Genrekunde: Blues

Der Blues ist ein Strophenlied aus Vierzeilern, mit einfachem Reimschema und ausgewiesen negativem Themenspektrum (nach Jimmy Webb): Sozialer Abstieg, Liebeskummer, Einsamkeit, Verrat, Suff und vor allem seine Folgen sind die wiederkehrenden Themen.

Blues in englischer Sprache ist bei uns eine viel gehörte, gesendete und gekaufte Musikrichtung. Aber Blues mit deutschen Texten ist eher eine Sache von Minderheiten. Mit Ausnahme der Liedermacherbewegung, die in den Siebzigern ihre Bestform hatte und sich generell vor Negativinhalten nicht scheuen musste, scheint die maßstabgetreue Wiedergabe von Leid und Elend bei uns wenig mehrheitsfähig zu sein. Die meisten Interpreten wollen es nicht singen, die meisten Sender wollen es nicht senden und die meisten Leute wollen es nicht kaufen. Das Erscheinungsbild des kaputten Typen – wie er im Blues vor uns steht – ist nur was für diejenigen, die selber kaputt sind, so scheint es. Die Gewinnertypen hören sich aber fremdes Elend als Kunst nicht gern an. Und die Verlierer haben kein Geld, um die Platten zu kaufen. In englischer Sprache ist es natürlich etwas ganz anderes…! (man darf sich fragen, warum eigentlich…)

Vielleicht ist es auch die Erzählform, die so wenig Überraschungen bietet, dass man sie wenigstens im Text erwartet. Der klassische Blues eröffnet die Aussage direkt am Anfang („Woke up in the morning and my woman was gone…“) und malt sie dann aus. Ein Präsentierteller für Vorwürfe, Anklagen, Selbstmitleid. Darin suhlt sich der Blues. Und sein Sänger auch.

Um mit deutschen Texten mehrheitsfähig zu sein, muss der Blues sich etwas einfallen lassen. So hat er sich teils in den Dialekt, teils in die Ironie gerettet. Ironisch mit dem Selbstmitleid an einem öden Sonntag spielt Sascha Bendiks. Der Text hat zwar nur zweieinhalb Strophen, man hat aber den Eindruck, der Mann da singt schon seit Stunden und wird es noch für Stunden tun, Stoff gäbe es genug. Das Blues-Gefühl ist also gesichert.
Poppen wär schön

Der Sonntagmittag ist zu lang.
Und keiner ruft an.
Auch egal.
Ein Unfall auf dem Nürburgring –
das wär´n Ding.
Schaun wer mal
Doch die fahren alle brav im Kreis,
und nichts explodiert, hey, was soll der Scheiß!
Ich möcht nun endlich mal´n bisschen Action sehn
und Poppen wär schön.
Poppen wär schön.

Nun jammer nicht rum – tu irgendwas.
Es gibt so viel Dinge, die machen Spaß.
Du könntest zum Beispiel auch spazieren gehn
und Poppen wär schön.
Poppen wär schön.

Der Sonntag schleppt sich so dahin
und ich bin
vom Winde verweht.
Ich schalt in ’n anderes Programm
und schau mir an,
was da so geht
Dressurreiten ist nicht der Hit.
Ist das euer Ernst, hey, was soll ich damit!
Ich wart auf die Lindenstraße Folge zwei-tau-send-drei-hun-dert-sieb-zehn…
und Poppen, Poppen wär schön.
(Poppen wär schön, Sascha Bendiks [Celler Schule 2001])

Bei einem Blues in deutscher Sprache kann es nur der Text sein, der dem Song seine Unverwechselbarkeit gibt. Und die Stimme des Interpreten oder der Interpretin. Die Musik steuert eher wenig Individualität bei, da sie relativ festgelegt ist. Sie nimmt auch nicht viel Aufmerksamkeit in Anspruch. Auch deswegen muss der Text genug bieten.

Zurück zur Übersicht Genrekunde

Zurück zur Übersicht Bonuskapitel

Zurück zur Übersicht Lounge

 

Schreibe einen Kommentar