist echt gut… für Ihr Alter.“

 

Diese oder Ähnlich gönnerhafte Worte aus dem Munde Älterer hat wohl nicht nur er schon mal gehört. Selbst in der Politik wurde das Thema kürzlich aufgegriffen – und zwar unter dem Hashtag #diesejungenleute. Ein guter Zeitpunkt für Feindlers poetischen punch back:

Einwurf der jungen Leute

 

Ihr tragt Erfahrungen der vielen Jahre
wie einen gut gepflegten, langen Bart.
Ihr deutet stolz auf all die grauen Haare,
noch stolzer deutet ihr die Gegenwart.

Ihr werft Euch für die Außenwelt in Schale,
als mehrte dies den Inhalt Eurer Köpfe,
sitzt selbstgefällig in der Schaltzentrale
der Macht, bedient die Hebel und die Knöpfe –

nicht weil Ihr’s besser könntet, sondern schlicht,
weil Ihr als Erste dort gesessen habt.
Die Zeit hat’s Euch gegeben. Mehr war’s nicht.
„Gegeben“ heißt noch lange nicht „begabt“.

Wir sagen nicht, dass wir es besser wüssten.
Nur anders. Aber das ist auch schon was.
Wie wär es, mal gemeinsam auszumisten?
Und keine Angst: Es wird schon nicht zu krass.

Doch meidet Ihr gemeinsames Gelingen
wie Einzelkämpfer einen Staffellauf.
Ihr glaubt, wir wollen Euch zur Strecke bringen?
Uns drängt sich eher diese Frage auf:

Wozu der Stress, Euch böse aufzulauern?
Ihr habt ja keinen Vorsprung von Bestand.
Was heute jung ist, wird Euch überdauern.
Da warten wir doch lieber ganz entspannt.

Bleibt dennoch Eure Angst durch uns zu stürzen,
schaut nicht auf uns herab – das hilft uns allen!
Warum Ihr Angst habt, lässt sich drauf verkürzen:
Wer weiter oben steht, kann tiefer fallen.

In diesem Sinne wünschen wir – um mit Feindler zu sprechen:

„Frohes und gesundes Altern!“

Ewiger Moment – Debütalbum von Stefan Waldow

Stefan Waldow 3 (credits Tanja Kammel)

 

Von Claudia Karner (Celler Schule 2016)

Manche Großereignisse dauern in Hamburg länger als veranschlagt, werden dann aber noch besser als erwartet: Die Elbphilharmonie zum Beispiel oder das Debütalbum des Singer-Songwriters Stefan Waldow. Am Samstag wurde die CD Ewiger Moment im Gängeviertel in einem Release-Konzert präsentiert. Dort, wo Stefan als Mitbegründer der Konzertreihe Sängerknaben und Sirenen selbst oft und gerne als Gastgeber fungiert.

Stefan Waldow habe ich in der Celler Schule kennengelernt. Fast zwölf Jahre ist das jetzt her. Ich erinnere mich noch gut, dass er allabendlich nach Seminarschluss am Klavier saß und Der Wind schickt mir deine Lieder spielte. Eine traurige Ballade an den verflossenen Liebsten, die ich gleich zu meinem Lieblingslied erkor. Die Zeit machte nicht Halt. Stefan trägt nach einem Intermezzo mit Zylinderhut jetzt graue Schläfen und einen ebensolchen Hipster-Bart (Ob das eine Reminiszenz an den Achtel-Dänen ist, der in ihm schlummert?), geblieben ist sein jungenhafter Charme in der Stimme. Schon in der Celler Schule träumte der Sänger und Pianist von einer eigenen CD. Dass die Produktion, die durch Crowd Funding finanziert wurde, nun so lange gedauert hat, ist wohl neben diversen beruflichen Engagements auch Stefans hohem Qualitätsanspruch geschuldet. Herausgekommen ist, so steht’s im Pressetext, „ein Werk, das dem realen Prinzip Vergänglichkeit etwas entgegenzusetzen hat: Das Leben und Erleben von Musik als ewigen Moment.“

Der Wind schickt mir deine Lieder ist auch auf der CD zu hören, und zwar in einer sehr ins Ohr gehenden Salsa-Version. Stefan und seine zwei Musikerkollegen, Kai Ortmann am Schlagzeug und Christian Glauß am Bass, schufen zwölf Songs aus einem Mix aus Pop, Jazz und Chanson. Da passt mein altes/neues Lieblingslied gut dazu. Auch die anderen Texte berühren. Man spürt Stefans Affinität zum Meer (Ebbe und Flut), zur Natur (Unicornwall), seine Suche nach dem Sinn des Lebens (Wo geht die Reise hin? oder Ohne Musik) und der besonderen Liebe und Wertschätzung (Ein Mann, ein Wort).

Während ich nach dem vierten Mal Anhören des Albums noch immer grüble und grüble, was denn wohl der ewige Moment sei, wollen meine Fingerkuppen Goethes Faust zitieren: „Verweile, ach, du bist so schön!“ Das sei nun doch ein bisschen zu übertrieben, flüstert mir meine unsichtbare Kritikerin ein. Dann lasse ich es eben bleiben und lege noch einmal die CD ein.

Ich gestehe: Ich könnte sie ewig hören!

 

PS: Heute kam ein Mail von Stefan: „Der Konzertabend war wirklich etwas Besonderes für mich. Als Zugabe gab es einen neuen Song von mir, „Brücken bauen“. Den für meine Verhältnisse ungewöhnlich politischen Song habe ich ursprünglich letztes Jahr für den CITY LINK (kultureller Städteaustausch Hamburg / Kopenhagen) komponiert, wofür der Achtel-Däne in mir ein paar dänische Zeilen dazugetextet hatte. Für die Neuauflage am Samstag habe ich Unterstützung von zwei jungen Geflüchteten bekommen – von Muslim, einem Studenten aus Syrien und Siri, einer Sängerin aus Armenien, die erst auf deutsch und dann in ihrer jeweiligen Muttersprache (kurdisch und armenisch) ein paar selbst gedichtete Zeilen mit uns gesungen haben. Das war ein sehr bewegender Abschluss für alle Konzertbesucher.“

 

Fotocredit: Tanja Kammel

 

Fred Rauch im Porträt

 

Fred Rauch Scan

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Schifahrerglück fernab der präparierten Pisten: Zwei Spuren im Schnee führen herab aus steiler Höh’ und im tiefen Tal, da steht ein Hüttlein klein… Der Schweizer Schlagersänger Vico Torriani wusste schon in den 1950er Jahren ein Lied davon zu singen. Die pfiffige Melodie schrieb Gerhard Winkler, den Text ließ sich Fred Rauch einfallen, der in der deutschsprachigen Musik- und Radiowelt deutliche Spuren hinterlassen hat. Von wegen: Ohne Rauch geht’s auch!

