Genrekunde: Musical

Ich gehör nur mir (Elisabeth)

Das Musical ist ein Kind der leichten Muse. Historisch gesehen ist es noch jung. Während die Oper eine Vergangenheit vorzeigen kann, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht, steckt das Musical mit seinen rund hundert Jahren Existenz vergleichsweise noch in der Adoleszenz. Dafür wurde es aber schon bemerkenswert oft totgesagt.

Seine Kinderstube war der Broadway, und seine Geburt fiel in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Was dort aufeinander traf, waren Revuen, Minstrel Shows (in denen Weiße Schwarze spielten), Vaudeville-Theater (das oft mit neu betexteten bekannten Musikstücken arbeitete und dem Publikum Gelegenheit zum Mitsingen gab), Operette, Burlesque (eine Art Varieté mit erotischem Einschlag), monumentale Ausstattungsstücke verschiedener Genres (die so genannten Extravaganzas) und vieles mehr. Vor allem begegnete sich auf dem Broadway aber eine Vielzahl von Kulturen. Neue Gesangstechniken traten neben die klassischen Formen, alles floss in einem rauschenden Strudel ineinander. Das erste Musical nach heutigem Verständnis dürfte 1927 Show Boat gewesen sein – komponiert von Jerome Kern mit einem Libretto von Oscar Hammerstein II. Hier trugen erstmalig die Lieder die Handlung gleichberechtigt mit und unterbrachen sie nicht einfach.

Die Geschichte des Musicals blieb für lange Zeit eine amerikanische Geschichte. 1935 wurde Porgy and Bess uraufgeführt – komponiert von George Gershwin und seinem Bruder Ira. George Gershwin bestand sein Leben lang darauf, dass Porgy und Bess eine Oper sei und kein Musical. Trotzdem ist es auch berechtigt, in diesem Stück einen Grenzfall zu sehen – schon insofern als einzelne Songs ihren Siegeszug in die gehobene Unterhaltungsmusik antraten – so wie das unsterbliche „Summertime“. Oder „It ain’t necessarily so“.

Die 1930er und 40er Jahre bescherten dem Broadway einen wahren Musical-Boom –große Namen waren Cole Porter (Anything Goes, Kiss Me Kate), Irving Berlin (Annie Get Your Gun), Richard Rodgers & Oscar Hammerstein  (Oklahoma, South Pacific) oder Leonard Bernstein (On The Town). Seinen Weltruhm erlangte Bernstein 1957 mit der West Side Story, zu der wiederum Stephen Sondheim die Liedtexte beisteuerte – ebenso wie zu Gypsy von Jule Styne. Anfang der 1960er begann Sondheim eigene Musicals zu komponieren. Seine großen Erfolge hatte er in den 70ern mit Company, Follies, A Little Night Music und Sweeney Todd. Die deutsche Musicalszene bemerkte ihn erst in den 80ern so recht – als Sweeney Todd und Into The Woods als deutsche Übersetzungen den Weg zu uns fanden. 1961 uraufgeführt wurde auch My Fair Lady von Frederick Loewe und Alan J. Lerner.

In den späten 60ern und den 70ern ging es in manchen Musicals spirituell-religiös zu – Joseph And The Amazing Technicolour Dreamcoat und Jesus Christ Superstar von Andrew Lloyd Webber & Tim Rice oder Godspell von Stephen Schwartz. Parallel dazu verschafften sich die Hippiebewegung (Hair von Galt Mc Dermot) und der Protest gegen den Vietnamkrieg Gehör. Das Rockmusical kam auf – mit einem ernsten Thema wie Tommy von Pete Townshend (The Who) oder als Parodie eines B-Movies: Kaum mag man glauben, dass die Rocky Horror Show schon 1973 uraufgeführt wurde! Und auch Der kleine Horrorladen in seiner Originalversion erblickte bereits 1982 das Licht der Welt. Vor allem aber viele der Musicals, die heute Klassiker sind, wurden geboren: Evita, Starlight Express, Das Phantom der Oper (alle von Lloyd-Webber). Von sich reden machte auch ein französisches Team: Alain Boubil, der mit seinem musikalischen Dauerpartner Claude-Michel Schönberg, Les Miserables schrieb, Miss Saigon und das etwas weniger bekannte Martin Guerre. Spricht man von diesen Musicals, so fallen gewöhnlich beide Autorennamen in einem Atemzug: Boubil-Schönberg. Ob Frankreich mit seiner Tradition des Chansons mehr Achtung vor seinen Liederdichtern hat?

