Max Colpet im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Sag mir, wo die Blumen sind! Wo sind sie geblieben? Was vordergründig wie eine Frage einer enttäuschten Frau am Valentinstag klingt, sind die ersten Verse eines der bekanntesten deutschsprachigen Antikriegslieder. Das Original Where have all the flowers gone schrieb 1955 der US-amerikanische Singer-Songwriter Pete Seeger. Angeblich hat er sich dazu auf einem Flug nach Ohio von einem ukrainischen Volkslied inspirieren lassen. Die Übertragung ins Deutsche stammt von Max Colpet. Der wiederum nahm dafür Anleihe bei einem Gedicht aus dem 18. Jahrhundert, das Johann Georg Jacobi schrieb und Sag mir, wo die Veilchen sind hieß. Die Interpretin, die das Lied 1962 zum ersten Mal sang, ist bis heute unvergessen. Es war Marlene Dietrich. Max Colpet hingegen erlitt das typische Textdichter-Schicksal. Die Erinnerung an ihn bedarf also einer kleinen Politur.

HOPPLA, JETZT KOMM ICH!

Max Colpet (auch Max Kolpe) wurde am 19. Juli1905 als Max Kolpenitzky in Königsberg (heute Kalingrad) in Ostpreußen geboren. Sein Vater war ein russisch-jüdischer Kaufmann. 1914, bei Ausbruch des 1. Weltkriegs, war die Familie gezwungen, das Land Richtung Deutschland zu verlassen. Max verbrachte seine Jugend in Hamburg, wo er sein Abitur machte. Er übersiedelte nach Berlin, um an der Technischen Hochschule zu studieren und kam mit der dortigen Künstlerszene in Kontakt. Seine ersten literarischen Lorbeeren verdiente er sich mit Gedichten, später mit Texten für die Kabaretts von Friedrich Hollaender, Tingeltangel und Katakombe. 1928 gründete er mit dem Schauspieler Erik Ode, der in den 1970er Jahren mit der Krimiserie „Der Kommissar“ Fernsehgeschichte schreiben sollte, das Kabarett Anti. Dann verlegte er sich aufs Drehbuchschreiben für den Film. Mit dem Script für Scampolo – ein Kind der Straße, das er mit Billy Wilder (damals noch Samuel Wilder) verfasste, landete Colpet 1932 einen Erstlingserfolg. Weitere gemeinsame filmische Arbeiten folgten. Dass sich Hans Albers in dem Film Der Sieger mit dem Lied Hoppla – jetzt komm ich (Musik: Werner Heymann) in die Herzen der Zuschauerinnen katapultierte, ist auch Max Colpet zu verdanken.

I LIKE TO BE IN AMERICA

Die Schaffensperiode in Deutschland war allerdings nicht von langer Dauer. 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, musste Colpet, der staatenlose Jude, erneut fliehen. Während es ihm gelang, sich nach Paris abzusetzen, wurden seine Eltern deportiert und starben im KZ. Auch in Frankreich gelang es dem Sprachtalent ins Filmgeschäft einzusteigen. Colpet schrieb vier französische Drehbücher. 1948 lockte Hollywood, wo sein Freund Billy Wilder auf ihn wartete, und er packte wieder seine Reiseschreibmaschine ein. I like to be in America lautete nun sein Credo. Pikanterie am Rande: Einige Jahre später übertrug Colpet die Westside Story, d a s Erfolgsmusical von Leonard Bernstein (Text: Stephen Sondheim), ins Deutsche. Aus I like to be in America wurde Was uns gefällt in Amerika. In seinen Memoiren Sag mir, wo die Jahre sind – Erinnerungen eines unverbesserlichen Optimisten – die Erstauflage erschien 1976 – resümierte er wehmütig: „Emigrieren: das Land, in dem man geboren ist, verlassen, sich an andere Länder, an andere Gebräuche gewöhnen, das ist nicht einfach. Hoffnungen werden schnell begraben. Enttäuschungen häufen sich. Selten gelingt es einem, sich völlig anzupassen und zu assimilieren, so sehr man sich auch bemüht. Man ist und bleibt ein Emigrant, ein Zuwanderer, wird nie das Gefühl los, ein Eindringling zu sein, ein Fremdkörper in einem andersartigen Gefüge, einem fremden Land, einer ungewohnten Welt. Aber noch schwerer ist die Remigration.“

SAG MIR, WO DIE BLUMEN SIND

Trotz seiner Erfolge kehrte Colpet, mittlerweile amerikanischer Staatsbürger, 1958 nach Good Old Germany zurück und ließ sich in München nieder. Er verfasste Kabarett-Texte für die Lach- und Schießgesellschaft und schrieb Chansons und Schlager für die Größen der Zeit: Marlene Dietrich, Zarah Leander, Nana Mouskuri, Charles Aznavour, Gilbert Becaud, Lale Andersen, Gitte, Katja Ebstein, Thomas Fritsch, Freddy Quinn und Gus Backus. An die 1000 sollen es im Laufe seines Lebens geworden sein. Sag mir, wo die Blumen sind blieb sein größter Hit. Seine weiteren Antikriegslieder wie Der ewige Soldat (Original: The Universal Soldier von Pete Seeger) oder „Der Deserteur (Original: Le Deserteur von Boris Vian) fanden nicht den Anklang, den er sich gewünscht hatte. „Ich schäme mich fast, dass ich mit einem Lied wie Bohnen in den Ohr’n, das ich aus Gefälligkeit für Gus Backus geschrieben habe, das Zehnfache verdiente“, so Colpet.

Was heute vielen Musical-Fans den Schauer über den Rücken laufen lässt: In den 1960er Jahren war es üblich, fremdsprachige Musicals ins Deutsche zu übersetzen. Das eröffnete dem Sprachengenie Colpet ein weites Betätigungsfeld. Neben der Westside Story war er auf die deutschen Fassungen von drei Musicals von George Gershwin Lady be good, Girl-Crazy und Oh, Kay sowie auf Irma la Douce besonders stolz, wie er in seinen Memoiren festhielt. Noch mehr Herzblut legte er in sein eigenes Musical Millionen für Penny, zu dem Lothar Olias, ebenfalls ein gebürtiger Königsberger, die Musik komponierte. Es wurde am Gärtnerplatztheater in München 1967 uraufgeführt und gilt als das erste deutsche Musical. Der rauschende Erfolg wollte sich allerdings nicht einstellen.

IM SANDMEER DER ZEIT

Max Colpet war auch schriftstellerisch tätig. Außer seinen Lebenserinnerungen veröffentlichte er 1979 den Roman Es fing so harmlos an und Satierische Verse – Zoo ist das Leben, die der tschechische Künstler Mirislav Sasek illustrierte. Sein letztes Buch Im Sandmeer der Zeit. 60 Jahre Filmschaffen – eine moderne Odyssee kam zu seinem 90. Geburtstag auf den Markt. Max Colpet starb am 2. Jänner 1998 im 93. Lebensjahr in München und fand auf dem Nordfriedhof seine letzte Ruhestätte.

 

 

 

Alle Jahre wieder: Wilhelm Hey im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Kleine Vorbemerkung: In der Serie „Wer schrieb eigentlich…?“ stelle ich Textdichter des 20. Jahrhunderts vor. Alle Jahre wieder mache ich im Dezember eine Ausnahme und porträtiere einen Textdichter, der uns ein Weihnachtslied geschenkt hat, das noch heute zum singbaren Familien-Repertoire unter dem Christbaum zählt. Heuer ist Alle Jahre wieder an der Reihe.