MÜNCHEN LERNT WIEDER LACHEN

Set-Card+Fred-Rauch-Signiert-Vorder-u-Rücks-Fred-RauchAlfred Rauch, der sich später der ersten Silbe seines Vornamens entledigte, wurde am 28. September 1909 als Sohn des Textilhändlers Anton Rauch und dessen Ehefrau Clothilde in Wien geboren. Nach dem Besuch der Handelsschule war sein Weg als Kaufmann vorgezeichnet. Er stieg in das Familienunternehmen ein, führte die Mode selbst am Laufsteg vor (eine alte Setcard beweist es) und war als Redakteur und Illustrator einer Modezeitschrift tätig. Daneben belegte er an der Wiener Akademie der Bildenden Künste Zeichenkurse. Ab 1939 war er im Kriegseinsatz und rettete sich in dem Front-Kabarett Die Schwinge, wo er sein Talent als Texter, Chanson-Autor, Sänger und Schauspieler entdeckte, durch die schwere Zeit. Zeit.Nach Kriegsende – Rauch war kurz zuvor aus gesundheitlichen Gründen aus dem Wehrdienst entlassen worden – kehrte er nicht mehr in seine Heimatstadt zurück, sondern startete in München als Kabarett-Autor, u. a. für den Alten Simpl, neu  durch und gründete mit dem Komponisten Fred Sporer, einem Freund aus Kriegstagen, ein eigenes Brettl, Der bunte Würfel. München lernt wieder lachen, hieß ihr erstes Programm, bei dem die Münchner allabendlich Schlange standen.

SIE WÜNSCHEN – WIR SPIELEN

1946 begann Rauch als Moderator bei Radio München (später: Bayrischer Rundfunk) zu arbeiten. Mit seiner unverwechselbaren sonoren Stimme und dem charmanten Wienerischen Plauderton eroberte er in den Sendungen A warmer Ofen, a Schalerl Kaffee und Sie wünschen – wir spielen Ihre Lieblingsmelodien die Herzen der Zuhörer und Zuhörerinnen im Radioaufdrehen. „Wir machten Musik! Wir machten Programm! Wir machten Sendungen! Es war eine herrliche Zeit. Wir hatten eine Zeit hinter uns, die uns fast alle künstlerischen Freiheiten nahm und hatten plötzlich eine Zeit, die uns fast alles erlaubte“, so beschrieb euphorisch Rauch die Anfänge. Sie wünschen – wir spielen… war als erste interaktive Radiosendung der große Renner und machte Fred Rauch zum Mr. Wunschkonzert. Waschkörbeweise wurde die Hörerpost mit Plattenwünschen ins Funkhaus geschleppt. Unglaubliche 1,5 Millionen Briefe aus allen Winkeln der Welt kamen im Laufe von dreißig Jahren und 1500 Sendungen zusammen.

SCHÜTZENLIESLvico-torriani-in-der-schweiz-1955

Neben seinen Aktivitäten beim Radio fand das Multitalent noch Zeit, Liedtexte zu schreiben. Mit seiner Rundfunkkollegin Fini Busch verfasste Rauch den Alltime-Oktoberfest-Hit Schützenliesl, die Musik stammte von dem Komponisten Gerhard Winkler. Mit ihm schuf er auch das eingangs erwähnte Lied Zwei Spuren im Schnee sowie Mütterlein (Interpretin: Leila Negra), ein Lied, das erst nach der Umtextung in Glaube mir (Interpret: Wolfgang Sauer) zu einem großen Erfolg wurde. Für den Star-Torhüter von 1860 München, Petar Radenkovic, Spitzname Radi, schrieb er das Lied Bin i Radi, bin i König, für den Fußballverein 1860 München die Vereinshymne. Weitere Hits: Aber mei Hans, der kann’s (Interpretin: Fee von Reichlin) Mach ma Brotzeit (Musik: Toni Sulzböck, Interpreten: Die Moosacher) und O Mister Swoboda (Musik: Peter Igelhoff, Interpret: Peter Alexander).

Und wer glaubt, Es muss ein Sonntag g’wes’n sein, das Loblied auf das schöne Bayernland, die der Kraudn Sepp und später die Biermösl-Blosn sangen, sei eine alte Volksweise, der irrt. Auch diesen Text schrieb Fred Rauch. Seine Liebe zu Bayern hatte der Wiener, der seine österreichische Staatsbürgerschaft nicht ablegte, kurz nach dem Krieg entdeckt. 1955 zog er mit Ehefrau Irmgard nach Gmund am Tegernsee.Über 1000 Lieder sind im Laufe der Zeit enstanden, die Rauch auch unter dem Pseudonym Sepp Haselbeck und Theo Rautenberg verfasste, darunter auch viele Lieder für Musikfilme. Manche sang er sogar selber.

TROMPETENECHO

Einen besonderen Riecher hatte Fred Rauch, als er bei einem Urlaub in Kärnten im Radio eine slowenische Musikkapelle hörte, von deren Klang er sofort begeistert war. Unter dem Namen Slavko Avsenik und die Original Oberkrainer machte sie der gewiefte Radiomacher weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Für das Trompetenecho, das auch die Erkennungsmelodie des Musikantenstadls wurde, schrieb Rauch einen kurzen Text, der allerdings kaum Verwendung fand. Laut GEMA wurde das Trompetenecho live 30 Millionen Mal aufgeführt und 600 Mal gecovert. Stilblüten und Versprecher seiner Kollegen zu sammeln und (z.B. Mit dem Gongschlag ist es 6 Mark 30 oder Lohnhäuser und Tannengrün) waren eine weitere Leidenschaft von Rauch, der auch Karikaturen zeichnete, Aquarelle schuf und originelle Schützenscheiben bemalte.

1997 starb Fred Rauch im 88. Lebensjahr in seiner bayrischen Wahlheimat. Er fand am Bergfriedhof in Gmund die letzte Ruhe. Neun Jahre später folgte ihm seine Frau Irmgard. Die Fred und Irmgard Rauch Stiftung, deren Gründung schon zu Rauchs Lebzeiten vorbereitet wurde, hat sich zur Aufgabe gemacht, junge, begabte Textdichter und Nachwuchskünstler auf den Gebieten Song, Chanson und Kabarett zu fördern und das Andenken an den vielseitigen Namensgeber zu wahren. „Ein Kreativer mit Talent zum Glücklichsein“, so beschrieb ihn Annette Lehmeier in der ausgezeichneten Biographie Fred Rauch – Radiomaderator, Liedtexter und mehr. Auf den Spuren von Mr. Wunschkonzert, die 2009 anlässlich seines 100. Geburtstags erschien. Das obige Foto von Fred Lindinger stammt von der Titelseite des Buches.

 

Leise rieselt der Schnee – Eduard Ebel im Porträt

Weihnachtskarte: Kinder, Schnee, Regenschirm

 

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Traditionelle Weihnachtslieder haben jetzt Hochsaison. Ganz weit oben in der Beliebtheitsskala der Deutschen steht das Lied Leise rieselt der Schnee, in dem der Theologe Eduard Ebel vor 122 Jahren eine Weihnachtsidylle beschrieb, nach der sich alle Romantiker noch heute sehnen. Ihm ist dieses Porträt gewidmet.

