Ironie – Zynismus – Sarkasmus

Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden (Reinhard Mey)

Ironie

Ironie ist ein schwieriges Thema. Ist sie zu zart, wird sie übersehen. Ist sie zu grob, verkommt sie zu Klamauk. Ironie ist der Nadelstich, nicht der Keulenhieb. Der reicht von Comedy bis Zynismus – je nachdem, wie lustig man ihn als Zielgruppe finden kann. Die Grenzen sind fließend.
Ironie hat immer mit Unangemessenheit zu tun und ist – lachen Sie jetzt nicht – dem Humor kaum verwandt. Humor ist friedlich, bemüht sich um Zustimmung, Ironie sucht die Reibung, den Widerspruch. Humor lacht im Einklang. Ironie lacht immer auf jemandes Kosten – und seien es die eigenen.
Ironie bezeichnet eine Ausdrucksweise, in der das Gegenteil des Gemeinten gesagt wird: And Brutus is an honourable man (Shakespeare). Sie hat eine lange Tradition. Durch sie war es unter totalitären Regierungen möglich, die Zensur zu unterlaufen, denn wer Staatstreues herausposaunt (und sei es verdächtig laut), den kann man nicht so leicht verhaften. Die subversive Absicht ist für jeden sichtbar, der sehen will – gleichwohl ist sie dem Täter schwer zu beweisen. Hier ein Beispiel aus einem Volkslied (Entstehungszeitraum leider nicht zu ermitteln):

Oh hängt ihn auf! Oh hängt ihn auf!
Oh hängt ihn auf, den Kranz von Lorbeer-beeren.
Ihn unsern Fürst – ihn unsern Fürst –
ihn unsern Fürst, den wollen wir verehren
Oh hängt ihn auf – Ihn unsern Fürst –
Oh hängt ihn auf – Ihn unsern Fürst –
ihn unsern Fürst, den wollen wir verehren!

Die Wirkung beruht hier auf einem – extrem durchdachten – Satzbau, der in aller vermeintlichen Unschuld hochpolitische Aussagen entstehen lässt, indem er nichts weiter tut als einem gängigen musikalischen Schema zu folgen. Auch das einfache Volk konnte das sofort begreifen, und darum ging es ja. Wobei sich die Verfasser auf ein „Wir haben doch gar nichts Böses gesagt“ zurückziehen können. Es war doch nur ein Loblied auf den Regenten!
Ironie stichelt am schönsten, wenn sie Begeisterung heuchelt. Begeisterung für etwas, das in Wirklichkeit abgelehnt, geächtet, mies gemacht werden soll. Wenn hingegen etwas demonstrativ schlecht gemacht wird, dann ist es entweder keine Ironie, sondern eine Schmähung (You’re So Vain von Carly Simon ist großartig süffisant, aber nicht eigentlich ironisch. Neudeutsch nennt man diese Vorgehensweise „Dissen“), oder Kritik soll lächerlich gemacht werden. Der rechte „Liedermacher“ Gerd Knesel war so jemand. Den linken Liedermachern und der ganzen linken Szene sang er seine „Geh-doch-nach-drüben“-Lieder entgegen – die er selbst allerdings für ironisch hielt. Sein Erfolg hielt sich in Grenzen.

Die Mittel der Ironie

Es gibt Ironie, die zum Lachen reizen will. Ironie kann aber auch bitter ernst sein. In Liedern werden wir diese Variante eher selten finden – sie ist aber in Zeitungskommentaren und Bühnenstücken zu Hause. In Liedtexten wird man eher auf die kabarettistische und komödiantische Ironie treffen, so wie hier:

Wo gönnt der Tagesplan dir nur
für Waschen, Anziehn und Rasur
und Bettenmachen ganze zehn Minuten?
Wo gibt man jedem ein Gewehr,
Pistole, Messer, und noch mehr;
am liebsten achtzehnjährigen Rekruten?
Wo wurde der Beweis erbracht,
dass auch oliv nicht schöner macht,
nicht Einzelne und nicht die ganze Truppe?
Wo hast du jeden Donnerstag,
weil mittwochs niemand essen mag,
ein Déjà vu beim Anblick deiner Suppe?
Wo macht man aus dem Ekel vor dem Essen keinen Hehl?
Wo beginnt der Sommer auf Befehl?

