Interview: Thorsten Sutter (Buchseite 244)

Thorsten Sutter
Jahrgang 1971. Während der Schulzeit als DJ und Mitglied der Schülerzeitung tätig. Ausbildung zum Typographen. Per Zufall Anfang der 1990er zu Radio Salü gekommen, dem ersten privaten Hörfunksender im Saarland. Seit 1997 bei Radio NRW in Oberhausen, dem größten Radio-Sender Deutschlands, seit 2008 dort Musikchef. Verheiratet, ein Sohn.

Thorsten, was sind für Dich die Qualitäten eines guten Songs?
Die Qualität eines guten Songs ist schwer in Worte zu fassen, denn da gibt es mehr als schwarz und weiß.  Ein fürs Radio guter Song sollte eine stark wiedererkennbare Melodie haben und eine gut herausgearbeitete Hook, wie man so schön sagt. Das ist in allererster Linie der Refrain. Wenn der sehr eingängig ist, melodisch und die Leute direkt greift – eben Hook, am Haken packt – das gehört für mich zu einem guten Song. Und auch eine gewisse Dynamik im Songaufbau. Diese beatles-mäßige Struktur mit Intro, Strophe, Refrain, Strophe, nochmal Refrain, Mittelteil, wieder eine Strophe und Refrain… Diese relativ klare Struktur macht es aus meiner Sicht für den Hörer einfacher, sich an einen Song zu gewöhnen und einen Song zu goutieren. Und mit deren Ohren höre ich ja immer. Für mich als Fan der 1970er im privaten Leben fängt ein guter Song nach dreieinhalb Minuten zwar erst an, aber für das, was ich hier mache, gehören diese strukturellen Sachen zu einem guten Song, der fürs Radio taugt, auf jeden Fall dazu.

Und was sind die Qualitäten eines guten Textes?
Die meisten Leute hören Radio nebenbei. Auf Texte wird darum nicht sehr intensiv geachtet. Es wird aber deutlich stärker auf deutsche Texte geachtet, als auf englische – schon allein wegen der Verständlichkeit. Die Qualität der Texte hat im Radio als Nebenbei-Medium eine untergeordnete Bedeutung. Aber auch da steht der Einzelfall wieder über dem Gesamtblick. Bei Herbert Grönemeyer, der zum Teil hochlyrische Songs anbietet, spielen die Texte eine ganz andere Rolle als bei den Sportfreunden Stiller. Da steht die Qualität der Texte und die Inhalte der Aussage mehr im Fokus, als bei fast allen anderen Interpreten in Deutschland. Wenn du so einen Song wie „Der Weg“ hörst, und jeder, aber wirklich jeder, kennt die Geschichte hinter diesem Song, dann packt so ein Text, so ein Song, die Leute in einer ganz anderen Art und Weise, als das alle Lady-Gaga-Nummern zusammen könnten.

Was muss ein Sänger mitbringen, damit er in Ihrem Programm eine Chance hat?
Um Sinatra abzuwandeln: “It’s Not The Singer, It’s The Song”. Und der muss diese Merkmale haben, die ich eben genannt habe. Der Song steht sogar über dem Stil. Es gibt aus den verschiedensten Stilrichtungen – ob das jetzt Hip-Hop, Techno, Rock oder Heavy Metal ist, großartige Songs, die wir einsetzen, ohne dass wir sagen könnten, wir spielen diese Genres besonders viel. Aber Puff Daddys „I’ll Be Missing You“ steht beispielsweise über dem Durchschnitt sonstiger Rap-Songs; die sticht heraus. Und natürlich willst du von den Hits profitieren. Wir klingen zu keiner Zeit wie Peter Fox und trotzdem ist „Haus am See“ einer unserer beliebtesten Songs.

