das kaputte i

Unsere linke (sachlich-logische) Hirnhälfte steht uns – im Gegensatz zur Kreativ- und Fühl-Hälfte rechts – jederzeit zum Dienst bereit. Ob Sie gut gelaunt sind oder mies drauf, ob Sie Liebeskummer haben oder morgen heiraten – Sie können jederzeit das kleine Einmaleins zusammenbringen oder das Alphabet aufsagen. Da arbeitet Ihre linke Gehirnhälfte allein. Daher haben wir eine Aufgabe entwickelt, die der linken Hirnhälfte einen Job und der rechten Hirnhälfte frei gibt. Also: keinerlei Kreativitätsdruck, der vom Anfangen abhalten könnte.

Wählen Sie eine Textvorlage – einen bestehenden Text aus der Zeitung, einen eigenen Song- oder Prosatext, eine Kurzgeschichte oder ähnliches. Die Aufgabe lautet nun: Stellen Sie sich vor, wir haben eine uralte Schreibmaschine, und die Taste „i“ ist kaputt. Wir müssen also unseren Text umformulieren – unter Beibehaltung der Aussage, versteht sich.

Verschwinden müssen alle Worte, die ein „i“ enthalten – was uns zwingt, für die „verbotenen“ Worte „erlaubte“ zu finden. Das kann die linke Hirnhälfte ganz allein. Damit ist es aber nicht getan. Auch der Satzbau stellt ganz neue Forderungen – denn es soll trotz des Buchstabenverbots ja noch wie gesprochene Sprache klingen und nicht wie Gestammel. Auch dafür ist die linke Hirnhälfte zuständig. Wir scannen unseren Wortschatz nach Möglichkeiten ab und unsere Grammatik ebenso.

Und noch etwas: Arbeiten Sie handschriftlich und nicht im Computer! Benutzen Sie – ausnahmsweise – kein Wörterbuch! Bleiben Sie so nah am Original wie Sie können und entfernen Sie sich so weit wie Sie müssen (ein Wort wie „Dopamin“ kann man natürlich nicht ohne weiteres übersetzen).

Beispieltext (Vorlage):
Kreativität zieht Kreativität an. Oder – noch einfacher: Aktivität zieht Aktivität an.
Wenn Sie etwas tun, was funktioniert, dann bringt Ihnen das Spaß. Spaß verstärkt die Lust, weiterzumachen. Das ist so, weil unser Körper dann kleine Mengen an Dopamin erzeugt. Dopamin ist ein Botenstoff im Gehirn, der ein Belohnungsgefühl auslöst.
Leider können andere Stoffe das auch. Alkohol, Kokain und ihre vielen Komplizen. Man führt sie von außen zu und muss selbst nichts dafür tun. Das ist einer der Gründe dafür, dass eine Menge Künstler im mittleren Alter psychisch und oft auch physisch kaputt sind. Die Versuchung ist groß, sich ein wiederholbares Wohlgefühl zu erkaufen; das hilft auch am Anfang, damit die Arbeit noch mit Lust läuft. Aber ohne diese fatale Hilfe geht es dann schon bald nicht mehr. Wenn das dann noch mit dem klassischen Midlife-Burnout zusammentrifft, dann ist der Rückweg schwer.

Edith  Jeske formulierte den Text ohne „i“ so:
Gedanken locken Gedanken an. Oder – banaler:  Machen lockt Machen an.
Wenn etwas anstrengungslos zu Resultaten führt, dann tut uns das gut. Und wenn es uns gut tut, dann ruft es nach Fortsetzung. Das rührt daher, dass unser Körper Botenstoffe loslässt, von denen Wohlgefühl ausgeht. Unser Körper mag solche Belohnungen.
Zu dumm, dass er solche Belohungen auch dann mag, wenn Wohlfühl-Substanzen von außen zugeführt werden. Alkohol, Koks und all das.
Bequem vor allem (und fatal), dass man den angenehmen Zustand ohne Anstrengung bekommen kann. So kann man erklären, dass Künstler auf der Lebenshälfte oft abstürzen: mental, und auch von außen zu sehen: bedauernswerte Wracks.
Verlockend – gerade wenn man das Geld hat – das Wohlgefühl oft und oft erneut zu kaufen. Am Anfang nützt das dem Spaß am Ausdenken von Songs, Theaterstücken und Tonfolgen ja auch noch. Aber das endet bald. Und es endet böse. Dazu noch der ganz normale Burnout: Rückfahrkarte abgelaufen!