Die großen En-suite-Produktionen von Musicals kamen Mitte der 80er in Deutschland an, und nun wurde das Musical auch von Personenkreisen wahrgenommen, die keine klassischen Theaterbesucher waren und in diesem Rahmen schon Musicalinszenierungen kannten. Auch Hair und Jesus Christ Superstar hatte man bei uns schon Ende der 1960er, Anfang der 70er gesehen – aber eher als Ausdruck der Jugendbewegung und weniger im Sinne bürgerlicher Unterhaltungskultur. 1983 feierten Lloyd-Webbers Katzen in der Übersetzung von Michael Kunze Premiere in Wien und eroberten 1986 das Operettenhaus Hamburg – noch etwas einsam auf weiter Flur, aber enorm beachtet. Dann ging es Schlag auf Schlag. Aber noch lange Zeit kamen Musicals praktisch nur aus dem Ausland.

Deutschsprachige Originalproduktionen wurden nur zögerlich zur Kenntnis genommen. Immerhin gab es schon seit langem ein Musical in der DDR, das Triumphe feierte: Mein Freund Bunbury von Gert Natschinski mit Gesangstexten von Jürgen Degenhardt und einem Libretto von Helmut Bez. 1964 wurde es uraufgeführt – als Beginn einer großen Erfolgsgeschichte. Und dann war da in Westberlin diese Jugendbühne, das GRIPS-Theater. 1985 brachten Volker Ludwig und Birger Heymann dort Linie 1 auf die Bühne. Das GRIPS-Theater wurde dafür gefeiert. Trotzdem fassten andere Bühnen in der BRD das Stück noch zwei Jahre lang nicht an. Dann aber platzte der Knoten. Linie 1 wurde das meistgespielte Musiktheaterstück nach der Dreigroschenoper. Erstens, weil es die Menschen bei ihren Gefühlen packte. Zweitens aber auch, weil man es zwar aufwändig inszenieren kann, notfalls aber auch mit einer Kiste Requisiten auskommt. Ein Glücksfall für Theater mit knappem Etat!

Der Start für deutschsprachige Stücke war geschafft. Und meist waren sie unaufwändig – im bewussten Kontrast zu den importierten Großproduktionen und den ersten deutschen Originalen, die es in die Musicalpaläste schafften. Die kamen von Michael Kunze. Er war als Übersetzer schon von Anfang an fast überall mit im Boot. Nun schrieb er eigene Musicals und bewies, dass sie den Auslandsproduktionen in nichts nachstanden. Elisabeth (mit Sylvester Levay, Uraufführung 1992) und Tanz der Vampire (mit Jim Steinman, 1997) feierten rauschende Erfolge – national und später auch international. Bis sich aber eine eigene deutsche Szene – auch für Großproduktionen – entwickelte, sollte es noch lange dauern.

Anfang der 90er führte die Neuköllner Oper mit dem Librettisten Peter Lund der Musicalgemeinde vor, mit welch sparsamen Mitteln Musical begeistern kann. Lunds Stücke werden seitdem von zahllosen kleinen Bühnen oder als Studioproduktionen größerer Theater aufgeführt. Allerdings hat er auch hervorragende Komponisten!

Wenn Sie also Musicals schreiben wollen und nicht Hausautor eines großen Theaters sind, vergessen Sie Monumentalwerke mit Orchester, Chor, Ballett, Drehbühne und 30 Darstellern. Vergessen Sie auch Werke mit 30 Darstellern ohne Chor, Ballett und Drehbühne und Orchester! Kurz gesagt: Vergessen Sie 30 Darsteller! Die Chance für deutschsprachige Autoren liegt in Musicals, die sich mit kleinem und kleinstem Etat auf die Bühne bringen lassen. Für Theater, die jeden Cent zweimal umdrehen müssen, gelten unbekannte Autoren als riskant. Im Übrigen sind die meisten großen Produktionen immer noch übersetzte Auslandsmusicals. Kleine Musicals – vielleicht sogar tauglich für singende Schauspieler – sind ein Tätigkeitsfeld mit Zukunft. Und für manche ein Türöffner. Wolfgang Adenberg – inzwischen einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Musicalübersetzer und –Autoren der Gegenwart begann genau so. Mit seinem Kleinstmusical Fletsch (3 Darsteller, 2 Klaviere) kam er 1993 zu ersten Aufführungen und guten Kritiken. Inzwischen gehört er zu denjenigen, die Auftragsproduktionen für deutsche Bühnen schreiben, die auch größere und große Formate haben. Schnell ging es nicht. Die Prozesse in diesem Genre sind schwerfällig – allein schon wegen der enorm langen Planungs-, Bedenk- und Vorlaufzeiten der Bühnen und ihrer Entscheidungsträger.

