Songtextseminare mit Edith Jeske:
Zusatztermine in HAMBURG und MÜNCHEN

Endlich klappt es mal wieder mit einem Workshop in Hamburg, den ich jetzt noch dazwischenschiebe. Auch für München sieht es gut aus – da müsste nur noch entschieden werden, welcher Termin besser passt, Dafür habe ich einen Doodle-Link angelegt. Die Teilnahmegebühr ist wie bei den anderen Seminaren: 460 EUR. Wiederholungstäter/innen 360 EUR.
Das gilt auch für diejenigen, die im Popkurs Hamburg
bei mir waren.

 

Basiskurs Songtexten in Hamburg
18. bis 22. Oktober 2017
Details hier:

in Planung:
Basiskurs München.
8. bis 12. Oktober oder 25. bis 29. Oktober
nur für die Terminfixierung: doodle hier
(das gilt noch nicht als verbindliche Buchung)

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Kurt Robitschek im Porträt

Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Frühling in Wien – da kommt einem schlagartig ein Lied in den Sinn: Im Prater blüh’n wieder die Bäume… Dass Robert Stolz, damals noch am Anfang seiner großen Operettenkarriere, die Melodie zu diesem Jahrhundert-Hit geschrieben hat, ist hinlänglich bekannt. Dass der Text von Kurt Robitschek stammt, weiß heute keiner mehr. Zu unrecht, wie ich meine.

Foto Kurt Robitschek
Kurt Robitschek

IM PRATER BLÜH’N WIEDER DIE BÄUME

Kurt Robitschek wurde am 23. August 1890 in Prag als Sohn von Laura und Ludwig Robitschek, einem höheren jüdischen Bankangestellten, geboren. Dessen solide Berufspläne durchkreuzte der Sohn, als er mit 16 Jahren das Gymnasium abbrach und mit einem Wanderzirkus durch die Lande zog. In Wien arbeitete er als Journalist und Schriftsteller und entdeckte im Kabarett Simpl die Liebe zur Kleinkunst. 1910 schrieb Robitschek die erste Komödie, zwei Jahre später gemeinsam mit Otto Hein das erste Operettenlibretto. Komponist zu Du liebes Wien, so der Titel, war Robert Stolz. 1916 – mitten im Ersten Weltkrieg, wo Robitschek im Kriegseinsatz als Infanterist einen Bauchschuss erlitt – gelang ihm mit Stolz der walzerselige Jahrhundert-Hit Im Prater blüh’n wieder die Bäume. Alle sangen ihn und singen ihn noch heute: Richard Tauber, Fritz Wunderlich, Peter Alexander, Dagmar Koller und Eva Lind, um nur einige der Interpreten aufzuzählen. Stolz und Robitschek waren ein gutes Team: Mehr als 90 Lieder gehen auf ihr Konto. Robitschek BaumUnd noch heute freut sich nicht nur die Tourismusbranche über einen weiteren Welterfolg aus Robitscheks Feder(Youtube spuckt in 0,85 Sekunden mehr als 1,1 Mio. Einträge zum Thema aus!): Die Stadt meiner Träume, besser bekannt unter dem Titel Wien, Wien, nur du allein. Schon mit seinem Opus 1 landete Rudolf Sieczynski einen musikalischen Volltreffer, der in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

SEID LIEB UND NETT ZU UNS!

Anfang der Zwanziger Jahre ging Robitschek nach Berlin, trat in verschiedenen Cabarets als Conferencier auf und gründete 1924 gemeinsam mit den Schauspielern Paul Morgan, Max Hansen und Max Adalbert das Kabarett der Komiker, dessen Direktion er auch übernahm. Mit dem Satz Seid lieb und nett zu uns! begrüßte der Tausendsassa allabendlich die Gäste, trat dort als Conferencier auf und schrieb satirische Lieder und Texte zum aktuellen Zeitgeschehen. Das KadeKo wurde Anziehungspunkt für die berühmtesten Kabarettkünstler seiner Zeit. Äußerst beliebt war auch die Hauspostille „Die Frechheit“.

Als streitbar, immer innovativ und furchtlos beschreibt die Autorin Marie Theres Arnbom Robitschek in dem Buch War’n Sie schon mal in mich verliebt? Filmstars, Operettenlieblinge und Kabarettgrößen zwischen Wien und Berlin. Der Kabarettist, der nie ein Blatt vor den Mund nahm, erkannte schon früh die Gefahr, die durch den aufkeimenden Nationalsozialismus drohte, und brachte mit der Operettenparodie Quo vadis, die erste, beißende, ätzende, vielbeachtete und wenig befolgte Satire gegen Adolf Hitler, so O-Ton Robitschek, auf die Bühne. Quasi als Warnung. Bis 1932 stand Quo vadis immer wieder auf dem Programm. Was sich später als Verderbnis für die jüdischen Künstler herausstellte sollte.

AN DER SCHÖNEN ROTEN DONAU

1927 übersiedelte das Kabarett der Komiker auf den Kurfürstendamm. Die Spielstätte umfasste mehr als 800 Sitzplätze und war als erstes Rauchtheater die Attraktion in Berlin. Nach der NS-Machtübernahme musste das KadeKo 1933 zusperren. Robitschek flüchtete über Prag nach Wien, wo er in den Kammerspielen die Bühne des Lachens gründete. 1936 war aber auch ihm das Lachen gründlich vergangen, und er emigrierte mit seiner Frau, der Schauspielerin und Kabarettistin Ilse Bois, nach Amerika. In New York legte er seinen ursprünglichen Namen ab, nannte sich Ken Robey und fand eine geistige Heimat in den Kaffeehäusern und Restaurants, wo die Exil-Juden Kabarettabende veranstalteten.1941 gelang es ihm wieder das Kabarett der Komiker zum Leben zu erwecken, wo er Publikumslieblingen wie Karl Farkas, Hermann Leopoldi und Armin Berg eine Bühne bot.

„An der schönen roten Donau wohnt jetzt wiederum das Glück, und im Prater blüh’n die Bäume, sag’n S’ Herr Kohn, wann kommen S’ z’rück? An der schönen roten Donau herrscht jetzt wieder Glück und Scherz. Mir ham schließlich kan Charakter, doch wir ham a gold’nes Herz“, schrieb Kurt Robitschek pardon Ken Robey für Hermann Leopoldi im Exil. Er kehrte nie mehr nach Wien, das von den Russen besetzt war, zurück und starb am 16. Dezember 1950 in New York an Lungenkrebs.

Kaum zu glauben, dass Wien, die Stadt seiner Jugend, der er zwei der schönsten Lieder geschenkt hat, ihn zur Gänze vergessen hat.

Toni Hämmerle im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2016)

1963 – da war Thomas Gottschalk gerade den kurzen Hosen entwachsen – wurde im ZDF zum ersten Mal eine Fernsehsendung um eine Stunde überzogen. Für den medialen Aufreger sorgte ein Lied, das die Narren der Prunkkarnvealssitzung von Mainz wie es singt und lacht derart begeisterte, dass sie nicht mehr zu singen aufhören konnten: Das Humba Täterä. Das lag wohl am Refrain, der mit Da ruft der ganze Saal: Dasselbe noch einmal! nicht enden wollte. Geschaffen hat dieses musikalische Perpetuum mobile, bis heute der karnevalistische Brüller Nummer 1, der Komponist, Textdichter und Pianist Toni Hämmerle.

 

HIER AM RHEIN GEHT DIE SONNE NICHT UNTER

Anton Hämmerle, genannt Toni, wurde am 11. Dezember 1914 in Mainz geboren. Er spielte schon als Kind Mundharmonika, Akkordeon, Geige und Klavier. Nach dem Musikstudium am Peter-Cornelius-Konservatorium in Mainz arbeitete er als Musiklehrer. 1941 nahm sein Leben eine tragische Wende. Hämmerle, der schon als kleiner Junge an einer starken Sehschwäche litt, wurde gemeinsam mit seiner späteren Frau Christina bei einem Bomben-angriff verschüttet und verlor dabei zur Gänze sein Augenlicht. Zum Glück blieben ihm der Humor und die Lebensfreude erhalten. Toni war eben ein eschter Meenzer Bub!

Nach dem Krieg zog er mit seiner Frau nach Gießen und arbeitete an der Universität als Telefonist. Das war eine der wenigen Beschäftigungs-möglichkeiten, die es damals für blinde Menschen gab. Die Musik und der Karneval waren für Hämmerle, der rheinischen Frohnatur, Lebenselixier, und so engagierte er sich in der Gießener Fassenachts-Vereinigung, wo er mit seinem Chor „Die Hämmerles“ bei den Karnevals-sitzungen auftrat. Bald machte er sich als Komponist und Texter von Schlagern, vor allem Karnevalsschlagern von sich reden. 1952 begann seine Zusammenarbeit mit dem Mainzer Carneval Verein und dessen Star Ernst Neger, der sich als singender Dachdeckermeister mit Heile, heile, Gänsje in die Herzen der Deutschen eingeschlichen hatte. Für ihn schrieb er Hier am Rhein geht die Sonne nicht unter und Wir haben immer noch Durst.

