Lyric und Lyrics – Hintergrundwissen
(Buchseite 28)

Ich bin ein Dichter, kein Poet (Tom Astor)

Lyrik und Lyrics haben den gleichen Ursprung. Der Begriff geht auf das altgriechische Instrument Lyra zurück. Mit ihr wurden gesungene Verse begleitet. Lyrik ist eine der ganz frühen literarischen Formen. Schon im alten China ist sie nachgewiesen. Bis zu ihren Ursprüngen zurückverfolgen kann man sie gar nicht. Wahrscheinlich ist sie so alt wie die Sprache selbst.

Bei unseren altgermanischen Vorfahren waren es Sagenstoffe und Heldenlieder, die man sang. Dichten und Singen waren eins. Schreiben konnte kaum jemand. Man musste sich alles merken. Erst im Barock kamen Formen auf, die keine singbare Struktur mehr hatten und auch gar nicht zum Singen gedacht waren. Die Wege von Liedtext und Lyrik trennten sich. Das Gedicht wurde mehr und mehr Literatur zum Lesen. Bedeutenden Anteil an diesem Wandel vom Hören zum Lesen hatte Gutenbergs Erfindung der Druckerpresse (um 1450). Endlich wurde Literatur zugänglich. Bücher konnte man nach Hause tragen und darin blättern, wann immer und so oft man mochte. Sie brachten die zeitliche und räumliche Unabhängigkeit von kulturellen Ereignissen. Ein Buch richtet sich an das einzelne Individuum – seinen Leser. Lieder hingegen waren bis ins vergangene Jahrhundert hinein vorwiegend ein Gemeinschaftsereignis: Da waren die Musiker und ihr Publikum oder die Gruppe, die singend beisammen saß. Erst im 20. Jahrhundert geschah in der Musik das, was für das Buch längst selbstverständlich war: Mit der Erfindung von Radio und Tonträgern konnte man sich Musik nach Hause holen, ohne selbst zu musizieren. Der Konsument war geboren.

Die Unterschiede zwischen Lyrik und Liedtexten (Lyrics) auf einen Blick:

 

Gedicht

Liedtext

Verständlichkeit

Visuelle Informationen (Satzzeichen, Groß- & Kleinschreibung) werden einbezogen.

Der Text muss rein akustisch funktionieren

 

Reim

Entbehrlich

Notwendig

Dauer der Beschäftigung mit dem Stoff

Möglichst ausgedehnt

Durch die Musik vorgegeben

Tempo

Der Leser bestimmt

Die Musik bestimmt

Länge

Frei

Formatkompatibel

Rückbezügliches Lesen, Innehalten

Erwünscht

Nicht möglich

Satzbau

Darf auch verschränkt sein

Linear

Metrum

Entbehrlich

Notwendig; mit der Musik abgestimmt

 

Als kleiner Bonus hier ein Text, der sich selbst erkennbar ironisch als Liedtext bezeichnet. Veröffentlicht wurde er aber nur als Gedicht. Unser Auge erfasst sofort die Komik der Nicht-Strophen. Zu Ende hören will das in dieser Ausführlichkeit natürlich keiner. Im Moment der Erkenntnis ist alles gesagt. Als Gedicht zum Lesen aber entfaltet es seine Komik auf den ersten Blick:

 

Ich hab ein Liebeslied geschrieben

Ich hab ein Liebeslied geschrieben, nur für dich, mein süßer Spatz,
denn ich hab den ganzen Tag an dich gedacht.
Aber leider, lieber Schatz, war all die Mühe für die Katz,
denn ich hab den Text vergessen über Nacht.

La lalalala lalalala lalalala la
La lalalala lalalala la
La lalalala lalalala lalalala la
La lalalala lalalala la

La lalalala lalalala lalalala la
La lalalala lalalala la
La lalalala lalalala lalalala la
La lalalala lalalala la

La lalalala lalalala lalalala la
La lalalala lalalala la
La lalalala lalalala lalalala la
La lalalala lalalala la

La lalalala lalalala lalalala la
La lalalala lalalala la
La lalalala lalalala lalalala la
La lalalala lalalala la

La lalalala lalalala lalalala la
La lalalala lalalala la
La lalalala lalalala lalalala la
La lalalala lalalala la

La lalalala lalalala lalalala la
La lalalala lalalala la
La lalalala lalalala lalalala la
La lalalala lalalala la

(Burkhard Ihme [Celler Schule 1997]) – mit feundlicher Genehmigung

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