Der Vierspalter

Erfunden hat  ihn Dr. Jürgen vom Scheidt, Gründer der Schreibwerkstatt München, Mitbegründer und langjähriger Wegbegleiter der Celler Schule.

Der Vierspalter basiert auf überformatigem Papier von DIN A 2. Denn der Platz, den Sie auf dem Papier haben, um Ihre Gedanken festzuhalten, korrespondiert direkt mit dem Raum, den Ihre kreativen Energien einnehmen können.

Stellen Sie sich vor, Sie machen einen Stadtbummel. Und plötzlich – beim Milchkaffee in Ihrem Lieblings-Bistro – fliegt ihnen eine Idee zu. Der Kellner gibt Ihnen gern eins seiner Bestellblöckchen und leiht Ihnen seinen Kugelschreiber aus. Sie notieren die Idee und heben sie für später auf. Der winzige Zettel genügt vollkommen.

Nun aber malen Sie sich folgende Situation aus: Sie haben einen Termin, zu dem Sie etwas geschrieben haben müssen, und langsam wird es eng.  Es ist Sonntagnachmittag, und Sie beschließen, es sich in Ihrem Lieblings-Bistro gemütlich zu machen und dort auf Eingebung zu warten. Und dann – oh Schreck – stellen Sie fest, Sie haben Ihr sämtliches Schreibzeug vergessen. Und sämtliche Geschäfte, in denen Schreibzeug zu kaufen wäre, haben geschlossen. Auch diesmal bekommen Sie vom Kellner eines seiner Bestellblöckchen im Format 7×12 cm und einen Kugelschreiber. Aber es wird zur Quälerei! Um etwas zu entwerfen oder zu entwickeln, reicht das Zettelchen hinten und vorn nicht.

Wenn die Idee schon da ist, genügt der kleinste Schnipsel. Wenn sie aber erst gefunden werden muss, brauchen Sie Platz. Natürlich tut es der althergebrachte DIN-A-4-Block. Ein hat aber einige Nachteile, die noch aus unserer Kindheit stammen

Schon in der Schule arbeiten wir mit diesem Format. Schule – das sind Klassenarbeiten, die benotet werden. Das sind Sach- statt Gefühlstexte, das ist Druck. Schule hat uns allen die Schere in den Kopf implantiert – wenn nicht gar die Kettensäge. Effizienz und Aufgabenerfüllung regieren. Seitdem sitzt in unserem Kopf ein strenger Richter, der alles sofort misst, wiegt und wertet und das meiste im Keim erstickt. Sein Gegenspieler ist das Kind, das Spaß will. Wenn das merkt, dass es diszipliniert werden soll, geht es weg und spielt draußen weiter. Das spielende Kind ist aber die Kraft, die uns die Einfälle bringt. Den strengen Lehrer brauchen wir erst später. Bei der Ideenfindung ist er ein Spielverderber. Er jagt die Kreativität in die Flucht.

Das Kind in uns spielt und bringt uns die Ideen. Aber es wäre kein Kind, wenn es ergebnisorientiert spielen würde. Es wird abgelenkt, es hat Ideen, die nichts mit unserer Aufgabe zu tun haben und manchmal ist es unzufrieden und quengelt. Und all das gleichzeitig. Dadurch entsteht eine Art Rauschen in unserem Kopf, dessen Bestandteile uns einzeln nützlich sein könnten. Man müsste sie nur entzerren.

Der Vierspalter ermöglicht uns das. Er entknüpft die Prozesse, so dass wir sie einzeln betrachten und (später) nutzen können. Beim Tun selbst sollen wir darüber nicht nachdenken.

Für die Phase des konkreten Reimens ist die Vier-Spalten-Methode aus meiner Sicht nur bedingt geeignet – dafür umso besser zur Konzeption und Ideenfindung. Wenn Sie einen Song planen: Material sammeln, Assoziationen und Variationen festhalten, Inhalte auf Strophen verteilen, einzelne Reimideen für spätere Verwendung zuordnen.

