Süße Sünde Kitsch (Buchseite 189)

Tränen lügen nicht (Michael Holm)

Was ist Kitsch? Eine wichtige Frage, und ausgerechnet sie bleibt uns die Antwort schuldig. Unsere Generation sieht Kitsch anders als unsere Großeltern, der Streichelzoobesucher anders als der Biologieprofessor. Kleine Kinder lieben Kitsch: Bambi und Barbie, Winnetou, Hello Kitty und Prinzessin Lillifee. Tatsächlich hat Kitsch einen starken kindlichen Bezug. Er stillt unser Bedürfnis nach Geborgenheit und klaren Wertungen. Zu interpretieren gibt es nichts.

Kitsch ist auch ein bisschen peinlich. Kitsch ist wie heimlich Zuckerspeck essen. Kitsch ist süß – aber wie süß denn? Wo fängt es an? Ist Kitsch immer süß? Ist er erst dann Kitsch, wenn man merkt, dass es Kitsch ist? Oder gerade dann, wenn man es nicht merkt? Die anerkannte Definition gibt es nicht. Nur eine subjektive: Als kitschig empfindet man das, was das eigene Maß an erträglicher Süßlichkeit übersteigt. Was es aber gibt, sind objektive Indizien für Kitsch und Antworten auf die Frage, wie man ihn erzeugen kann. Hier unterscheiden wir nach Inhalten und Methoden. Wobei nicht alle Faktoren gleichermaßen erfüllt sein müssen. Aber je mehr davon sich häufen, desto wahrscheinlicher wird es, dass wir es mit Kitsch zu tun haben.

Kitsch – seine Themen

Kitschige (oder wertfreier: gefühlsplakative) Inhalte finden wir in TV-Soaps und Telenovelas, in Holly- und Bollywood, in der Yellow Press und in Heftromanen, aber auch in großen Musicals oder Opern – sogar als Beigabe in Krimis: Wenn der Ermittler sich in eine Frau verliebt, wird sie entweder im Verlauf des Krimis sterben oder ist die Täterin. So oder so – sein Herz wird bluten müssen.
Kitsch variiert allgegenwärtige Themen in zahllosen Varianten: die romantische Liebe, das Mutterglück, die wahre Freundschaft, der Konflikt zwischen Herz und Pflicht, der Kampf bis zum letzten Atemzug für die gerechte Sache, die Aufopferung, das heroische Scheitern u.v.m. All das sind archetypische Situationen, so alt wie die Menschheit selbst. Jeder kennt sie. Originalität im Stoff liegt dem Kitsch fern. Was geschieht, ist in überschaubaren Varianten vorhersehbar und ebenfalls plakativ. Die Liebe endet mit Hochzeitsglocken, Selbstmord oder heroischer Entsagung. Die Gerechtigkeit fordert Opfer, aber sie siegt – selbst wenn sie scheitert. Die Guten werden belohnt und die Bösen bestraft. Tugenden gelten noch etwas und zahlen sich aus: Liebe, Treue, Glauben und Geduld. Und alles im abgesteckten Bezugsrahmen der Zielgruppe. 
Die Heldinnen und Helden sind manchmal reich, schön und unerreichbar – häufiger aber entstammen sie unseren eigenen Reihen. Der nette, aber einsame Chefarzt vom Kreiskrankenhaus, die Sekretärin, die allein erziehende Mutter, der Buchhalter, der arbeitslos geworden ist und es seiner Umwelt gegenüber nicht zugeben kann. Und dann bricht ein Unheil herein. Und Menschen wie du und ich wachsen über sich hinaus und vollbringen Unfassbares. Und da erst begreifen wir, wie großartig jeder von uns sein könnte, wenn das Schicksal uns nur die richtigen Aufgaben stellt. Manchmal sterben die Helden effektvoll bei ihrer Mission. Oft aber überleben sie und werden belohnt. Die allein erziehende Mutter darf den Chefarzt heiraten oder der gekündigte Buchhalter bekommt seinen Platz am Schreibtisch zurück – mit einer großzügigen Lohnzulage.
Kitsch ist oft süßlich, aber eben nicht immer. Durch die tiefsten Täler führt der Weg zur Erlösung. Oder mindestens zur sittlichen Größe. Auch in Schmerzenskitsch lässt sich schwelgen (leidende Mütter, hungernde Kinder, sterbende Soldaten, deren letzte Worte ihrer Liebsten gelten). Kitsch kann ungewollt (oder billigend) zynisch werden, wenn er echtes Elend durch die Gefühlsmühle dreht. Er kann aber auch segensvolle Wirkung entfalten, wenn die bewusst auf die Tränendrüsen zielende Schilderung eines Kinderschicksals Menschen dazu bringt, dass sie eine Dritte-Welt-Patenschaft übernehmen oder sich zu einer Stammzellentypisierung melden. Die Grenzen sind fließend. Auch die des guten Geschmacks. Sicher ist eines: Kitsch manipuliert kolossal.

