Genrekunde: Pop

Die Welt ist Pop (Heinz Rudolf Kunze)

Pop ist die vielschichtigste und dabei auch diffuseste Genrebezeichnung. Neben der konkreten Musikstilistik, die massenkompatibel und mainstream-orientiert ist, steht Pop auch als eine Art Metabegriff für alle Arten von medial vermittelter Musik, die – wenn auch nicht formatradiotauglich – doch auf die Masse zielt, und sei es nur durch ihre Inszenierung. Seien es die drei Tenöre, der Geiger David Garrett oder der Cellist Yo-Yo Ma. Ihre Popularität reicht über den Zuhörerkreis hinaus, der sich normalerweise zu klassischer Musik hingezogen fühlt (weshalb sie immer wieder auch mit Pop-Künstlern zusammen auftreten). Sie treten mit Repertoire, das nach dem Gesichtspunkt der Mehrheitsfähigkeit ausgewählt ist, in Stadien oder Mega-Hallen auf, in denen klassische Musik normalerweise nicht stattfindet. Der Buena Vista Social Club war eine Weltmusik-Band von lebensfrohen Hochbetagten, die mit keinem Merkmal – musikalisch oder äußerlich – zum Pop gehörte. Und trotzdem fanden sie in der Pop-Szene statt. Ob etwas Pop ist, kann man am ehesten am Publikum festmachen. Ansonsten ist die Interpretations- und Zuordnungsverwirrung beim Thema Pop erheblich.

Pop ist musikalisch gesehen die sanfte, gefälligere Schwester des Rock und greift auf dessen musikalische Formensprache zurück. Pop will mehrheitsfähig sein und bekennt sich dazu. Pop dürfte überhaupt das mehrheitsfähigste aller Genres darstellen – umso mehr als er alle anderen Genres in sich aufsaugen und adaptieren kann: Rockpop, Chansonpop, Schlagerpop, Folk- und Ethnopop oder auch Rhythm ’n Blues. Pop sucht immer die Allianzen mit anderen Kulturkomponenten, die einer Mehrheit entspringen. Das muss nicht die unsere sein. Daher kann Pop der einen Kultur für eine andere sehr exotisch wirken. Der Chanson-Einschlag französischer Popmusik mit seiner Vorliebe für mädchenhafte Stimmen oder der Italopop mit Reibeisenstimmen wie der von Gianna Nannini, von Paolo Conte, NEK oder Eros Ramazzotti fühlen sich relativ vertraut an. Schräger kommt unseren Ohren und unseren Rhythmusgewohnheiten dann schon Pop aus Griechenland vor – oder aus der Türkei. Und wer schon einmal im Chinarestaurant chinesische Popmusik gehört hat, weiß, wie weit die Spanne reicht. Was die Mehrheit bei uns als erstes und am häufigsten mit dem Begriff Pop assoziiert, dürfte der angloamerikanische Pop mit seinen musikalischen Grundzügen sein. Die älteren unter uns denken an die Beatles, an Michael Jackson, an ABBA, Madonna, Peter Gabriel und Sting, die jüngeren an Robbie Williams, Lady Gaga oder Ich+Ich. Und von beiden Altersgruppen denken Einige an Dieter Bohlen, No Angels und alles, was es in die DSDS-Finalshows geschafft hat. Englischsprachiger Pop ist nicht besonders textfixiert. Wer Englisch als Muttersprache hat, ist gewöhnt, nur diese Muttersprache zu hören. Das einzelne Wort scheint dadurch an Wert zu verlieren. Zumindest werden Ihnen native englische Songtexter bestätigen, dass man in Deutschland Pop-Texte in der Muttersprache sehr viel deutlicher wahrnimmt als in England oder Amerika. Country und Blues sind dort textlastiger und näher dran am Etikett Zuhör-Musik.

Dass der deutschsprachige Pop aufholt, ist nicht einmal ganz neu: Schon in den frühen 1980ern schlug er kurz und tosend seine Wellen. Aber die Neue Deutsche Welle blieb tatsächlich eine. Sie verebbte bald und überließ das mediale Terrain für lange Zeit wieder dem englischsprachigen Repertoire. Gegen Ende der 1990er wendete sich das Blatt und deutschsprachige Popmusik fand endlich breites Interesse in der Öffentlichkeit. Die Einflüsse kamen aus dem Rap, Funk und Hip-Hop (Die Fantastischen Vier, Tic Tac Toe, Jan Delay, Fettes Brot, Jazzkantine), Soul (Xavier Naidoo, Sabrina Setlur), Techno (Blümchen), Chanson (Rosenstolz, Patricia Kaas), Rock- oder Singer/Songwriter-Kultur (Echt, PUR, Christina Stürmer) oder der A-capella-Musik (Die Prinzen, Wise Guys, Basta). Ein paar Spuren im Pop hat auch der Schlager hinterlassen (Yvonne Catterfeld, Oli.P, Christian Wunderlich). Und ein paar alte Helden schafften auch wieder den Weg ins Licht (Nena, BAP, Udo Lindenberg).

Die Zuordnung Pop entsteht eher über die Musik als über den Text: Pop ist im Durchschnitt musikalisch anspruchsvoller und moderner als Schlager, aber nicht so hart wie Rock. Für die Texte gilt das auch. Jedenfalls im deutschen Pop. Er funktioniert in aller Regel als Nebenbeimusik, darf aber dabei auch interessante Geschichten bieten. Seine thematische Bandbreite reicht von Allgemeinplätzen bis hin zu ausgesprochenen Zuhörtexten. Darunter können sich sogar immer wieder ein paar Tabubrüche tummeln (Falco,„Jeanny“). Lange Zeit galt: Pop provoziert nur dann, wenn er sich damit einen kommerziellen Erfolg ausrechnen kann. Meistens will er die Mehrheit vereinen und gefallen. Inzwischen sind aber einige Bereiche des Pop härter geworden bzw. es hat eine Begriffsverschiebung stattgefunden. Der Berliner Rapper Sido bezeichnet seine Musik selbst als Pop – mit straßenkrediblem Hintergrund. Erstaunlich, dass diejenigen, die sich gerne mal als böse Jungs bezeichnen lassen, sich also unter dem gleichen Dach wohl fühlen wie die Macher der Zeilen:

Eenie, meenie, mynie, moe
tell me where you wanna go
Talk about Pop Muzik

(aus: Pop Muzik, M, Text: Robin Edmond Scott)

Die Welt ist Pop. Aber überall wird anders gesprochen.

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