Anne Strauch (Celler Schule 2004) schrieb folgende Version:
Wer etwas erschafft, der schafft danach noch mehr. Oder – noch pauschaler ausgedrückt: Wer etwas bewegt, bewegt danach noch mehr.
Wenn etwas klappt – etwas selbst Unternommenes – macht das Spaß. Und das macht Lust auf mehr Erfolg versprechende Unternehmungen. Der Grund: Unser Körper erzeugt dann schwache, aber wahrnehmbare Dosen an Belohnungshormonen. Jene Botenstoffe unserer grauen Zellen lösen das für uns so angenehm belohnende Gefühl aus.
Bedauernswert nur: Andere Stoffe – Alkohol, Koks und Co. – können das auch. Für das gute Gefühl muss man nur beherzt schlucken oder schnupfen – das genügt. Wen wundert es da, dass jede Menge Künstler vom Alter her auf der Höhe des Lebens ankommen aber vom Körper und von der Seele her unten und kaputt durchs Leben laufen. Es kann schwer fallen, der Versuchung zu entsagen, das erneuerbare Wohlgefühl zu kaufen: Am Anfang helfen Drogen durchaus, den Schaffensprozess noch länger genussvoll zu erleben. Aber schnell hängt der Künstler von der fatalen Unterstützung der Drogen ab. Kommt dann eventuell noch dazu, dass der Künstler ausbrennt – der allbekannte Burnout-Effekt, den Erwachsene auf halber Strecke des Lebens durchmachen – fällt der Rückweg schwer.

Bei Michael Kühne (Celler Schule 2006) liest es sich folgendermaßen:
Schöpfungsgabe weckt neue Schöpfungsgaben. Oder – anders und kürzer: Handeln macht Handeln.
Jeder Mensch hat Spaß daran, wenn das, was er tut, problemlos abläuft. Der Spaß verstärkt sogar den Wunsch, das dann fortzusetzen, denn der Körper schüttet während des Tuns besondere Botenstoffe aus, welche Belohnungsgefühle erzeugen. Aber auch andere Stoffe erzeugen solche Belohnungsgefühle, etwa Alkohol und andere Drogen. Solche Stoffe führt man von außen zu, ohne selbst etwas dazu tun zu müssen. Deshalb haben zahllose Künstler gehobenen Alters oft Schäden an Körper und Seele genommen. Es besteht dann stets eben jene Gefahr, schnell das Gefühl von Belohnung – das Wohlgefühl – auf solchen Wegen herzustellen und auf Kommando erneuern zu können. Auch unangenehme Aufgaben kann man so zunächst besser erfüllen. Aber bald braucht der Körper dauerhaft jenes von außen erzeugte Wohlgefühl. Wenn das Verlangen danach zudem auf das Burnout-Phänomen stößt, kann man der Versuchung nur schwer entkommen.

Wenn Sie sich die Ergebnisse anschauen, werden Sie an einigen Stellen staunen. Da kommen Sätze, die viel besser sind als die im Ursprungstext. Irgendwas in uns war da wohl doch ganz schön kreativ. Tatsächlich ist es so. Unsere rechte Hirnhälfte will nicht zur Kreativität gezwungen werden. Dann geht sie in Opposition. Wenn man sie aber vor die Tür schickt, dann kommt sie durch die Hintertür wieder rein. Schon aus Widerspruchsgeist!

Wenn Sie als Grundlage für das kaputte „i“ Ihre eigenen Texte oder auch Rohentwürfe Ihrer Songtexte verwenden, werden auch Sie Formulierungen finden, die Ihrem Songtext gut zu Gesichte stehen. Vor allem phonetisch passiert hier etwas. Durch das Verschwinden des „i“ wird der Gesamtklang tiefer, dunkler, erdiger. Verträgt sich das gut mit Ihrem Lied? Probieren Sie’s. Es zwingt Sie ja niemand, jedes „i“ zu eliminieren. Die Tendenz zählt.

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