Kurt Robitschek im Porträt

Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Frühling in Wien – da kommt einem schlagartig ein Lied in den Sinn: Im Prater blüh’n wieder die Bäume… Dass Robert Stolz, damals noch am Anfang seiner großen Operettenkarriere, die Melodie zu diesem Jahrhundert-Hit geschrieben hat, ist hinlänglich bekannt. Dass der Text von Kurt Robitschek stammt, weiß heute keiner mehr. Zu unrecht, wie ich meine.

Foto Kurt Robitschek
Kurt Robitschek

IM PRATER BLÜH’N WIEDER DIE BÄUME

Kurt Robitschek wurde am 23. August 1890 in Prag als Sohn von Laura und Ludwig Robitschek, einem höheren jüdischen Bankangestellten, geboren. Dessen solide Berufspläne durchkreuzte der Sohn, als er mit 16 Jahren das Gymnasium abbrach und mit einem Wanderzirkus durch die Lande zog. In Wien arbeitete er als Journalist und Schriftsteller und entdeckte im Kabarett Simpl die Liebe zur Kleinkunst. 1910 schrieb Robitschek die erste Komödie, zwei Jahre später gemeinsam mit Otto Hein das erste Operettenlibretto. Komponist zu Du liebes Wien, so der Titel, war Robert Stolz. 1916 – mitten im Ersten Weltkrieg, wo Robitschek im Kriegseinsatz als Infanterist einen Bauchschuss erlitt – gelang ihm mit Stolz der walzerselige Jahrhundert-Hit Im Prater blüh’n wieder die Bäume. Alle sangen ihn und singen ihn noch heute: Richard Tauber, Fritz Wunderlich, Peter Alexander, Dagmar Koller und Eva Lind, um nur einige der Interpreten aufzuzählen. Stolz und Robitschek waren ein gutes Team: Mehr als 90 Lieder gehen auf ihr Konto. Robitschek BaumUnd noch heute freut sich nicht nur die Tourismusbranche über einen weiteren Welterfolg aus Robitscheks Feder(Youtube spuckt in 0,85 Sekunden mehr als 1,1 Mio. Einträge zum Thema aus!): Die Stadt meiner Träume, besser bekannt unter dem Titel Wien, Wien, nur du allein. Schon mit seinem Opus 1 landete Rudolf Sieczynski einen musikalischen Volltreffer, der in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

SEID LIEB UND NETT ZU UNS!

Anfang der Zwanziger Jahre ging Robitschek nach Berlin, trat in verschiedenen Cabarets als Conferencier auf und gründete 1924 gemeinsam mit den Schauspielern Paul Morgan, Max Hansen und Max Adalbert das Kabarett der Komiker, dessen Direktion er auch übernahm. Mit dem Satz Seid lieb und nett zu uns! begrüßte der Tausendsassa allabendlich die Gäste, trat dort als Conferencier auf und schrieb satirische Lieder und Texte zum aktuellen Zeitgeschehen. Das KadeKo wurde Anziehungspunkt für die berühmtesten Kabarettkünstler seiner Zeit. Äußerst beliebt war auch die Hauspostille „Die Frechheit“.

Als streitbar, immer innovativ und furchtlos beschreibt die Autorin Marie Theres Arnbom Robitschek in dem Buch War’n Sie schon mal in mich verliebt? Filmstars, Operettenlieblinge und Kabarettgrößen zwischen Wien und Berlin. Der Kabarettist, der nie ein Blatt vor den Mund nahm, erkannte schon früh die Gefahr, die durch den aufkeimenden Nationalsozialismus drohte, und brachte mit der Operettenparodie Quo vadis, die erste, beißende, ätzende, vielbeachtete und wenig befolgte Satire gegen Adolf Hitler, so O-Ton Robitschek, auf die Bühne. Quasi als Warnung. Bis 1932 stand Quo vadis immer wieder auf dem Programm. Was sich später als Verderbnis für die jüdischen Künstler herausstellte sollte.