Als Redakteur sieht man Stars kommen und gehen und Musikstile sich ändern. Wie gesichert kann ein guter Musiker in der Medienlandschaft überhaupt sein?
Gar nicht. Du fängst mit jeder Single wieder bei null an. Wenn du diverse Hits in Folge hattest (siehe Pink, Robbie Williams oder Lady Gaga), dann kannst du davon ausgehen, dass für deine nächste Single eine gewisse Grundakzeptanz da ist. Bei Herbert Grönemeyer natürlich auch. Ein Star hat natürlich ein anderes Standing und damit auch einen anderen Druck hinter dem Produkt. Du weißt dann, da draußen steht jede Menge Publikum und denen musst du im Prinzip auch das neue Material anbieten. Aber wenn du vier Hits in Folge hattest und die fünfte Nummer ist der letzte Mist, dann wird diese fünfte eben kein Hit. Das wäre ja so, als wäre die Historie eines Künstlers wichtiger als das aktuelle Produkt. Letztendlich bist du nur so gut wie deine aktuelle Single stark ist. Du musst dich im Prinzip immer wieder neu beweisen. Von vielen Künstlern, die etwa auf einem Album zwölf Songs haben, von denen nach vier Veröffentlichungen alle Hits draußen sind, wird immer noch mehr ausgekoppelt, um die Kuh weiter zu melken. Aber die Nummer fünf und Nummer sechs funktioniert nicht mehr. Irgendwann wird die Plattenfirma bei mir vorstellig und sagt: Die letzten Singles haben doch auch funktioniert – warum die hier nicht? Und dann muss ich sagen: Weil der Song mies ist. Letztendlich muss ich von Titelvorlage zu Titelvorlage entscheiden, wen wir spielen und wen nicht. Und dann ist es fast egal, was der Künstler vorher gemacht hat. Wenn ein totaler Newcomer einen geilen Song hat und der Star hat ‘ne miese Nummer, dann werde ich zu dem geilen Song greifen. Den Hörern ist es letztendlich egal, die wollen zwar auch mit den Stars versorgt werden, die sie alle mögen. Aber vor allem wollen sie mit einem versorgt werden: der bestmöglichen Musik.

Wie viele Menschen kommen eigentlich zu den Abhörsitzungen?
Das ist ganz unterschiedlich und eine Philosophiefrage. Ich kenne Sender, in denen tatsächlich nur der Musikchef dasitzt und entscheidet, aber auch Sender, in denen vom Hausmeister bis zum Programmdirektor jeder an so einer Abhörsitzung teilnehmen kann und ein Stimmrecht hat. Sowas per Basisdemokratie zu regeln halte ich für gefährlich, denn es gibt nichts Gefährlicheres als Meinungen. Musik wird emotional, auf der Metaebene, wahrgenommen. In unserer Redaktion sitzen fünf Leute. Dazu kommen nochmal fünf bis sieben Freie und Externe. Ich versuche, mir ein pluralistisches Bild der Ansichten zu machen, höre mir alle Meinungen an. Die letzte Entscheidung muss aber letztlich ich treffen. Wir fahren damit gut, es wird aber überall anders verschieden gehandhabt.

Es gibt wenig Forum für Pop und Rock im TV. MTV und VIVA haben ihre Musikanteile gekürzt, TV-Shows wie „Top Of The Pops“ wurden abgesetzt und die Quotenmagneten tragen meist das Etikett Volksmusik. Woran liegt das?
Die TV-Sender sind genau wie wir dem Gewinn- und Quotendruck ausgesetzt, der dir sagt: Selbst wenn du dir ein musikredaktionelles Mäntelchen anziehst, wird das nicht unbedingt von der Masse goutiert. Da schaut man sich an, wer die höchsten Quoten hat, und dann wird eine Daily Soap, die billig produziert ist, einem „Top Of The Pops“, das wahrscheinlich in der Produktion recht teuer ist, vorgezogen.
Wir sind in Deutschland in den letzten 50 Jahren mit Popmusik auch nicht wirklich sozialisiert worden. Eine richtig lebendige deutsche Pop- und Rockszene gibt es eigentlich erst seit 10 Jahren, mal abgesehen von den ersten frühen Pflanzen der NDW und dem Einen oder Anderen aus dem DeutschRock, von dem letztendlich auch nur Grönemeyer überlebt hat. Unsere Sozialisation für Musik im Fernsehen liegt eher im Bereich Schlager. Deswegen zieht es die Leute, die das mögen, immer noch vor den Fernseher. Es ist hierzulande schwierig, die Leute mit Mainstream-Produkt zu erreichen. Es wird zwar konsumiert, aber meistens nur nebenbei. Mit gewissem Interesse werden davon abgesehen nur Spezial- und Spartensendungen in den relativ eng eingegrenzten Szenen wahrgenommen, die sich alle voneinander abgrenzen. Das reicht nicht, um eine große Menge vor den Fernseher zu holen und Quote zu machen. MTV und VIVA haben das auch gemerkt. Bei Musik guckt kaum einer hin, aber diese Datingshows wollen sie alle gucken. Dazu sind die Quoten von MTV und VIVA kaum messbar, was womöglich daran liegt, dass immer nur das Hauptgerät eines Haushalts gemessen wird, aber nicht die Geräte in den Kinderzimmern, wo diese Programme hauptsächlich geschaut werden.
In England sieht das alles anders aus. Das ist das Mutterland der Popmusik, die atmen und leben Pop. Dementsprechend gibt es da auch ganz andere Sendungen. Wobei auch dort „Top Of The Pops“ eingestellt wurde, weil es keiner mehr geguckt hat.

