Ich komme nie mehr ganz nach Haus

Der Mond liegt wie ne Wiege überm Himmel dieser Stadt
Und ich zerknüll nun endlich dieses vollgeschrieb’ne Blatt
Vielleicht zum letzten Mal lauf ich um meinen See herum
Will mit den Zweigen in den Bäumen flüstern,  doch sie bleiben stumm.
Hier gab’s mal diesen Sommer, der war überirdisch lang
Weil alles was wir träumten wie die große Zukunft klang

Der erste Kuss, das Kribbeln, dieser Tausendstelmoment
Ich seh uns Asti aus der Flasche schlürfen und die Sonne brennt
Hier entdeckten wir die Liebe und sie trug ihr schönstes Kleid
Und ich lag in ihren Armen für ne halbe Ewigkeit
Für’n Heimweg nachts gab sie mir ihren Pulli, ja, na klar
Vor mehr als zwanzig Jahren, das ist fast schon nicht mehr wahr
Und jetzt beginnts zu regnen, und die Lichter gehen aus
Und ich fang an zu spüren:
Ich komme nie mehr ganz nach Haus.

Ach ja, die alten Kumpels, wir rannten täglich raus
und bolzten auf der Wiese hinterm alten Krankenhaus
War’n irgendwie Rebellen und hatten keinen Plan
Und sind schüchtern, jeden Samstag, in die Disco mitgefahr’n
Joe Jackson, BAP und Roxy Music, ja die waren wer
Wir tanzten hier im Keller, wirklich wahr, Verdammp lang her

Nun steh ich auf meinem  Spielplatz rum als ausgewachsener Mann
Das Karussell der Zeiten dreht nicht rückwärts, hält nicht an
Der Regen lässt uns rosten, jeden Tag ein Stückchen mehr
Und irgendwas macht mir auf einmal Kopf und Füße schwer
Hier wohnte mal ein Freund, der schon so lange nicht mehr lebt
Verblichen ist, wie’s Abziehbild, das an der Rutsche klebt
Ich stolper durch den Regen, trete ’ne Laterne aus
Und pfeif auf rote Ampeln
Ich komme nie mehr ganz nach Haus

Was tue ich noch hier, ich hab’s doch schon so lange satt
Die hochgeklappten Bürgersteige, diese Geisterstadt
Ganz sicher legen sie den alten Bahnhof auch bald still
Weil jeder, der hier durchkommt nur noch schnell nach Hause will
Der alte Spruch von Udo stimmt ja doch, ich halt’s nicht aus:
Die schönste Straße meiner Stadt, die führt aus ihr hinaus

Den Tante-Emma-Laden an der Ecke gibt’s nicht mehr
Wo mal mein Kino war, steh’n heute Supermärkte leer
Wo hat die alte Spinne immer neu ihr Netz gewebt
Wie viele tote Katzen hab ich hier schon überlebt
Hier gab’s mal bessere Zeiten, nur kein Mensch weiß mehr wann
Ich hab genug, ich steig ins Auto, lass den Motor an.
Der Regen trommelt, und ich schalt die Scheibenwischer aus
Und ich dreh das Radio lauter
Ich komme nie mehr ganz nach Haus

Frank Bode (Celler Schule 2005) mit freundlicher Genehmigung

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