Nicht im Affenhaus im Zoo,
nicht im Wetterstudio,
So was gibt es nur beim Militär,
und manch andern Unfug mehr:
Das Gewehr ist die Braut des Soldaten’
und sein Schwippschwager ist das MG.
Ja, verwandt sein mit lauter Granaten
ist ´ne ziemlich bekloppte Idee,
Aber in der Kaserne
glaubt man so was ja gerne,
darum gibt´s das nur bei der Armee.

Wer stört den fließenden Verkehr
und schleicht mit sechzig vor dir her
auf Autobahnen und in der Kolonne?
Wer treibt am Freitag seinen Spuk,
bevölkert mittags jeden Zug,
und stellt dir seinen Seesack vor die Sonne?
Wer futtert, wenn´s ins Biwak geht,
Gebäck, das aus Zement besteht
und sicher nicht aus harmlosem Getreide?
Wer meidet Straßen aus Asphalt
und singt das Lied vom Westerwald
bei Märschen durch die Lüneburger Heide?
Wer ballt, wenn ein Konflikt ihm droht, die Panzerfaust sogleich?
Wer spielt dir manch üblen Zapfenstreich?

Max und Moritz sicher nicht
und auch sonst kein dummer Wicht;
so was macht man nur beim Militär,
und manch andern Unsinn mehr.
Vielleicht würdest du das nur ertragen,
wenn du ständig betrunken dort wärst.
Von Soldaten lässt sich das nicht sagen,
weil du wenig von ihnen erfährst.
Doch ich möchte fast wetten:
Wenn die jemals wen retten,
dann gilt ‚Brauer und Winzer zuerst!’

Hier darf man schon mit achtzehn Jahrn
so große, schwere Laster fahrn,
die allgemein als halbe Waffen gelten.
Hier treibt man Sport, weil jeder sieht:
Das ist von Nutzen, wenn man flieht.
und manchmal geht man auch bewaffnet zelten.
Die Sprache, die das Volk hier spricht,
kennt ‚Bitte schön’ und ‚Danke’ nicht,
doch dafür pflegt sie die Imperative.
Hier wird nur Technik eingesetzt,
die man schon seit Jahrzehnten schätzt.
Der Fortschritt kommt auch hier nur sukzessive.
Und hier wird jeder LKW mit Tarnfarben bedruckt,
dass man ihn nicht sieht, wenn man nicht guckt!

Scheint dir das jetzt zu verworr´n?
Wirf die Flinte doch ins Korn;
schon allein, weil man ja als Soldat
niemals seine Ruhe hat.
Denn glaubst du nach neunmonat´gem Fristen,
dass all das nun Vergangenheit wär,
dann ernennt man dich zum Reservisten –
ja, so geht das zu beim Militär.

Und vielleicht auch noch schlimmer,
doch bedenken Sie immer:
Alle Angaben ohne Gew(a)ehr!

(Meine kleine Militärballade, Michael Kühn [Celler Schule 2006])

Das trifft natürlich mitnichten das Selbstbild der Bundeswehr, sondern überzeichnet einzig und allein die Vorurteile der Kritiker bzw. derer, die den Wehrdienst für lächerlich oder absurd halten. Woran wir schon merken: Ironie ist immer unfair. Sie pickt sich heraus, was sie gebrauchen kann und unterschlägt den Rest. Das heißt, sie orientiert sich an Details. Hier das Arsenal ihrer kleinen gemeinen Werkzeuge:

  • Ironie kann sich als dumm oder naiv hinstellen.
    Der Simplizissimus funktioniert so. Auch Biermanns – atheistische (!) – Oma Meume ist eine solche Figur. Ihr legt er in den Mund: „Oh Gott, lass du den Kommunismus siegen!“ Ebenfalls geübt in dieser Methode sind Die Ärzte:

Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe
deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit
du hast nie gelernt dich zu artikulieren
und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit

Dann brechen sie es aber abrupt (und hier liegt der Knalleffekt):

Oh oh oh – Arschloch!
(aus: Schrei nach Liebe, Die Ärzte, Text: Dirk Felsenheimer / Farin Urlaub)

Sich dumm zu stellen, arbeitet bewusst und gezielt mit Komik, die tut, als sei sie unfreiwillig. Das Publikum kann sich überlegen fühlen, was es freudig tut: „Wenn Sie in dieser Zugtoilette einen Sprengsatz zünden, wird das Konsequenzen haben!“

  • Ironie spießt lächerliche oder absurde Aspekte einer Sache auf und stellt sie aus, als wären sie repräsentativ. Damit wird das ganze Objekt der Betrachtung ins Lächerliche gezogen. Siehe Meine kleine Militärballade:

Wo wurde der Beweis erbracht,
Das auch oliv nicht schöner macht,
Nicht einzelne und nicht die ganze Truppe?
Wo hast du jeden Donnerstag,
Weil mittwochs niemand essen mag,
Ein Déjà vu beim Anblick deiner Suppe?

  • Auch das „Hochrechnen“ von etwas Dahingesagtem (in diesem Fall einer gedankenlosen Redensart) gehört dazu:

Das Gewehr ist die Braut des Soldaten’
Und sein Schwippschwager ist das MG.
Ja, verwandt sein mit lauter Granaten
Ist ´ne ziemlich bekloppte Idee,
Aber in der Kaserne
Glaubt man so was ja gerne,
Darum gibt´s das nur bei der Armee.

  • Nichtigkeiten werden zu Hauptsachen, Nebenschauplätze zum Kern erhoben: Morgentoilette, Klamottenfarbe, Kantinenfraß, Verkehrsbehinderung, Gesangsrepertoire… Die eigentlich wichtigen Aspekte werden ignoriert. Damit wird dem ganzen Objekt der Betrachtung Nichtigkeit unterstellt.
  • Ernsthafte Aspekte werden sprachlich banalisiert, die Banalisierung färbt auch auf das Objekt ab:
    Und manchmal geht man auch bewaffnet zelten
  • Offensichtlicher Dummheit eifrig zuzustimmen, ist eine wirksame Methode, das Objekt der Ironie zu verunglimpfen:

Wer meidet Straßen aus Asphalt
Und singt das Lied vom Westerwald
Bei Märschen durch die Lüneburger Heide?…
Und hier wird jeder LKW mit Tarnfarben bedruckt,
Dass man ihn nicht sieht, wenn man nicht guckt!
…..
Hier treibt man Sport, weil jeder sieht:
Das ist von Nutzen, wenn man flieht.

  • Kleine Mäkel werden groß beleuchtet:

Wer stört den fließenden Verkehr
Und schleicht mit sechzig vor dir her
Auf Autobahnen und in der Kolonne?
Wer treibt am Freitag seinen Spuk,
Bevölkert mittags jeden Zug,
Und stellt dir seinen Seesack vor die Sonne?

Ironie taugt zum Rundumschlag. Aber sie ist auf Intelligenz angewiesen. Bei dem, der sie erzeugt und bei dem, der sie entdecken muss. Das kann schief gehen. Entweder weil die Ironie nicht klar genug wird oder weil das Publikum sie nicht erkennt. Oder nicht erkennen will. In ihren (sehr) frühen Bühnenjahren sang Frau Jeske ein Lied mit dem Refrain:

Wieder so’n Gastspiel, wieder so’n Mann
naja, auf einen mehr kommt‘s auch nicht mehr an.