Kitsch – seine Methoden

  • Kitsch verwendet bedeutsame Bilder für einfache Dinge: Naturgewalten und Universum werden bemüht, Antike und Weltkulturerbe. Auch die Kontraste sind unübersehbar. Grautöne gibt es kaum. Großes ist monumental, das Helle strahlend, das Dunkle tief schwarz.
  • Die Kulisse doppelt die Handlung. Wenn die Heldin traurig ist, dann ist im Garten Herbst und die Blätter der Bäume sinken im nebligen Grau auf den nassen Boden. Kommt endlich der lang ersehnte Brief, beginnt draußen ein Vogel zu singen, die dunklen Wolken am Himmel (wo sonst?) reißen seit Tagen zu ersten Mal auf und geben den Weg für einen Sonnenstrahl frei, der unsere verhärmte Heldin zärtlich streichelt.
  • Kitsch verabreicht die Überdosis. Besonders gilt das für Adjektive und andere Detailbeschreibungen. Das junge Mädchen, welches fröhlich, verträumt oder ausgelassen (und wahrscheinlich barfuß) über die Wiese streift, ist nicht nur blond. Sie hat auch Locken. Ihr duftiges Blumenkleid ist nicht nur bunt (alternativ blütenweiß), sondern es weht (genau wie die Locken) im Sommerwind, im warmen natürlich. Und – wir ahnen es schon: die Blumen auf der Wiese drehen ihre kleinen Köpfe, um der jungen Schönheit wahlweise neugierig, entzückt oder verstohlen nachzuschauen.
  • Die verwendeten Metaphern sind vertraut: die Sonne lacht, der Morgen erwacht, der Wind singt oder flüstert, ein Herz zerbricht oder hüpft, das Bächlein murmelt, Tränen sind heiß, heimlich, bitter oder alles zusammen.

Lieder mit solchen Zutaten kennen wir alle. Und auch wenn den meisten von uns dabei gruselt – sie sind eine Disziplin für Könner! Kitsch in der Darstellung geht schneller ins Auge als Sie denken! Zwischen Wonne und Würgereiz liegt des Messers Schneide!

 