DER ORIENT IST EIN ZAUBERLAND

Eduard Ebel wurde am 7. August 1839 in Stargard in Westpreußen (heute Polen) geboren. Nach dem Theologiestudium in Königsberg trat er seine erste Stelle als evangelischer Pfarramtskandidat in Hamburg an, danach wurde er Seelsorger und Predigerin Königsberg. Von 1866 bis 1869 war er als Pastor in der deutsch-französischen evangelischen Gemeinschaft in Beirut im Osmanischen Reich tätig. „Der Orient ist ein Zauberland; wer einmal seinen Boden betreten, wird die Sehnsucht nach seinen ewigen Höhen nicht mehr in diesem Erdenleben los.“ Für das Wochenblatt der Johanniter  schrieb er im Dezember 1869: „Es ist Weihnacht geworden im heiligen Lande. Nicht, wie daheim, mit Schnee und Regen, nein, wie zur Zeit, als die Hirten mit ihren Herden des Nachts auf den Feldern lagerten, – sonnenhell und warm.“

LEISE RIESELT DER SCHNEE

Einige Jahre später – Ebel war nach Westpreußen zurückgekehrt und arbeitete als Pfarrer in Graudenz – sah die Welt wieder ganz anders aus. Weiße Flocken fielen vom Himmel, der See war vereist:  ein Szenario, das Ebel wohl zu Leise rieselt der Schnee inspirierte. Als kleiner Weihnachtsgruß für Kinder waren die Zeilen gedacht, die er 1895 in dem Band „Gesammelte Gedichte“ veröffentlichte. Auch die Melodie stammt vermutlich von ihm. Allerdings gibt es keinen Beleg dafür. Nicht nur in Kindergarten, Schule und Familie wird das Lied gesungen, auch die Unterhaltungsindustrie kam und kommt nicht daran vorbei. Die Liste der Sänger und Sängerinnen, die Leise rieselt der Schnee im Repertoire haben, ist lang. Hier einige Interpreten: Peter Alexander, Heintje, Die Wiener Sängerknaben, Hermann Prey, die Fischer Chöre, Mireille Matthieu, Nana Mouskouri, Roger Whittaker, die Kelly Family sowie – man höre und staune – Udo Lindenberg und Unheilig. Auch eine englische Übersetzung gibt es: Softly falls the snow. Das Lied wurde und wird gern als Vorlage für spöttische Parodien wie diese verwendet: Leise rieselt die Vier/auf das Zeugnispapier./ Hört doch, wie lieblich es schallt/, wenn die Ohrfeige knallt.

Eduard Ebel zog kurz vor der Jahrhundertwende mit seiner Familie nach Halle an der Saale und wurde dort Superintendent. Am 30. Januar 1905 verstarb er im Alter von 66 Jahren. Als großer Vorteil für seine Erben erwies sich der Umstand, dass Ebel der 1903 gegründeten Genossenschaft der Tonsetzer (GdF) beigetreten war, der ersten Verwertungsgesellschaft und Vorläuferin der GEMA. Denn die Noten für Leise rieselt der Schnee entwickelten sich zu einem Verkaufsschlager. Seine Tochter kassierte noch 1955 an die 10.000 DM an Tantiemen. Dann erlosch die Regelschutzpflicht, die damals bis 50 Jahre nach dem Tod des Verfassers galt.

SCHNEEGESTÖBER IN DER KUGEL

Eduard Ebel
Die 1. patentierte Schneekugel

Während Eduard Ebel heute vollkommen in Vergessenheit geraten ist – nicht einmal eine Abbildung existiert von ihm – ist Leise rieselt der Schnee zum geflügelten Wort geworden. In der Firma Perzy in Wien-Hernals, der 1. Wiener Schneekugelmanufaktur, bestimmt die Parole sogar ganzjährig den Unternehmensalltag. Erwin Perzy, Mechaniker für chirurgische Instrumente und Spielzeugbauer erfand um 1900 bei der Suche nach einer besonders hellen Lichtquelle als Nebenprodukt die Schneekugel, die als „echte Glaskugel mit Schnee-Effekt“ zum Patent angemeldet wurde. Darin war ein Metallmodell der Basilika von Maria Zell, um das beim Schütteln Schneeflocken aus Gries wirbelten. Heute werden in 3. Generation an die 300 verschiedenen Motive hergestellt und in alle Welt exportiert. Sogar auf dem Schreibtisch von US-Präsident Bill Clinton soll eine Schneekugel aus dem Hause Perzy gestanden sein. Ob Bill bei ihrem Anblick I’m dreaming of a white Christmas? gesungen hat? Oder doch Softly falls the snow?

 

 

Engelszungenbrecher – Lieder und Schabernack mit Lennart Schilgen

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Nun ist es raus, das erste Album von Lennart Schilgen, das live im Zebrano-Theater in Berlin aufgenommen wurde. Engelszungenbrecher heißt es, genau wie Lennarts aktuelles Solo-Programm. Schon im Titel zeigt sich sein Hang zur Doppelbödigkeit. „Ich habe heute so viel vor…“, platzt der Berliner Liedermacher und Musik-Kabarettist gleich zu Beginn heraus, um dann mit einem „…mir hergeschoben“ die vollmundige Behauptung gleich wieder zu relativieren.

„Lieder und Schabernack“ machen, das mag er und das kann er. Lennart Schilgen inszeniert sich dabei als sympathischer Loser, auf dessen To-Do-List ganz oben „Aufstehen“ steht, der aber an der Snooze-Taste oder an der verlorenen Telefonnummer scheitert. Das tut er mit soviel Musikalität, sprühendem Wortwitz und Selbstironie, dass dieses Scheitern für den Zuhörer zum reinsten Vergnügen wird. Es geht dem Liedermacher in erster Linie nicht um den schnellen Gag. Seine Texte zeichnen sich durch genaue Beobachtungsgabe, perfekte, unverbrauchte Reime und einen Hang zum Absurden aus. Das ist komisch und anrührend gleichzeitig, wenn das Komische ins Tragische kippt und umgekehrt. Und dabei sitzt Lennart immer der Schalk im Nacken wie Pippi Langstrumpf Herr Nilsson, der kleine Affe.
Lennart Schilgen erzählt nicht nur von widerspenstigen inneren und äußeren Schweinehunden und deren Zähmung, sondern auch von Frauen: von der globetrottenden Marta zum Beispiel, der er schon nachheult, bevor sie noch weg ist, oder von Miriam und ihren rotäugigen, blassen Handyfotos und vor allem von Lea, der Kurzzeitflamme, der er am Telefon gesteht, er hätte ein Lied für sie geschrieben und – Was für ein charmanter Wink mit dem Zaunpfahl an die Radiomacher! – sie solle es von ihm erfahren und nicht aus dem Radio. Lea wurde von David Wonschewski auf seinem Lieder- und Chansonblog Ein Achtel Lorbeerblatt zum Videotipp des Monats Dezember gekürt. Lennart begleitet sich selbst bei seinen Songs, er spielt Klavier und Gitarre, routiniert und vielseitig, mal zart, mal Rock’n’Roll, so wie es eben der Inhalt des Songs verlangt. „Was dabei herauskommt, ist subtiler Wahnsinn zum Wohlfühlen“, schreibt der Pressetexter. Der Mann hat Recht!