AN DER SCHÖNEN ROTEN DONAU

1927 übersiedelte das Kabarett der Komiker auf den Kurfürstendamm. Die Spielstätte umfasste mehr als 800 Sitzplätze und war als erstes Rauchtheater die Attraktion in Berlin. Nach der NS-Machtübernahme musste das KadeKo 1933 zusperren. Robitschek flüchtete über Prag nach Wien, wo er in den Kammerspielen die Bühne des Lachens gründete. 1936 war aber auch ihm das Lachen gründlich vergangen, und er emigrierte mit seiner Frau, der Schauspielerin und Kabarettistin Ilse Bois, nach Amerika. In New York legte er seinen ursprünglichen Namen ab, nannte sich Ken Robey und fand eine geistige Heimat in den Kaffeehäusern und Restaurants, wo die Exil-Juden Kabarettabende veranstalteten.1941 gelang es ihm wieder das Kabarett der Komiker zum Leben zu erwecken, wo er Publikumslieblingen wie Karl Farkas, Hermann Leopoldi und Armin Berg eine Bühne bot.

„An der schönen roten Donau wohnt jetzt wiederum das Glück, und im Prater blüh’n die Bäume, sag’n S’ Herr Kohn, wann kommen S’ z’rück? An der schönen roten Donau herrscht jetzt wieder Glück und Scherz. Mir ham schließlich kan Charakter, doch wir ham a gold’nes Herz“, schrieb Kurt Robitschek pardon Ken Robey für Hermann Leopoldi im Exil. Er kehrte nie mehr nach Wien, das von den Russen besetzt war, zurück und starb am 16. Dezember 1950 in New York an Lungenkrebs.

Kaum zu glauben, dass Wien, die Stadt seiner Jugend, der er zwei der schönsten Lieder geschenkt hat, ihn zur Gänze vergessen hat.

Julius Brammer im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Julius Brammer
Julius Brammer

Seit Tagen kursiert ein Bild im Netz: Eine mit Laub bedeckte Straße, darunter der Schriftzug Nobody kehrs. Ob sich der Schöpfer dieses Wortwitzes von dem Song Just a Gigolo inspirieren ließ, in dem ein Eintänzer über sein trostloses Schicksal räsoniert? Nobody cares for me… Louis Prima hat das Lied (Textadaptierung von Irving Caesar, der auch Tea for two schrieb) in den 1930er Jahren weltberühmt gemacht. Es wurde zu einem unverwüstlichen Jazzstandard. Normalerweise überträgt man erfolgreiche englischsprachige Lieder ins Deutsche. In diesem Fall war es umgekehrt. Das Original heißt Schöner Gigolo, armer Gigolo. Geschrieben hat es der Wiener Librettist und Schlagertexter Julius Brammer.

HEISSER NOCH ALS GULASCHSAFT

 

Julius Brammer wurde  am 9. März 1877 in Sehraditz in Mähren (heute: Sehradice in Tschechien) geboren. Früh zeigte sich sein Interesse für die schönen Künste. Nach dem Besuch der Realschule wurde er Schauspieler. Er trat am Gärtnerplatztheater in München und später im Theater an der Wien auf, wo er auch bei Operettenaufführungen mitspielte. Die Operette wurde zu seiner großen Leidenschaft. Ab 1908 war er fast nur mehr als Bühnenschriftsteller tätig. Ein Glücksfall für Brammer war die Begegnung mit Alfred Grünwald (Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?) 1909 schrieb er mit ihm das Libretto für die parodistische Operette Elektra, die im Cabaret Fledermaus uraufgeführt wurde. Das war der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit, die fast zehn Jahre dauerte. 