Was Sie heute zu schreiben beginnen, wird vielleicht in zwei oder drei Jahren seine Premiere erleben. Und bedenken Sie, dass Sie in ein abendfüllendes Kleinmusical ebenso viel Arbeit investieren müssen wie in ein Ausstattungsstück, aber sehr viel weniger verdienen. Denn Ihre Tantiemen bemessen sich an der Zahl der verkauften Eintrittskarten. Und machen Sie sich bewusst, dass Sie auf Verdacht und Risiko ein halbes Jahr Ihres Lebens investieren, vielleicht sogar mehr – mit dem Blick auf eine Premiere, die vielleicht niemals stattfindet. Aber malen wir nicht allzu schwarz. Totgesagt wurde das Musical in Deutschland von Anfang an. Man prophezeite, es würde sich innerhalb kürzester Zeit verschleißen. Die Realität spricht eine andere Sprache. Das Musical hat sein Publikum, ein sehr treues und engagiertes. Musical hat einen Markt, Musical ist auch aus den Spielplänen der Stadttheater und Landesbühnen nicht mehr wegzudenken. Also – wenn Sie sich fürs Musical berufen fühlen: Schreiben Sie! Und sichern Sie sich ein zusätzliches Standbein.

Musical ist das einzige Genre der Popularmusik, in dem die Lieder einem übergeordneten Zusammenhang gehorchen müssen. Musical ist abendfüllend; Lieder und Dialoge ergeben gemeinsam eine Geschichte – anders als ein Konzert, dessen Musikstücke zwar auf einen thematischen Faden aufgereiht sein können, aber nicht müssen. Stilistisch darf und kann das Musical fast alles: Die Bandbreite ist bei keinem anderen Genre so groß. Rock, Swing, Folk, Pop, Ethno, Klassik, Mozart oder Motown, Tango oder Trash – alles kann zum Musical werden. Musicals gibt es für fast jede Zielgruppe: für Erwachsene, für Kinder, für ganze Familien, für Romantiker und Nostalgiker, für Ausgeflippte, für Science-Fiction-, Krimi- und Horror-Fans, Es gibt poetische und kabarettistische Musicals, religiöse und respektlose, es gibt Musical-Comedy in traditioneller oder moderner Form, Musicaldrama, Filmmusicals und Compilation- oder Jukebox-Musicals, in denen bekannte Songs durch einen Handlungsrahmen – meist lose und spielerisch – verbunden werden (z.B. Mamma Mia oder Ich war noch niemals in New York).

Das Musical wird gleichermaßen geliebt und angefeindet. Vor allem von intellektueller Seite muss es sich das Etikett der Trivialität gefallen lassen. Ja, das Musical will die Zuschauer am Ende eines Abends mit einem positiven Gefühl entlassen. Das muss nicht unbedingt die Freude an einem Hollywood-Happy-End sein. Es kann auch in der Bewunderung dafür bestehen, wie die Protagonisten für ihr Glück gekämpft haben – auch wenn sie gescheitert sind (Cabaret) oder große Opfer bringen mussten (Les Misérables). Oder darin, dass der unabwendbare Untergang nicht alle Menschen zu egoistischen Feiglingen macht (Titanic).

In jedem Fall hat ein gutes Musical eine Botschaft. Die muss nicht im Programmheft stehen. Aber sie wird sich unterschwellig durch die Geschichte ziehen und am Ende erkennbar werden. Und die Lieder werden emotional zu ihr hinführen.

Wenn Sie Lieder für ein Musical schreiben oder Musicalsongs übersetzen, ist fast alles anderes als überall sonst. Für uns Autoren ist es viel leichter und viel schwieriger zugleich. Und unendlich erfüllend, wenn es gelingt. Als Musical-Songtexter haben wir das ganze Panoptikum menschlicher Charaktere zu unserer Verfügung. Lichtgestalten und Widerlinge, Gescheiterte und Gestörte, Helden und  Hasardeure. Nicht jedes unserer Geschöpfe muss vom Publikum gemocht werden – das wäre sogar ein Fehler. Mit unserer Geschichte müssen wir es einfangen. Das ist schon alles. Und das ist so viel. Wenn Sie dazu mehr wissen möchten, lesen Sie Bücher übers Drehbuch- und Stückeschreiben, die helfen Ihnen fürs erste weiter. Komprimiertes Wissen speziell zum Thema Musicaldramaturgie finden Sie auf der Website von Dr. Michael Kunze. 
Hier nun geht es um die Songtexte in Musicals.