Peinlich genug, wenn man heute daran denkt. Denn an Abenden, wo sie dieses Lied im Programm hatte, war die Quote der männlichen Zuschauer, die ihr hinterher einen Drink ausgeben wollten, deutlich erhöht.

 

Selbstironie

Hohes Ansehen genießt die Selbstironie. Wer sich selbst zur Zielscheibe des Lachens machen kann, darf bei seinen Mitmenschen auf Sympathie rechnen:

Zigaretten sind nicht billig
und der Preis wird oft erhöht
Ja und aufhör´n – klar das will ich,
doch ich weiß, wie schwer das geht

Und bis jetzt hat´s auch noch nie so ganz geklappt.
Und darum hab ich neulich ne Idee gehabt:

Mit dem Aufhörn, das muss gar nicht sein
das ganze Geld, das ich verbrauch
für einen Monat voller Rauch
spar ich am Telefon durch Vorwahlen ein…

Denn ich wähl die…
01039, 01070 und die 0-1-0-0-1-2
01014 – nur ein Cent im Festnetz – Montag, Dienstag, Mittwoch-Nacht ab 3
und für´n innerdeutsches Ferngespräch bezahl ich nur noch knapp 2 Cent
und soo lang wird´s ja meistens auch nicht, weil um 3 fast jeder, den man kennt –
schon pennt

Klar. Man muss halt recht viel wählen
– unter 12stellig geht´s nicht –
und kann nicht so gut erzähl´n,
weil oft die Leitung unterbricht

Dafür zahl ich auch nur 4 Cent bis Beirut
und da versteht man mich ja eh nicht ganz so gut

Auch legen viele, wenn ich anruf, wieder auf,
weil meine Freunde sich beschwern,
was ich erzähl, könnt man nich hör´n
Doch bei den Preisen nehm ich das in Kauf.

Denn ich wähl die…
01039, 01070 und die 0-1-0-0-1-2
01014: nur ein Cent im Festnetz – Montag, Dienstag, Mittwoch ab halb 3
und unter Fax-Abruf  0-19-0-2-78-4 mal 5- einhundert- 16 – 24 – und dann drei mal die 2
da gibts ´ne 40stellige Nummer, mit der is´n Anruf nach Shanghai –
fast frei

Meistens sag ich die Tarife
nachts im Bett auswendig auf.
Klar, wenn ich mal etwas schliefe,
wär ich morgens besser drauf

Ich trink doppelt so viel Kaffee wie bisher
Und im Grunde rauch ich auch ´n bisschen mehr.
Aber – jetzt kommt´s:
Ich bin ja keiner, der groß mit Erfolgen prahlt,
doch für die Rechnung im April,
ja – und nu halten ´se mal still
hab ich beinah drei Euro weniger bezahlt!

Denn ich wähl die
01039, 01070 und die 0-1-0-0-1-2,
01014: nur ein Cent im Festnetz – Montags, Dienstags, Mittwoch Nacht ab 3,
und unter 0-190-14-32-27-18-40-25-8 mal 12-2-15-80-704, dann 33, 45, 17, 11 und 5. Scheiße! Verwählt!
Noch mal richtig:
und unter 0-190-14-32-27-18-40-25-8 mal 12-2-15-80-704, dann 33,45,17,11 und 4 und dann noch mal die 6…

…da gibt´s wiederum ´ne Fax-Abrufnummer, über die kommt man an eine wirklich günstige Ortsgesprächsvorwahl, aber die hier vorzutragen wär jetzt einfach –

’n bisschen zu komplex.

(aus: 01039-01070-010012, Matthias Reuter [Celler Schule 2004])

Ironie des Tonfalls

Nicht nur Inhalte können ironisch sein – auch im Tonfall kann Ironie liegen – z.B. unangemessen devot einem Angeber gegenüber, den man eigentlich verachtet:

Vor so ’nem Schlitten wie deinem, da geh ich auf die Knie
Ich hab noch nicht mal ein Fahrrad, so toll wie du werd ich nie.