HUMBA TÄTERÄ Toni Hämmerle, Margit Sponheimer, Ernst Neger

1963 landete Hämmerle mit Humba Täterä seinen größten Erfolg. Das Lied platzierte sich unter den Top 20 und brachte dem Mann am Klavier einen unerwarteten Tantiemenregen. Die Bild-Zeitung verstieg sich zu folgender kühnen Behauptung: In Afrika hatten deutsche Entwicklungshelfer Mühe, Eingeborene zu überzeugen, dass Humba Täterä nicht die deutsche Nationalhymne ist.

Ausgerechnet der Kölner Lukas Podolski ist dafür verantwortlich, dass das Meenzer Liedsche zum Fußball-Schlachtgesang wurde, als er es bei der EM 2008 nach dem Sieg gegen Portugal vor laufenden Kameras sang. Gib mir ein H, gib mir ein U, gib mir ein M… schallt es seither durch die deutschen Stadien. Tim Toupet, der singende Friseur aus Kölle, hatte Humba Täterä gemeinsam mit DJ Padre zwei Jahre zuvor entstaubt und in aufgemotzter Woodstock-Version zum Partykracher gemacht. Noch ein Kuriosum am Rande: Auch Michael Kunze ließ sich von dem unverwüstlichen Ohrwurm inspirieren und verfasste 1995 gemeinsam mit Udo Jürgens ein Lied mit dem Titel Humtata und Tätärä.(Kein Faschingsscherz!)

GELL, DU HAST MICH GELLE GERN

Zurück zu Toni Hämmerle: Für Margret Sponheimer schrieb er Gell, du hast mich gelle gern, die damit ihre Karriere beim Mainzer Carneval Verein startete. Die Single verkaufte sich über eine Million Mal. Für Heinz Schenk, der mit der Fernsehsendung „Der blaue Bock“ berühmt wurde, verfasste er Hätt’ der Adam aus dem Apfel Äppelwoi gemacht. Hämmerle war ein Garant für Stimmung und gute Laune. Das wussten auch Camillo Felgen, Ralf Bendix und Paul Kuhn zu schätzen. Seine besinnlichen Balladen fanden weniger Anklang.

AVE MARIA

Eine seiner letzten Kompositionen, ein Ave Maria, wurde erst bei seiner Beerdigung auf dem Neuen Friedhof in Gießen uraufgeführt. Toni Hämmerle war am 8. Dezember 1968 im 54. Lebensjahr gestorben. An ihn erinnern die nach ihm benannte Pony-Station, Hilfswerk für behinderte Kinder e.V., im westfälischen Ahlen, in der hauptsächlich blinde Kinder betreut und gefördert werden, und eine Bronze-Büste des Künstlers Alf Becker vor seinem ehemaligen Wohnhaus in Gießen, die anlässlich seines 100. Geburtstags aufgestellt wurde.

Garantiert unvergessen bleibt sein Humba Täterä, das auch in diesem Jahr alle Jecken und Karnevalisten durch die närrische Zeit begleiten wird. Ja, da geht’s Humba, humba, humba, täterä, täterä, täterä… Wenn ich nur aufhören könnt’! 😉

 

O Tannenbaum! Ernst Anschütz im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Alle Jahre wieder die gleiche Diskussion: Hat der Tannenbaum nun treue Blätter, oder doch grüne? Und warum eigentlich Blätter? Schließlich gehören doch die Tannen zu den Nadelbäumen…

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Ernst Anschütz

All diese kniffeligen Fragen verdanken wir Ernst Anschütz, der uns vor knapp zweihundert Jahren das Lied O Tannenbaum zum Weihnachtsgeschenk gemacht hat.

FUCHS, DU HAST DIE GANS GESTOHLEN

Ernst Gebhard Salomon Anschütz wurde 1780 in Goldlauter in Thüringen als evangelischer Pfarrerssohn geboren. Er besuchte das Gymnasium und studierte in Leipzig Theologie und Philosophie und nahm bereits 1799 in Leipzig seine erste Stelle als Lehrer an der Wendlerschen Freischule, einer Armenschule, an. Anschütz spielte ausgezeichnet Klavier, Orgel, Violine und Klarinette und nahm großen Anteil am musikalischen Leben in Leipzig. Als Mitglied einer Freimaurerloge blieben ihm alle Kirchenämter und ein Posten als Schuldirektor verwehrt und er hatte große Schwierigkeiten, für den Lebensunterhalt seiner Frau Amalie und seiner sieben Kinder zu sorgen. Fünzig Jahre lang arbeitete er als Lehrer und Organist und gab auch privaten Musikunterricht. Anschütz’ große Leidenschaft galt neben dem Schachspiel dem Sammeln von Volks- und Kinderliedern. Er verfasste selbst Texte und Melodien wie Fuchs, du hast die Gans gestohlen, schrieb aber auch viele bereits bestehende Lieder kindgerecht um.

O MÄGDELEIN, WIE FALSCH IST DEIN GEMÜTE

Auch heute gehören Lieder wie Es klappert die Mühle am rauschenden Bach oder Wenn ich ein Vöglein wär’ zum Standardprogramm der Kindergartenkinder (oder zumindest deren sangesfreudigen Großeltern. Für Ein Männlein steht im Walde (Text: Hoffmann von Fallersleben) und für Alle Jahre wieder (Text: Wilhelm Hey) schrieb Anschütz die Melodie. Auch diese Lieder sind in dem dreibändigen Musikalischen Schulgesangsbuch, das er im Verlag seines Freundes Anton Philipp Reclam herausbrachte und ihn zu einem der Väter des Schulsingens in Deutschland machte, enthalten. Er verzichtete weitgehend auf das Honorar, um den Eltern den Kauf des Buches zu ermöglichen. Ob auch Alle meine Entchen von Anschütz stammt, ist nicht hundertprozentig belegbar. 1824 fiel ihm ein Lied des Pädagogen, Predigers und Volksliedsammlers August Zarnack (1777 – 1827) in die Hände, in dem sich unter dem Titel O Tannenbaum ein enttäuschter Liebhaber über seine untreue Geliebte beklagte und dabei den Vergleich zum weitaus beständigeren Nadelbaum heranzog. Und das auf die leicht variierte Melodie einer alten Volksweise aus dem 16. Jahrhundert. Dieses Lied, in dessen zweiter Strophe O Mägdelein, o Mägdelein, wie falsch ist dein Gemüte gesungen wird, ist heute noch im Allgemeinen Deutschen Kommersbuch zu finden.

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O TANNENBAUM, WIE TREU SIND DEINE BLÄTTER

O TANNENBAUM, WIE TREU SIND DEINE BLÄTTER

Anschütz machte es zum Weihnachtslied, in dem er die erste Strophe beibehielt und die folgenden zwei umschrieb. Das Aufstellen von Tannen als Weihnachtsbäume war inzwischen ein landesweiter Brauch geworden. Die zweite Zeile des Liedes hieß ursprünglich Wie treu sind deine Blätter. Auch in Anschütz’ Version blieb das zuerst unverändert, jedoch wurde der Text Wie grün sind deine Blätter im 20. Jahrhundert besser bekannt. „Eine in diesem Ausmaß beispiellose Huldigung einer Baumgattung: Inbegriff der Treue und unverwüstlich in der Farbe. Zu Weihnachten hätten alle ihre helle Freude an ihr“, schreibt der Autor Daniel Glattauer in seinem satirischen Büchlein „Der Karpfenstreit – Die schönsten Weihnachtskrisen“. Er kennt vermutlich Robert Gernhardts Geschichte „Erna, der Baum nadelt!“ nicht. Die Einfachheit der Melodie und die Bekanntheit des Liedes reizte auch außerhalb der Weihnachtssaison zum Umdichten. So gab es nach der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. 1918 die Zeilen wie O Tannenbaum … der Kaiser hat in’ Sack gehaun, er kauft sich einen Henkelmann und fängt bei Krupp in Essen an. Und unzählige Versionen wie O Tannenbaum, der Lehrer hat mich blau gehaun, O Tannenbaum, die Oma sitzt im Kofferraum oder O Gaslatern’, wie haben dich die Hunde gern kursieren seit Generationen viel belacht auf den Schulhöfen.