Kitsch – seine Verbreitung

Kitsch gedeiht fast allenthalben. Es gibt Heimatkitsch, Urlaubskitsch, Großeltern- und Mütterkitsch (Väterkitsch erstaunlicherweise kaum. Ob die Zielgruppe zu klein ist?). Es gibt Adelskitsch, Religionskitsch, Matrosenkitsch, Trucker- und Ärztekitsch, Tierkitsch und – natürlich – Liebes- und Erotikkitsch. Und das ist nur ein Ausschnitt aus der Liste. Wobei ein Produkt ohne weiteres mehreren Kategorien angehören kann. Ein Fall von Liebeskitsch könnte z.B. gleichzeitig Hollywoodkitsch und Urlaubskitsch sein. Kitsch wird von seiner jeweiligen Zielgruppe nicht als solcher empfunden, sondern ernst genommen. Die Ausnahme macht höchstens der Schwulen-Kitsch, der gern mit selbstironischen Komponenten spielt. Für den normalen Kitschkonsumenten sind die Gefühle echt. Je schlichter diese Gemüter, desto ausladender der Kitsch. Kitsch und Intellektualität sind natürliche Widersacher. Denn Kitsch verliert seinen Zauber, wenn man ihn analysiert. Der Zauber kommt aber bereitwillig zurück, wenn man das Analysieren wieder abschaltet. Kitsch ist das Vollbad im Gefühl, ohne dabei die eigenen Werte in Frage stellen zu müssen. Das ist der größte – und berechtigte – Vorwurf an ihn. Kitsch ist affirmativ, Kitsch erlaubt große Gefühle, meist ohne dass Handlungsbedarf entsteht – Rührseligkeit als Selbstzweck. Aber Kitsch bedeutet auch Integration. Kitsch ist der Schulterschluss Gleichfühlender. Er bestätigt seine jeweiligen Jünger darin, dass sie mit der richtigen Einstellung im Leben unterwegs sind. Kitsch revoluzzt nicht. Es sei denn…
– Und nun kommen wir bei linkem Polit-Kitsch an. Und beim Handlungsbedarf, den Kitsch doch manchmal unterstützen kann. Um es vorweg zu sagen (vielleicht können wir den Zorn der Genossen ja noch abwenden, bevor er über uns hereinbricht): Solche Lieder mussten so sein. Anders hätten sie die Massen nicht so in Bewegung setzen können. Und natürlich waren gerade auch solche Lieder Produkt ihrer Zeit:

Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hungern zwingt!
Das Recht wie Glut im Kraterherde
nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit den Bedrängern!
Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger
Alles zu werden, strömt zuhauf!

Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.

Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!
Leeres Wort: des Armen Rechte,
Leeres Wort: des Reichen Pflicht!
Unmündig nennt man uns und Knechte,
duldet die Schmach nun länger nicht!

In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute,
wir sind die stärkste der Partei’n
Die Müßiggänger schiebt beiseite!
Diese Welt muss unser sein;
Unser Blut sei nicht mehr der Raben
und der mächt’gen Geier Fraß!
Erst wenn wir sie vertrieben haben
dann scheint die Sonn‘ ohn‘ Unterlass

(„Die Internationale“, Text: Emil Luckhart, 1910)

Die Schrecken sind stilisiert. Die Realität war sterbenselend, aber Selbstmitleid hätte nicht weitergeholfen. Was gestärkt werden musste, waren die heroischen Regungen und der Mut, das eigene Leben für eine bessere Zukunft aufs Spiel zu setzen. Der Aufstand erscheint als vulkanische Glut, deren Eruption sich unaufhaltsam den Weg bahnt, die Sklaven – ihrer Kraft bewusst – werden zur Armee der Revolte. Auch die Glücksvision am Ende ist ins Unrealistische überhöht. Fatalerweise funktioniert diese Psychologie mit politischen Zielen jedweder Couleur. Und gerade die Tatsache, dass einfache Menschen besonders schlüsselreizhaft reagieren, macht die Sache bis heute gefährlich. Auch rechte Propaganda bedient sich der Methode.
Kitsch ist so schändlich oder so ehrenwert wie die Ziele, die er verfolgt. Missbrauchen Sie ihn nicht!

Kitsch blüht umso bunter, je gefühlsbetonter die Welt der Zielgruppe ist. Auf der Hand liegt das bei allem, was ohnehin schon süß und blumig ist: Kinder, Tiere, Heimat, Liebe, das Idyll in allen Farben des Regenbogens. Und wo bleiben die unzähligen harten Kerle um uns herum, wo bleibt der Mann, der seine Gefühle im Griff hat – er, der mit beiden Stiefeln in der Realität steht? Was ist mit dem Trucker oder Biker, dem Marlboro-Mann? Natürlich schlägt in dessen muskulöser Brust ein goldenes Herz, und zwei starke Arme greifen ohne große Worte zu, wenn Sie oder ich um Hilfe rufen. Und natürlich würde der Retter keine Sekunde an sein eigenes Leben denken – ehe er sich in die Hölle der Gefahr stürzt, um Sie oder mich zu erretten. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Harte Männer – sie haben ihren ganz eigenen Kitsch. Obwohl gerade sie das weit von sich weisen würden. Aber war nicht Space Cowboys ein fantastischer Film? Eine Handvoll ausgemusterter Astronauten, die einen uralten Satelliten davon abhalten müssen auf die Erde zu stürzen und radioaktives Material zu verstreuen. Ein Satellit, dessen Bauart von den Jungen niemand mehr kennt. Einer der Astronauten hatte immer zum Mond fliegen wollen. Jetzt ist er krebskrank und weiß, er hat nicht mehr lange zu leben. Und genau dieser Astronaut ist es, der sich seinen Wunsch erfüllt, indem er sich mitsamt dem Satelliten auf den Mond schießt.