Warum läuft Pop/Rock trotzdem gut im Rundfunk?
Radio ist kein aktives Medium. Radio ist nebenbei. Du machst es an und konsumierst es nebenbei. Es muss unseretwegen niemand das Radio laut machen. Ein erfolgreiches Formatradio, ist tatsächlich darauf programmiert, dass wir vielleicht nicht laut gemacht werden, aber eben auch nicht aus. Da freut man sich höchstens mal über ein Stück, das einem ganz besonders gut gefällt, nimmt aber das andere einfach so mit. Beim Fernsehen holst du die Fernbedienung und schaltest zu dem, was dich am meisten interessiert. Viele Radiomacher macht das natürlich traurig: Du sendest den ganzen Tag, bist Moderator, denkst, redest ohne Ende und trotzdem: kein Mensch kennt dich. Du wirst aber trotzdem von Millionen Menschen gehört. Nur nicht besonders aufmerksam. Deswegen ist es im Radio einfacher, mit Mainstream-Programm ganz viele Leute ans Ohr zu kriegen.

Führt das dazu, dass Ihr lieber Songs für die Playlist einkauft, die keinem weh tun, statt Polarisierung zu riskieren?
Jein. Formatradio, so wie wir es verstehen und wie es erfolgreich ist, ist immer die Erfüllung einer gewissen Erwartungshaltung. Die Leute, die bei uns einschalten, müssen wissen, wofür sie eingeschaltet haben. Die Amerikaner nennen das Instant Gratification. In dem Moment, wo ich einschalte, muss ich schon die Begründung dafür, dass ich eingeschaltet habe, geliefert bekommen. Nämlich die beste Musik oder die Musikstilrichtung, die mir gut gefällt. Ein bisschen verbietet dir dieser Zwang, Überraschungen einzuplanen. Wenn ich jetzt anfangen würde, “Sympathy for the Devil” von den Rolling Stones zu spielen, dann würden von sieben Hörern zwei sagen: Mensch, das ist toll! Aber fünf würden sagen: Was soll das denn, und würden‘s ausmachen. Gleichzeitig darfst du nicht langweilig sein. Also ohne Abwechslung immer nur dasselbe zu spielen, damit machst du dich so durchschnittlich, dass irgendwann keiner mehr richtig hinhört. Den einen oder anderen Haken, immer im eng gesetzten Rahmen dessen, was bei uns möglich ist, musst du drin haben. Dann heißt es aber auch: Rede darüber! Wenn wir „Highway to Hell“ spielen, dann findet das ein riesengroßer Teil unserer Hörer total geil. Aber das unkommentiert zu spielen wäre tödlich. Wenn die Moderatoren aber vorher sagen: Leute, jetzt ein Kulthit, jetzt rocken wir, jetzt ziehen wir alle die Lederjacken an, lassen die Haare wachsen, lassen uns alle einen Schnauzbart stehen und rocken mal richtig zu „Highway to Hell“, dann funktioniert es! Und der Song wird wieder interessant, auch innerhalb der eng gesetzten Formatgrenzen.