Schilgen, Absolvent der Celler Schule 2011, ist mit seinen 28 Jahren in der Szene kein Unbekannter mehr. Er hat sowohl im Alleingang als auch mit seiner Kabarett-Band Tonträger schon etliche Chanson- und Kleinkunstpreise gewonnen, darunter den 1. Preis (plus Publikumspreis) beim Potsdamer Chansonfestival 2012 – vor Georg Clementi und Konstantin Schmidt. Mit den Tonträgern gewann er 2017 die St. Ingberter Pfanne, als Solokünstler ersang er sich im selben Jahr beim Deutschen Songcontest Der Troubadour trotz gerissener Gitarrensaite den 3. Platz. 2016 gewann er den Bielefelder Kabarettpreis und ein Jahr zuvor den Deutschen Chansonpreis 2015 in der Nachwuchskategorie. „Man geht mit Freude mit auf seine doppelten Böden, man jubelt innerlich über die vielen Einfälle und Reime. Wunderbar leichte, überraschend unaufwändige und höchste einfallsreiche Songs“, hieß es in der Laudatio. „Lyrisch astreines Wortwerk … eines Reinhard Mey würdig“, schrieb der Tagesspiegel.

Erhältlich ist Engelszungenbrecher unter mail@lennartschilgen.de oder als Download bei Amazon,iTunes, Spotify, Deezer, Google Play, 7Digital und Slacker.

Carl J. Schäuble im Porträt

 

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Mit dem „Neggabrigge-Blues“(auf Hochdeutsch: Neckarbrücken-Blues) machte Joy Fleming, stimmgewaltige Soulsängerin und Deutschlands weit unter ihrem Wert geschlagene Vertreterin beim Eurovison Songcontest 1975, die im September dieses Jahres im Alter von 72 Jahren verstarb, den Mannheimer Dialekt radiotauglich. Die Musik stammte von Roland Heck und Albin Metz. Den Text schrieb Joy Fleming unter ihrem bürgerlichen Namen Erna Strube gemeinsam mit dem schwäbischen Textdichter Carl J. Schäuble, Porträt-001 _der viele Jahre auch den Unterhaltungssendungen des Deutschen Fernsehens seinen Stempel aufdrückte.

EIN HOCH DER LIEBE

Carl J. Schäuble wurde am 10. April 1933 in Stuttgart als Sohn eines Musiklehrers geboren. Nach dem Abitur landete er beim Radio, und zwar beim Aktuellen Dienst des SDR, dem Vorläufer des SWR. Als Textdichter machte Schäuble erstmals international 1966 von sich reden. Damals gewann Inge Brück das Festival Internacional de Canção in Rio des Janeiro mit dem Lied Fang den Wind, zu dem er den Text und Helmut Zacharias die Melodie geschrieben hatte. Ein Jahr zuvor war Schäuble dem Berliner Komponisten, Jazzkomponisten und Bandleader Horst Jankowski im Funkhaus über den Weg gelaufen, was sich als schicksalhafte Begegnung herausstellen sollte. „Von ihm wurde ich quasi zum Textschreiben gezwungen“,vermerkte Schäuble im Handbuch des Deutschen Textdichterbandes. „In mir denkt’s und manchmal schreib’ ich’s auf. Ich hab’ ja sonst nichts gelernt.“

1968 erntete das Duo Jankowski/Schäuble den ersten großen gemeinsamen Erfolg. Beim Grand Prix Eurovision de La Chanson (heute: European Songcontest)landete die Norwegerin Wencke Myhre mit Ein Hoch der Liebe in der Royal Albert Hall in London auf Platz 6. Zwei Neuheiten prägten diesen Grand Prix. Erstmals vertrat eine ausländische Sängerin die BRD, und erstmals wurde die europaweite Fernsehübertagung in Farbe ausgestrahlt. Wencke Myrhe, gerade mal 21 Jahre alt, war in ihrem quietschgelben Volantkleidchen unübersehbar.

NECKARBRÜCKENBLUES

Schäuble, der auch 14 Jahre lang Mitglied der Jankowski-Singers, ein Amateur-Vokalensemble unter Leitung von Horst Jankowski, war, schrieb auch den Text zu dem Lied Eine Schwarzwaldfahrt, das als Instrumentalstück in den USA als A Walk in the Black Forest ein Riesenhit wurde, mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde und Jankowski den Namen Mister Black Forest einbrachte. Die Liste der Sänger und Sängerinnen, für die Schäuble – von 1993 bis 2004 Vizepräsident des DTV (Deutscher Textdichterverband) – schrieb, ist prominent besetzt: Cliff Richard (Deutsche Übersetzung von Good bye Sam), Katja Ebstein (Ich wär’ wirklich gut für dich) Peter Horton (Das Fenster zum Hof), Howard Carpendale, Hoffmann & Hoffmann, Manfred Krug und Joy Fleming Joy Fleming-001(Neckarbrücken-Blues, Mannemer Dreck und Ich sing’ fürs Finanzamt). Sogar ein Duett hat er für Krug und Fleming verfasst(Mozart). Obendrein stammen von Schäuble die deutsche Übersetzungen für Bad, bad Leroy Brown (Orginalinterpret: Tim Croce) und den Tony-Christy-Hit I did what I dit for Maria.

HAFER- UND BANANENBLUES

Der Carle, so Schäubles Spitzname, arbeitete nicht nur als Textdichter, sondern auch als Drehbuchschreiber und Texter für das Fernsehen. Beliebte Sendungen in ARD und ZDF waren Sing mit Horst mit Horst Jankowski, Ein Jäger aus Kurpfalz, Glücksspirale, Wunschkonzert, Lass das mal den Tony machen mit Tony Marschall, Olympia mit CateHafer- und Bananen-Blues-001rina Valente, Kein schöner Land mit Günther Wewel und It’s country-Time mit Freddy Quinn.

Für den SWR verfasste er ein Lied, das heute noch jedes Kind in Baden-Württemberg kennt: Der Hafer- und Bananenblues. Diesen hat er zwei Zeichentrickfiguren auf dem Leib geschrieben, dem Äffle und dem Pferdle. Die beiden waren seit den frühen Sechziger Jahren im Werbefernsehen – analog zu den Mainzelmännchen – beliebte Hingucker zwischen den Werbespots. Ausgedacht hat sie sich der Fernsehfilmproduzent Armin Lang, gezeichnet wurden sie von seinem jüngeren Bruder Volker Lang und Werner Klein.Kaum zu glauben: 2016 schafften es Äffle & Pferdle, die es sogar zu einem eigenen Fan-Club gebracht haben, mit ihrem Hafer- und Bananenblues erstmals mit Platz 9 in die Top Ten der jährlichen SWR1 Hitparade. Seit Mai 2017 sind die zwei nicht mehr Werbepausenfüller, sondern haben jeden Freitag einen Drei-Minuten-Auftritt am Ende der Landesrundschau Baden-Württemberg. Und seit Oktober 2017 gibt es auch von der Schwabenrockband Muggabatschtr eine neue Fassung des Hafer- und Bananenblues.