Wilhelm Hey
Grafik: Freundeskreis Wilhelm Hey

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.“ So lautet die erste Strophe des Weihnachtsklassikers. Als Wilhelm Hey 1837 den Text schrieb, konnte er nicht ahnen, dass die ersten drei Worte fast 200 Jahre später auch außerhalb der Weihnachtszeit zum allgemeinen Zitatenschatz zählen würden. Alle Jahre wieder! – gefolgt von einem tiefen Seufzer: Und schon wissen wir, nun kommt etwas Unabwendbares, eine Regelmäßigkeit, der wir – egal ob erfreulich oder nervig – wir nicht entrinnen können. Auch die 11,5 Millionen Internet-Einträge, die die Suchmaschine in 0,31 Sekunden ausspuckt, sprechen eine deutliche Sprache.

WILHELM HEY (1798 – 1854)

Wilhelm Hey wurde 1798 als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Leina (Thüringen) geboren und wuchs nach dem Tode seiner Eltern bei seinem Bruder Karl auf. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Gotha studierte er Theologie in Jena und Göttingen. Er war als Haus- und Internatslehrer tätig, ehe er 1818 Pfarrer in Töddelstadt bei Erfurt wurde. (Das war auch das Jahr, in dem zum ersten Mal Stille Nacht, heilige Nacht in Oberndorf bei Salzburg erklang.) Hey wurde Hofprediger in Gotha, danach Superintendent in Ichtershausen und zeichnete sich durch sein soziales Engagement für Handwerker, Lehrlinge sowie berufstätige Mütter und deren Kinder aus. 1847 wurde ihm von der Universität Heidelberg das Ehrendoktorat verliehen.

ALLE JAHRE WIEDER

Zu dieser Zeit hatte sich Hey schon einen Namen als Fabeldichter gemacht. Das Buch Fünfzig Fabeln für Kinder, das Otto Speckter illustrierte, erschien 1833 zwar anonym und wurde deshalb vorerst dem Illustrator zugeschrieben. Das zweite Buch Noch fünfzig Fabeln für Kinder erschien 1837 unter Heys Namen. Sie wurden durch das Geschick des Verlegers Friedrich Perthes, den mit Hey eine lange Freundschaft verband, d a s deutsche Bilderbuch des 19. Jahrhunderts. Hey schrieb klare, ungekünstelte und für Kinder leicht verständliche Reime. Das machte den großen Erfolg aus. Die Fabeln wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Hey war ebenfalls als Übersetzer tätig. So übertrug er 1838 The Course of Time von Robert Pollok vom Englischen ins Deutsche. Wer nun Interesse bekommen hat: Hier ist eine umfangreiche Fabelsammlung zu finden.

Wilhelm Hey 2Anlässlich Heys 100. Geburtstag stand in der Zeitschrift Die Gartenlaube: „Zahllose Nachahmungen der Heyschen Fabeln haben die meisterhaften Vorbilder weder erreichen noch verdrängen können und wenn auch für den Dichter in den meisten Literaturgeschichten kaum ein Platz von wenigen Zeilen übrig ist, seine Dichtungen selbst sorgen dafür, seinem Namen den gebührenden Ehrenplatz dauernd zu sichern.“

1837 hatte Wilhelm Hey die Idee zu Alle Jahre wieder. Die Melodie wird dem Komponisten und Musikpädagogen Friedrich Silcher zugeschrieben, der sie in seinem Liederzyklus Zwölf Kinderlieder aus dem Anhange des Speckter’schen Fabelbuches von 1842 veröffentlichte. Eine andere Melodiefassung stammt von dem Komponisten, Organisten und Lehrer Ernst Anschütz, dem ein weiterer Weihnachts-Evergreen zu verdanken ist: O Tannenbaum.

WEISST DU, WIEVIEL STERNLEIN STEHEN?

Wilhelm Hey war zweimal verheiratet. Nach dem Tod seiner Frau Auguste 1827 heiratete er fünf Jahre später Luise von Axen. Den gemeinsamen Sohn Wilhelm, der 1838 auf die Welt kam, sang er vermutlich mit seinem berühmten Wiegenlied in den Schlaf: Weißt du, wieviel Sternlein stehen? Der Autor Karlheinz Maess wählte die letzte Zeile des Liedes als Titel für eine Biographie. „…kennt auch dich und hat dich lieb.“ Das Leben des Pfarrers und Freundes der Kinder Wilhelm Hey, die 1989 erschien.

In Leinatal ist der Sitz des Freundeskreis Wilhelm Hey, der sich zur Aufgabe macht, das Andenken an den Dichter, dessen Lieder auch im Evangelischen Gesangsbuch zu finden sind, zu bewahren. In Töttelstädt erinnert eine Gedenktafel am ehemaligen Pfarrhaus an sein Leben und Wirken, außerdem trägt eine Straße seinen Namen. In Ichtershausen ist die Staatliche Regelschule nach Wilhelm Hey benannt. Die sogenannte Hey-School!

Kaltstart, coole Suppen und Kreativität

von Carsten Schabosky

Basisseminar „Songtexte schreiben“ vom 31.10. bis zum 04.11.2015 in Berlin

Ein Dachboden, jeden Tag eine andere Suppe und vor allem: Zehn hochmotivierte Leute. Das waren die Zutaten für das Basisseminar in Berlin.

Los ging‘s jeden Tag mit einem „Kaltstart!“ Was beim Auto oft schlecht für den Motor ist und zu einem höheren Spritverbrauch führt, bewirkte in Berlin genau das Gegenteil. Nach dem Kaltstart, also nach fünf Minuten drauf-los-schreiben, kam unsere Kreativität erst richtig in Gang. Edith war da streng: Kreativtraining arbeitet mit der schreibenden Hand! Also: Notebooks? Nein Danke!

Gelegenheiten zum Mitschreiben gab’s reichlich. Jeder hatte die Chance, seine Songtexte ins Gruppen-Coaching zu geben. Die Texte wurden gemeinsam noch besser. Aber auch Grundlagen wurden gelegt. Wie funktioniert die Metaphern-Maschine? Fit per Abroll-Übung! Wer ist der beste Sprichwort-Verdreher? Warum fahren alle besser mit einem Song-Fahrplan? Welche Lied-Typen gibt es eigentlich? Und: Warum klingen Vokale oft schöner als Konsonanten?

Ganz wichtig bei allem: Achtung! Linke Gehirnhälfte! Gute Songs werden vom Publikum gefühlt und nicht gedacht.v.l.n.r. vorn: Karla Feles, Beatrice Riedel, Edith Jeske, Ludwig Lorenz hintere Reihe: Cindy Kramr, Rico Jalowietzki, Carsten Schabosky, Sebastian Niklaus, Miro Pabst, Corinna Fuhrmann

v.l.n.r.
vordere Reihe: Karla Feles, Beatrice Riedel, Edith Jeske, Ludwig Lorenz
hintere Reihe: Cindy Kramer, Rico Jalowietzki, Carsten Schabosky, Sebastian Niklaus, Miro Pabst, Corinna Fuhrmann

 

Unsre fünf Tage waren kein Song-Camp. Profis wollen wir ja alle noch werden. Aber sie haben uns wichtige Impulse gegeben und vor allem: Viel Spaß gemacht!

Danke Edith!

