Genrekunde: Chanson

Weil du nicht bist wie alle andern (Klaus Hoffmann)

Die Ursprünge des Chansons liegen in Frankreich. Die wörtliche Übersetzung des Begriffes Chanson heißt zunächst nichts weiter als Lied und bezeichnet damit fast alles Gesungene. Im Deutschen ist es eine Genrebezeichnung.

Das Chanson als Gattung begann als dezidiert politisches Lied schon im 19. Jahrhundert, einige Vorläufer sogar noch früher. Zensur machte dem Chanson und seinen Autoren immer wieder das Leben schwer, stärkte aber auch seinen Widerspruchsgeist und seine subversive Kreativität. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Chanson zu einem Publikumsmagneten. Es entwickelte neben den politischen Formen neue, auch literarisch-poetische, komödiantische und experimentelle. In dieser Zeit wandelte sich auch der Gesangsstil. Lag bis dahin das Augenmerk auf den Wohlklang der Stimme, so ging es nun um ein Ausreizen der stimmlichen Möglichkeiten im Sinne von Interpretation, die Erzähltes sinnlich und sinnhaft macht. 1928 schrieb die berühmte Chansonsängerin Yvette Guilbert ihr Buch über Chansoninterpretation, das noch heute bemerkenswerte Gültigkeit hat. Darin heißt es, unabdingbare Voraussetzung zur Interpretation sei zunächst das vollkommene Verständnis des Textes. Man könne tieferen Sinn nicht darstellen, wenn man ihn nicht selbst in allen Details durchschaue. Vor allem komplizierte Texte könnten nur genau dann für das Publikum enträtselt werden, wenn der Interpret selbst sie vollkommen verstanden habe. Darin steckt mit selbstverständlicher Beiläufigkeit, dass das Chanson einen tieferen Sinn hat.

Charakteristisch für das Chanson ist gleichzeitig, dass sein Publikum sich bewusst bleibt, nicht die Privatperson des Interpreten oder der Interpretin auf der Bühne zu erleben, sondern jemanden, der in eine Rolle schlüpft, etwas stilisiert, gestaltet, künstlerisch übersetzt. Den Authentizitätsanspruch, wie er bei den Liedermachern immer gegeben war, verlangt das klassische Chanson nicht – obwohl beide Genres dieselben Wurzeln haben. Genau trennen kann man Liedermacherei und Chanson inzwischen nicht mehr. Am ehesten noch an der Art von Komposition und Darbietung: das Chanson als das bewusst Ausgefeilte, Liedermacherei als das bewusst Ungekünstelte. Reinhard Mey, Herman van Veen, Manfred Maurenbrecher oder Jasper mag man hier als Grenzgänger empfinden. Gemeinsam haben Liedermacherei und Chanson auf jeden Fall, dass eine Aussage, eine Geschichte im Vordergrund steht. Auch zu anderen Genres hin hat sich das Chanson als Grenzgänger erwiesen – so zum Kabarett (Christiane Weber, Tim Fischer, Georgette Dee) oder zum Rock und Pop. Sogar mit dem Schlager liebäugelt das Chanson. Für solche Grenzgänge standen und stehen Milva, Udo Jürgens, Annett Louisan, Pe Werner und Frank Ramond.

Neben dem „Chansonnesken“, das vielerorts in der neuen deutschen Popularmusik für eine Anhebung des Niveaus sorgt, gibt es aber auch noch das traditionelle, klassische Chanson. So wie es allerdings in die Jahre gekommen ist, ist sein Publikum das auch. Die Gewagtheiten und Frivolitäten von damals sind heute kaum noch welche. Zarah Leander mit Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben oder Der Keuschheitsgürtel, den Helen Vita in den 60ern als freches Chanson sang, sind heiß geliebte Klassiker. Aber Klassiker eben. Wer heute Chansons dieser Art schreibt, riskiert, selbst als unfreiwillige Antiquität belächelt zu werden. So wie die Federboa heutzutage höchstens noch für die Parodie einer Chansonsängerin taugt. Auch die große Pose ist heikel – es sei denn in ironischer oder selbstironischer Manier, wie man es z.B. bei Tim Fischer, Max Raabe, Georgette Dee oder Mary findet. Die große Geste, die sich selbst allzu ernst nimmt, gleitet in die Lächerlichkeit ab. Das gilt nicht nur für die Interpretation. Das gilt auch für den Text.

Chansons können alle Register ziehen. Sie können melancholisch sein, tief und dunkel, aber auch albern, ausgelassen, ironisch und übermütig. Sie sind poetisch oder persiflieren ein Milieu und seinen Jargon. Und manchmal lassen sie den Inhalt beiseite und feiern das reine Vergnügen an der verspielten Form. Die Musik eines Chansons dient dem Text und dominiert ihn nicht. Sie vermeidet Trivialität. Auch sie weiß um den Anspruch.