Für den Vierspalter brauchen Sie einen DIN-A-4-Bogen. Am preiswertesten bekommen  Sie dieses Format in Offsetdruckereien. Ein Paket von 500 Blatt reicht über Jahre. Sie können auch eine Tapetenrolle zerschneiden.

Nehmen Sie nun ein solches  Blatt quer und falten Sie es zweimal.
Danach sollte es so aussehen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die zweite Spalte gehört unserm Text: der Ideensammlung, den Prosazeilen, dem Ablauf. Warum die zweite Spalte und nicht die erste?
Weil vor dem Schreiben noch etwas kommt: Das Schreiben-Können!

Wir kennen es alle: Schreiben wollen wir, der Schreibtisch ist aufgeräumt, der Tee duftet auf dem Stövchen, daneben unsere Lieblingstasse – alles ist gerichtet und trotzdem geht es nicht. In unserem Kopf boxen die Gedanken: bloß nicht vergessen, morgen Tante Lisbeth anzurufen, die hat Geburtstag, das Auto muss zum TÜV, die Flyer fürs nächste Programm müssen in der Druckerei abgeholt werden – und außerdem ist so schönes Wetter, da sollte man lieber spazieren gehen. Aber das geht ja nicht. Der Termin ….

Wenn wir unser Gehirn mit einem Computer vergleichen– dann sind das lauter Programme, die uns den Arbeitsspeicher lahm legen. Und dafür ist die erste Spalte des Vierspalters reserviert.

Jürgen vom Scheidt nennt diese erste Spalte Logbuch. Wie bei einem Schiff, wo alle Vorgänge protokolliert werden – die routinemäßigen und die Zwischenfälle. So weit müssen wir nicht gehen. Wenn das Schreiben in Gang kommt, werden wir nicht ins Logbuch schreiben „Das Schreiben klappt jetzt“, sondern wir werden unseren Text zu Papier bringen. Aber alles, was uns quer schießt, die Unlust, die Ablenkung, Ängste („werde ich je diese Lounge zum Buch zustande bringen?“…) haben im Logbuch ihren Platz, den ihnen niemand streitig macht.

Diese Aufteilung hat (mindestens) drei Vorteile:

  • Was Sie im Hintergrund beschäftigt (und sich immer wieder in den Vordergrund zu drängen versucht) erhält einen eigenen Platz. Dort kann es wieder „abgeholt“ werden – wir haben schriftlich, dass an Tante Lisbeths Geburtstag gedacht werden muss und können loslassen.

  • Wenn wir aufschreiben, was uns aufhält, dann schreiben wir. Die Motorik ist in Gang und Bewegung ist besser als Regungslosigkeit. Die Motorik der schreibenden Hand erzeugt eine Rückmeldung ans Gehirn, die das weitere Schreiben erleichtert und fördert.

  • Wenn wir in der ersten Spalte schreiben, dann schreiben wir auf die zweite zu – rein räumlich. Jede Zeile in der ersten Spalte führt auf die zweite zu. Das ist eine Art Sog, die uns dorthin zieht, wo das eigentliche kreative Geschehen stattfinden soll.

An guten Tagen werden Sie nur wenig ins Logbuch schreiben. Wenn Sie sich schwer tun, wird es viel sein, und wenn Sie sich nicht gut konzentrieren können, werden Sie häufig zwischen der Logbuch- und der Textspalte hin- und her springen. Das dürfen Sie.

Kommen wir nun zur dritten Spalte. Die ist fürs Kommentieren und Redigieren da – und für weiterführende Ideen.

Normalerweise schreiben Sie wahrscheinlich auf einem A-4 oder A-5-Format. Sie schreiben die Seiten voll. Wenn Sie dann etwas hinzufügen wollen, haben Sie dafür den Seitenrand plus den Raum zwischen den Zeilen. Und was macht unser Gedanke? Er macht sich klein, damit er dort hinein passt. Er entfaltet sich oft gar nicht erst. Die Alternative sind zusätzliche Zettel für Einschübe und Anmerkungen. Das unterbricht bereits die Verbindung – die Gedanken wohnen entkoppelt auf zwei verschiedenen Papieren. Beim Vierspalter haben ergänzende Gedanken denselben Platz zur Verfügung wie Ihr Ausgangstext. Und sie sind genau an der Stelle, wo sie später gebraucht werden. Das können Sie viel flüssiger lesen und daher besser beurteilen.