Julius Brammer im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Julius Brammer
Julius Brammer

Seit Tagen kursiert ein Bild im Netz: Eine mit Laub bedeckte Straße, darunter der Schriftzug Nobody kehrs. Ob sich der Schöpfer dieses Wortwitzes von dem Song Just a Gigolo inspirieren ließ, in dem ein Eintänzer über sein trostloses Schicksal räsoniert? Nobody cares for me… Louis Prima hat das Lied (Textadaptierung von Irving Caesar, der auch Tea for two schrieb) in den 1930er Jahren weltberühmt gemacht. Es wurde zu einem unverwüstlichen Jazzstandard. Normalerweise überträgt man erfolgreiche englischsprachige Lieder ins Deutsche. In diesem Fall war es umgekehrt. Das Original heißt Schöner Gigolo, armer Gigolo. Geschrieben hat es der Wiener Librettist und Schlagertexter Julius Brammer.

 

HEISSER NOCH ALS GULASCHSAFT

 

Julius Brammer wurde  am 9. März 1877 in Sehraditz in Mähren (heute: Sehradice in Tschechien) geboren. Früh zeigte sich sein Interesse für die schönen Künste. Nach dem Besuch der Realschule wurde er Schauspieler. Er trat am Gärtnerplatztheater in München und später im Theater an der Wien auf, wo er auch bei Operettenaufführungen mitspielte. Die Operette wurde zu seiner großen Leidenschaft. Ab 1908 war er fast nur mehr als Bühnenschriftsteller tätig. Ein Glücksfall für Brammer war die Begegnung mit Alfred Grünwald (Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?) 1909 schrieb er mit ihm das Libretto für die parodistische Operette Elektra, die im Cabaret Fledermaus uraufgeführt wurde. Das war der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit, die fast zehn Jahre dauerte. 

Brammer und Grünwald zählten zu den kreativsten Köpfen der Silbernen Operetten-Ära. Sie schrieben zahlreiche Operetten, u. a. Die ideale Gattin (Musik: Franz Lehár), Die Kaiserin (Musik: Leo Fall), Die Rose von Stambul (Musik: Leo Fall), Der letzte Walzer (Musik: Oscar Straus), Bruder Leichtsinn (Musik: Leo Ascher), Gräfin Mariza (Musik: Emmerich Kálmán), Die Zirkusprinzessin (Musik: Emmerich Kálmán) und Die gold’ne Meisterin (Musik: Edmund Eysler) und Die Gräfin Mariza (Musik: Emmerich Kálmán), in der die geniale Textzeile vorkommt: „Meine Leidenschaft brennt heißer noch als Gulaschsaft!“

 

SCHÖNER GIGOLO, ARMER GIGOLO

 

1924 hatte Julius Brammer im Hotel Adlon in Berlin den genialen Einfall zu  Schöner Gigolo, armer Gigolo. Er setzte damit jenen Männern ein literarisches Denkmal, die nach dem Ersten Weltkrieg ihr Geld damit verdienten, mit Damen der Gesellschaft zu tanzen. Herren waren zu dieser Zeit Mangelware. Der Begriff Gigolo leitet sich vermutlich von dem französischen Wort „gigoter“ ab, was soviel wie „herumzappeln, tanzen“ bedeutet. Die Eintänzer waren meist ehemalige Offiziere und brachten als Qualifikation gutes Benehmen, elegante Ausstrahlung und Diskretion mit. In Schöner Gigolo, armer Gigolo bedauert Julius Brammer einen ehemals feschen Husarenoffizier, dessen Welt in Fransen gegangen ist und der  – nun seiner schmucken Uniform und der Geliebten entledigt – statt in den Krieg zu ziehen aufs Tanzparkett muss. 

Fünf Jahre lang lag der Text unvertont in der Schublade. Dann kam Brammer ein Zufall zu Hilfe. Der mittlerweile sehr erfolgreiche Operettenlibrettist saß mit seiner Frau in einer Bar in Istrien, wo ein Klavierspieler eine Tango-Melodie spielte, die ihm sofort gefiel. Ein gewisser Leonello Casucci aus Mailand hätte das Stück geschrieben, mehr wusste der Pianist nicht. Prompt fuhr Brammer nach Italien, um ihn ausfindig zu machen. Was ihm auch gelang. Casucci konnte es kaum fassen, als er zur Vertragsunterzeichnung nach Wien gebeten wurde. Der Rest ist Geschichte. Der arme Gigolo machte aus ihm einen steinreichen Mann. Als Star-Tenor Richard Tauber 1929 gemeinsam mit dem Orchester Bela Dajos eine Platte aufnahm, wurde das Lied ein Mega-Hit.

 

JUST A GIGOLO

 

Leonello Casucci, Julius Brammer
Leonello Casucci, Julius Brammer

Kurz drauf sangen Louis Armstrong und Bing Crosby die englische Fassung, Daniele Serra die italienische. Auch heute wissen u. a. Max Raabe, die Leningrad Cowboys, Lou Bega, Michael Heltau und Martin Plass von den Kaktusblüten noch immer ein Lied vom schönen Gigolo zu singen.

Dieses hat auch die Filmemacher inspiriert, und so entstanden Der schöne, arme Tanzleutnant (Regie: Emmerich Hanus, Deutschland, 1930) Just a Gigolo (Regie: Jack Conway, USA, 1931) und  nochmals Just a Gigolo (Regie: David Hemmings, USA 1979), in der Marlene Dietrich den Titelsong sang und gleichzeitig ihren letzten Auftritt hatte. Weitere Stars in diesem hochkarätigen Film waren David Bowie, Maria Schell, Curd Jürgens und Erika Pluhar

 

WENN DAS HERZ DIR AUCH BRICHT

 

Brammer ereilte das Los vieler jüdischer Künstler. Er musste nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 die Heimat verlassen. Zuerst lebte er mit seiner Frau in Paris und flüchtete, als die Nationalsozialisten Frankreich okkupierten, in den unbesetzten Teil des Landes, an die Côte d’Azur. „Wenn das Herz dir auch bricht, zeig‘ ein lachendes Gesicht“, riet er dem schönen Gigolo.  Auch Brammer fand im Exil kein Glück. Er starb am 18. April 1943  in Juan-les -Pins an einem Herzversagen.

Ganz haben die Wiener zum Glück nicht auf den großen Librettisten, von dem kein einziges Foto existiert, vergessen. In Hietzing, dem 13. Bezirk, wurde zu seinem Gedenken 1955 die Brammergasse nach ihm benannt.

 

 

 

Fritz Löhner-Beda im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Sie sind das Obst der deutschen Einheit. Aber warum Bananen,ausgerechnet Bananen? „Die Banane ist eine Hoffnung für viele und eine Notwendigkeit für uns alle“, sagte Konrad Adenauer einst im Wirtschaftswunderland. Die Aussage muss sich wohl ins kollektive Gedächtnis der Deutschen gegraben haben. Wie ließe es sich sonst erklären, dass einen Tag nach dem Mauerfall am 9. November 1989 in den westdeutschen Supermärkten alle krummen Dinger schlagartig ausverkauft waren? Die Banane – das Luxussymbol der Ossies!

Dabei hatte schon in den 1920-Jahren die Tropenfrucht Furore gemacht. Josephine Baker brachte nur mit einem Bananenröckchen bekleidet die Männer in Paris, Berlin und Wien zur Raserei, und Fritz Löhner-Beda, einer der genialsten Textdichter seiner Zeit, setzte dem gelben Früchtchen mit dem Lied „Ausgerechnet Bananen“ ein literarisches Denkmal.

WAS MACHST DU MIT DEM KNIE, LIEBER HANS?