Das hätte sicher auch dessen Schöpfer gefallen, der die Mundart seiner Heimat liebte. Carl J. Schäuble starb am 24. August 2010 in Saarbrücken und wurde dort in einem Friedwald beigesetzt. Äffle & Pferdle sind mit einem kleinen Dialog auf seiner Traueranzeige verewigt:

Wo kommsch her?

Von drhoim.

Wo gohsch naa?

Hoim.

Fini Busch im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Schützenliesl
Schützenliesl

Es war der erste Hit auf dem Münchner Oktoberfest, das Lied Schützen-liesl (Nachsatz: Dreimal hat’s gekracht), das 1953 auf der Wiesn seine Premiere hatte. Noch heute ist die Hymne auf die Kellnerin Coletta Möritz, die dank eines Ölgemäldes von Friedrich August von Kaulbach zum ersten Münchner Pinup-Girl wurde und Plakate, Krüge und Schützenscheiben zierte, im Repertoire einer jeden Oktoberfestkapelle. Den massen-tauglichen Text schrieben zur Musik von Gerhard Winkler (alias Ben Bern) Fred Rauch (alias Sepp Haselbach) und Fini Busch (alias Harry Sixt), die so wie die Schützenliesl auch ein Münchner Kindl war. Ihr ist dieses Porträt gewidmet.

GUTE-NACHT-LIED

Josefine Busch, genannt Fini, wurde am 18. Februar 1928 in München geboren. Sie wuchs als Tochter eines Postbeamten und einer Hausfrau mit fünf Geschwistern im Schlachthofviertel auf und bekam nach dem Besuch der Handelsschule 1945 aufgrund ihrer ausgezeichneten Englisch-Kenntnisse eine Anstellung bei Radio München, dem Vorläufer des Bayrischen Rundfunks.

Porträt Fini Busch
Fini Busch

Dort arbeitete sie in der Unterhaltungsabteilung bei Jimmy Jungermann. „Er hat mir ziemlich schnell freie Hand gelassen. Ich habe eigene Sendungen gemacht, Lieder ausgesucht und Zwischentexte geschrieben. Ich war ein Fan der amerikanischen Musik“, so Busch in einem Interview in dem Münchner Magazin zeitenweise. Ihr Talent als Textdichterin entdeckte Fini 1949 zufällig. Der Rundfunk suchte ein Gute-Nacht-Lied. Auf Anraten ihres Chefs („Das ist was für ein Mädel!“)reichte sie das anonymisierte Lied ein, das dann von einer Jury ausgewählt wurde.

SUGAR BABY

Das war der Beginn einer großen Autorenkarriere. Fini Busch war nicht nur die Jüngste in der Textdichterriege, sie war damals auch die einzige Frau. Gern verschanzte sie sich hinter meist männlichen Pseudonymen wie Harry Sixt, Inge Martens, Walter Kartis und Karl Kiesinger. Eine Vorschrift von Radio München aus dem Jahre 1951, dass nur fünf Lieder pro Woche gespielt werden durften, die von einem Rundfunkangestellten stammten, brachten die Hitschreiberin und den Programmdirektor Hanns Huber – Er und Fini waren mittlerweile ein Ehepaar in Turbulenzen. So verließ Fini 1953 den Radiosender, um sich ganz dem Schreiben (später auch ihren drei Kindern) zu widmen. Mit dem Komponisten Werner Scharfenberger, damals Pianist bei Max Greger, entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit. Ingesamt 400 Lieder sind entstanden.

v.l.n.r. Komponist Werner Scharfenberger, Sängerin Connie Francis, Fini Busch
v.l.n.r. Komponist Werner Scharfenberger, Sängerin Connie Francis, Fini Busch

Die Texte schrieb sie meist auf die Notenvorlagen. „Ich habe mich immer von der Musik beeinflussen lassen. Die Interpreten haben sich nie in meine Texte eingemischt,“ so Busch. 1500 Lieder sind es geworden. Hier eine kleine Auswahl: Franzl Lang sang die eingangs zitierte Schützenliesl, Peter Kraus Sugar Baby, Mit siebzehn und Va bene sowie gemeinsam mit Conny Sag mir was du denkst, Connie Francis Napoli und Meine Reise ist zu Ende, Ted Herold Moonlight und Hula Rock und Fred Bertelmann Bleib so, wie du bist. Auch Alice und Ellen Kessler, Gus Backus und Peter Rubin, der Fini Busch auch seinen Künstlernamen verdankt, ließen sich von ihr die Lieder schreiben.

SEEMANN, DEINE HEIMAT IST DAS MEER

Fernweh und Meer, Sehnsucht und Liebe – das waren in den Sechziger Jahren die sicheren Zutaten für ein erfolgreiches Lied. Aber dass ausgerechnet „Seemann“, gesungen von Lolita, ein Riesenhit wurde, der es sogar in englischer Übersetzung in die amerikanischen Hitparaden schaffte, überraschte dann doch alle Beteiligten. Fini Busch: „Werner Scharfenberger und ich wurden beauftragt, so ganz auf die Schnelle für Lolita ein Lied zu schreiben als B-Seite einer Schallplatte. Die A-Seite war fertig, sie hieß La Luna, und der Produzent sagte: ’Schreibt’s irgendwas hinten drauf, völlig wurscht.’ Er wollte die Platte möglichst rasch herausbringen, und so entstand der ‚Seemann’. Er wurde ein Hit, von La Luna hat man nie wieder was gehört.“ Das Lied wurde auch von Freddy Quinn, Heino und Andrea Berg gesungen. Die englische Version Sailor sang interpretiert von Petula Clark und landete an der Spitze der amerikanischen Charts.

EIN SCHIFF WIRD KOMMEN

Mit Ein Schiff wird kommen gelang Fini Busch der zweite große Wurf. Das Lied stammt aus dem griechischen Film Sonntags … nie! und wurde im Original von Melina Mercouri gesungen. Im Deutschen wurde der Text entschärft, indem das Hafenmädchen aus Piräus nicht auf Freier wartet, sondern auf die große Liebe. Ein kleiner Kniff, um die deutschen Gemüter nicht zu verschrecken. Am 9. September 1960 kam der Film in die deutschen Kinos, zwei Tage später stand die Sängerin Lale Andersen in Köln im Tonstudio, um die deutsche Version aufzunehmen, die Fini Busch in Windeseile geschrieben hatte. Unter Zeitdruck zu schreiben war wohl eine besondere Qualität von ihr. Bereits wenige Wochen später war das Lied die Nummer 1 der Hitparade. Über eine Million Singles wurden gekauft. Das Lied wird auch gerne gecovert. Es gibt mehr als ein Dutzend verschiedene Versionen, darunter von Caterina Valente, Dalida, Nana Mouskouri, Daliah Lavi und Andrea Berg.