Warum läuft deutschsprachige Musik heute besser als vor zehn Jahren?
Wir hatten vor ein paar Jahren diese unsägliche Deutschquoten-Diskussion. Immer wieder angeregt von Künstlern, die sagten: Ich möchte, dass meine deutschsprachige Musik mehr im Radio gespielt wird. Das hat sich ganz von alleine erledigt, und zwar dadurch, dass es mittlerweile eine sehr, sehr lebendige deutschsprachige Szene gibt, in der zwar untereinander alle wenig miteinander zu tun haben, sich aber kollektiv zur deutschen Sprache bekennen, mit dieser Sprache als Popmusiksprache hervorragend umgehen können und dementsprechend jede Menge Hits landen. Gut, Herbert Grönemeyer war schon immer dabei, aber auch Xavier Naidoo, Peter Fox, Juli, Silbermond, Wir Sind Helden und wie sie alle heißen haben im Prinzip für die deutschsprachige Popmusik mehr geschafft, als in den letzten 30-40 Jahren im gesamten Deutschrock passiert ist. Und sie schaffen es vor allen Dingen, damit ein sehr junges Publikum an sich dran zu ziehen, während andere mit ihren Fans älter geworden sind. Großen Einfluss hatte auch die deutsche Hip-Hop-Szene, in der die Sprache der Kernteil ist und wo es wirklich auf die Qualität der Texte ankommt. Die hat für das Selbstverständnis der deutschen Sprache, das wir nach dem Krieg erst neu entwickeln mussten, getan. Das alles hat nämlich dazu geführt, dass deutsche Texte im Verbund mit Popmusik eine völlig andere Akzeptanz genießt, was aber auch damit zu tun hat, dass die Qualität der deutschen Texte erheblich besser geworden ist.

Das heißt, es ist musikalisch gesehen kein Trend, sondern eine Langzeit-Entwicklung?
Ja. Ich glaube, dass sich unser Nationalgefühl über Jahre hinweg einfach weiterentwickelt hat. Die Generation, die heute groß wird, weiß kaum was von der DDR, geschweige denn vom Dritten Reich, und ist dementsprechend auch nicht mit der Aufarbeitung der Schuldgefühle groß geworden. Deshalb hat sie ein völlig entspanntes und letztlich sehr gesundes Verhältnis zu ihrer Nationalität. Ich halte das für völlig richtig, solange wir nicht in den Chauvinismus früherer Zeiten kippen. Aber das sehe ich im Moment nicht. Ich sehe eher, man ist stolz auf das, was man hier macht, und auf das, was man erreicht. Man findet es gut, hat sich an bestimmte Dinge gewöhnt; es ist Teil der eigenen Kultur und der eigenen Identität. Was für die Engländer und die Franzosen völlig normal ist, entwickelt sich hier erst von Generation zu Generation.

Also wird die Quoten-Diskussion nicht mehr aufkochen?
Nein, es sei denn, da kommt wieder irgendein Künstler, der sagt, ich hab lange keine Platten mehr verkauft; ich will jetzt im Radio gespielt werden und hätte das gerne vom Bundestag bestätigt…

Wie riskant sind Einkäufe von Künstlern aus Nischen?
Das liegt am jeweiligen Titel. Ist der ein Hit, ist die Stilrichtung egal. Wir sind zwar kein Chanson-Sender, aber „Das Spiel“ von Annett Louisan hat bei uns wunderbar funktioniert. Wir sind kein Hip-Hop-Sender und trotzdem ist Peter Fox ganz großartig. Wir sind kein Funkrock-Indie-Gay-Sender und trotzdem läuft Gossips „Heavy Cross“ hervorragend. Songs aus Kategorien oder Stilrichtungen, die den Rand des Formates darstellen, die sind immer Chance und Risiko zugleich. Risiko, weil du damit das Gelernte schon ein Stück weit verzerrst. Und Chance, weil auch ein Format lebt. Die Zielgruppe, die du ansprichst, ist immer die gleiche. Unsere Zielgruppe lautet 14-49 und im Kern 29-39. Das ändert sich nicht. Aber die Menschen, die da reinwachsen, ändern sich natürlich. Die wachsen immer wieder mit neuen musikalischen Sozialisationen rein und dementsprechend klingt unser Programm auch komplett anders als vor zehn oder zwanzig Jahren. Und dementsprechend ist ein Song aus einer formatfremden Stilrichtung zwar immer ein Risiko, denn dafür stehst du ja eigentlich nicht. Auf der anderen Seite bietet er aber auch die Chance, einen Präzedenzfall für die Zukunft zu schaffen. Und genau so ist das auch. Ich nehme mal an, in ein paar Jahren wird „Haus am See“ eher den Boden, die Grundlage des Formates darstellen, als die Spitze nach links, wie das heute noch ist.
Vor ein paar Jahren haben wir uns wahnsinnig schwer getan, Songs aus dieser Modern-Rock-Ecke zu senden. Es hat ewig gedauert, bis wir uns an den ersten Hit von Nickelback getraut haben, „How You Remind Me“. Heute klingt das halbe Programm nach diesen Songs. Du brauchst den Gang in die Zukunft und gelegentlich das Risiko, um dich spannend zu halten. Gleichzeitig fliegt dann auf der anderen Seite was raus. Einen Joe Cocker oder uralte Phil Collins-Nummern brauch ich nicht mehr heute. Die laufen mittlerweile eher im konservativen Radio.