MARYLAND, MY MARYLAND

O Tannenbaum wurde in der Originalfassung auch in vielen anderen Sprachen übersetzt und kaum ein Sänger, eine Sängerin oder ein Kinderchor, der Weihnachtslieder im Programm hat – von Placido Domingo, Andrea Bocelli, Nana Mouskouri und Helene Fischer bis zu den Wiener Sängerknaben (die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen) – kommen um den kassenklingenden Hit herum. Die Melodie wird aber auch weltweit zweckentfremdet. Chinesen singen sie als Schulhymne, die Bewohner des US-Staates Maryland als Landeshymne, und die Fans des englischen Fußballvereins FC Chelsia brüllen We’ll keep the blue Flag flying high durchs Stadion.

Was wohl der Schöpfer des unsterblichen Weihnachtsliedes, der am 18. Dezember 1861 in ärmlichen Verhältnissen in Leipzig starb, dazu gesagt hätte? Die Grabstätte auf dem Neuen Johannisfriedhof wurde mittlerweile aufgelassen. In seinem Geburtsort Goldlauter erinnert eine Straße und ein bescheidener Gedenkstein am alten Pfarrhaus an ihn. Und all die ungezählten Tannen im nahen Thüringer Wald mit ihren treuen (Biologielehrer bitte weghören!) Blättern.

Eckart Hachfeld im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Vierzig Jahre sind es her, dass Mathilde, Ottilie, Marie und Liane, das Damenkränzchen in der Konditorei ums Eck, das erste Mal zum Sturm auf das Kuchenbuffet bliesen. Udo Jürgens hat ihren genüsslichen Schlachtruf Aber bitte mit Sahne! unvergessen gemacht. In den Mund gelegt wurde ihm dieser von dem satirischen Multitalent Eckart Hachfeld. – Ein Porträt mit Sahnehäubchen.
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VOM OFFIZIER ZUM SATIRIKER
Eckart Hachfeld wurde am 9. Oktober 1910 als Sohn eines Offiziers in Lothringen, das damals zu Deutschland gehörte, geboren. Er besuchte das Gymnasium in Mannheim und studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg, Leipzig und Kiel. Nach der Promotion 1935 arbeitete der Jurist u. a. als Anzeigen- und Werbeleiter und war im Zweiten Weltkrieg als Offizier im Einsatz. Er kam in englische Kriegsgefangenschaft, wo er – man glaubt es kaum – sein humoristisches Talent entdeckte und eine Kabarett-Truppe namens Waschbrettl um sich scharte. 1946 ließ sich Hachfeld mit seiner Frau Erika Levin und seinen drei Söhnen Eckart, Rainer und Tilman in Hamburg nieder und startete als Kabarett-Texter durch. Er schrieb für die Bonbonniere in Hamburg, die Mausefalle in Stuttgart sowie die Stachelschweine in Berlin, wurde Hausautor im Düsseldorfer Kom(m)ödchen und machte Wolfgang Neuss zum ,Mann an der Pauke’. Hachfeld galt als kreativster Satiriker des Wirtschaftswunders. Sammy Drechsel von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft bezeichnete ihn als Kaiser unter den Kabarett-Textern. Auch viele Sendungen in Radio und Fernsehen trugen seinen satirischen Stempel.
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AMADEUS GEHT DURCHS LAND
Ein neues Kapitel schlug der vielseitige Texter, der nach Berlin übersiedelt war, 1951 auf, als er für Die Welt eine gereimte wöchentliche Zeitsatire mit dem Titel Amadeus geht durchs Land verfasste. Sein Wechsel zum Stern zehn Jahre später hatte einen unerfreulichen Rechtsstreit zur Folge, den der Autor aber gewann. Bis 1990 nahm Amadeus Woche für Woche seine Landsleute aufs Korn. An die 2000 Glossen sind es geworden. Sie erschienen auch in Buchform, ebenso wie eine Neufassung des Struwwelpeters. Sohn Rainer, der als Karikaturist arbeitete, steuerte die Zeichnungen bei. Auch als Drehbuchautor machte sich Hachfeld einen Namen. Die Liste der Filme ist lang. Unvergessen sind Der Pauker (1959, mit Heinz Rühmann), Was eine Frau im Frühling träumt (1959, mit Winnie Markus), Ich zähle täglich meine Sorgen (1960, mit Peter Alexander), Der letzte Fußgänger (1960, mit Heinz Erhardt) Kohlhiesls Töchter (1962, mit Lieselotte Pulver) und Was ist denn bloß mit Willi los? (1970, mit Heinz Erhardt). Noch heute tauchen die einstigen Kassenschlager im Samstagsnachmittagsprogramm im Fernsehen auf.
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ABER BITTE MIT SAHNE
Am meisten im Gedächtnis geblieben sind aber Hachfelds Schlagertexte. 1970 kontaktierte Udo Jürgens’ Manager Hans R. Beierlein den Autor auf der Suche nach gesellschaftskritischen Liedern. Lieb Vaterland war ein Wagnis, das zahlreiche Diskussionen auslöste. Soviel Provokation wollten die meisten Udo-Fans dann doch nicht hören und auch die Radiostationen wie Radio Luxemburg nicht, die das Lied boykottierten. Versöhnlicher stimmte das Lied Zeig mir den Platz an der Sonne, das Udo Jürgens im August 1971 im Berliner Olympiastadion vor 75.000 Zuhörern als Hymne der Deutschen Fernsehlotterie präsentierte. Den Vogel schoss Hachfeld eindeutig mit Aber bitte mit Sahne ab. Das Lied erschien 1976, wurde 1977 in den Diskotheken zum Superhit und ist heute noch ein unverwüstlicher Oldie. Insgesamt 18 Lieder schrieb Hachfeld für Udo Jürgens. Französisch singende Stars wie Dalida (Er war gerade achtzehn Jahr), Adamo, Gilbert Becaud und Charles Aznavour belieferte er mit deutschen Texten. Auch die Übersetzung von Stephen Sondheims Song Send In The Clowns aus dem Musical A Little Night Music (Wo sind die Clowns) stammt aus seiner Feder.

AUF DEM WALK OF FAME

Eckart Hachfeld drängte sich nie ins Rampenlicht. „Mein Vater verstand sich als Handwerker, nie als Künstler“, sagte sein Sohn Tilman, ein Theologe, in einem Interview. Und sein Sohn Eckart, der Gründer des Berliner Gripstheaters, der den Künstlernamen Volker Ludwig trägt, meinte: „Jeder deutsche Fernsehzuschauer und Rundfunkhörer kennt Texte von ihm, auch wenn er in der Regel nicht weiß, wie der Autor heißt“.

Der Ruhm war bereits verblasst, als der „Text-Kaiser“ am 5. November 1994, wenige Wochen nach seinem 84. Geburtstag, nach einem Herzinfarkt starb. Die Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze, behauptete Schiller. Dem Textdichter auch nicht, füge ich hinzu. Für Satiriker jedoch fällt manchmal ein Stern ab. So auch für Eckart Hachfeld. Ein Stern auf dem Walk of Fame des Kabaretts in Mainz trägt seinen Namen.

Ein Prosit der Gemütlichkeit – Bernhard Dietrich im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)
„Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit, ein Prosit, ein Pro-o-sit der Gemütlichkeit…“ Das ist der Allzeit-Wiesn-Hit schlechthin. An die neun Millionen Menschen besuchen jährlich das Münchner Oktoberfest, das größte Bierfest der Welt, kurz Wiesn genannt. ein-Prosit-der-GemuetlichkeitWer jemals dort in einem Bierzelt auf den Bänken tanzte, der weiß: An diesem Lied kommt keiner vorbei. Auch wenn die Bayern das gar nicht gerne hören: Das Loblied auf die Gemütlichkeit schrieb ein Sachse, Bernhard Dietrich aus Chemnitz.
OANS, ZWOA, DREI, GSUFFA
Du lieber Herr Gesangsverein! Es muss wohl Ende des 19. Jahrhunderts gewesen sein, dass Bernhard Dietrich diese epochalen Zeilen für seine Sangesbrüder verfasste. Viel ist nicht aus seinem Leben bekannt. Er war von 1860 bis 1896 Mitglied des Jakobs-Kirchenchores in Chemnitz, sang bei einem nach ihm bekannten Doppelquartett und betätigte sich, wie aus dem Chemnitzer Stadtarchiv hervorgeht, neben seiner Arbeit als Prokurist als Komponist. Seine Hymne auf die Gemütlichkeit fand bei den Männerchören Gefallen und wurde in alle Richtungen getragen, so auch nach München auf das Oktoberfest. Dort wurde es mit einem Schlachtruf „Oans, zwoa, drei, gsuffa!“ von den Bayern ergänzt. Die Idee dazu dürfte aus dem nicht minder berühmten Lied „In München steht ein Hofbräuhaus“ stammen, das von Wilhelm „Wiga“ Gabriel (Musik) und Klaus Siegfried Richter (Text) verfasst wurde. Heute werden mit jedem Prosit, das vom jeweiligen Kapellmeister mit einem „Die Krüge hoch, die Krüge hoch!“ eingeleitet wird, die Bierzeltbesucher zum Griff zum Maßkrug ermuntert. Und diese kommen der Aufforderung gerne nach. Bis 3000 (!) Euro sollen dabei in die Kasse des Wiesn-Wirts gespült werden, geht das Gerücht. Was die Wiesn-Wirte allerdings heftigst dementieren.