Brammer und Grünwald zählten zu den kreativsten Köpfen der Silbernen Operetten-Ära. Sie schrieben zahlreiche Operetten, u. a. Die ideale Gattin (Musik: Franz Lehár), Die Kaiserin (Musik: Leo Fall), Die Rose von Stambul (Musik: Leo Fall), Der letzte Walzer (Musik: Oscar Straus), Bruder Leichtsinn (Musik: Leo Ascher), Gräfin Mariza (Musik: Emmerich Kálmán), Die Zirkusprinzessin (Musik: Emmerich Kálmán) und Die gold’ne Meisterin (Musik: Edmund Eysler) und Die Gräfin Mariza (Musik: Emmerich Kálmán), in der die geniale Textzeile vorkommt: „Meine Leidenschaft brennt heißer noch als Gulaschsaft!“

SCHÖNER GIGOLO, ARMER GIGOLO

 1924 hatte Julius Brammer im Hotel Adlon in Berlin den genialen Einfall zu  Schöner Gigolo, armer Gigolo. Er setzte damit jenen Männern ein literarisches Denkmal, die nach dem Ersten Weltkrieg ihr Geld damit verdienten, mit Damen der Gesellschaft zu tanzen. Herren waren zu dieser Zeit Mangelware. Der Begriff Gigolo leitet sich vermutlich von dem französischen Wort „gigoter“ ab, was soviel wie „herumzappeln, tanzen“ bedeutet. Die Eintänzer waren meist ehemalige Offiziere und brachten als Qualifikation gutes Benehmen, elegante Ausstrahlung und Diskretion mit. In Schöner Gigolo, armer Gigolo bedauert Julius Brammer einen ehemals feschen Husarenoffizier, dessen Welt in Fransen gegangen ist und der  – nun seiner schmucken Uniform und der Geliebten entledigt – statt in den Krieg zu ziehen aufs Tanzparkett muss. 

Fünf Jahre lang lag der Text unvertont in der Schublade. Dann kam Brammer ein Zufall zu Hilfe. Der mittlerweile sehr erfolgreiche Operettenlibrettist saß mit seiner Frau in einer Bar in Istrien, wo ein Klavierspieler eine Tango-Melodie spielte, die ihm sofort gefiel. Ein gewisser Leonello Casucci aus Mailand hätte das Stück geschrieben, mehr wusste der Pianist nicht. Prompt fuhr Brammer nach Italien, um ihn ausfindig zu machen. Was ihm auch gelang. Casucci konnte es kaum fassen, als er zur Vertragsunterzeichnung nach Wien gebeten wurde. Der Rest ist Geschichte. Der arme Gigolo machte aus ihm einen steinreichen Mann. Als Star-Tenor Richard Tauber 1929 gemeinsam mit dem Orchester Bela Dajos eine Platte aufnahm, wurde das Lied ein Mega-Hit.

JUST A GIGOLO

Kurz drauf sangen Louis Armstrong und Bing Crosby die englische Fassung, Daniele Serra die italienische. Auch heute wissen u. a. Max Raabe, die Leningrad Cowboys, Lou Bega, Michael Heltau und Martin Plass von den Kaktusblüten noch immer ein Lied vom schönen Gigolo zu singen.

Dieses hat auch die Filmemacher inspiriert, und so entstanden Der schöne, arme Tanzleutnant (Regie: Emmerich Hanus, Deutschland, 1930) Just a Gigolo (Regie: Jack Conway, USA, 1931) und  nochmals Just a Gigolo (Regie: David Hemmings, USA 1979), in der Marlene Dietrich den Titelsong sang und gleichzeitig ihren letzten Auftritt hatte. Weitere Stars in diesem hochkarätigen Film waren David Bowie, Maria Schell, Curd Jürgens und Erika Pluhar

WENN DAS HERZ DIR AUCH BRICHT

 Brammer ereilte das Los vieler jüdischer Künstler. Er musste nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 die Heimat verlassen. Zuerst lebte er mit seiner Frau in Paris und flüchtete, als die Nationalsozialisten Frankreich okkupierten, in den unbesetzten Teil des Landes, an die Côte d’Azur. „Wenn das Herz dir auch bricht, zeig‘ ein lachendes Gesicht“, riet er dem schönen Gigolo.  Auch Brammer fand im Exil kein Glück. Er starb am 18. April 1943  in Juan-les -Pins an einem Herzversagen.