An Ideen für neue Texte hätte es Fini Busch auch in den späten Jahren nicht gemangelt, aber die Musik entsprach nicht mehr ihrem Geschmack. So zog sich, wie ihr langjähriger Komponist Werner Scharfenberger, aus dem Showgeschäft zurück. Sie starb am 2. November 2001 in ihrer Heimatstadt. Ihre Tochter Gabriele Misch, Schauspielerin und Sängerin, setzt sich mit viel Engagement dafür ein, das Andenken an ihre Mutter zu bewahren. Ein Bühnenprogramm, in dem sie Werk ihrer Mutter interpretiert, trägt den Titel Sugar Baby.

Wolfgang Neukirchner im Porträt

Von Claudia Karner

Schlagertitel sind oPlatte Es gibt kein Bier auf Hawaiift Binsenweisheiten, die von Generation zu Generation weitergereicht werden: Liebeskummer lohnt sich nicht zum Beispiel oder Wunder gibt es immer wieder oder Tränen lügen nicht. Keine hat sich allerdings im Laufe der Jahre als so haltlos erwiesen wie Es gibt kein Bier auf Hawaii. Diese Behauptung, die jahrelang deutsche Männer von einem Urlaub auf der Südseeinsel abhielt, brachte der Pianist und Sänger Paul Kuhn 1963 in Umlauf.

Wolfgang Neukirchner hatte sich den Text zur Schunkelmusik von Jean Joseph Kluger ausgedacht. Und zwar unter dem Pseudonym Roeckelein. Bier gibt es schon seit 1889 auf Hawaii, das Lied ist aber 50 Jahre später noch immer ein Ohrwurm. Ein kühles Blondes auf den Texter!

HARLEM BLUES

Wolfgang Neukirchner und Paul Kuhn
Freunde fürs Leben: Wolfgang Neukirchner und Paul Kuhn

Wolfgang Neukirchner kam am 20. Dezember 1923 in Essen als Sohn von Rudolf Neukirchner und dessen polnischer Frau Helscha zur Welt. Sein Vater war Kammermusiker, seine Mutter klassische Sängerin. Wolfgang besuchte das Goethe-Gymnasium in Essen-Bredeney. Er lernte Flöte wie sein Vater, brachte sich später selbst Gitarre bei, entwickelte seine Liebe zum Jazz und Blues und gründete eine Musikgruppe, die „Band ohne Namen“. „Darüber, dass die Nazis die Musik abgelehnt haben, haben wir uns nie Gedanken gemacht“, sagte er in einem Interview für die Internet-Dokumentation  Jugend! (Deutschland 1918 -1945). „Schwierigkeiten haben wir deswegen nie bekommen.“ Nur seine Mutter schimpfte über die „Hottentottenmusik“. 1937/38 machte sogar ein Plattengeschäft in Essen, das ein eigenes Studio besaß, der Band das Angebot, eine Platte mit zwei Stücken aus ihrem Repertoire aufzunehmen. „Das war damals eine Sensation“, so Neukirchner. Harlem Blues, im Original gesungen von Mamie Smith, eines seiner damaligen Lieblingslieder, kam auch darauf.

SCHAFFE, SCHAFFE, HÄUSLE BAUE

Nach dem Krieg begann Neukirchner mit dem Jura-Studium in Bamberg. Sein Herz schlug aber für die Musik, und so zog er drei Jahre lang mit dem Studentenkabarett Die Amnestierten, in dem Ursula Noack (später Münchner Lach- und Schießgesellschaft)und Hanne Wieder auftraten, durch die Lande. Erst im letzten Abdruck beendete er sein Studium und wurde Richter am Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen. „Ich bin eben nur ein halber Bohemien, zur anderen Hälfte bin ich ein Spießbürger“, meinte er. Unter dem Motto „Morgens richten, abends dichten“ gestaltete er sein produktives Doppelleben.

Über Ralf Bendix, Schulfreund aus Essener Tagen, der eigentlich Karl-Heinz Schwab hieß und hauptberuflich Filialleiter einer amerikanischen Fluggesellschaft in Düsseldorf war, kam er ins Schlagergeschäft. Als Bendix einen Schallplattenvertrag erhielt, verfasste Neukirchner für ihn Texte. Einen Flop erlebte er gleich zu Beginn der Karriere mit der Übersetzung des amerikanischen Gospelsongs In the Beginning, zu deutsch: Es war im Anfang. Electrola-Produktionschef Nils Nobach, der auf Neukirchner große Stücke hielt („Er ist ein Dichter, der seine Lieder nicht mit dem Rechenschieber konstruiert“), erhoffte sich den gleichen Erfolg, den das Lied in den USA erzielte, stieß aber auf heftigsten Widerstand bei der evangelischen Kirche. 1957 war die Zeit noch nicht reif für deutschsprachige Gospels.

1964 schrieb Neukirchner für seinen Freund Bendix etwas Bodenständiges. Schaffe, schaffe, Häusle baue ist bis heute die heimliche Nationalhymne der Schwaben geblieben. Unter dem Motto „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“ verschanzte sich der korrekte Richter beim Texten hinter den Pseudonymen Sigi Mahr und Josua Röckelein, gemeinsam mit dem Komponisten und Arrangeur Erich Becht hinter dem Pseudonym Adolf von Kleebsattel. An die 200 Lieder sind entstanden u. a. für Udo Jürgens (Peppino), Bobbejaan (Ich steh an der Bar und ich habe kein Geld), Gitte, Rex Gildo, Cliff Richard, Ralf Bendix (Mein Freund Meier, mein Freund Lehmann und auch ich) und Paul Kuhn, der im Grund seines Herzens ein großer Jazzer war und eher widerwillig und nur aus kommerziellen Gründen den Gerstensaft besang.

BLAU BLÜHT DER ENZIAN

Ein Glücksfall für alle Beteiligte war 1965 die Begegnung von Wolfgang Neukirchner und Ralf Bendix mit Heinz-Georg Kramm. Dieser tingelte unter dem Namen Heino mit Seemannsliedern durch die Lande. Die beiden witterten Star-Potential und rieten Heino zu einem Imagewechsel. Was dabei herauskam, ist bekannt: ein markiger volkstümelnder Sänger und Lieder wie Jenseits den Tales, Blau blüht der Enzian, Karamba, karacho, ein Whisky und Schwarzbraun ist die Haselnuss, die der Spiegel als Wald- und Wiesenlieder abtat, bei vielen deutschen Schlagerfans aber große Begeisterung hervorrief. Verfasst wurden sie vom Kreativ-Duo Becht und Neukirchner, produziert von Ralf Bendix.