Das Chanson ist ein Zuhörlied. Es hat etwas zu sagen und fordert entsprechende Aufmerksamkeit ein. Das Chanson ist intelligent und setzt beim Gegenüber Intelligenz voraus. Auch von einem gewissen Bildungsstand darf es ausgehen, wenn es Anspielungen macht oder Bezüge herstellt – zumindest von der Lust am selbständigen Denken. Denn die zeichnet ein Chansonpublikum aus. Wenn man ihm alle Arbeit abnimmt, reagiert es beleidigt. Es kultiviert seinen Anspruch. Die Kunst für Chansonautoren besteht darin, diesen Anspruch auszureizen, ohne zu überfordern. Wobei Überforderung von Publikum zu Publikum und von Künstler zu Künstler einen sehr unterschiedlichen Schwellenwert aufweist. Es gibt ausgesprochen verzwickte und schrullige Chansons, die ihr Publikum finden – ein kleines eben.

Das Chanson legt Wert auf Ästhetik in Sprache und Form. Das kann reizvolle Kontraste ergeben, wenn Inhalte eigentlich gar nicht ästhetisch sind – z. B. Der Tantenmörder (Ich hab meine Tante geschlachtet) von Frank Wedekind oder Tauben vergiften von Georg Kreisler. Opulente oder vertrackte Reime sind typisch – besonders bei kabarettistisch angehauchten Chansons.

Neben dem Kabarett ist das Chanson das Genre mit dem größten verfügbaren Wortschatz und Möglichkeiten, von denen manch anderes Genre nur träumen kann. Wortschöpfungen sind hier gut aufgehoben. Auch komplexere Sätze und Aussagen kann das Chanson sich erlauben, denn die Musik lässt dem Wort Platz genug. Kluge Gedanken werden auch klug verpackt. Wobei klug nicht gleichbedeutend mit kompliziert sein muss.  Manchmal liegt die Stärke in der wohldurchdachten Einfachheit. Nehmen Sie zum Beispiel die berühmten Lieder eines armen Mädchens, die Friedrich Hollaender für Blandine Ebinger schrieb. Die Sprache ist denkbar unprätentiös. Es sind die Geschichten, die uns in ihrer Schlichtheit und Tiefe ans Herz gehen. Wichtig ist vor allem, dass besonders ein Chanson abgegriffene Bilder und Phrasen meiden muss. Das kann auch für Bilder gelten, die zu früheren Zeiten einmal chansonfähig waren.

Chansons können auf ein umfassendes Themenspektrum zugreifen. Das Chanson darf über Liebe und den Alltag singen. Es darf sich aber auch exotische Themen herausnehmen, die z. B. dem Schlager verwehrt wären. Es darf in seiner Form als Rollenlied Abgründe und Obsessionen sogar in der Ich-Form feiern (Die Kleptomanin, Neandertaler), es darf die politische Correctness über Bord werfen und verrucht, promisk, mordlüstern, hinterhältig sein oder sich im schwarzen Humor gefallen. Im Chanson wird nicht a priori die Identität von Sänger und Lied unterstellt. Ein Authentizitätsanspruch kann gegeben sein (Klaus Hoffmann, Jacques Brel, Reinhard Mey) muss aber durchaus nicht (Tim Fischer).

Während andere Genres – auch die Liedermacherei – mit ganz geradliniger Erzählweise auskommen können (falsch ist, dass sie es müssen!), braucht das Chanson auf jeden Fall ein Geheimnis oder eine Überraschung – etwas Subtiles, etwas Unausgesprochenes. Allerdings braucht das Publikum die Chance, diesen versteckten Schatz auch zu heben. Das kann ein Gedanke sein, der nachklingt, eine atmosphärische Schwebung über das Gesagte hinaus, ein Gefühl, das unter der Oberfläche hervorschimmert. Eine Geschichte mit der Offensichtlichkeit eines Schlagers zu erzählen, ist für ein Chanson zu wenig. Worin dieses Geheimnis besteht, sollten Sie als Autorin oder Autor allerdings genau wissen, auch wenn Sie es für sich behalten müssen.

Das Chanson schwimmt nicht mit dem Strom. Es leistet sich einen eigenen Standpunkt. Ein Chanson, das der Mehrheit nach dem Munde redet, ist selten gut. Ein Chanson, das überhaupt keinen Denkprozess in Gang setzt, ebenso wenig. Ein gutes Chanson stellt Grenzen in Frage. Es walzt sie aber nicht nieder. Es greift sich Sichtweisen oder Aspekte aus einem Thema heraus, mit denen nicht jeder von vornherein rechnet.

Hier noch einmal die Punkte, denen Sie Ihr Augenmerk widmen sollten:

  • Das Chanson ist ein Zuhörlied. Sorgen Sie dafür, dass es genug gibt, das die Aufmerksamkeit lohnt.

  • Das Chanson legt Wert auf die Form. Reimen und betonen Sie sauber. Wählen Sie wertige Reime, machen Sie einen Bogen um allzu Abgegriffenes.