Fritz Löhner-BedaFriedrich Löhner wurde am 24. Juni 1883 als Bedrich Löwy im böhmischen Wildenschwert geboren. Die gutbürgerliche jüdische Familie zog vier Jahre später nach Wien. Beda bedeutet auf Tschechisch Fritz. So riefen ihn seine Eltern, und diesen Namen nahm er auch als Pseudonym an, als er als Gymnasiast seine ersten Gedichte veröffentlichte. 1908 promovierte Löhner zum Doktor der Rechte, übte seinen Beruf allerdings nie aus. Er hatte schon früh schriftstellerische Ambitionen und liebte die Unterhaltung, die sogenannte leichte Muse. Beda schrieb Gedichte und Kabarett-Sketche und machte sich auch bald als Schlagertexter einen Namen. Die Texte bestachen durch feine Ironie, charmante Zweideutigkeiten und höchste Reimkunst. Zur raschen Verbreitung trugen die neuen Medien Radio und Tonfilm  bei, und die Comedian Harmonists, die erste Boygroup der Welt, machten sie zu Hits mit ungeahntem Haltbarkeitsdatum. Wer kennt nicht „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans!“ (Musik: Richard Fall), „O Donna Clara! (Musik: Jerzy Petersbursky ) und „Ausgerechnet Bananen“ (Musik: Irving Cohn). Dieses Lied war eine äußerst freie Übertragung des englischen Songs „Yes, we habe noch Bananas“. Dass all diese Lieder in den 1990er Jahren ein Revival erlebten, ist nicht zuletzt Max Raabe und dem Palast-Orchester zu verdanken.

DEIN IST MEIN GANZES HERZ

Entscheidend für die steile Karriere von Löhner-Beda war die Begegnung mit dem Operettenkomponisten Franz Lehár. Dem ersten gemeinsamen Werk, „Der Sterngucker“, war zwar kein Erfolg beschieden. Aber schon beim zweiten Anlauf schafften Lehár und Löhner-Beda, der Ludwig Herzer als Co-Autor ins Boot holte, mit „Friederike“ einen Sensationserfolg. Den größten Triumph erreichte das Trio mit „Land des Lächelns“ (1929). „Dein ist mein ganzes Herz“ wurde zum berühmtesten aller Lieder die der Startenor Richard Tauber sang. Löhner-Beda widmete es seiner Frau Helene. Um in Lehárs Nähe zu sein, kaufte er sich in Bad Ischl die Villa Felicitas, die ehemalige Villa von Katharina Schratt. Dort pflegte der damalige Kaiser Franz Josef, wenn er in Bad Ischl auf Sommerfrische war, zu einem Gugelhupf und mehr einzukehren. (Übrigens: Zur Zeit steht die Villa wieder zum Verkauf frei!)

Auch viele dieser Operettenklassiker feiern wieder ein Revival. Im vergangenen Jahren erschienen CDs der Startenöre Jonas Kaufmann („Du bist die Welt für mich“) und Piotr Bezcala („Mein ganzes Herz“), die Werke von Franz Lehàr und somit auch Fritz Löhner- Beda zum Inhalt haben.

FREUNDE, DAS LEBEN IST LEBENSWERT!

Mit dem Komponisten Paul Abraham schrieb Löhner-Beda 1930 „Victoria und ihr Husar“, 1931 „Die Blume von Hawaii“, 1932 „Ball im Savoy“ und 1934 mit Franz Lehár „Giuditta“. Daraus stammt das Lied „Freunde, das Leben ist lebenswert!“. Es sollte die letzte Operette der beiden sein. Löhner-Beda erkannte nicht die tödliche Gefahr, die von Hitler, den er spöttisch den Tapezierer nannte, ausging. Freunde drängten ihn, das Land zu verlassen, doch er blieb. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 war es für Flucht zu spät. Mit dem 1. Prominenten-Transport wurde er in das KZ Dachau und dann nach Buchenwald deportiert. Unter den Häftlingen befand sich auf der Komponist  Hermann Leopoldi. Im KZ schrieben die beiden das Buchenwaldlied, eine Lagerhymne, die die Häftlinge beim täglichen Appell singen mussten. Ein Lied, von dem Löhner-Beda sagte, es wäre sein bestes gewesen.

EINMAL KOMMT DER TAG, DANN SIND WIR FREI!

Währenddessen hatte sein Name schon aufgehört zu existieren. Er wurde in das „Lexikon der jüdischen Musik“ aufgenommen und durfte, obwohl die Lieder und Operetten gespielt wurden, nicht mehr in den Programmen, Notenheften und Schallplattenetiketten aufscheinen. Löhner-Beda hoffte bis zuletzt auf Lehárs Fürsprache. Umsonst! Er starb am 4. Dezember 1942 in Auschwitz, ohne vom Tod seiner Frau und seiner beiden Töchter, die in einem KZ in Minsk ums Leben gekommen waren, erfahren zu haben. Weil er zu langsam arbeitete, wurde er von einem Mithäftling erschlagen. Die offizielle Todesursache lautete Altersschwäche. „Denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei“ – diese Zeile aus dem Buchenwaldlied ging für Fritz Löhner-Beda nicht in Erfüllung.

…UND PFEIFEN AUF DIE SITTSAMKEIT!

Wer mehr über das tragische Leben und das Werk von Fritz Löhner-Beda, Collage Jörg Hoffmann_2Löhner-Beda wissen will, kann dies in zwei Biographien nachlesen: „Kein Land des Lächelns“ von Barbara Denscher und „Dein ist mein ganzes Herz“ von Günther SchwarbergCharles Lewinksy verwandelte Bedas Leben in das berührende Theaterstück „“Freunde, das Leben ist lebenswert“. Christoph-Wagner-Trenkwitz, Chefdramaturg an der Wiener Volksoper, brachte den Gedichtband „Wie man sich trefft im Ampezzotal“ heraus, der längst vergriffene Texte von Beda beinhaltet.

Heuer setzten das Salzburger Vokalensemble Auftakt und der Wiener Schauspieler Alfred Pfeifer ein Herzensprojekt von mir in die Tat um. „…und pfeifen auf die Sittsamkeit!“ heißt die heiter-frivole Hommage an den verehrten Meister. Das Besondere an der CD: Einen Tonträger, der ausschließlich Werke von Fritz Löhner-Beda beinhaltet, gab es noch nie. „…und pfeifen auf die Sittsamkeit!“ – so heißt auch das Bühnenprogramm, das am 11. November wieder im kleinen theater in Salzburg zu sehen ist.

Satirischer Monatsrückblick August 2015
von Joachim Zawischa

August ist Urlaubszeit, Zeit der Reise, der Sonne, der Erholung. Zeit des Sommerlochs. Da willst du einen locker-fluffig-sommerlichen Monatsrückblick schreiben.
Doch dann liest du die Schlagzeilen des Augustes 2015:
Zawischa 2015
In China geht ein Hafengelände in die Luft, die Börse in China jedoch stürzt ab.
Ein amerikanischer Soldat, der ein Trikot des FC Bayern trägt, stürzt sich auf einen marokkanischen Mann, der mit einer russischen Kalaschnikow durch einen französischen Zug rennt, welcher durch belgisches Gebiet fährt und aus Holland kommt.

Und dann Flüchtlinge! Heidenau! Rechte Dumpfbacken liefern sich mit der Polizei vor einem ehemaligen Baumarkt, der als Flüchtlingsunterkunft dient, eine Schlacht.

Und du denkst: Nö! Ach komm. Nicht schon wieder. Nein, ich will nicht mehr. Ich will es nicht mehr hören, ich will es nicht mehr lesen. Ich will nicht ständig Bilder in Zeitungen sehen, die hässliche Neonazi-Fratzen zeigen.
Wo sind die guten alten Schlagzeilen, wie: „Nacktbaden zieht immer mehr Menschen an.“ Oder irgendetwas mit Uli Hoeneß. Ich will lieber lesen „Pferdefleisch in Lasagne“ als „Neonazis in Heidenau“. Lieber „Salmonellen im Supermarkt“ als „Auflauf vorm Baumarkt“.
Und dann immer dieses Verständnis-Trallala: Wir verstehen die Ängste der Menschen vor dem Fremden.