Richterkollegen und Rechtsanwälte hingegen hätten sich immer wortreich von der Musik distanziert, so Neukirchner, dann aber trotzdem um eine Heino-Platte mit Widmung „für die Mutter“ gebeten. Blau blüht der Enzian wurde 1972 zu einem von Heinos größten Hits. 15 Wochen lang konnte er sich in den Top Ten behaupten. Das Lied war so populär, dass es ein Jahr später Titelsong eines der wenigen noch produzierten Schlagerfilme wurde. Die äußerst erfolgreiche Zusammenarbeit mit Heino endete 1988. Der Grund dafür laut Neukirchner: Heinos Ehefrau, Prinzessin Hannelore von Auersperg, hätte sich immer mehr ins Geschäft eingemischt.Aus dem Musikbusiness hat sich der pensionierte Gerichtspräsident schon vor langer Zeit zurückgezogen. Nur für seinen Freund Paul Kuhn machte er eine Ausnahme und schrieb ein Lied über dessen spätes Hobby, das Golfen.

 

Am 16. Oktober 2017, knapp zwei Monate nach Veröffentlichung dieses Artikels, starb Wolfgang Neukirchner kurz vor Vollendung des 94. Lebensjahres in seiner Heimatstadt Essen. Er wurde auf dem Bredeneyer Friedhof beigesetzt.

Kurt Hertha im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Es ist wieder mal so weit. Der Mai ist gekommen. Da schlagen nicht nur (Vorsicht!) die Bäume aus, nein, da wagen auch scharenweise romantische Bräute den Gang zum Traualtar in Seide, Tüll und Spitze – ganz in weiß. So wie schon vor 51 Jahren von Roy Black besungen. Die Musik zu diesem Kassenschlager, der 2,5 Millionen Mal verkauft wurde, stammt von Rolf Arland, der Text von Kurt Hertha.

 

„ICH MÖCHT GERN AN BIERSEE…“

Kurt Hertha wurde am 2. Mai 1926 im oberfränkischen Gestungshausen bei Coburg geboren. Er trug zwar den Namen eines bekannten Hamburger Fußballvereins, zog aber die Musik dem Kicken vor. Hertha erlernte Violine und Klavier zu spielen und wurde im Zweiten Weltkrieg – gerade mal achtzehn Jahre alt – Funker, der an die 1000 Funksprüche absetzte und dazu noch ein paar freche Bemerkungen gegen das Nazi-Regime. Diese brachten ihm den Vorwurf der Wehrkraftzersetzung ein. Nur mit viel Glück entkam er einer Internierung in ein Straflager, weil er als frontnaher Unterhaltungsmusiker tätig war. Nach Ende des Krieges stand Herthas Berufsziel fest: IMM (Irgendwas mit Musik). Er spielte als Gitarrist bei den 3 Jools (mit Fritz Jool am Akkordeon und Richard Hacker am Kontrabass) und schrieb kabarettistische Texte für den Bayrischen Rundfunk, so auch das parodistische Lied Pack den Badenweiler aus.3 Jools Kurt Hertha
1955 komponierte und textete er die Lobeshymne auf den Gerstensaft Ich möcht’ gern an Biersee, die der bayrische Jodlerkönig Franzl Lang bekannt machte. Das Lied wurde die Nummer 1 auf dem Münchner Oktoberfest und sorgt auch 60 Jahre danach dort noch immer für ausgelassene Schunkellaune.

GANZ IN WEISS

Als Hertha feststellte, dass es mehr gute Komponisten als Textdichter gab, verlegte er sich ganz aufs Schreiben. Sein Durchbruch gelang ihm 1961 mit Tanze mit mir in den Morgen, mit dem sich Gerhard Wendlandt in die Herzen der Damenwelt sschmeichelte. Erfolg bedeutete damals – in Zahlen ausgedrückt – mehr als eine Million verkaufter Schallplatten. Von nun an hatte Kurtchen, wie ihn der Komponist Christian Bruhn nannte, viel zu tun. Mit ihm verband ihn nicht nur eine kongeniale Zusammenarbeit, sondern eine lebenslange Freundschaft, wie Bruhn in seinen Lebenserinnerungen Marmor, Stein und Liebeskummer erzählt. Neben Gerhard Wendlandt verfasste Hertha Texte für Petula Clark (Monsieur und Casanova Baciami), Ralph Bendix, Zarah Leander, das Medium Terzett sowie Gitte Haenning, die sich damals nur Gitte nannte, Bernd Spier und den singenden Eisschnellläufer Manfred Schnelldorfer. Für Franz Beckenbauer, damals noch 21 Jahre alt und Held der Fußball-WM in England, schrieb er Gute Freunde kann niemand trennen und für Gilbert Becaud die deutsche Fassung von Nathalie. Ganz in weiß1965 gelang Hertha mit einem Schmusesong der ganz große Coup. Und das zu seiner Zeit, wo die sogenannte Beatwelle rollte. Ein Schild im Schaufenster eines Brautmodensalons hatte ihn zu jenem Lied inspiriert, das Roy Black zum Star machte: Ganz in Weiß. 

Du KANNST NICHT IMMER SIEBZEHN SEIN

In den 1970ern legte Hertha noch einen Zahn zu und schrieb 33 Hits. Die Liste der Künstler ist lang und unvollständig und umfasst u. a. Bata Ilic, Christian Anders, Wencke Myhre, Nana Moskouri, Adamo, Katja Ebstein, Freddie Breck, Iwan Rebroff, Ireen Sheer und Jürgen Marcus. Für Chris Roberts schrieb er Du kannst nicht immer siebzehn sein und Die Maschen der Mädchen und für Freddy Quinn (damals Freddy) die deutschen Fassung des Hits der George Baker Selection Morning Sky. Der Versuch 1976 beim Eurovision Song Contest, der noch Grand Prix de la Chanson hieß, zu punkten, scheiterte. Der Sing Sang Song, interpretiert von den Les Humphries Singers, erreichte nur den 15. Platz.

Kurt Hertha, der sich auch hinter dem Pseudonym Felix Prost verbarg, war ein Vielschreiber. 1300 Titel sind es im Laufe seines Lebens geworden. Sogar Kurt Herthaein Weihnachtslied von Robert Stolz ist darunter. Er vertonte Herthas Gedicht Es blüht eine Rose zur Weihnachtszeit. 1998 holten Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe das Lied Halte fest den, der dich liebt aus der Versenkung, das im Original in den 1970er Jahren von Michael Holm gesungen wurde, der auch als Co-Autor fungierte. Das war eine der letzten Veröffentlichungen eines Textes von Kurt Hertha. Danach widmete sich das Ehrenmitglied der GEMA seiner großen Leidenschaft, der Astronomie. Die ging so weit, dass er sich auf das Dach seines Haus in Grünwald bei München eine Sternwarte bauen ließ. Der Glanz der Goldenen und Platin-Schallplatten war ihm offensichtlich nicht genug.