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Foto: Die Krüge hoch! ©Exithamster

DIE KRÜGE HOCH, DIE KRÜGE HOCH!
Der Komponist Bernhard Dietrich hingegen ging leer aus. Er konnte den Siegeszug seines Liedes nicht mehr erleben und starb 1902. Seine Sangesbrüder attestierten ihm in der Traueranzeige edle, unvergessliche Charaktereigenschaften. „In seinen köstlichen Liedergaben wird sein Andenken bei uns stets fortleben.“ Dass zumindest eine dieser musikalischen Köstlichkeiten unsterblich wurde, dafür sorgte Georg Lang, ein fränkischer Gastwirt. Er revolutionierte das Münchner Oktoberfest, in dem er – durch einen geschickten Schachzug – fünf Buden anmietete und mit Planen überdachte. So entstand das erste Bierzelt. Und weil es in den Zelten immer so laut herging und die Musikkapelle kaum zu hören war, teilte man beim Eingang Liedtexte aus, damit die Besucher mitsingen konnten.

SÜSSER DIE TANTIEMEN NIE KLINGEN…
Lauthals im Bierzelt zu mitzusingen, dieser Brauch hat sich bis in unsere Tage erhalten. bildAber was macht einen heutigen Wiesn-Hit aus? „Die Melodie muss ins Ohr gehen und der Text darf nicht zu kompliziert sein. Zumindest der Refrain muss von allen mitgegrölt werden können. Oder wenigstens eine Zeile“, sagt Walter Bankhammer, der Kapellmeister der Niederalmer. Und der muss es ja wissen, schließlich spielt seit 20 Jahren mit seiner Showband im Schützen-Festzelt auf. Sein Tipp für den Wiesn-Hit 2016? „Lulapalu“ von Andreas Gabalier oder „Ham kummst“ von Seiler und Speer. Die drei Herren dürfen sich – gemäß dem Motto: Süßer die Tantiemen nie klingen… schon jetzt die Hände reiben.

 

 

Robert Gilbert im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Am Sonntag will mein Süßer...Sommer, Sonne, dazu eine frische Brise – idealer können die Voraussetzungen für ein gelungenes Wochenende nicht sein. Denn: Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n… Ein klassischer Ohrwurm! 1929 erklang der Schlager zum ersten Mal und wurde 32 Jahre später für den gleichnamigen Film wieder aus der Versenkung geholt. Dany Mann And The Old Merry Tale Jazzband landeten damit den Sommerhit 1961. Wenke Myrrhe verhalf dem unverwüstlichen Gute-Laune-Lied Ende der 1960er Jahre zu erneuter Popularität. Aber wer hat es geschrieben? Von Anton Profes stammt die Melodie, von Robert Gilbert der Text. Robääär Gilbääär? Nie gehört? Dann unbedingt weiterlesen!
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KATHRIN, DU HAST DIE SCHÖNSTEN BEINE VON BERLIN

Robert Gilbert wurde am 29. September 1899 als Robert David Winterfeld in Berlin geboren. Da war sein Vater Max Winterfeld gerade 20 Jahre alt und schlug sich als Kapellmeister und Komponist durch, ehe er sich den Künstlernamen Jean Gilbert zulegte und mit der Operette Die keusche Susanne und dem Ohrwurm Puppchen, du bist mein Augenstern den Durchbruch schaffte. Weil sein Vater immer auf Achse war, besuchte Robert zwangsläufig an die 30 Schulen. 1918 wurde er in den Krieg eingezogen, wo der Spartakusbund, einer Vereinigung marxistischer Sozialisten, sein politisches Bewusstsein weckte. Nach Kriegsende studierte er Philosophie und Kunstgeschichte, ging für mehr soziale Gerechtigkeit auf die Straße und opponierte vorerst gegen seinen zu Reichtum gekommenen Vater. Da er aber heiraten wollte und Geld verdienen musste, machte der Junior eine Kehrtwendung, nahm er Künstlernamen seines Vaters an und verfasste mit ihm Texte für Revuen und Operetten. „Von Schopenhauer zum Gassenhauer“ notierte er Jahre später in seinem „beiläufigen Lebenslauf“. Den ersten Schlager, komponiert von Fritz Löwe (später Frederick Loewe), widmete er seiner Frau: Kathrin, du hast die schönsten Beine von Berlin. Kathrin nannte er die Angebetete nur um um des Reimes Willen, in Wirklichkeit hieß sie Elisabeth, genannt Elke.

Robert Gilbert (rechts im Bild) und Werner Richard Heymann mit der Sängerin Elisabeth von Lüdinghausen.

EIN FREUND, EIN GUTER FREUND

Robert Gilbert arbeitete mit den besten Komponisten seiner Zeit zusammen: Nico Dostal, Friedrich Hollaender, Oscar Straus und Ralph Benatzky. In der Operette Im Weißen Rössl (Uraufführung:1930)fragte er: Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist? und verhalf mit Liedern wie Im Salzkammergut, da kamma gut lustig sein und Im Weißen Rössl am Wolfgangsee einer ganzen Region zur unbezahlten Fremdenverkehrswerbung, die heute noch Früchte trägt.Danach entdeckte ihn der neue Tonfilm.
Mit dem Komponisten Werner Richard Heymann schuf er unvergessliche Evergreens: Ein Freund, ein guter Freund und Liebling, mein Herz läßt dich grüßen (aus: Die Drei von der Tankstelle, 1930), Das gibt’s nur einmal (aus: Der Kongreß tanzt, 1931) und Das ist die Liebe der Matrosen (aus: Bomben auf Monte Carlo, 1931). In über 100 Filmen sangen Stars wie Lilian Harvey, Willy Fritsch, Zarah Leander, Heinz Rühmann und Willi Forst Gilberts Texte.

Das Lied Irgendwo auf der Welt, das Lilian Harvey in dem Film Ein blonder Traum (1932) sang, wurde durch die Comedian Harmonists zum Hit und 1997 Titelsong der von Josef Vilsmaier verfilmten Biographie der ersten Boygroup der Welt. Werner Richard Heymann hatte nicht nur die Melodie geschrieben, sondern auch den Refrain. Seine Tochter Elisabeth Trautwein-Heymann vertraute mir an: „Es war das Hoffnungslied meines Vaters. Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück, und ich träum davon in jedem Augenblick… Ich habe Robert Gilbert als Kind fast täglich bei uns erlebt. Er und mein Vater arbeiteten quasi bis zu dessen Lebensende eng zusammen. Er war ein Genie des Wortes. Wenn zwei Genii sich finden und lieb haben, dann entsteht Ewiges.“

DA WÄR’S HALT GUT, WENN MAN ENGLISCH KÖNNT

Robert Gilbert war ein Zerrissener: Er widmete sich nicht nur der Tantiemen bringenden leichten Muse, er schuf mit Hanns Eisler gesellschaftskritische Lieder wie Das Stempellied, das, vorgetragen von Ernst Busch, zu einem klassischen Arbeiterkampflied wurde. „Ein deutsches Schicksal – zwischen Kunst und Kommerz“, befand der Feuilletonist Maurus Pacher. „Hier brillante Agitation, da die unvergesslichen Schlagertexte für Millionen. Ein Schuss Schizophrenie war sicher dabei.“ Auf Grund seiner politischen Einstellung und seiner jüdischen Herkunft sah Gilbert sich gezwungen, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 mit Frau und Tochter nach Österreich zu fliehen und fünf Jahre später nach Amerika zu emigrieren. Seine europäische Prominenz nützte ihm dort nicht viel. Er schrieb für das New Yorker Exilkabarett und räsonierte: „Da wär’s halt gut, wenn man Englisch könnt!“ Was für ein Glück es war, dass Gilbert es doch erlernte, sollte sich Jahre später herausstellen.

ES GRÜNT SO GRÜN, WENN SPANIENS BLÜTEN BLÜHEN

Nach elf Hungerjahren kehrte Robert Gilbert, der die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, nach Europa zurück und trennte sich von seiner Frau Elke. Mit seiner zweiten Frau Gisela und Sohn Stephan lebte er in München und später in der Schweiz und startete eine sensationelle Karriere als Übersetzer, die er Frederic Loewe alias Fritz Löwe, seinem alten Freund aus frühen Berliner Tagen, und der mittlerweile perfekten Beherrschung des amerikanischen Idioms zu verdanken hatte. Dem ersten Geniestreich, der Übertragung des Musicals My Fair Lady ins Deutsche und ins Berlinerische, folgten 22 weitere Übersetzungen, darunter Annie get your gun, Hello Dolly, Can Can, Oklahoma und Der Mann von La Mancha.