Sogar die Fraktion der Kitsch-Feinde hat ihren eigenen Kitsch. Nur weiß sie es häufig nicht. Konstantin Wecker hat einmal gesagt, dass ihm sein Titel Willy selbst zu kitschig sei („Gestern habns an Willy daschlogn“). Was kümmert das mich, die Person im Publikum? Was kümmert es mich, wenn er damit eine Botschaft in die Welt singt, die ich nur unterschreiben kann? Wecker holte später den Song in sein Konzertprogramm zurück. Es gibt auch den Hinterhofkitsch, Anarcho-Kitsch, die Idylle der Unangepassten – sehr schön karikiert in der Werbung fürs Bausparen: „Wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden.“ Kitsch eint uns. Das Bedürfnis nach Kitsch ist die Suche des Gemüts nach Sinn und Bedeutsamkeit.

 

Kitsch – gestern heute und dazwischen

Der Begriff Kitsch stammt aus dem späten 19. Jh. – aber wie alt ist der Kitsch selbst? Es darf darüber gestritten werden, ob er erst mit der Industrialisierung entstand – und mit ihren Möglichkeiten, Kunst als Massenware mit kalkuliertem Emotionsfaktor zu kopieren. Aber was ist dann die barocke Schäferidylle (bei aller Kunstfertigkeit)? Oder die Putten in alten Kirchen? Das Kindchenschema ist keine Erfindung der Neuzeit. Kitsch ist alt wie die Auftragskunst, und er wandelt sich mit den Epochen. Der Kitsch der Romantik muss daher ein anderes Gesicht und andere Inhalte haben als der Kitsch der Industrialisierung oder der aus der Zeit der Studentenbewegung. Die fiel übrigens in Frau Jeskes Kindheit und frühe Jugend.

Edith Jeske: Ich war dabei. Und im Rückblick ist vieles ganz anders. Es gab einen Schlager (wir hätten ihn damals nicht Schlager genannt, für uns lief es unter Liedermacherei), den sangen wir alle: Am Tag, als Conny Kramer starb. Sogar im Schulunterricht wurde er durchgenommen – was seiner Beliebtheit bei uns keinerlei Abbruch tat, sondern im Gegenteil die unseres Lehrers hob. Den Text schrieb Ulli Weigel. Na gut – diejenigen unter uns, die sich dann und wann einen Joint reinzogen, belächelten das Lied. Aber wir braven Kinder, wir nickten eifrig zu dem, was diese Juliane Werding sang, ein Mädchen in unserem Alter, in Jeans und Parka, mit langen Haaren – wie wir. Und wir waren uns ausnahmsweise einig mit unseren besorgten Eltern; so weit darf man es nicht kommen lassen:

Doch aus den Joints, da wurden Trips
Es gab keinen Halt auf der schiefen Bahn
Die Leute fingen an zu reden,
aber keiner bot Conny Hilfe an…
(aus: Am Tag, als Conny Kramer starb, Juliane Werding, Text: Hans Ulrich Weigel)

Natürlich war der Inhalt des Liedes nach allen Kriterien Kisch (große Gefühle, große Probleme, große Tragik, Überspitzung von Ursache und Wirkung). Aber der Ton – das war unsere Sprache, der erreichte uns.