Auch umgekehrt denkbar (jemandes Tonfall und Haltung wie durch eine Lupe verstärken): z.B. Pathetisch-tragisch, um jemandem den Spiegel vorzuhalten, der sich in Unglücks-Komplexen suhlt:

Du bist das ärmste Schwein der Welt
und kriegst nicht mal den Gnadenschuss…

Auch kann man einer Figur sprachliche Geschmacksentgleisungen in den Mund legen, wenn man sie ironisch denunzieren will: Entlarvend neureich – ein Chanson-Evergreen: Die Dame von der Elbchaussee. Auch schlechten Stil kann man zelebrieren. Comedy macht das mit prolligen Figuren wie Cindy aus Marzahn oder Atze Schröder. Aber nicht alle Genres sind gleichermaßen ironietauglich. Beim Schlager ist Vorsicht angebracht und noch mehr Vorsicht beim volkstümlichen Schlager. Da sollte man eher auf Humor setzen, der das Lächeln im Konsens erstrebt.

Zynismus

Zynismus zielt darauf ab, sein Gegenüber – besser: den Gegner – zu treffen. Zynismus verletzt absichtlich. Besonders bösartig zynische Lieder finden sich in der ultrarechten Szene. Zynismus ist aktiv, eine Täterhaltung. Zynismus kann aber auch subtil im freundlichen Gewand daherkommen und dann sogar lustig sein.
Jenny ist ein durchaus zynischer Song, denn wir alle weiden uns an der Niederlage der Möchtegern-Sängerin – aus der Position derer, die in so etwas natürlich niemals hineinschlittern würden:

Jenny hat es fern gesehn.
Sie will jetzt auch zum Casting gehn.
Nur ein paar Wochen und man ist berühmt und im Trend und im Fernsehn.
Ihre Augen 80C,
ihre Stimme ganz okay
Und ihr knackiger Hintern bewegt sich so schön wie die Leute das gern sehn.

Ihre ganze Welt dreht sich
nur um diesen Augenblick.
Sie singt und tanzt und wünscht sich Glück…

Denn Jenny möchte Popstar sein
Shooting Star, Newcomer.
Nach einer wie ihr wird in Deutschland gesucht, ja.
Jenny möchte Popstar sein,
ein echter Shooting Star,
der neue Newcomer,
so wie ein Superstar

Die Sonne scheint ihr aus dem Arsch
weil sie zum Recall kommen darf
Sie ist der heimliche Star der 10A, ihr neues Leben geht gut los
Papa sagt: Das ist doch Mist,
Mutti freut sich wie verrückt
und ihr kleiner Bruder verkauft ihre Slips an die Jungs auf dem Schulhof.

Ihre die ganze Welt dreht sich
um ihr kleines, großes Glück.
Sie will nie, nie mehr zurück…

Denn Jenny möchte Popstar sein…

Und dann steht sie in der Bravo, schläft mit einem Boygroup-Star.
Denn ihr unberühmter Exfreund soll bereun, was damals war
Und sie küsst sich mit Madonna, zieht sich für den Playboy aus
Doch plötzlich wacht sie auf und die Jury lacht sie aus.
Sie ist raus

Und dabei wollte sie doch Popstar sein,
ein echter Shooting Star,
der neue Newcomer –
und Deutschland hatte sie fast schon gefunden.
Jenny wollte Popstar sein
Shooting Star, Newcomer, Superstar
Jenny wollte Popstar sein…

(Jenny, Peilomat, Text: Flo Peil [Celler Schule 2005] / Michelle Leonard)

Sarkasmus

Sarkasmus ist die Haltung eines Opfers, das sich nicht mehr wehren kann. Zynismus kommt aus einem Gefühl von Überlegenheit, Sarkasmus aus der Unterlegenheit. Echter Sarkasmus ist bitter und eher ein Mittel der Rhetorik oder des Theaters. Wenn wir ihn in Liedern finden, dann am ehesten in Chanson und Kabarett. Manchmal schafft er es in Randbereiche des Schlagers, wie in vielen Songs der NDW-Band Geier Sturzflug (Bruttosozialprodukt, Pure Lust am Leben, Besuchen Sie Europa (solange es noch steht)):

Sie amputierten ihm sein letztes Bein
und jetzt kniet er sich wieder mächtig rein!

Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt,
wir steigern das Bruttosozialprodukt…

(aus: Bruttosozialprodukt, Geier Sturzflug, Text: Reinhard Baierle / Friedel Geratsch)

Sicherlich unfreiwillig war der Zynismus, in den es umschlug, als ausgerechnet eine große Partei den Refrain als Aufschwungshymne zweckentfremdete und die ironisch-sarkastischen Strophen einfach herausnahm. Die waren aber so bekannt, dass sie auch ungesungen ihre Wirkung taten. Ein Schuss ins Knie für die Partei! Was aber auch uns etwas deutlich macht: Wenn wir ironische, sarkastische oder zynische Texte schreiben, besteht schnell die Gefahr, dass irgendwer sie nicht als solche versteht – oder verstehen will! Sie tun gut daran, Ihre Lieder unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, ob man sie gegen Ihre Absichten verwenden kann.

 

Einfach nur albern

Harmlose Ironie, die aber Spaß macht, besteht darin, Triviales, Hässliches oder Abwegiges auf den Sockel zu heben. Die ironische Aussage ist in diesem Fall: Man kann über jeden Blödsinn schreiben.

Es gibt Dinge, die werden tagtäglich besungen:
die Ferne, die Sterne, die Sonne, der Mond –
in Liedern, die mehr oder minder gelungen;
So viel wird gedichtet und noch mehr vertont:
Unzählige Lieder von Meer und Matrosen,
vom Küssen und Kosen – und alles recht schön,
doch nie sang man je über Zahnspangendosen –
ein schreiendes Unrecht, da muss was geschehn!

Kein Dichter hat je ihre Anmut bedichtet,
von ihnen berichtet kein Shakespeare, kein Kleist.
Kein einziges Kunstwerk ward jemals gesichtet,
das Zahnspangendosen die Ehre erweist.
Man malte sie weder in Öl noch in Kreide,
man meißelte niemals ihr Abbild in Stein.
Ich frag dich oh Welt: Was geschah dir zuleide?
Was sind deine Gründe, so grausam zu sein?

Was taten sie dir,
die wehrlosen, armen?
Auch Zahnspangendosen
verdienen Erbarmen!

Es ist Zeit für ein Lied über Zahnspangendosen.
Sie haben ein Recht, dass man sie liebt.
Unsre Welt braucht ein Lied über Zahnspangendosen –
Lasset uns danken, dass es sie gibt.

Besungen sind Veilchen, Mimosen und Rosen
und Helden in Posen und Kanzler sogar.
Doch nie die bescheidenen Zahnspangendosen –
die Einsicht ist bitter, und doch ist sie wahr.

Besungen sind Weltschmerz und Wetterprognosen
und Katzentoiletten, Gesäße in Hosen
auch sämtliche Arten von Spirituosen,
Metamorphosen von Massenhypnosen,
Narkosen, Psychosen und Fehldiagnosen,
Musikvirtuosen und Leberzirrhosen

Besungen ist alles, soweit man nur sieht –
es fehlt nur dies eine, dies einzige Lied:

Höchste Zeit für ein Lied über Zahnspangendosen.
(Zeit für ein Lied , Antje Rietz & Arthur Büscher, Text: Edith Jeske)

Zurück zur Übersicht Lounge

Zurück zur Übersicht Bonuskapitel

 

Schreibe einen Kommentar