Gilbert war eine echte Berliner Schnauze. „Meckern ist wichtig, nett sein kann jeder“, behauptete er und machte die Lebensphilosophie zum Titel eines seiner Gedichtbände. „Erwarte mir als Verfasser der Liedtexte zum Weißen Rössl mindestens ein Denkmal. Aus Zwetschgenknödeln“, meinte er schnoddrig. Dieser Wunsch ging ebenso wenig in Erfüllung wie der, nicht vor dem Jahr 2001 endgültig Gute Nacht zu sagen. „Denn dann hätte ich in drei Jahrhunderten gelebt. Was gar nicht so einfach ist.“ Gilbert, den Maurus Pacher als unglaublich Vielseitigen, wahrhaft Gespaltenen und in Anspielung an Die Drei von der Tankstelle als ebenso wahrhaft „Guten Freund“ bezeichnete, starb am 20. März 1978 zurückgezogen in Locarno in der Schweiz – 23 Jahre vor seinem Wunschtermin.

Eine melancholische Lebensbilanz zog er schon lange vor seinem Tod.

Einen Grashalm besingen
Möchte ich.
Einen Freund trösten
Wollte ich.
Einen Feind versöhnen
Will ich.
Was wird aus dem, was ich will?
Der Freund ist untröstlich.
Der Feind unversöhnlich.
Und die Grashalme mahnen mich:
Sei still!

 

Literarisches PS: Wissenschaftlich mit dem Leben von Robert Gilbert befasst hat sich der Journalist Christian Walther. Die 435-seitige Dissertation ist 2016 im Verlag Peter Lang erschienen und kostet stolze 84,50 Euro. Marianne Gilbert Finnegan, die halbjüdische Tochter aus erster Ehe, schrieb unter dem Titel „Memories of a Mischling“ (deutscher Titel: Das gab’s nur einmal – Verloren zwischen Berlin und New York)“ ihre Lebenserinnerungen. Erschienen 2009 bei Diogenes.

Walter Rothenburg im Porträt

 

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Walter Rothenburg
Walter Rothenburg

Wenn die Deutschen ihr kollektives Glücksgefühl gesanglich ausdrücken wollen, sei es nun bei einer feucht-fröhlichen Geburtstagsrunde oder nach einem gewonnenen Fußballmatch im Stadion, kommen sie an einem Gassenhauer nicht vorbei: So ein Tag, so wunderschön wie heute! Auch in den nächsten Wochen wird er während der Fußball-EM in Frankreich vermutlich landauf, landab aus Abertausenden Fan-Kehlen klingen. Eine gute Gelegenheit also, jenen Mann vorzustellen, dem vor 65 Jahren dieser Text eingefallen ist: Walter Rothenburg.

O DU VLAAMISCHE DEERN

Walter Rothenburg wurde am 28. Dezember 1889 in Hamburg-Eimsbüttel geboren. Sein Vater Joseph war ein Brauereivertreter, sein Großvater Charles Schriftsteller und Verleger. Schon in jungen Jahren zog es Walter in die Ferne. Anstatt Brötchen zu backen, wie es die Eltern gewollt hätten, fuhr er als Schiffsjunge zur See. 1899 war er bei der Kaiserlichen Marine im Einsatz. Bereits in dieser Zeit schrieb er Lieder auf Plattdeutsch. Sein erstes überliefertes Lied verfasste er 1916 an der Flandernfront, wo er im Kriegseinsatz war: O du vlaamsche Deern. Überaus erfolgreich war seine Zusammenarbeit mit dem Volkssänger Charly Wittong, mit dem er u.a. Couplets vom Hamburger Fährjung (Fohr mi mol röber!) und An de Eck von de Steenstroot schrieb. Die Lieder wurden so populär, dass sie heute viele Hamburger für alte Volksweisen halten.

KAMPF UM MEISTER UND MILLIONEN

In den Zwanziger Jahren startete Rothenberg, der in den USA mit dem Boxsport in Berührung gekommen war, in Deutschland eine sensationelle Karriere als Boxpromotor. 1925 veranstaltete er den ersten Boxkampf im Berliner Sportpalast. Für den Kampf Walter Neusel gegen Max Schmeling ließ er 1934 in Hamburg eine Sandrennbahn in der Nähe des Tierparks Hagenbeck innerhalb weniger Wochen zu einer Arena umgestalten, die fast 100.000 Besuchern Platz bot – ein Zuschauerrekord, der bis heute nicht eingestellt wurde. Für den Kampf Max Schmeling gegen den Amerikaner Steve Hamas ließ er ein Jahr später innerhalb von 42 Tagen in Hamburg eine Lagerhalle in die größte überdachte Sportarena der Welt umbauen. Die Hanseatenhalle umfasste 25.000 Sitzplätze, der Madison-Square-Garden in New York nur 20.000. Der Sieg gegen Hamas ermöglichte Schmeling, Ex-Weltmeister im Schwergewicht, wieder in Amerika als Boxer Fuß zu fassen und 1936 gegen Joe Louis anzutreten. Zuvor hatte sich Schmeling auch als Schauspieler und Sänger versucht. Das Lied Das Herz eines Boxers aus dem Film Liebe im Ring schrieb allerdings nicht Rothenburg, sondern Fritz Rotter.

SO EIN TAG, SO WUNDERSCHÖN WIE HEUTE

Nebenbei, aber vor allem nach seinem Abschied vom Ring war Rothenburg, der seine Erinnerungen in dem Buch Kampf um Meister und Millionen festhielt, als Schriftsteller und Textdichter tätig. Er schrieb Glossen, Gedichte und Kurzgeschichten, die mit seinem Spitznamen, dem Kürzel Wero, versah. Für das 1949 gegründete Hamburger Abendblatt verfasste er Kolumnen mit Lokalkolorit und veröffentlichte Gedichtbände in Plattdeutsch.

 

Freddy Quinn
Freddy Quinn

Als Liedtexter war er so produktiv, dass seine Komponisten Lotar Olias, Michael Jary, Gerhard Winkler und Gerhard Jussenhoven kaum nachkamen. Du, du, du, laß mein kleines Herz in Ruh‘, im Original gesungen von Lonny Kellner, wurde in der Übersetzung als You, you, you, – Interpreten waren The Ames Brothers – als erstes deutsches Lied nach dem 2. Weltkrieg Nummer 1 in der amerikanischen Hitparade. 1951 gelang Walter Rothenburg mit So ein Tag so wunderschön wie heute sein größter Hit. Als Auftrittslied der Mainzer Hofsänger in der Fastnacht 1952 wurde es über Nacht zur Karnvalshymne. 1954 wurde der Schlager in den Unterhaltungsfilm Geld aus Luft eingebaut, und Lonny Kellner verhalf ihm so zu weiterer Popularität. Auch Ernst Neger, Freddy Quinn und Heino nahmen es in ihr Repertoire auf, und sogar beim Fall der Berliner Mauer sangen Tausende Menschen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergeh’n…“ Und noch ein Lied aus der Feder von Walter Rothenburg ist bestens geeignet für die Bekundung grenzenlose Freude: Oh, wie bist du schön! Die Musik dazu stammt von Willibald Quanz.

JUNGE, KOMM BALD WIEDER!

1954 brachte der Komponist Lotar Olias im Operettenhaus in Hamburg die Revue-Operette Heimweh nach St. Pauli heraus. Die Story war dem singenden Seemann Freddy Quinn auf den Leib geschrieben. Das Libretto stammte von Gustav Kampendonk und Heinz Bruck, die Liedtexte u. a. von Kurt Schwabach, Ernst Bader, Stephan Weiss und Walter Rothenburg. Rothenburg gelang mit Junge, komm bald wieder! der ganz große Wurf. 1963 wurde das Musical verfilmt. Junge, komm bald wieder führte dreizehn Wochen die deutsche Hitparade an. 2,5 Millionen Singles wurden verkauft.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte der fernwehgeplagte Wero mit seiner fünften Ehefrau, die er der Einfachheit halber Weroline nannte, und Yorkshire-Terrier Lord Simon in Ascona in der Schweiz. Nicht aus Steuergründen, sondern der gesunden Luft wegen, wie er einmal dem Hamburger Abendblatt anvertraute. Rothenburg starb am 10. März 1975 in Ascona, wurde aber als echter Hamburger Jung in Hamburg-Ohlsdorf beigesetzt. Ihm zu Ehren wurde eine Brücke im Stadtteil Neuallermöhe benannt.