1982 dann, mit Nicoles „Ein bisschen Frieden“, da lief es anders. Auch ein Lied über ein Thema, das uns brennend betraf. Aber das ging uns gegen das studentische Selbstverständnis. Wir demonstrierten im Bonner Hofgarten. Und beim Grand Prix sang ein Mädchen mit weißer Gitarre:

Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel.
Ich bin nur ein Mädchen, das sagt, was es fühlt…
(aus: Ein bisschen Frieden, Nicole, Text: Bernd Meinunger)

Nur ein Mädchen, sang sie. Auch das noch. Und dieses Sofapuppenkleid….! Wir waren entsetzt. Dabei hatte sie leider Recht. Ein Lied verändert nicht viel. Unsere Liedermacherlieder vielleicht ebenso wenig wie Nicole mit diesem Schlagertext von Bernd Meinunger. Nur haben sehr viel mehr Menschen Nicoles Lied gehört. Alle meine Tanten wünschten sich – zu meinem Entsetzen – ich möge auch so eine Nicole werden.

Ein bisschen Frieden macht keinen Hehl aus seinen unschuldig-naiven Gedanken. Es ist in einem gehörigen Maße kitschig und steht dazu. Ein Lied wie Am Tag, als Conny Kramer starb verfährt anders – man kann das U-Boot-Kitsch nennen. U-Boot-Kitsch bedient von Idee und Aufbau der Geschichte her die Kitsch-Kriterien (große Gefühle, spektakuläre Schicksale). Das heißt, die Geschichten sprechen unterschwellig ein großes Publikum an. Der Unterschied zum offensichtlichen Kitsch (daher U-Boot – man sieht es nicht) ist dann aber folgender: Die Sprache hält sich mit Kitschreizen zurück. Sie gibt sich lakonisch, filmisch oder sogar schnoddrig. Sie verzichtet auf vordergründige Adjektive oder gängigste Klischees oder bricht sie sogar. Die Erzählung wählt unverdächtige Orte und unverdächtige Protagonisten. Damit unterläuft sie den schmerzempfindlichen Kitschdetektor der meisten Menschen und erreicht sogar solche, die von sich glauben, sie seien gegen Kitsch immun. In den Autoren-Richtlinien für Fernsehfilme – sogar für Krimis – werden die Schreiber angehalten, ihre Geschichte um einfache und dabei hoch emotionale Konflikte herum zu erzählen. Reine Abwicklung von Fällen ist nicht mehr gefragt. Das Publikum bleibt nur am Ball, wenn es sich in seinen Gefühlen angesprochen fühlt: in seinem Gerechtigkeitsempfinden, seinem Mitleid, seinen Sehnsüchten. Achten Sie mal drauf.

Das Chanson von der Rinnsteinprinzessin (siehe Kapitel Das anwesende Du) zum Beispiel ist ebenfalls U-Boot-Kitsch: Eine Hure, die verloren und resigniert in ihrem Milieu gestrandet ist und zu viel trinkt, gaukelt sich für eine Nacht die Illusion von der wahren Liebe vor. Obwohl sie doch weiß: Für eine wie sie gibt es diese wahre Liebe nicht. Sie muss ein Märchentraum bleiben.
Das trieft, nicht wahr?
Die Handlung könnte kaum kitschiger sein. Aber die Rinnsteinprinzessin redet in einem ganz unsentimentalen Ton. Wenn sie ihren Stolz und ihre Würde verloren hat, dann gibt sie es nicht zu. Weder dementiert sie, noch räumt sie es ein. Sie unterbreitet ein Angebot. Eines, von dem viele Männer träumen: die Frau, die sich sonst für die körperliche Liebe bezahlen lässt, verschenkt sie. Die Beschreibung der Bar ist filmisch, die Aufforderung unsentimental. Nur im Refrain (und einmal in der zweiten Strophe) kommen einige Märchenbilder hinein. Im selben Atemzug werden sie aber schon wieder gebrochen: der Prinz ist staubig (wenn sein Pferd es ist…), und der Palast hat ein Verfallsdatum. Adjektiven sind sparsam eingesetzt: nur solche, die die Handlung weiterbringen. Der sentimentale Musettewalzer im Refrain tut das seine dazu. Die Rinnsteinprinzessin gibt sich als starke Frau. Ob sie es ist, bleibt dahingestellt. Eine Interpretin kann sich aussuchen, ob sie die Figur mit tatsächlicher Stärke darstellen will oder sie als Verliererin spielt, die sich nur noch an den äußeren Schein von Stärke klammert. Ebenso kann ein Mann im Publikum die starke Frau glauben oder aber sich als Vertrauter einer verwahrlosten Seele fühlen, deren tiefste Tiefen er allein erkennt und die er retten möchte.
Die Bespiele bis hier waren allesamt Kitsch mit Fußnote. Das pure, bekennende Gefühlslied war noch gar nicht dabei: eines jener Lieder, die gar nichts anderes sein wollen als ein süßes Sahnebonbon im Alltag, ein liebenswerter Lebenshelfer nach Noten, eine kleine Alltagsphilosophie, die einfach nur gut tun will. Hans Hee hat viele solcher Lieder geschrieben – wobei er in früheren Jahren mit Kabarettliedern und Parodien ebenso erfolgreich war (Wasser ist zum Waschen da, Susi sag noch einmal saure Sahne, Es hängt ein Autoreifen an der Wand – eine Parodie auf das legendäre und zutiefst kitschige Pferdehalfter). Das erste, was Hans Hee sagte, war: „Nein. In dieses Kapitel kommt kein Text von mir! Kitsch gibt es nicht. Und keine falschen Gefühle. Es gibt entweder Gefühle oder keine Gefühle. In dem Moment, wo sie entstehen, sind es Gefühle, also echt.“
Und dann erlaubte er es doch. Bevor dieses Buch fertig war, starb Hans. Dieser nachfolgende Titel wurde auf seiner Beerdigung gespielt. Dass unsere Gefühle beim Weinen verdammt echt waren, werden Sie sich wohl denken können (Hans hatte wieder mal recht!):