Woran krankt die Musikindustrie am meisten: schlechtes Produkt, schwache Marketing-Budgets oder mangelnde Promotion?
Eine Mischung aus allem. Eine Industrie ist immer gewinnorientiert, darum versucht man in der Branche oft, der Popwelt aus einem Hit nochmal 25 Klone dieses Hits reinzudrücken. Meistens funktioniert es nicht. Die Avantgarde hat‘s währenddessen schwer durchzukommen, eben weil sie die Avantgarde ist. Vielleicht strebt sie auch in den Mainstream, aber der ist natürlich immer verstopft mit dem aktuellen Mainstream. Das ist so ein Dilemma der Musikindustrie; wir Radios haben das aber natürlich auch. Radio NRW hat als einzigen jugendlichen Trendsetter Eins Live in der Konkurrenz. Natürlich gucken wir uns sehr genau deren Playlist an und hinterfragen dabei auch unser Programm. Und ähnlich tickt die Musikindustrie auch. So wie früher an Bands zu glauben, die die ersten paar Jahre auch ohne Erfolg ein bisschen rumwurschteln konnten, bis sich letztendlich so viele Leute auf sie einigen konnten, dass sie zu Stars wurden – das gibt´s heute nicht mehr. Wenn du heute ein Star bist und lieferst ein Flop-Album ab, bist du raus. Diese Kurzfristigkeit und die ganz starke Finanzorientierung sind wohl der größten Probleme. Die Sache mit den Raubkopien im Internet, MP3-Downloads etc. – das hat die Musikindustrie verpennt. Diesen Trend hat sie jahrelang nicht ernst genommen und dafür bitter, bitter bezahlt. Erst jetzt fängt sie an, mit neuen Geschäftsmodellen wie den 360-Grad-Verträgen dagegen anzugehen, dass also der Künstler mit einer Plattenfirma nicht nur einen Vertrag über ein Album hat, sondern auch übers Merchandising, über Tourneeverkäufe etc. Plattenfirmen sagen also heute: Wir machen‘s doch nochmal langfristiger, aber dafür als Rundum-Sache. Und das ist mit Sicherheit die Zukunft. Es wird heute deutlich weniger veröffentlicht, dafür – und das kann man auch sagen – aber qualitativ besser. Wenn du früher zwanzig CDs am Tag bekommen hast, von denen achtzehn Schrott waren, bekommst du heute noch zehn CDs, von denen nur noch fünf Schrott sind. Man fängt an, sich an die Gegenwart zu gewöhnen. Der Erfolg lässt dann zumindest bei den Big Playern nicht auf sich warten.

Künstler wie Annett Louisan oder Claudia Koreck haben es mit der Unterstützung lokaler Radios nach oben geschafft. Wie groß ist die Motivation der Sender Künstler mitzubreaken?
Die Motivation ist sicherlich da. Aber das ist natürlich auch mit einem gewissen Risiko verbunden. Mit einem lokalpatriotischen Selbstverständnis wie bei Claudia Koreck in Bayern ist es grundsätzlich besser möglich, als hier in NRW, wo jede Stadt ihre eigenen Helden hat.

Wie ernst nimmt man Indie-Labels in der Repertoireauswahl?
Das Label ist mir zunächst mal egal. Mich interessiert nur der Song. Und wenn Indie-Labels einen guten Song haben, haben sie einen guten Song. Dann spiele ich ihn auch. Ein Major-Label hat natürlich andere finanzielle Mittel und investiert manchmal enorme Summen in TV-Kampagnen. Und hast du eine große Kampagne, dann wird auch den Song bekannter und damit für unser Programm relevanter. Solche Titel spielen im Research eine große Rolle. Insofern haben Major-Labels eine zusätzliche indirekte Medienmacht. Einen Schrottsong kriegst du allerdings auch mit einem guten Umfeld nicht bei uns ins Programm.