 

 

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Günter Loose im Porträt

Günther Loose -V-
– Günter Loose –

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

In Kürze geht der Eurovision Songcontest 2016 über die Bühne. Deutschland schickt Jamie-Lee Kriewitz nach Stockholm. Ob das Manga-Mädchen mit dem Titel Ghost einen Blumentopf gewinnen kann? Seit 1970 wissen wir: Wunder gibt es immer wieder! Damals landete Katja Ebstein mit diesem Titel auf Platz 3 und erreichte die bis dato beste Platzierung beim ESC, der damals noch Grand Prix de la Chanson hieß. Die Musik schrieb Christian Bruhn, den Text Günter Loose, dem das heutige Porträt gewidmet ist.

EIN KLEINER NEGERJUNGE TRÄUMT VON EINER SCHNEEBALLSCHLACHT

Rudolf Günter Loose wurde am 5. Februar 1927 in Berlin geboren, wo er auch seine Jugend verbrachte. Sein Interesse galt schon im Gymnasium der Unterhaltungsmusik und dem Jazz, er studierte aber auf Wunsch seines Vaters fünf Semester Medizin. Nach dem Studienabbruch trennte er sich von seinem ersten Vornamen und startete mit Schulfreund und Jazz-Kumpel Klaus Hübner ein ehrgeiziges Projekt. Er gründete eine Gastspiel-Direktion für Jazz. „Bei unseren Jam-Sessions machte Paul Kuhn seine ersten Schritte – wir allerdings nach zwei Jahren unsere letzten“, notierte Loose in seinen Erinnerungen im Booklet zur CD-Sammelbox „Meine Lieder – meine Texte“. Nach dieser Pleite versuchte er sich als Lesezirkel-Vertreter, Regieassistent und klinkenputzender Schlagertexter. Erstmals auf offene Ohren stieß er bei dem Komponisten Gerhard Honig, Musikredakteur des Deutschlandsenders, der im Osten der damals noch nicht geteilten Stadt Berlin ansässig war. Ein kleiner Negerjunge träumt von einer Schneeballschlacht, so lautete der Titel und wurde von der dunkelhäutigen Leila Negra gesungen. Von nun an ging’s bergauf. In Ostberlin entwickelte sich eine gedeihliche Zusammenarbeit mit dem Komponisten Gerd Natschniski, die bedauerlicherweise durch den Bau der Berliner Mauer ein Ende fand. Loose textete u. a. für den DDR-Star Bärbel Wachholz.

ITSY BITSY TEENY WEENY HONOLULU STRANDBIKINI

Den Durchbruch in der Bundesrepublik erlebte Günter Loose 1959 mit dem Song Ein Mädchen mit 16, gesungen von Conny Froboess. Das brachte ihm die erste Hitparadenplatzierung ein. 1960 verschaffte Loose mit Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strand Bikini Catarina Valente den Sommerhit des Jahres. Jedes neue Freddy Quinn-Lied bedeutete damals eine Goldene Schallplatte. Deshalb suchte Loose den Kontakt zu Freddys Komponisten Lotar Olias. So entstanden Du musst alles vergessen, La Guitara Brasilana und Irgendwann gibt’s ein Wiedersehen. Durch Olias lernte Loose James Last kennen, mit dem er Eine ganze Nacht (Games that Lovers play) verfasste, der von über 100 Interpreten in der Welt gesungen wurde. Loose schrieb für alle Schlagergrößen seiner Zeit: Rex Gildo, Vicky Leandros, Ireen Sheer, Bata Ilic, Ricky Shayne und Ted Herold sowie die ehemaligen Eislaufstars Marika Kilius und Hans Jürgen Bäumler. Auch ausländische Stars wie Johnny Cash, Chris Andrews, Paul Anka, Cliff Richard und Adamo kamen nicht an Loose vorbei. Er übersetzte deren Hits ins Deutsche.

MARMOR, STEIN UND EISEN BRICHT

Die erste Begegnung mit dem Komponisten Christian Bruhn dauerte zwei feuchtfröhliche Tage und Nächte. Zum Schreiben und Komponieren kamen die beiden nicht. „Aber wir entdeckten unsere gemeinsame Liebe zum Jazz, und das machte uns zu Freunden“, so Loose. Keine schlechte Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. So entstand für Drafi Deutscher Marmor, Stein und Eisen bricht (Wegen des grammatikalisch falsch gebrauchten Verbs durfte das Lied in Bayern nicht im Radio gespielt werden), für Manuela Ich geh’ noch zur Schule und für Roberto Blanco Ein bisschen Spaß muss sein. Dieser Titel war auch Looses Lebensmotto. „Ohne Spaß läuft gar nichts“, sagte er. „Mir wäre kein Text eingefallen, viele schöne Lieder wären nie entstanden, und ich wäre nie bei diesem Beruf geblieben, der mir viel mehr als nur ein bisschen Spaß bereitet hat“.

WUNDER GIBT ES IMMER WIEDER

Eines Abends im Jahr 1970, kurz vor Einsendeschluss zum Grand Prix d’Eurovision de la Chanson (der heute Eurovision Songcontest heißt) in Amsterdam rief Günter Loose Christian Bruhn an: „Du, wir haben da noch eine angefangene Country-Nummer, die heißt Wunder gibt es immer wieder. Die sollten wir einreichen. Mach‘ eine schöne Festival-Musik dazu, vielleicht etwas langsamer, bedeutender, ich kann ja den Text ändern, wenn’s nötig ist“, erinnerte sich Bruhn in seiner Biographie „Marmor, Stein und Liebeskummer“. Innerhalb weniger Stunden schrieb er eine Melodie mit einem gewaltigen, spannungsgeladenen Intro, dazu ein Arrangement mit Bigband und Streichern. Das Ergebnis ist bekannt. Katja Ebstein holte sich den 3. Platz beim Grand Prix. Es war aber auch der Startschuss für eine jahrelange enge Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten und der Sängerin, die 1972 in eine Ehe mündete. Das Lied wurde in viele Sprachen übersetzt und auch oft gecovert, u .a. von Guildo Horn, Karel Gott und Deborah Sasson.

WELCHE FARBE HAT DER SONNENSCHEIN?

Apropos Songcontest: 1984 wollte es Loose noch einmal wissen. Für die Formation Rainy Day verfasste er Text und Musik zu Welche Farbe hat der Sonnenschein, den Schweizer Beitrag für Luxemburg. Das Lied landete auf Platz 17, und Loose beendete seine höchst erfolgreiche Karriere als Textdichter. 3000 Lieder hatte er geschrieben, darunter auch unter dem Pseudonym Peter Berling, was wohl als eine Reminiszenz an seine Heimatstadt gedacht war. Bis 2002 betrieb Loose in Zürich eine Künstleragentur. Er starb am 3. Oktober 2013 im Alter von 86 Jahren in der Schweiz. „Was kann dem Künstler Besseres passieren, als dass seine Werke ihn überleben. Und das ist Dir gelungen, lieber Rudi. Hab Dank!“, schrieb Christian Bruhn in einem Nachruf.

Fritz Rotter im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Fritz Rotter
Veronika, der Lenz ist da!

Kaum schielt der Frühling um die Ecke, bricht alle Welt in einen Freudenschrei aus: Veronika, der Lenz ist da! Dass die Comedian Harmonists Veronika zum unausrottbaren Ohrwurm und ihrer Kennung gemacht haben, ist hinlänglich bekannt. Wem wir den köstlichen Text zu verdanken haben, weiß kaum jemand. Darum: Fritz Rotter vor den Vorhang!

VERONIKA, DER LENZ IST DA!