Das da drob’n ist unser Stern

Text folgt – wir warten noch auf die Abdruckgenehmigung -. mündlich haben wir sie schon.

(„Das da drob’n ist unser Stern“, Mühlenhof Musikanten, Text: Hans Hee)

Hans bedauerte es, dass es keine anderen Worte für Kitsch oder Schnulze gibt, und er hatte recht mit seinem Bedauern. Beide Begriffe haben im Lauf der Zeit eine abwertende Bedeutung angenommen, sie scheren alles über einen Kamm: das Gekonnte und das Peinliche, das Empfundene und das Zusammengebastelte. Neutrale Begriffe gibt es nicht. Also muss man zu trennen versuchen zwischen Erscheinungsbild und Methoden auf der einen Seite und Wertung auf der anderen. Mit der anerkannt seriösen Kunst werden wir da ewig konträr bleiben. Aber damit können wir leben.   
Also nennen Sie es Kitsch oder große Gefühle. Gehen Sie mit – so weit, wie es sich für Sie richtig anfühlt. Tun Sie es beherzt und mit gutem Gewissen. Eines nur: Wenn Sie denken, diese Lieder wären schnell nebenbei verdientes Geld für einen routinierten Textdichter – dann vergessen Sie es gleich wieder. Wenn Sie nicht ein bisschen lieb haben, was Sie schreiben, hat das Publikum Ihr Lied auch nicht lieb.

Im Schlager dürfen Sie sich in Sachen Kitsch sehr offen sehr viel erlauben. Dass Sie es müssen, ist falsch. Oft noch besser – und in allen anderen Genres vor allem auch – funktioniert das Geheimrezept: Lassen Sie Ihre Storys getrost kitschig sein. Erzählen Sie sie aber in einem filmischen Ton mit prägnanten Schlüsselworten und ohne die Redewendungen, die dem Schlager das Image der Trivialität eingetragen haben. Das Unbewusste (auch das erbitterter Kitschhasser) springt auf die Gefühle an. Es kann sich nicht wehren. Abwehr entsteht erst, wenn das bewusst Wahrnehmbare (also Bilder- und Wortwahl) als überzogen empfunden werden. Wenn zum Beispiel Kitsch und (Selbst-)Ironie aufeinander treffen, kann es sehr, sehr lecker werden. Der heimliche Spaß am Kitsch erhält seine Erlaubnis, indem es ja nicht ernst gemeint ist. Wir reden dann von Kitschparodie.