Nein! Verstehe ich nicht! Null! Ich hab auch Ängste. Wenn ich jedes Mal etwas abfackeln würde, wenn ich Angst habe, wäre ich schon lange ein Pyromane.
Außerdem, wenn ich Angst vor dem Fremden habe, muss ich mich mit dem Fremden beschäftigen. Dann ist es nämlich nicht mehr fremd. Und macht auch keine Angst mehr.

Babys wollen sich...

Und diese Statements. Eine sächsische Frau sagte: „Isch habb Angst uff de Schdraaße zu geen, die vorgewaltigen dorr de Fraun, habsch gehörd.“ Mal abgesehen davon, dass das völliger Stuss ist, hört man solche Sätze meist von Frauen, die so aussehen, dass selbst potentielle Vergewaltiger ihre Finger von ihnen lassen würden.

Der Bürgermeister von Heidenau wurde laut Süddeutscher Zeitung von einem Demonstranten gefragt: „Warum Menschen als Menschen betrachten, die sich nur durchfüttern lassen wollen?“

Mein lieber Herr Gesangsverein, wo sind wir denn hier? Wenn ich so etwas höre, wird mir ja richtig übel. Denn dieser Logik nach müsste man vielen Menschen die Menschenwürde absprechen.
Zum Beispiel Pflegefälle in Pflegeheimen – die wollen sich auch durchfüttern lassen. Patienten auf der Intensivstation oder Schwerstbehinderte – lassen sich einfach durchfüttern. Und Babys erst, Babys sind die Schlimmsten, scheißen alles voll und dann den ganzen Tag füttern, füttern, füttern!

Flüchtlinge sind Menschen – und daran kann man im Moment nicht oft genug erinnern. Sie sind Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind.

Wie groß diese Not zum Teil ist, beweist eine wahre Geschichte einer Flüchtlingsmutter aus Ghana. Sie hat unsere Kanzlerin als Namenspatin für ihr Kind eingesetzt. Ihr Kind heißt jetzt tatsächlich Angela Merkel. Da erahnt man doch, wie verzweifelt diese Menschen sein müssen.

Die junge Frau aus Ghana heißt übrigens mit Nachnamen Adé.
Ist doch ne Supernummer, oder? Denn ihr Töchterchen heißt jetzt mit vollem Namen Angela Merkel Adé.
Einfach den Akzent weglassen und schon gibt’s doch noch ne positive Schlagzeile: „Angela Merkel Ade!“ Ja, ich weiß, „ade“ müsste man klein schreiben. Aber wer wird denn bei so viel Vorfreude so pingelig sein.

In diesem Sinne, kommen Sie gut in den September. Und gehen Sie mal wieder ins Kabarett. Die neue Theater-Saison hat begonnen.
Auf jeden Fall denken Sie dran: Immer schön lächeln!

Noch mehr Rückblicke von Joachim Zawischa und überhaupt ein empfehlenswerter Blog:  hier

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Die Sommerpause ist zu Ende!

Auch bei uns ist die Sommerpause jetzt zu Ende.
Die Seminarseite hat ein Lifting bekommen, unser Webmaster Jan Weskott hat die Seite nun auch smartphone-kompatibel gemacht. Der Herbst kann kommen.
Für einige Workshops gibt es noch freie Plätze. Und:
für 2016 ist in Berlin ein Workshop über Musicalsongs geplant – vorausgesetzt, es finden sich genügend Menschen, die teilnehmen möchten. Man darf gespannt sein.

zu den Workshops 2015 und 2016

 

Bernd Meinunger im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Er ist eine Hälfte des erfolgreichsten Komponisten-Textdichter-Duos beim Eurovision Songcontext. Achtmal landeten seine Lieder unter den ersten fünf. Mit „Ein bisschen Frieden“, gesungen von der 17-jährigen Nicole,  katapultierte sich Bernd Meinunger Bernd Meinungergemeinsam mit dem Komponisten Ralph Siegel  1982 in Großbritannien in den Schlagerolymp und bescherte Deutschland den allerersten Sieg beim Eurovison Songcontest, der damals noch Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß. Der Siegertitel 1982 entstand, so geht die Mär, weil Siegel  – dem Zeitgeist entsprechend – unbedingt ein Lied über den Frieden machen wollte, Meinunger aber eigentlich nicht. Um dann im Laufe der Diskussion einzulenken: „Höchstens ein bisschen Frieden“. Damit war der Titel, die sogenannte „Zeile“, gefunden. Und Meinunger schwört, dass die Geschichte kein bisschen erfunden ist.

VOM WEIZEN ZUM HIMBEEREIS

Bernd Meinunger wurde am 30. September 1944 in Meiningen (Thüringen) geboren. Genau zehn Jahre später als Udo Jürgens. Da ist es nicht verwunderlich, dass der 70. Geburtstag, den Meinunger im vergangenen Jahr feierte, fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Schließlich ließ alle Welt Udo hochleben. Ein Umstand, der den Jubilar nicht störte, denn er steht nicht gern im Rampenlicht. Im Alter von fünf Jahren war Bernd mit seiner Mutter in die gerade gegründete Bundesrepublik Deutschland übersiedelt, wo der Vater lebte. Musikalische Ambitionen zeigten sich schon bald. Schon als Teenager wirkte Meinunger in verschiedenen Bands mit, unter anderem  mit den Red River Boys. 1966, während der Bundeswehrzeit, schrieb er Text und Melodie für seinen ersten Titel, der auf Schallplatte erschien: Chu Chu“.  Die Musik trat in den Hintergrund, als Meinunger  in München Volkswirtschaft studierte, wo er  seine Dissertation über die Handelsbeschränkungen des Weltweizenmarktes schrieb. Anschließend arbeitetete er zehn Jahre lang  in der Wirtschaftsforschung. Erst mit  33 Jahren startete er als Textdichter  durch, und zwar „Himbeereis zum Frühstück“. Das Lied war die deutsche Version des amerikanischen Songs „Standing in the Crossfire“ der Bellamy Brothers. In Deutschland machten es ebenfalls zwei Brüder zum Hit: Hoffmann und Hoffmann.

DSCHINGHIS KHAN UND EIN BISSCHEN FRIEDEN

1979 landete Meinunger seinen ersten Welterfolg: „Dschinghis Khan“, interpretiert von der gleichnamigem  Gruppe  Dschinghis Khan landete beim ESC  – Uuuuh, aaaah! –  in Jerusalem auf Platz  4. „Das Schönste ist, wenn man aus dem Nichts einen Hit schreibt“, so der Textdichter, „am besten für eine Band, die noch niemand kennt.“ Zwischen ihm und dem Komponisten Ralph Siegel entwickelte sich eine kongeniale Partnerschaft. Siebzehnmal seit 1978 traten die beiden gemeinsam beim Eurovision Song Contest an. Achtmal kamen sie unter die besten fünf, ihr Sieg 1982 mit „Ein bisschen Frieden“ ist legendär. Aber auch die Zweiplatzierungen, etwa Katja Ebsteins „Theater“ (1980), Lena Valaitis’ „Johnny Blue“ (1981) und „Lass die Sonne in dein Herz“ von Wind (1987) sind noch immer in den Köpfen der Deutschen.  