Fritz Rotter (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Berliner Theaterunternehmer) wurde am 1. März 1900 in Wien geboren. Sein jüdischer Vater war Generalvertreter für Champagner, seine Mutter führte den gutbürgerlichen Haushalt. Schon als 17jähriger war Fritz Stammgast im Café Dobler an der Linken Wienzeile, wo die Kabarett- und Literaturszene verkehrte – das spätere Filmgenie Fritz Lang liebte es ebenso, dort seine Melange zu trinken – und schrieb für das Kabarett Simpl Texte und Lieder. An die 1200 Lieder sollten es im Laufe seines Lebens werden. Ob Rotter auch einen „ordentlichen“ Beruf erlernt hat, verschweigt die Chronik.„Die Lieder sind kabarettistisch-komisch und leicht und höchst liebenswert und frech und charmant und alles zugleich!“ so beschrieb sie Robert Dachs in dem Buch „Sag zum Abschied…“. Und er stellte fest: „Rotter war ein Meister der dritten Strophe. Bei ihm bekam ein an und für sich harmloser Refrain in der letzten Strophe immer etwas leicht Unanständiges.“

WENN DER WEISSE FLIEDER WIEDER BLÜHT

Fritz Rotter
Fritz Rotter

Rotter war ein Multitalent und Vielschreiber. Er verfasste Libretti für Operetten und Revuen, Bühnenstücke und Drehbücher sowie Romane und Gedichte und war auch als Komponist tätig. Lieder, die heute noch unvergessen sind, sind Wenn der weiße Flieder wieder blüht (Musik: Franz Doelle),Ich hab’ mir für Grinzing einen Dienstmann engagiert (Musik und Co-Autor: Bruno Uher) und Heut war ich bei der Frieda. Rotter besaß eine untrügliche Nase für musikalische Talente. Er hatte sich bereits in der Szene einen Namen gemacht, als er Walter Jurmann, einen ehemaligen Medizinstudenten und Barpianisten, kennenlernte. Er schlug ihm vor, mit ihm zusammenzuarbeiten und nach Berlin zu übersiedeln, dorthin wo in den Zwanziger Jahren der Bär steppte. Bereits das erste gemeinsame Lied Was weißt denn du, wie ich verliebt bin, gesungen von Star-Tenor Richard Tauber, wurde ein durchschlagender Erfolg. Dann folgte das Jahrhundertlied Veronika, der Lenz ist da. Der zündende Einfall kam Jurmann, als er mit Rotter auf den Schallplattenproduzenten Herbert Grenzebach im Büro der Plattenfirma Ultraphon wartete. Als dieser endlich kam, sang Jurmann spontan: „Wer kommt denn da? Der Grenzebach!“ Der Produzent witterte sofort Erfolgspotential in den acht Tönen und meinte: „Das ist eine Melodie. Da müssen Sie was draus machen!“ Die Autoren ließen sich nicht lange bitten. Ungeklärt geblieben ist allerdings, welche Dame namens Veronika den Textdichter zu den heiter-frivolen Zeilen inspiriert hat.

ICH KÜSSSE IHRE HAND, MADAME!

Fritz Rotter hatte nicht nur überbordende Lust am Nonsens, er hatte auch einen Hang zur Galanterie, wie das Lied Ich küsse Ihre Hand, Madame! beweist. Richard Tauber machte es zu einem Kassenschlager. In dem gleichnamigen Film war das Lied als kurze Tonsequenz in einem der letzten deutschsprachigen Tonfilme zu hören. Eine echte Sensation!

Die Machtübernahme Hitlers 1933 bedeutete das brutale Aus für die Karriere von Fritz Rotter. Er flüchtete mit Frau und Kind über Paris und London in die USA. Mehr als sieben dürre Jahre musste er überstehen, ehe sich wieder der Erfolg einstellte. Mit einem Bühnenstück, dem Kriegsdrama Letters to Lucerne, landete er auf dem Broadway in New York einen Triumph. Mit dem Film September Affair schaffte er den Sprung nach Hollywood. Er arbeitete u. a. mit Franz Werfel, Fritz Kortner und Fritz Lang. Dem Filmproduzenten Erich Pommer gelang es, Fritz Rotter, der mittlerweile die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, wieder nach Deutschland zu holen. Gemeinsam mit Helmut Käutner schrieb er für den Film Nachts auf den Straßen  das Drehbuch. Hans Albers und Hildegard Knef spielten die Hauptrollen.

WAS MACHT DER MAYER AM HIMALAYA?

Nach seiner Rückkehr konnte Rotter nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen. Mit Liedern wie Ich soll dich grüßen von Berlin und Ich möchte gern ein Beatle sein war allerdings kein Blumentopf zu gewinnen. 1966 geriet ein Lied von Rotter, das Freddy Quinn interpretierte, in die Negativ-Schlagzeilen. Wir, so der Titel, war eine harsche Kritik an der herumgammelnden Jugend. Dafür musste Freddy Quinn arge Kritikerschelte einstecken und sich öffentlich rechtfertigen. Martin Kraus vermerkte in dem Blog „Deutsche Lieder. Die Bamberger Anthologie“, das Lied bliebe als kuriose Kommentierung der sogenannten 68er-Bewegung im Gedächtnis. 1987 entdeckten die Toten Hosen den Song und coverten ihn unter ihrem Pseudonym Rote Rosen.

Fritz Rotter drängte nie ins Rampenlicht. In einem seiner seltenen Interviews antwortete er auf die Frage, wo er denn am liebsten lebe:„Dort, wo man mich am wenigsten belästigt.“ Seine Ruhe fand er im Tessin. wo er in Ascone – von der Öffentlichkeit gänzlich unbeachtet – seinen Lebensabend verbrachte und  am 11. April 1984 starb. Das Wiener Volksliedwerk widmete dem genialen Textdichter zum 30. Todestag im Rahmen des Wienerliedfestivals Weanhean 2014 im Konzerthaus einen Abend unter dem Titel Was macht der Mayer am Himalaya. Österreichische Bühnengrößen wie Katharina Straßer, Ursula Strauss und Wolf Bachofner sowie der Pianist Bela Koreny stellten unter Beweis, wie grandios diese Schlagerkunst einmal gewesen ist.

Max Colpet im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Max Colpet Graphik
Max Colpet: Die unsignierte Grafik stammt aus seinem Buch „…wenn man trotzdem lacht“

Sag mir, wo die Blumen sind! Wo sind sie geblieben? Was vordergründig wie eine Frage einer enttäuschten Frau am Valentinstag klingt, sind die ersten Verse eines der bekanntesten deutschsprachigen Antikriegslieder. Das Original Where have all the flowers gone schrieb 1955 der US-amerikanische Singer-Songwriter Pete Seeger. Angeblich hat er sich dazu auf einem Flug nach Ohio von einem ukrainischen Volkslied inspirieren lassen. Die Übertragung ins Deutsche stammt von Max Colpet. Der wiederum nahm dafür Anleihe bei einem Gedicht aus dem 18. Jahrhundert, das Johann Georg Jacobi schrieb und Sag mir, wo die Veilchen sind hieß. Die Interpretin, die das Lied 1962 zum ersten Mal sang, ist bis heute unvergessen. Es war Marlene Dietrich. Max Colpet hingegen erlitt das typische Textdichter-Schicksal. Die Erinnerung an ihn bedarf also einer kleinen Politur.

HOPPLA, JETZT KOMM ICH!

Max Colpet (auch Max Kolpe) wurde am 19. Juli1905 als Max Kolpenitzky in Königsberg (heute Kalingrad) in Ostpreußen geboren. Sein Vater war ein russisch-jüdischer Kaufmann. 1914, bei Ausbruch des 1. Weltkriegs, war die Familie gezwungen, das Land Richtung Deutschland zu verlassen. Max verbrachte seine Jugend in Hamburg, wo er sein Abitur machte. Er übersiedelte nach Berlin, um an der Technischen Hochschule zu studieren und kam mit der dortigen Künstlerszene in Kontakt. Seine ersten literarischen Lorbeeren verdiente er sich mit Gedichten, später mit Texten für die Kabaretts von Friedrich Hollaender, Tingeltangel und Katakombe. 1928 gründete er mit dem Schauspieler Erik Ode, der in den 1970er Jahren mit der Krimiserie „Der Kommissar“ Fernsehgeschichte schreiben sollte, das Kabarett Anti. Dann verlegte er sich aufs Drehbuchschreiben für den Film. Mit dem Script für Scampolo – ein Kind der Straße, das er mit Billy Wilder (damals noch Samuel Wilder) verfasste, landete Colpet 1932 einen Erstlingserfolg. Weitere gemeinsame filmische Arbeiten folgten. Dass sich Hans Albers in dem Film Der Sieger mit dem Lied Hoppla – jetzt komm ich (Musik: Werner Heymann) in die Herzen der Zuschauerinnen katapultierte, ist auch Max Colpet zu verdanken.