Eine der berühmtesten von ihnen ging aber für den Textdichter nach hinten los. Dieser Textdichter war Walter Brandin und das Lied war Das alte Försterhaus:

Es liegt der Wald im letzten Abendschimmer
der Nebel steigt herauf vom Wiesengrund.
Der alte Förster sitzt in seinem Zimmer
Und streichelt traumverloren seinen Hund.

Das alte Försterhaus, dort wo die Tannen stehn,
das hat jahrein, jahraus viel Freud und Leid gesehn.

(aus: Das alte Försterhaus, Friedel Hensch & die Cyprys, Text: Walter Brandin)

 

Es war als Parodie gedacht. Nur dass dann alles ganz anders kam: Der idyllische Overkill packte Millionen von Menschen in den harmoniesehnsüchtigen frühen 1950er Jahren ans Herz – mehr als jedes der Lieder, auf die Walter Brandin stolz war. Das alte Försterhaus wurde sein größter Erfolg. Und Brandin ärgerte sich sein Leben lang darüber. Niemand hatte ihn verstanden. Und dass dieses Lied seinerseits parodiert wurde, muss für ihn schlimm gewesen sein. Dabei war es so perfekt gemacht. Die Form verrät den Meister: Jeder Reim, jede Silbe, jede Betonung auf den Punkt. Und dann: Alle Requisiten aus der Heimatkiste sind perfekt drapiert. Der Wald liegt nicht im Abendschimmer, sondern im letzten Abendschimmer. Als Analogie zum Förster, der auch seinen letzten Abendschimmer erlebt: er ist der alte Förster. Der Nebel ist nicht einfach da, er steigt herauf, und nicht etwa aus den Wiesen, sondern aus dem Wiesengrund. Das Bildungsbürgertum lässt grüßen. Und der alte Förster streichelt seinen Hund nicht einfach so, sondern er tut es traumverloren. In der zweiten Strophe alliterieren Wald, Wipfel und Wind die Natur herbei, in die unsere Phantasie uns tragen soll. Die sturmdurchbrausten Tage sind so regenschwer wie das Wort. Das Dach des Försterhauses ist bemoost (sprich: alt), wie der Förster selbst. Das ganze Haus ist eine einzige große Metapher für seinen letzten Bewohner. Zwei weitere Strophen lassen das Leben des alten Försters noch einmal Revue passieren. Der (jetzt) Alte hat damals die junge Braut über die Schwelle getragen. Der Sohn zog aus und kehrte niemals wieder. Wir dürfen ein Soldatenschicksal vermuten, denn ein Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn mögen wir uns bei diesen herzensguten Leuten nicht vorstellen. Und nun – am Schluss – ist der alte Mann mit sich und seinen Erinnerungen ganz allein. Aber er hadert nicht. Er streichelt seinen Hund, den treuen Gefährten. In einigen Versionen wird die erste Strophe am Schluss wiederholt. Eine schöne Kreisform. Brandin hat nichts ausgelassen, gar nichts. Wenn das keine Parodie ist, haben wir ich noch nie eine gesehen.

Im süßen Sog – ein Erfahrungsbericht

Manchmal darf man mit dem ganz großen Löffel in den Pudding hauen!

Edith Jeske:
Die Bühnensoap Pension Schmidt im Schmidt’s Tivoli in Hamburg habe ich mit aus der Taufe gehoben und drei Jahre lang für an die 20 Folgen Lieder getextet. Dem Affen Zucker bis zum Anschlag zu geben war Hauptintention. Welche Eigendynamik das haben kann, durfte ich einmal selbst erleben. Der Komponist Martin Lingnau und ich machten aus dem Entstehungsprozess eines Songtextes eine Unterrichtseinheit im Popkurs Hamburg. Das heißt, wir okkupierten einen großen Raum mit Klavier, und alle, die Lust hatten, konnten uns beim Schreiben zusehen und sich natürlich auch einmischen oder einbringen. Sie taten es mit bemerkenswerter Leidenschaft. Die Musik war bereits fertig und zum Sterben süffig. Ums Sterben ging es auch: eine unserer Heldinnen haucht singend ihre Seele aus – in den Armen ihres (natürlich heimlichen) Verlobten, bei der Geburt des gemeinsamen Kindes – und das Ganze auf dem Rezeptionstresen der Pension Schmidt. Harter Stoff also.