  • Das Chanson ist eloquent. Machen Sie Ihre Sprache nicht zu kompliziert und verschroben, aber sorgen Sie dafür, dass es genug Hinhörenswertes gibt. Verzichten Sie vor allem auf Redensarten und Bilder, die der Schlager vereinnahmt hat. Wenn Sie eine betont einfache Sprache wählen, dann muss es der Inhalt des Liedes sein, der das Besondere bietet. Und auch einfache Sprache kann mit besonderen Bildern glänzen.

  • Chanson-Themen sind fast unbegrenzt. Wenn Sie aber Themen behandeln, die auch der Schlager bedient, ist Vorsicht am Platz. Themen – zumindest Perspektiven – die nicht von der breiten Masse zu Tode getrampelt sind, bringen Ihnen bessere Chancen.
  • Das Chanson braucht ein Geheimnis. Lassen Sie etwas unausgesprochen. Aber tun Sie es so, dass Ihr Publikum finden kann, was Sie verstecken.

  • Das Chanson leistet sich einen eigenen Standpunkt
    Polarisieren Sie ruhig. Sie haben ein Publikum, das sich gern auseinandersetzt. Extreme Haltungen können Sie in Rollenlieder verpacken.

Spielen wir es am Chanson Rinnsteinprinzessin durch:

Rotes Licht glimmt in dem Schuppen,
wo ich nicht nur Drinks verkauf
und wie all die andern Puppen
mir die Kerle schöner sauf.
Du allein stehst seit ner Stunde
unbeteiligt an der Wand.
Komm, mein Herz – ich schmeiß ne Runde –
wir verjubeln den Verstand!

Ich bin die Rinnsteinprinzessin, Gelegenheitsbraut,
Küss mir das taube Gefühl von der Haut,
Du bist mein Prinz auf dem staubigen Pferd –
morgen ist unser Palast nichts mehr wert.

Du bist schön – was soll ich lügen,
wenn mir wer wie du gefällt?
Heute tu ich’s zum Vergnügen,
morgen nehm ich wieder Geld.
Komm, wir woll’n uns amüsieren!
Komm, du hast drei Wünsche frei!
Lass uns keine Zeit verlieren –
Morgenstund ist schwer wie Blei….

Ich bin die Rinnsteinprinzessin…

Was Make-Up und was Gesicht ist –
schau mich an, ich zeig es dir.
Nein, wir tanzen nicht, was Pflicht ist,
sondern unsre eig’ne Kür.
Heute will ich mich nicht ducken,
sondern all den feinen Herrn
einmal in die Fresse spucken!
Nichts für ungut…
habt mich gern.
Komm…!

Ich bin die Rinnsteinprinzessin…

(Rinnsteinprinzessin, Tim Fischer, Text: Edith Jeske)

  • Die Rinnsteinprinzessin ist ein Zuhörlied. Sie entführt uns in eine Umgebung, die uns aus unserem eigenen Leben eher fremd ist. Daher werden wir neugierig auf das, was geschieht.

  • Das Chanson legt Wert auf die Form. Reime sind verstärkt eingesetzt. Statt dem in Rock, Pop und Schlager eher üblichen Reimschema a-b-c-b wurde hier das dichtere a-b-a-b gewählt.

  • Das Chanson ist eloquent. Die Sprache ist eher einfach und alltäglich. Denn die Protagonistin gehört nicht der Bildungsschicht an. Aber die Bilder in dieser einfachen Sprache sind individuell – sowohl in Wortschöpfungen als auch in den Bildern: den Verstand verjubeln, Rinnsteinprinzessin, Gelegenheitsbraut, das taube Gefühl von der Haut küssen, Prinz auf dem staubigen (und eben nicht wunderschönen weißen) Pferd.

  • Chanson-Themen sind fast unbegrenzt. Das Grundthema ist hier unspektakulär: Mann-Frau. Dafür wird es in eine exotische Umgebung gesetzt und von einer Protagonistin durchgespielt, die ungewöhnlich ist. Bei der Rinnsteinprinzessin handelt es sich um ein Rollenlied. Ein Schlager dürfte diese Perspektive nicht ungestraft einnehmen; im Pop wäre sie zumindest unwahrscheinlich.

  • Das Chanson braucht ein Geheimnis. Offen bleibt, wie die Geschichte ausgeht. Wird der angesprochene Mann das Angebot annehmen? Kommen vielleicht sogar tiefere Gefühle ins Spiel? Auch der Mann selbst ist ein Geheimnis. Wir erfahren nur, dass er eher stiller Beobachter ist als Handelnder. Und er ist schön. Was immer das für die Protagonistin heißt.

  • Das Chanson leistet sich einen eigenen Standpunkt. Eine Hure muss weder abgebrüht sein noch vor Selbstmitleid triefend oder gutherziger als die Sittenpolizei erlaubt. Diese hier wirkt fast pragmatisch. Ohne falsche Sentimentalität, aber deutlich und mit einer ruppigen Zärtlichkeit setzt sie ihre Signale.

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