I LIKE TO BE IN AMERICA

Die Schaffensperiode in Deutschland war allerdings nicht von langer Dauer. 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, musste Colpet, der staatenlose Jude, erneut fliehen. Während es ihm gelang, sich nach Paris abzusetzen, wurden seine Eltern deportiert und starben im KZ. Auch in Frankreich gelang es dem Sprachtalent ins Filmgeschäft einzusteigen. Colpet schrieb vier französische Drehbücher. 1948 lockte Hollywood, wo sein Freund Billy Wilder auf ihn wartete, und er packte wieder seine Reiseschreibmaschine ein. I like to be in America lautete nun sein Credo. Pikanterie am Rande: Einige Jahre später übertrug Colpet die Westside Story, d a s Erfolgsmusical von Leonard Bernstein (Text: Stephen Sondheim), ins Deutsche. Aus I like to be in America wurde Was uns gefällt in Amerika. In seinen Memoiren Sag mir, wo die Jahre sind – Erinnerungen eines unverbesserlichen Optimisten – die Erstauflage erschien 1976 – resümierte er wehmütig: „Emigrieren: das Land, in dem man geboren ist, verlassen, sich an andere Länder, an andere Gebräuche gewöhnen, das ist nicht einfach. Hoffnungen werden schnell begraben. Enttäuschungen häufen sich. Selten gelingt es einem, sich völlig anzupassen und zu assimilieren, so sehr man sich auch bemüht. Man ist und bleibt ein Emigrant, ein Zuwanderer, wird nie das Gefühl los, ein Eindringling zu sein, ein Fremdkörper in einem andersartigen Gefüge, einem fremden Land, einer ungewohnten Welt. Aber noch schwerer ist die Remigration.“

SAG MIR, WO DIE BLUMEN SIND

Trotz seiner Erfolge kehrte Colpet, mittlerweile amerikanischer Staatsbürger, 1958 nach Good Old Germany zurück und ließ sich in München nieder. Er verfasste Kabarett-Texte für die Lach- und Schießgesellschaft und schrieb Chansons und Schlager für die Größen der Zeit: Marlene Dietrich, Zarah Leander, Nana Mouskuri, Charles Aznavour, Gilbert Becaud, Lale Andersen, Gitte, Katja Ebstein, Thomas Fritsch, Freddy Quinn und Gus Backus. An die 1000 sollen es im Laufe seines Lebens geworden sein. Sag mir, wo die Blumen sind blieb sein größter Hit. Seine weiteren Antikriegslieder wie Der ewige Soldat (Original: The Universal Soldier von Buffy Sainte-Marie) oder „Der Deserteur (Original: Le Deserteur von Boris Vian) fanden nicht den Anklang, den er sich gewünscht hatte. „Ich schäme mich fast, dass ich mit einem Lied wie Bohnen in den Ohr’n, das ich aus Gefälligkeit für Gus Backus geschrieben habe, das Zehnfache verdiente“, so Colpet.

Was heute vielen Musical-Fans den Schauer über den Rücken laufen lässt: In den 1960er Jahren war es üblich, fremdsprachige Musicals ins Deutsche zu übersetzen. Das eröffnete dem Sprachengenie Colpet ein weites Betätigungsfeld. Neben der Westside Story war er auf die deutschen Fassungen von drei Musicals von George Gershwin Lady be good, Girl-Crazy und Oh, Kay sowie auf Irma la Douce besonders stolz, wie er in seinen Memoiren festhielt. Noch mehr Herzblut legte er in sein eigenes Musical Millionen für Penny, zu dem Lothar Olias, ebenfalls ein gebürtiger Königsberger, die Musik komponierte. Es wurde am Gärtnerplatztheater in München 1967 uraufgeführt und gilt als das erste deutsche Musical. Der rauschende Erfolg wollte sich allerdings nicht einstellen.

IM SANDMEER DER ZEIT

Max Colpet war auch schriftstellerisch tätig. Außer seinen Lebenserinnerungen veröffentlichte er 1979 den Roman Es fing so harmlos an und Satierische Verse – Zoo ist das Leben, die der tschechische Künstler Miroslav Sasek illustrierte. Sein letztes Buch Im Sandmeer der Zeit. 60 Jahre Filmschaffen – eine moderne Odyssee kam zu seinem 90. Geburtstag auf den Markt. Max Colpet starb am 2. Jänner 1998 im 93. Lebensjahr in München und fand auf dem Nordfriedhof seine letzte Ruhestätte.

 

 

 

Alle Jahre wieder: Wilhelm Hey im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Kleine Vorbemerkung: In der Serie „Wer schrieb eigentlich…?“ stelle ich Textdichter des 20. Jahrhunderts vor. Alle Jahre wieder mache ich im Dezember eine Ausnahme und porträtiere einen Textdichter, der uns ein Weihnachtslied geschenkt hat, das noch heute zum singbaren Familien-Repertoire unter dem Christbaum zählt. Heuer ist Alle Jahre wieder an der Reihe.

Wilhelm Hey
Grafik: Freundeskreis Wilhelm Hey

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.“ So lautet die erste Strophe des Weihnachtsklassikers. Als Wilhelm Hey 1837 den Text schrieb, konnte er nicht ahnen, dass die ersten drei Worte fast 200 Jahre später auch außerhalb der Weihnachtszeit zum allgemeinen Zitatenschatz zählen würden. Alle Jahre wieder! – gefolgt von einem tiefen Seufzer: Und schon wissen wir, nun kommt etwas Unabwendbares, eine Regelmäßigkeit, der wir – egal ob erfreulich oder nervig – wir nicht entrinnen können. Auch die 11,5 Millionen Internet-Einträge, die die Suchmaschine in 0,31 Sekunden ausspuckt, sprechen eine deutliche Sprache.

WILHELM HEY (1798 – 1854)

Wilhelm Hey wurde 1798 als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Leina (Thüringen) geboren und wuchs nach dem Tode seiner Eltern bei seinem Bruder Karl auf. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Gotha studierte er Theologie in Jena und Göttingen. Er war als Haus- und Internatslehrer tätig, ehe er 1818 Pfarrer in Töddelstadt bei Erfurt wurde. (Das war auch das Jahr, in dem zum ersten Mal Stille Nacht, heilige Nacht in Oberndorf bei Salzburg erklang.) Hey wurde Hofprediger in Gotha, danach Superintendent in Ichtershausen und zeichnete sich durch sein soziales Engagement für Handwerker, Lehrlinge sowie berufstätige Mütter und deren Kinder aus. 1847 wurde ihm von der Universität Heidelberg das Ehrendoktorat verliehen.

ALLE JAHRE WIEDER

Zu dieser Zeit hatte sich Hey schon einen Namen als Fabeldichter gemacht. Das Buch Fünfzig Fabeln für Kinder, das Otto Speckter illustrierte, erschien 1833 zwar anonym und wurde deshalb vorerst dem Illustrator zugeschrieben. Das zweite Buch Noch fünfzig Fabeln für Kinder erschien 1837 unter Heys Namen. Sie wurden durch das Geschick des Verlegers Friedrich Perthes, den mit Hey eine lange Freundschaft verband, d a s deutsche Bilderbuch des 19. Jahrhunderts. Hey schrieb klare, ungekünstelte und für Kinder leicht verständliche Reime. Das machte den großen Erfolg aus. Die Fabeln wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Hey war ebenfalls als Übersetzer tätig. So übertrug er 1838 The Course of Time von Robert Pollok vom Englischen ins Deutsche. Wer nun Interesse bekommen hat: Hier ist eine umfangreiche Fabelsammlung zu finden.

Wilhelm Hey 2Anlässlich Heys 100. Geburtstag stand in der Zeitschrift Die Gartenlaube: „Zahllose Nachahmungen der Heyschen Fabeln haben die meisterhaften Vorbilder weder erreichen noch verdrängen können und wenn auch für den Dichter in den meisten Literaturgeschichten kaum ein Platz von wenigen Zeilen übrig ist, seine Dichtungen selbst sorgen dafür, seinem Namen den gebührenden Ehrenplatz dauernd zu sichern.“

1837 hatte Wilhelm Hey die Idee zu Alle Jahre wieder. Die Melodie wird dem Komponisten und Musikpädagogen Friedrich Silcher zugeschrieben, der sie in seinem Liederzyklus Zwölf Kinderlieder aus dem Anhange des Speckter’schen Fabelbuches von 1842 veröffentlichte. Eine andere Melodiefassung stammt von dem Komponisten, Organisten und Lehrer Ernst Anschütz, dem ein weiterer Weihnachts-Evergreen zu verdanken ist: O Tannenbaum.

WEISST DU, WIEVIEL STERNLEIN STEHEN?

Wilhelm Hey war zweimal verheiratet. Nach dem Tod seiner Frau Auguste 1827 heiratete er fünf Jahre später Luise von Axen. Den gemeinsamen Sohn Wilhelm, der 1838 auf die Welt kam, sang er vermutlich mit seinem berühmten Wiegenlied in den Schlaf: Weißt du, wieviel Sternlein stehen? Der Autor Karlheinz Maess wählte die letzte Zeile des Liedes als Titel für eine Biographie. „…kennt auch dich und hat dich lieb.“ Das Leben des Pfarrers und Freundes der Kinder Wilhelm Hey, die 1989 erschien.

In Leinatal ist der Sitz des Freundeskreis Wilhelm Hey, der sich zur Aufgabe macht, das Andenken an den Dichter, dessen Lieder auch im Evangelischen Gesangsbuch zu finden sind, zu bewahren. In Töttelstädt erinnert eine Gedenktafel am ehemaligen Pfarrhaus an sein Leben und Wirken, außerdem trägt eine Straße seinen Namen. In Ichtershausen ist die Staatliche Regelschule nach Wilhelm Hey benannt. Die sogenannte Hey-School!