Ganz haben die Wiener zum Glück nicht auf den großen Librettisten, von dem kein einziges Foto existiert, vergessen. In Hietzing, dem 13. Bezirk, wurde zu seinem Gedenken 1955 die Brammergasse nach ihm benannt.

 

 

 

Zwa Voitrottln auf Siegeszug

Sie sind einfach schneller als die Blog-Polizei erlaubt.
Daher gleich die Zusammenfassung. Was bisher geschah:
Zwei ambitionierte junge (ähemm…) Künstler aus Wien  – Johannes Glück (Celler Schule 2001) und Dieter Hörmann beglücken die Internet-Gemeinde regelmäßig mit neuen Krachern auf youtube.
Es begann  (oder sollte die Verfasserin sich hier irren?) gleich mit einem veritablen Hit:
Fuck se Energiesparlampe (inzwischen bereits als Download bei amazon erhältlich!)
Dieser Titel rief sofort den ernsthaften Literaturbetrieb auf den Plan, der eine Übersetzung ins Hochdeutsche beisteuerte.
Mit Wann i da Jesus war setzten die Voitrottln ihren Erfolgskurs fort.
Und jetzt geht es schon wieder weiter mit Spucks aus – einem Song, der als Plädoyer für behutsame Beziehnungsarbeit unschätzbare Anregungen liefert.
Wir dürfen gespannt sein, welche Lebenshilfe uns als nächstes geboten wird.
Weiter so, Freunde!

Wut und Zärtlichkeit

Claudia Karner (Celler Schule 2006)

„Bin auf meinem Weg zum Lieben meinem Innnern treu geblieben, zwischen Zärtlichkeit und Wut fasse ich zum Leben Mut.“ Nach sechs Jahren gibt es endlich wieder eine CD von Konstantin Wecker mit neuen Liedern. „Wut und Zärtlichkeit“ ist der Titel. Am Montag stellte der große deutsche Liedermacher in einer Buchhandlung in Wien einem handverlesenen Publikum sein pressfrisches Werk vor. Begleitet von Jo Barnikel am E-Piano, gab er musikalische Kostproben – „Schwangengesang“ sang er zum allerersten Mal in der Öffentlichkeit – , und plauderte über die Entstehungsgeschichte von „Wut und Zärtlichkeit“.

Zu Beginn des Jahres hatte sich in die Toskana zurückgezogen. „Ich hatte keine Ahnung, ob mir überhaupt eine Zeile einfallen würde“, gestand er. „Ehrlich gesagt, ich hatte eine Heidenangst. Umso älter man wird, um so zurückhaltender werden die Musen mit ihren Küssen.“ Weckers Angst erwies sich als unbegründet. Hört man die Songs, bekommt man viel mehr den Eindruck, die Musen seien vor seinem Flügel Schlange gestanden. Wecker schreibt immer zuerst den Text, den er anschließend vertont. „Darum steht und fällt  meine Liedproduktion mit der Lyrik.“ Als überraschend empfand er, dass ihm in so kurzer Zeit so viele Texte aus der Feder flossen. „Meine Lieder haben mich im wahrsten Sinn des Wortes gefunden.“ Lieder, die mal zornig und laut, mal zärtlich und leise, mal unheimlich komisch sind. Und so verblüfft er seine Fans mit dem lang gehüteten Geheimnis – Man höre und staune! – dass ihm das Lächeln seiner Kanzlerin seinen Verstand raubt.

Zum CD-Titel, der Programm ist, hat Konstantin Wecker ein Kommentar auf seiner Website  Hinter den Schlagzeilen inspiriert. „Ich hatte in einem Blog darüber sinniert, dass ich hin und her gerissen sei zwischen meiner Sehnsucht, mich zu einem Liebenden zu entwickeln und der Wut gegen die Ungerechtigkeiten der Politik, als mir jemand schrieb, das gehöre doch beides zusammen!“  Soll noch einer sagen, Bloggen hätte keine Wirkung!