Bernd Meinunger hat mehr als 4600 Lieder geschrieben, die veröffentlicht und  350 millionenfach verkauft wurden, und erhielt an die 400 Gold- und Platin-Auszeichnungen. Neben dem Textdichten frönt er noch einer Leidenschaft, dem Golf. Auf dem Green traf er auch Hansi Hinterseer. Die Folge: Fast 100 Lieder in 20 Jahren!  Bernd Meinunger, der mit seiner Frau Barbara  in München lebt,  hat für beinahe jeden deutschsprachigen Künstler gearbeitet, der in den vergangenen 40 Jahren in den Hitparaden vertreten war, so zum Beispiel  Peggy MarchPeter AlexanderAndrea Berg, Rex GildoStefanie Hertel, die Kastelruther SpatzenMireille MathieuVicky LeandrosPeter Maffay, Semino Rossi und Wolfgang Fierek. Nur zwei große deutschsprachige Künstler fehlen ihm auf seiner langen Liste: Udo Jürgens und Howard Carpendale.  Und falls Sie auf einem Plattencover auf  klingende Namen wie John O’Flynn, Jim Leary, O. Pinion und Gunter Johansen stoßen: Auch hier steckt Bernd Meinunger dahinter.

VON DEUTSCHLAND NACH SAN MARINO

Anfang des 21. Jahrhunderts kam das Kreativ-Duo Siegel/Meinunger  in Deutschland irgendwie aus der Mode. 2005 wollte es Meinunger  noch einmal wissen und schrieb mit dem Komponisten David Brandes unter dem Pseudonym John O’Flynn den Song „Run & Hide“ , holte sich aber keine Lorbeeren. Die Sängerin Gracia landete auf dem letzten Platz – was nicht unbedingt an mangelnder Qualität des Songs gelegen haben dürfte, sondern an einem handfesten Skandal, der seinerzeit durch die Presse rauschte……….
Ralph Siegel scheint noch immer dem Songcontest verfallen zu sein. Er versucht seit Jahren  sein Glück mit anderen Nationen, darunter Malta, Bosnien und Herzegowina und San Marino – für das letztgenannte Land  heuer schon zum vierten Mal. Dieses Mal holte er wieder  John O’Flynn  ins Boot, der sich die Zeilen für  „Chain of Lights“  einfallen ließ. „Es wäre ein Traum, ins Finale kommen“, meinte Siegel vor wenigen Tagen. Dieser Traum ging nicht in Erfüllung. Für Anita Simoncini & Michele Perniola, beide erst 16 Jahre alt,   aus San Marino, war am Donnerstag in der Vorentscheidung Endstation.

Die Herren Siegel und Meinunger können sich also am 23. Mai die Übertragung in der Wiener Stadthalle ganz entspannt anschauen.  Den Grand Prix-Urgesteinen sei ein bisschen Frieden gegönnt. 

 

 

Daumen drücken für die Celler Schule beim
Deutschen Chansonpreis…..!

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Um das deutschsprachige Chanson zu fördern, verleihen Das Schiff und die Produktionsfirma Theaterplatz zusammen mit der BGFG zum bereits dritten Mal den Deutschen Chanson-Preis“ und den „Deutschen Chansonpreis Nachwuchspreis“ Am Dienstag, 19. Mai findet zunächst der Nachwuchswettbewerb „Deutscher Chansonpreis“ statt – und zwar auf dem Theaterschiff in Hamburg. Um 19.30 Uhr treten die Finalisten und Finalistinnen an, um Jury und Publikum zu überzeugen: Nisse Barfuss, Peter Fischer, Matthias Lüke, Lukas Meister, außerdem Masha Potempa, Lennart Schilgen und Christin Henkel – alle drei Absolventen der Celler Schule.

Am Mittwoch, 20. Mai um 19.30 Uhr folgt dann die Gala zum Wettbewerb: den ersten Teil des Programms bestreitet der Gewinner (oder die Gewinnerin) des Nachwuchswettbewerbs, der zweite Teil gehört Tim Fischer, dem der Deutsche Chansonpreis verleihen wird. Sein Begleiter und Komponist vieler Chansons ist Rainer Bielfeldt. Und der eine oder andere Text von Edith Jeske wird wohl auch dabei sein….

Der Fred-Jay-Preis 2015 für Marcel Brell:
ein Highlight für die Celler Schule

Diesmal war es sogar eine dreifache Preisverleihung, denn neben dem Fred-Jay-Preis wurde erstmalig der Radiokulturpreis vergeben. Er ging an zwei Radiosender: BR-Klassik und Radio Fritz. Die Laudatio hielt Dr. Ralf Weigand (Mitglied des Aufsichtsrats der GEMA). Er dankte den Vertretern beider Sender dafür, dass sie zuweilen auch Wege abseits des Mainstreams einschlagen, ließ aber auch durchblicken, dass nach oben noch einiges an Platz sei. Ein guter Start allemal für diesen Preis, der sowohl Sendern als auch der GEMA eine Stärkung der positiven Öffentlichkeitswirkung verspricht.

Und dann der – herbeigefieberte – Fred Jay-Preis. Beinahe ein Klassentreffen unserer Absolventen aus 19 Jahren. Viele reisten an, um mit Marcel Brell zu feiern und ihm zu gratulieren.

Jacobson Reitz BRell 2-002 05.05.2015 22-15-49Tobias Reitz stellte in seiner Laudatio die Biografien von Marcel Brell und Fred Jay einander gegenüber – mit verblüffenden Übereinstimmungen. Ganz nebenbei lernte man mehr über diesen Autor. Für Marcel hatte Tobias eine Sampler-CD mit lauter Liedern von Fred Jay aufgetrieben. 

 

AMichael Jay Jacobson red-002 12.05.2015 14-44-24uch Michael Jacobson, Sohn von Fred Jay, zeigte sich begeistert – sowohl vom Preisträger als auch vom Laudator.
Ausdrücklich hob er erneut den Grundgedanken des Fred-Jay-Preises hervor: „Die Auszeichnung soll einem Textdichter oder einer Textdichterin einen Schub geben, eine Hilfe zum Erfolg sein, eine Anerkennung am Anfang der Karriere, wo auch das Geld am meisten gebraucht wird“.

In diesem Sinne freuen wir uns auf Marcels nächstes Album, an dem die Arbeit jetzt beginnt.
Und wer die wunderbare Laudatio von Tobias Reitz in voller Länge lesen möchte, findet sie auf der Webseite des Deutschen Textdichterverbandes.

Thomas Woitkewitsch schreibt:
dass Marcell als Mensch und als Künstler ausgezeichnet ist, habe ich in Springe schon mehrfach erleben können.
Jetzt wurde er in Berlin mit dem Fred-Jay-Preis ausgezeichnet. Warum? Das hat unser Freund Tobi in seiner Laudatio mit wunderbaren Worten ausführlich begründet.
Ich behaupte nur: Das hat er verdient! Mehr als…
Mit freudigen Grüßen
Thomas

 

 

Camillo Felgen im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Schnee von vorvorgestern: Am 13. März 1965, also vor genau fünfzig Jahren, landeten die Beatles auf dem Flughafen in Salzburg. 5000 Fans standen auf dem Rollfeld (ja, das durfte man damals noch!), um The Fab Four willkommen zu heißen. Nach der Pressekonferenz ging es dann weiter in den Wintersportort Obertauern, wo die Dreharbeiten für die Agenten-Parodie „Help!“ stattfanden. Drei Songs auf der gleichnamigen LP kennen wahre Beatles-Fans heute noch auswendig: Help, Ticket to ride und Yesterday. „Hi-Hi-Hilfe!“ hieß die deutsche Fassung des Films. Apropos Deutsch: Haben Sie sich schon mal gefragt, wer eigentlich für Paul McCartney, John Lennon, George Harrison und Ringo Starr die deutsche Übersetzung von I want to hold your hand schrieb? Es war Camillo Felgen.