Glaubst du noch an Musikformate für die ganze Familie?
Nein. Es ist eine Illusion zu glauben, dass du alle gleichermaßen glücklich machen kannst. Vielleicht könntest du ein Programm machen, das so profilbefreit ist, dass es keinen mehr stört. Reißen wirst du damit nichts. Du bist dann allen egal. Es ist eher so, dass sich die Szenen immer stärker separieren. Es gibt immer wieder den Mainstream, der einiges überspannt, und hin und wieder auch den einen Hit, den viele aus unterschiedlichen Gründen gut finden (aber noch lange nicht alle), aber aus meiner Sicht musst du dich schon beschränken, eine klare Zielgruppe im Auge zu haben und klar definiert sein. Lieber konzentrierst du dich auf was und hast damit einen klaren Stil bewiesen. Damit wirst du über kurz oder lang deine Zuhörer finden. Wenn du für gar nichts stehst, dann wirst du auch nicht gesucht.

Ist es dann nicht erstaunlich, dass die konservativen Radios ihr Programm geöffnet haben und neuerdings Schlager mit Oldies und Soft-Pop mischen?
Die Konservativen sind einem anderen Druck ausgesetzt. In Schlager und Volksmusik gibt es wenig Nachwuchs, nicht nur auf musikalischer Seite, sondern auch im Publikum. Das jüngere Publikum – außer denen, die mit Schlagern und Volksmusik sozialisiert wurden – wird sich wohl kaum für Schlager und Volksmusik entscheiden. Die Sender müssen sich öffnen, um ihre Zukunft zu sichern. Aber es ist nicht einfach, das Publikum an was Neues zu gewöhnen. Da braucht man einen langen Atem.

Leidet das Radio unter dem Internet?
Momentan nicht, nicht mehr als unter Fernsehen oder unter anderen Medien auch. Momentan wird mehr Radio gehört denn je. Radio hat den großen Vorteil der ständigen Erreichbarkeit. Bei Internet und Fernsehen musst du davor sitzen. Nach einem Internetradio muss man sich auch erst einmal umgucken und Zeit investieren, um in diesem Überangebot das Richtige zu finden. Wir haben natürlich als Lokalradio den riesigen Vorteil des lokalen Images. Das kann dir keiner nehmen. Wir bemühen uns sowohl redaktionell, als auch musikalisch diejenigen zu sein, die für jeden was dabei haben. Und das ist beim Internetradio relativ schwierig so zu bewerkstelligen. Da kannst du im Prinzip nur nach Sparten suchen. Willst du aber die Mischung haben aus lokaler Berichterstattung, aus aktuellen Informationen, aus bunten Meldungen und einer sehr gut ausgewählten Musik, die im Prinzip für alle was bietet, dann wirst du immer zu den terrestrischen Radios greifen müssen. Ich sehe das Internet eher entspannt, genau wie die Entwicklung der mp3-Player.

Wo wird das deutsche Radio in zehn Jahren stehen? Was wird anders sein als heute?
Ich glaube nicht, dass sich da schrecklich viel ändern wird. Der Konkurrenzkampf wird härter werden; auch das Hören im Internet wird sich wahrscheinlich noch etwas intensivieren, sobald eine Generation groß wird, die viel mehr mit dem Internet zu tun hat, als die Leute, die jetzt unsere Radiohörer sind. Aber unser Programm wird sich auch in der Wahrnehmung und Akzeptanz unserer Hörer nicht ändern. Uns wird ja der Niedergang seit Jahren schon vorhergesagt und seit Jahren verzeichnen wir steigende Quoten.

Sind Eure Abgaben an die GEMA angemessen? Ist sie Freund oder Feind?
Weder noch. Ich hab keinen Feind im Auge, wenn ich an die GEMA denke. Die GEMA sagt im Prinzip nur: Ihr profitiert von der Musik und dafür wollen wir Geld. Dem kann ich nur zustimmen. Das ist ja so. Wir werden gehört, weil wir gute Musik spielen und dafür muss auch bezahlt werden. Durch illegale Downloads wurde der Wert der Musik so in den Dreck gezogen, dass der Wert der Musik, auch der kreativen Leistung überhaupt nicht mehr so ernst genommen wird, wie er das eigentlich verdient hätte. Wobei ich zugeben muss, dass ich das Geld an die GEMA auch nicht wirklich gerne bezahle. Denn es ist wirklich viel Geld…

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