Bleibt die vierte Spalte. Jürgen vom Scheidt nennt sie Flohmarkt, wir nennen sie Archiv. Das Prinzip ist dasselbe:

Manchmal kommen gute Gedanken zur unpassenden Zeit. Ich konzentriere mich gerade auf die Einleitung, habe aber plötzlich den perfekten Schluss im Kopf. Da wo ich gerade schreibe, passt er nicht hin, es ist zu früh. Ins Logbuch gehört er aber auch nicht, es ist ja ein Gedanke zum Thema. Also lege ich ihn auf Halde, bis ich ihn gebrauchen kann. Beruhigt schreibe ich weiter, mein Arbeitsspeicher bleibt frei, weil er sich den Schluss nicht zu merken braucht – der steht ja sicher aufgehoben auf dem Papier.

Passieren kann es auch, dass ich an einer Aufgabe sitze und plötzlich überfällt mich eine komplett neue Idee. Eigentlich will ich ja ein Buchkapitel über Vierspalter schreiben. Aber dieses Chanson über vierblättrigen Klee kann ich unmöglich ungeschrieben lassen!

Für solche Querschläger, wie Jürgen vom Scheidt sie nennt – gibt es zweierlei Gründe:

  • Kreativität zieht Kreativität an. Wenn ich schon inspiriert schreibe, fällt leicht noch mehr ab. Oft sind das gute spontane Ideen.

  • Mein innerer Schweinehund schickt mir eine Ablenkung. Das Buchkapitel ist anstrengend, und zweckfrei spielen wäre doch viel schöner! Dazu ist ihm jedes Mittel recht. Und da er meine Arbeitsmoral zu kennen glaubt, lockt er mich nicht mit einem Ausflug vor den Fernseher, sondern mit etwas, das ich ja auch als „Arbeit“ ansehen kann.

Welchen dieser beiden Fälle ich vor mir habe, kann ich in diesem Moment nicht entscheiden – allein das wäre ja schon Ausstieg aus meiner Arbeit. Ich notiere mir also die wesentlichen Stichworte zum Kleeblatt in der Archivspalte und sehe mir die Idee ein andermal an. Dann merke ich, ob ich daraus ein Chanson machen will oder ob ich zumindest meinem inneren Schweinehund eine Nase drehen kann, weil er mich nicht weglocken konnte.

Die Archivspalten tippe ich für mein Ideenarchiv ab oder hebe sie in meiner Schatzkiste auf.

Zusammenfassung:

  • 1. Spalte: Logbuch
    Wie geht es mir? Was lenkt mich ab? Was stört mich?
  • 2. Spalte: mein Text
    Ideen, Struktur, Gedanken zum Thema

  • 3. Spalte: Kommentar, Assoziationen
    Alles, was mir an Erweiterung einfällt – an der Stelle, wo ich es beim Durchlesen brauche.

  • 4. Spalte: Archiv
    alles, was ich vielleicht später gebrauchen kann – zu meinem Thema oder zu anderen Themen

Und bitte: Vermischen Sie Prosa und Lyrik nicht!
Wenn Sie Ideen entwickeln, soll Ihr Kopf so frei sein wie nur möglich. Reime suchen bedeutet Einschränkung, denn Gedanken, die sich nicht reimen lassen, würden dann schon einer Zensur zum Opfer fallen. Wenn Ihnen Reime zufliegen, nehmen Sie sie gern mit, schreiben Sie sie in die Kommentarspalte oder ins Archiv. Aber suchen Sie keine!

Großformatiges Papier erhalten Sie übrigens am günstigsten in Offset-Druckereien

 

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