  • Sie haben es mit absoluter Zuhörmusik zu tun. Das Publikum blättert beachtliche Summen hin, um sich einen Abend lang fesseln und faszinieren zu lassen. Aber es urteilt auch deutlich strenger als das Publikum eines Popkonzerts oder einer Schlagershow. Es will einen Gegenwert für sein Eintrittsgeld – Lied für Lied. Das ist Ihr Job.

  • Als Musicalautor müssen Sie eine Vielzahl an Sprachebenen für Ihre verschiedenen Figuren beherrschen. Wenn ihre Königinmutter so redet wie der Stallknecht, wird Ihr Musical unglaubwürdig bleiben. Jede Figur muss an ihrer individuellen Sprache erkennbar sein. In keinem anderen Genre brauchen Sie eine so variantenreiche Ausdrucksweise und so viel Gespür für kleine Unterschiede. Das gilt natürlich genauso für die Dialoge. Beim Schreiben der Liedtexte aber kann Sie das durch die Hölle schicken. Denn die Sprachebene müssen Sie auch unter Reimzwang und Betonungsvorgaben der Musik konsequent durchhalten! Das kann Sie Ihre schönsten Reime und Lieblingszeilen kosten. Aber Kompromisse und Halbherzigkeiten kosten Sie die Glaubwürdigkeit Ihrer Figuren – und das ist schlimmer!

  • In keinem anderen Genre haben Sie so viel Verantwortung und so wenig Spielraum. Die Dramaturgie gibt Ihnen Thema, Emotion und Ziel jedes Liedes genau vor. Dinge vorwegnehmen, dazuerfinden, Nebenschauplätze aufmachen – all das hat unmittelbare Auswirkungen auf das ganze Stück und rächt sich. Widerstehen Sie der Versuchung!

  • Im Musical steht kein Lied für sich allein. Alles hängt mit allem zusammen. Ein Musicalsong kann eine kleine abgeschlossene Geschichte innerhalb der großen erzählen. Das ist aber eher die Ausnahme. Im Musical treffen Sie auf einen Liedtypus, den Sie nirgends sonst finden: Das Lied entwickelt sich aus der Handlung und führt wieder in sie zurück. Ohne das Drumherum würde man ein solches sektorielles Lied nicht verstehen. Widmen Sie den Übergängen sehr viel Sorgfalt!

  • Jedes Lied im Musical verlangt eine Berechtigung. Musicalsongs dürfen – außer dem klassischen Showstopper im zweiten Akt – die Handlung nicht einfach unterbrechen. Sie müssen etwas bedeuten! Simples Illustrieren der Handlung ist ein verbreiteter Anfängerfehler und reicht nicht aus. Wenn Mädchen Blumen pflücken, ist es nicht genug, wenn sie singen „wir pflücken einen Blumenstrauß“. Wenn sie hingegen singen, wie schön das unbeschwerte Leben ist (das Blumenpflücken ist der Ausdruck dafür) und wie wunderbar es ist, dass sie so unzertrennlich sind – dann springt vielleicht nach dem Lied der Unhold aus dem Gebüsch und verschleppt eine der Grazien. Oder ein gar nicht so unholder Jüngling bricht die Freundinnenherzen der Reihe nach und die Unzertrennlichkeit ist Geschichte. Wenn das Publikum nur hört, was es bereits weiß, gähnt es bald.

  • Lieder sind die emotionalen Momente im Musical. Sie müssen das Geschehen weitertragen – mindestens emotional. Selbst wenn die sichtbare Handlung innehält, darf am Ende des Liedes nicht mehr alles so sein wie zu seinem Beginn.  Auch dramaturgisch sind Lieder Ausdruck dafür, dass eine Emotion sich steigert. Singen ist im Musical die Steigerung von Sprechen. Wenn es schwieriger, ausgelassener, sehnsüchtiger, aggressiver oder sentimentaler wird, geht Sprechen in Singen über.

Eines noch:
Die Gefahr, sich selbst zu beschummeln, ist im Musical besonders allgegenwärtig. Oder einfach nur betriebsblind zu sein. So ein Musical kostet Monate. Da kann man sich eine Menge Ausnahmegenehmigungen erteilen und bemerkt sie nicht einmal mehr. Passen Sie auf sich auf!

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