Camillo Felgen
Camillo Felgen

TAUSENDSASSA AUS LUXEMBURG

Camillo Felgen wurde als Camille Jean Nicolas Felgen am 17. November 1920 in in Tetingen in Luxemburg geboren. Nach Volksschule und Gymnasium besuchte er die Lehrerbildungsanstalt und war als Volksschullehrer und Dolmetscher tätig. Danach studierte Felgen Schauspiel, Gesang und Oper in Brüssel und Lüttich, schloss das Studium 1949 ab und widmete sich der leichten Muse. Seinen ersten internationalen Plattenerfolg hatte er bereits zwei Jahre später mit „Bonjour les amis“. Dieses Lied wurde später die Erkennungsmelodie für den französischen Sender von Radio Luxemburg. Als Camillo Felgen 1958 zum ersten deutschsprachigen Programmleiter von Radio Luxemburg, dem ersten Privatsender Europas und Vorläufer von RTL, berufen wurde, erfand  er das Radio neu. Mit seiner sonoren Stimme, seiner charmanten Art zu moderieren und seiner Improvisationskunst begeisterte er Millionen von deutschsprachigen Hörern und vor allem Hörerinnen. Felgen traf den Nerv der Zeit. Seine Hitparade wurde Kult. „Die großen Acht“, eine Sendung, in denen er Neuerscheinungen aus aller Welt vorstellte, galt als Erfolgsbarometer für die Plattenindustrie. Das sonntägliche Wunschkonzert ist für viele heute noch unvergessen. In den 1960er und 1970er Jahren stand Radio Luxemburg – zumindest akustisch – für ein vereintes Europa. Der Fernempfang über Kurz- und Mittelwelle machte die Diskussionen über offene Grenzen und Zusammengehörigkeit obsolet. Kaum zu glauben: Es gab sogar spezielle Kofferradios mit der „Radio Luxemburg-Taste“. Mit einem Klick zum richtigen Sound, hieß die Devise.

JEAN NICHOLAS ALS PSEUDONYM

Camillo Felgen erfand den Werbeslogan „Die fröhlichen Wellen von Radio Luxemburg“ und war maßgeblich an der Schaffung des „Goldenen Löwen von Radio Luxemburg“ beteiligt, einer Auszeichnung für nationale und internationale Künstler. Auch als Sänger war er erfolgreich. Der Bariton vertrat zwei Mal  Luxemburg beim Grand Prix Eurovision de La Chanson, dem Vorläufer des Eurovision Song Contests, und erreichte 1962 mit  dem französischen Lied Petit Bonhomme den dritten Platz. 1968 verließ Camillo Felgen den Radiosender, denn es lockte ein neues Medium, das Fernsehen. Wetten, dass Sie seinen Nachfolger kennen? Es war – Richtig! – Frank Elstner.  Felgen wechselte zum WDR  und moderierte er von 1965 bis 1973 125 Mal die legendäre Fernsehsendung „Spiel ohne Grenzen“. Dazwischen fand das Multitalent Zeit, für sich und andere Liedtexte zu schreiben. Für sein Pseudonym Jean Nicholas nahm er Anleihe bei seinem zweiten und dritten Vornamen. Er schrieb auch unter Heinz Hellmer und Lee Montague,was mitunter zur Verwirrung führte. 2000 Lieder sind es im Laufe seines Lebens geworden. Einer seiner größten Hits  war Sag warum?. Die Single verkaufte sich 800.000 mal. An diesen Erfolg kam nur der Titel Ich hab’ Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren  heran, das im Original von Bobbejaan gesungen wurde.  Dieser unverwüstliche Evergreen aus dem Jahr 1961 treibt noch heute ungezählten Müttern und Großmüttern die Tränen in die Augen.

KOMM, GIB MIR DEINE HAND!

In den 1960er Jahren war  so es durchaus üblich, fremdsprachige, meist englische Lieder ins Deutsche zu übertragen. So schrieb Felgen für Connie Francis den Hit Schöner, fremder Mann (während die Originalversion Someone else’s boy in den USA floppte), für Peter Alexander Ich zähle täglich meine Sorgen (Original: Heartaches by the number), für Rolf Paulsen Bonanza und für die Beatles  Komm gib mir deine Hand (I want to hold your hand) und Sie liebt dich (She loves you). Der Produktionsleiter des deutschen Plattenvertriebs war der Überzeugung, dass die Beatles in Deutschland nur Erfolg hätten, wenn es auch eine deutschsprachige Fassung gäbe. Felgen flog nach Paris, wo er im Nobel-Hotel „Georges V“  John Lennon  und Paul McCartney traf.  Ihm blieben nicht einmal 24 Stunden Zeit, um die Texte zu verfassen und mit den zwei  Pilzköpfen die Songs phonetisch einzustudieren. Fast wäre das Unterfangen gescheitert, zu sehr plagten sich John und Paul mit der deutschen Aussprache. Am 29. Januar 1964 wurden im Pariser Tonstudio Pathé Marconi die neuen Texte aufgenommen und über die Original-Musikspuren gelegt. Nicht einmal eine Woche später, am 4. Februar 1964, erschienen die Aufnahmen als Komm, gib mir deine Hand/Sie liebt dich  liebt Dich (Odeon 22671) und erreichten einen fünften  beziehungsweise siebten Rang der deutschen Hitparade.. Letztendlich war die englischsprachige Originalfassung erfolgreicher. Sie war die acht Wochen auf Platz 1 und wurde  im April 1964 von „O my Darling, Caroline“ von Ronny verdrängt. Heute werden die beiden Songs als Kuriosum gewertet. Sie sind die einzigen Lieder, die die Beatles in Deutsch aufgenommen haben und obendrein die einzigen, die außerhalb von London  entstanden sind.

1987 zog sich Camillo Felgen offiziell aus der Medienwelt zurück. Sich auf seinen Lorbeeren ausruhen, wollte der Radiopionier auch im fortgeschrittenen Alter nicht. Er schrieb französische und deutsche Chansons,  spielte Theater und wirkte in Filmen mit, u. a. in  Andy Bauschs „Le Club des Chômeurs“.  2004 drehte der luxemburgische Filmemacher eine Dokumentation über seinen Landsmann unter dem Titel  „Monsieur Warum“  – als kleine Anspielung an dessen größten Erfolg „Sag warum“. Ein Jahr später, am 17. November 2005, verstummte die wunderbare Stimme von Camillo Felgen für immer.

Auch fast zehn Jahre nach seinem Tod scheint er unvergessen zu sein. So betreibt Heike Konrad aus Offenbach im Internet eine liebevoll gestaltete Fanseite, um das Andenken an jenen Mann zu bewahren, der den Beatles Sätze wie O du bist so schön, schön wie ein Diamant. Ich will mit dir gehen. Komm gib mir deine Hand in den Mund gelegt hat. Übrigens: Im Original ist der Text auch nicht besser!