Wissen sollte man dazu, dass der Popkurs Hamburg keine Schlagerfraktion beherbergt, sondern ausschließlich Rock, Pop, Jazz und Performance. Also war nicht unbedingt zu erwarten, was geschah: Harte Jungs und toughe Mädels hockten um uns herum und überboten einander  in schmalztriefenden Vorschlägen (als das Eis einmal gebrochen war, gab es kein Halten mehr). Heraus kam Folgendes:

Er:
Hab keine Angst vor dem Weg durch diese Tür,
durch die du nun gehn musst.
Nimm meine Hand
geh dieses letzte Stück mit mir.
Ich bin hier
nah bei dir.
Was immer auch sei:
ich bin hier und steh dir bei.

Wir müssen stark sein
wenns auch kein Morgen für uns gibt
denn wir haben
die Ewigkeit.
Was heut noch Abschied heißt,
wird morgen schon ein Anfang sein
in der Unendlichkeit.

Sie
Hab keine Angst – wenn ich heut auch von dir geh.
Es ist nicht für immer….

Und dann noch mal den Refrain im Duett – mit Geigen, Posaunen und Chor sämtlicher  Engel aus dem Off.

Und – was glauben Sie? Punker mit Irokesenschnitt und Springerstiefeln tupften sich Tränchen aus dem Augenwinkel. Nicht nur Lachtränen – ich schwöre! Das Verrückte an der Sache war: Obwohl es einvernehmlich ein Riesenjux war, konnte man sich dem Gefühlsbombardement doch nicht entziehen, sobald man einmal drinhing. Das kann man beunruhigend finden. Impfen lassen kann man sich dagegen nicht und es wäre auch schade.

Später schrieb mein Kollege Heiko Wohlgemuth die Songtexte für die Pension Schmidt. Einen davon (mit einer satten Portion Kitsch) möchte ich Ihnen vorstellen. Lilly im Bus (so heißt die Figur) hat Liebeskummer und will sich umbringen. Sie steht – hochdramatisch – auf der Balkonbrüstung eines Hochhauses:

Die Menschen da unten – ich seh sie genau.
Hier küsst sich ein Paar und da lacht eine Frau.
Der Wind wiegt die Blätter, es rauscht der Verkehr
so sinnlich dahin wie ein Fluss in das Meer.
Ich seh all das Leben, doch was ich auch tu,
ich steh mitten drin und gehör nie dazu.
Es geht nicht mehr weiter, heut’ fällt der Entschluss.
Das war die Geschichte von Lilly im Bus.

Ich habe keine Angst
vorm Fallen und dem Schmerz.
Nichts kann so wehtun
wie ein ungeliebtes Herz
Ein kleiner Schritt
und alle Leiden sind vorbei
Wenn ich da unten bin
ist meine Seele frei.

Die Wärme, die Farben, die Freiheit, der Spaß.
Ungreifbar nah liegt die Welt hinter Glas.
Ich wollt sie verstehen und habs nicht geschafft.
Um weiter zu gehen, da fehlt mir die Kraft.
An Leiden so alt und an Jahren so jung.        
Ich sehn mich so sehr nach dem tröstenden Sprung.
Bald fragt man sich wer dieses Mädchen wohl war?
Tja, darüber bin ich mir selber nicht klar.

Ich habe keine Angst
vorm Fallen und dem Schmerz…
Gleich fängt mich der Tod und er hält mich geborgen.
Er löscht mit dem Leben auch all meine Sorgen.
Ich spür wie die Tiefe mich magisch zieht.
Nur ein kleiner Schritt und es geschieht.
(aus: Nur noch ein kleiner Schritt aus Pension Schmidt, Text: Heiko Wohlgemuth)

Geborgen reimt sich auf Sorgen und Herz natürlich auf Schmerz, vorbei auf frei – Wind und Meer gehen mit ihrer vordergründigsten Symbolik in die Vollen. Ungenierter kann man kaum in den Pudding hauen. Und das Verrückte ist: Im Publikum hörte man‘s allenthalben schniefen. Eine dieser lustvoll ergriffenen Personen war ich.“

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