Kurt Hertha starb am 8. Juli 2007 im Alter von 81 Jahren. Er fand am Waldfriedhof in Grünwald die letzte Ruhestätte, dort wo auch Joachim und Thomas Fuchsberger sowie Max Greger begraben sind. Dem Abschied von dieser Welt sah der ambitionierte Sternengucker gelassen entgegen. Und kommt für mich die letzte Nacht, sind keine Tränen angebracht, weil meine Seele quietschvergnügt von einem Stern zum andern fliegt.

Songtextseminare mit Edith Jeske:
Zusatztermine in HAMBURG und MÜNCHEN

Endlich klappt es mal wieder mit einem Workshop in Hamburg, den ich jetzt noch dazwischenschiebe. Auch für München sieht es gut aus – da müsste nur noch entschieden werden, welcher Termin besser passt, Dafür habe ich einen Doodle-Link angelegt. Die Teilnahmegebühr ist wie bei den anderen Seminaren: 460 EUR. Wiederholungstäter/innen 360 EUR.
Das gilt auch für diejenigen, die im Popkurs Hamburg
bei mir waren.

 

Basiskurs Songtexten in Hamburg
18. bis 22. Oktober 2017
Details hier:

in Planung:
Basiskurs München.
8. bis 12. Oktober oder 25. bis 29. Oktober
nur für die Terminfixierung: doodle hier
(das gilt noch nicht als verbindliche Buchung)

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Kurt Robitschek im Porträt

Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Frühling in Wien – da kommt einem schlagartig ein Lied in den Sinn: Im Prater blüh’n wieder die Bäume… Dass Robert Stolz, damals noch am Anfang seiner großen Operettenkarriere, die Melodie zu diesem Jahrhundert-Hit geschrieben hat, ist hinlänglich bekannt. Dass der Text von Kurt Robitschek stammt, weiß heute keiner mehr. Zu unrecht, wie ich meine.

Foto Kurt Robitschek
Kurt Robitschek

IM PRATER BLÜH’N WIEDER DIE BÄUME

Kurt Robitschek wurde am 23. August 1890 in Prag als Sohn von Laura und Ludwig Robitschek, einem höheren jüdischen Bankangestellten, geboren. Dessen solide Berufspläne durchkreuzte der Sohn, als er mit 16 Jahren das Gymnasium abbrach und mit einem Wanderzirkus durch die Lande zog. In Wien arbeitete er als Journalist und Schriftsteller und entdeckte im Kabarett Simpl die Liebe zur Kleinkunst. 1910 schrieb Robitschek die erste Komödie, zwei Jahre später gemeinsam mit Otto Hein das erste Operettenlibretto. Komponist zu Du liebes Wien, so der Titel, war Robert Stolz. 1916 – mitten im Ersten Weltkrieg, wo Robitschek im Kriegseinsatz als Infanterist einen Bauchschuss erlitt – gelang ihm mit Stolz der walzerselige Jahrhundert-Hit Im Prater blüh’n wieder die Bäume. Alle sangen ihn und singen ihn noch heute: Richard Tauber, Fritz Wunderlich, Peter Alexander, Dagmar Koller und Eva Lind, um nur einige der Interpreten aufzuzählen. Stolz und Robitschek waren ein gutes Team: Mehr als 90 Lieder gehen auf ihr Konto. Robitschek BaumUnd noch heute freut sich nicht nur die Tourismusbranche über einen weiteren Welterfolg aus Robitscheks Feder(Youtube spuckt in 0,85 Sekunden mehr als 1,1 Mio. Einträge zum Thema aus!): Die Stadt meiner Träume, besser bekannt unter dem Titel Wien, Wien, nur du allein. Schon mit seinem Opus 1 landete Rudolf Sieczynski einen musikalischen Volltreffer, der in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

SEID LIEB UND NETT ZU UNS!

Anfang der Zwanziger Jahre ging Robitschek nach Berlin, trat in verschiedenen Cabarets als Conferencier auf und gründete 1924 gemeinsam mit den Schauspielern Paul Morgan, Max Hansen und Max Adalbert das Kabarett der Komiker, dessen Direktion er auch übernahm. Mit dem Satz Seid lieb und nett zu uns! begrüßte der Tausendsassa allabendlich die Gäste, trat dort als Conferencier auf und schrieb satirische Lieder und Texte zum aktuellen Zeitgeschehen. Das KadeKo wurde Anziehungspunkt für die berühmtesten Kabarettkünstler seiner Zeit. Äußerst beliebt war auch die Hauspostille „Die Frechheit“.

Als streitbar, immer innovativ und furchtlos beschreibt die Autorin Marie Theres Arnbom Robitschek in dem Buch War’n Sie schon mal in mich verliebt? Filmstars, Operettenlieblinge und Kabarettgrößen zwischen Wien und Berlin. Der Kabarettist, der nie ein Blatt vor den Mund nahm, erkannte schon früh die Gefahr, die durch den aufkeimenden Nationalsozialismus drohte, und brachte mit der Operettenparodie Quo vadis, die erste, beißende, ätzende, vielbeachtete und wenig befolgte Satire gegen Adolf Hitler, so O-Ton Robitschek, auf die Bühne. Quasi als Warnung. Bis 1932 stand Quo vadis immer wieder auf dem Programm. Was sich später als Verderbnis für die jüdischen Künstler herausstellte sollte.

AN DER SCHÖNEN ROTEN DONAU

1927 übersiedelte das Kabarett der Komiker auf den Kurfürstendamm. Die Spielstätte umfasste mehr als 800 Sitzplätze und war als erstes Rauchtheater die Attraktion in Berlin. Nach der NS-Machtübernahme musste das KadeKo 1933 zusperren. Robitschek flüchtete über Prag nach Wien, wo er in den Kammerspielen die Bühne des Lachens gründete. 1936 war aber auch ihm das Lachen gründlich vergangen, und er emigrierte mit seiner Frau, der Schauspielerin und Kabarettistin Ilse Bois, nach Amerika. In New York legte er seinen ursprünglichen Namen ab, nannte sich Ken Robey und fand eine geistige Heimat in den Kaffeehäusern und Restaurants, wo die Exil-Juden Kabarettabende veranstalteten.1941 gelang es ihm wieder das Kabarett der Komiker zum Leben zu erwecken, wo er Publikumslieblingen wie Karl Farkas, Hermann Leopoldi und Armin Berg eine Bühne bot.

„An der schönen roten Donau wohnt jetzt wiederum das Glück, und im Prater blüh’n die Bäume, sag’n S’ Herr Kohn, wann kommen S’ z’rück? An der schönen roten Donau herrscht jetzt wieder Glück und Scherz. Mir ham schließlich kan Charakter, doch wir ham a gold’nes Herz“, schrieb Kurt Robitschek pardon Ken Robey für Hermann Leopoldi im Exil. Er kehrte nie mehr nach Wien, das von den Russen besetzt war, zurück und starb am 16. Dezember 1950 in New York an Lungenkrebs.

Kaum zu glauben, dass Wien, die Stadt seiner Jugend, der er zwei der schönsten Lieder geschenkt hat, ihn zur Gänze vergessen hat.