 

 

Hans Fritz Beckmann im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Es gibt Tage, da denkt man: „Welt, lass mich in Ruhe“, wie DIE ZEIT vor kurzem titelte. Tage, an denen man alles außen vor lassen möchte und sich nur eines wünscht: „Ich wollt’, ich wär ein Huhn! Ich hätt’ nicht viel zu tun. Ich legte jeden Tag ein Ei, und sonntags auch mal zwei…“ Diesen unausrottbaren Ohrwurm sang 1936 der UFA-Traumpaar Lilian Harvey und Willy Fritsch in dem Film  „Glückskinder“. 73 Jahre später fand er sich in derselben Interpretation in dem Oscar-preisgekrönten amerikanischen Streifen „Inglorious Basterds“  wieder. Geschrieben hat das Lied einer der erfolgreichsten Textdichter des jungen deutschen Tonfilms, Hans Fritz Beckmann, die Melodie stammt von Peter Kreuder.

VON BERLIN NACH BUENOS AIRES UND RETOUR

Hans Fritz Beckmann wurde am 6. Januar 1909 in Berlin-Schöneberg geboren. „Mein Vater war Offizier, meine Mutter nicht  – diese Veranlagung habe ich auch dann von meiner Mutter geerbt“, so beschrieb Beckmann augenzwinkernd seine Eltern. Auch mit dem zweiten Mann seiner Mutter, mit dem die Familie 1920 nach Argentinien auswanderte, hatte der Junge keine rechte Freude. Er hatte schon damals literarische Ambitionen, sollte aber nach dem Willen des Stiefvaters Buchhalter werden. Als er sich widersetzte, verfrachtete dieser den 19-jährigen kurzerhand mit einer nur halbbezahlten Schiffspassage auf einen Dampfer Richtung Deutschland. Das fehlende Geld musste sich Hans auf der Überfahrt als Schiffsjunge verdienen. 1928 nach Berlin zurückgekehrt schlug sich er als Gelegenheitsarbeiter und Eintänzer durch. Tangotanzen hatte er in Buenos Aires gelernt, und dieser Tanz war in Deutschland groß in Mode. In einem Tingel-Tangel-Varieté sah ihn der Kabarettist und Conferencier Erich „Elow“ Lowinksy und holte ihn 1932 als zweiten Mann in sein berühmt-berüchtigtes  „Kabarett der Namenlosen“. Das war ein ziemlich mieser Job, denn dort durften nur die Untalentiertesten auftreten, die dann gnadenlos verrissen und vom Publikum ausgebuht wurden. (Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?) In dieser Zeit schrieb Beckmann seine ersten Chanson-Texte und landete 1934 in Trude Hesterbergs Kabarett „Musenschaukel“, wo er den Komponisten Theo Mackeben kennenlernte, der damals in der Schlagerwelt schon eine große Nummer war. Was für ein Glück, dass Mackeben dringend einen neuen Autor suchte. Sein bisheriger Autor Felix  Joachimson (später: Felix Jakobson) war jüdischer Abstammung und musste aus politischen Gründen Deutschland verlassen.

SO ODER SO IST DAS LEBEN

Hans Fritz Beckmann mit dem Komponisten Peter Kreuder (links)
Hans Fritz Beckmann mit dem Komponisten Peter Kreuder (links)
Quelle: privat, mit freundlicher Genehmigung

Mit  dem Lied So oder so ist das Leben aus dem Film „Liebe, Tod und Teufel“, gesungen von Brigitte Horney, gelang Beckmann schnell der Durchbruch. Die Platte, bei der Deutschen Grammophon aufgenommen, wurde zu einem Sensationserfolg. Über Nacht hatte sich Beckmann in der Branche einen Namen gemacht, und viele Komponisten rissen sich um seine Texte. Er schrieb nicht nur für Theo Mackeben, sondern auch für Peter Kreuder, Friedrich Schröder und Peter Igelhoff. Kein Star der 1930er und 1940er Jahre, der nicht einen Titel von Beckmann im Repertoire gehabt hätte. Viele der Lieder sind zu Evergreens geworden: Lilian Harvey und Willi Fritsch sangen in dem Film „Die sieben Ohrfeigen“  Ich tanze mit dir in den Himmel hineinJohannes Heesters in „Gasparone“ Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen, Hans Albers  in „Wasser für Manitoga“ Goodbye Johnny, Lizzi Waldmüller in  „Bel Ami“ Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami“ sowie  Willi Forst„Gnädige frau, wo war’n Sie gestern?, Marika Röck  in „Hallo Janine“ Musik, Musik, Musik (besser bekannt unter dem Titel Ich brauche keine Millionen), Zarah Leander in „Es war eine rauschende Ballnacht“ Nur nicht aus Liebe weinen, Johannes Heesters in „Immer nur du“ Man müsste Klavier spielen können, Evelyn Künneke in „Karneval der Liebe“ Haben Sie schon mal im Dunkeln geküsst? und Margot Hielscher in dem gleichnamigen Film Frauen sind keine Engel. Neben den Liedtexten, über 958 sind bei der GEMA registriert, schrieb Beckmann auch eine beachtliche Zahl von Filmdrehbüchern. Hier seien nur einige aufgezählt:  „Kleiner Mann – ganz groߓ (1938), „Hallo Janine“ (1939) und „Traummusik“ (1940).

LIEBER GOTT, LASS DIE SONNE WIEDER SCHEINEN

Nach Kriegsende wurde es stiller um den einstigen Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Beckmann eröffnete in Berlin ein Kabarett, das aber schon nach kurzer Zeit wieder geschlossen wurde, und versuchte sich als Lyriker. Trotz heftigen Bemühens konnte er nicht mehr an seine alten Erfolge anschließen, obwohl er alles tat, um sich auf veränderten Publikumsgeschmack und das Zwei-Minuten-Dreißig-Diktat der Musikboxen einzustellen. Er schrieb weiterhin Filmmusiken, aber ohne echtes Hitpotential. In Erinnerung geblieben ist das Lied „Lass die Sonne wieder scheinen“ aus dem  gleichnamigen Film, für das Beckmann 1955 gemeinsam mit Franz Marischka das Drehbuch verfasste. Die kleine Cornelia sang das Titellied, zu dem Papa Gerhard Froboess die Musik geschrieben hatte: „Lieber Gott, lass die Sonne wieder scheinen für Mama, für Papa und für mich. Alle Leute, die großen und die kleinen, haben Sehnsucht nach Sonne wie ich…“

ABSCHIEDSBRIEF IM MÜNCHNER STAMMLOKAL

Für Beckmann hatte die Sonne nicht mehr dieselbe Strahlkraft wie in den Dreißiger- und Vierzigerjahren. Er arbeitete als Synchronautor für Hollywood-Filme, wurde 1958 Produzent bei der Plattenfirma Ariola und freute sich, als die Nostalgiewelle der Sechziger Jahre seine Evergreens wieder nach oben spülte. Das große Revival der Lieder der 1930er und 1940er Jahre, das von Max Raabe und seinem Palastorchester in den 1990er Jahren eingeläutet wurde, konnte er leider nicht mehr erleben.  Am 25. April 1975  – da war Hans Fritz Beckmann gerade mal 66 Jahre alt  – verlor er den Kampf gegen den Lungenkrebs. Seinen Freunden, darunter dem Komponisten Friedrich Hollaender, hatte er in seinem Stammlokal, dem legendären Max II, einen Abschiedsbrief hinterlassen. 

„Beckmanns Texte kann man auch in gedruckter Form als amüsante, manchmal satirisch-geschliffene, in jedem Fall aber als den Intellekt ansprechende Gebrauchslyrik begreifen“, schrieb Jens Uwe Völmeke  anlässlich des 100. Geburtstags in einem Artikel des Sikorski Magazins. „Damit ist Beckmann seinem persönlichen Wunschtraum, einmal ein bedeutender Literat zu werden, vielleicht näher gekommen als er es selbst jemals geglaubt hätte. Ein ‚Literat’ des deutschen Schlagers war er auf alle Fälle.“