Warum bestimmte konsonantisch unreine Reime weniger auffallen als andere (Buchseite 132)

Wenn uns ein Reimklang gefällt, der eigentlich kein Reim ist, so gibt es dafür verschiedene Gründe.

Augen – glauben ist ein besonders häufig verwendetes konsonantisch unreines Reimpaar, das wir sogar bei Goethe und Schiller finden können. Warum „funktioniert“ es so gut?

  • Das „au“ ist ein klangvoller und gedehnter Laut, der viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das lenkt von der Reim-Abweichung ab.
  • Die Reimabweichung ist phonetisch unauffällig. Die Konsonanten g und b sind beide weich und ähneln sich in dem, was unser Mund machen muss, um sie zu erzeugen. Probieren Sies aus.
  • Die Anlaute vor dem reimrelevanten Vokal (dem au) müssen beim Reim verschieden sein. Au- glau- sind sehr dominant und  übertönen die kleine Differenz zwischen dem b und dem g. Außerdem ist „glau“ zu „Au“ eine Steigerung an Klangfülle.
  • Alle Konsonanten von „Augen“, nämlich das g und das n kommen auch in „glauben“ vor. Das erzeugt ein diffuses Gefühl von Ähnlichkeit. Es kommen zwei neue Konsonanten dazu, aber probieren Sie einmal aus, wie sich die umgekehrte Reihenfolge anfühlt, wenn sich Konsonanten etablieren und dann im Reimwort wegfallen:
    glauben – Augen
    Wieso scheint sich das viel weniger zu reimen? Einmal, weil die Klangfülle von „glau-“ zu „au“ abfällt und daher dünn erscheint. Aber es gibt noch einen weiteren Grund:
  • Die Psychologie dieses Reims ist eine sehr lineare.
  • Die Augen gelten als der Spiegel der Seele („Können diese Augen lügen?“). Augen und Ehrlichkeit sind eine direkte und starke Assoziation. Sie läuft aber nur Augen zu Ehrlichkeit. Wenn man „Ehrlichkeit“ hört, sind Augen nicht unbedingt der erste Gedanke. Auch aus diesem Grund funktioniert glauben – Augen nur halb so gut.

Betrachten nun Sie einmal folgendes Reimpaar:
Augen – Daunen
Hier gibt es keinen Sinn, der uns ablenken und emotional überzeugen könnte, so dass der Reim uns gleich weniger überzeugt. Obwohl die Phonetik vergleichbar ist.

Wie Sie sehen: Augen – glauben funktioniert immer wieder. Es gibt aber etwas, das wirklich dafür spricht, dieses Reimpaar mit sehr viel Vorsicht zu verwenden:
Augen – glauben ist ein sehr abgenutztes Reimpaar, ein Reimklischee. Es noch lebendig und frisch wirken zu lassen, ist nicht einfach. Aber auch nicht unmöglich: Andreas Zaron zeigt, wie:

Ich hab mich tapfer durchgeschlagen,
wer was will, der muss was wagen,
keine Prüfung war zu schwer, kein Weg zu weit.
Du hast lang auf mich gewartet
und die Suche schon gestartet –
aber Wunder brauchen halt ein bisschen Zeit.
Mein sanfter Blick, der öffnet dir die Augen
Und was du da siehst, das kannst du gerne glauben:

Du, das Wunder ist geschehn,
so was hast du nie gesehn,
du und ich und jetzt beginnt‘s –
ich bin’s: dein Prinz!

(aus:„Ich bin’s: dein Prinz“, Andreas Zaron [Celler Schule 1997])

Emotional überzeugende konsonantisch unreine Reime sind auch

Kinder – Winter
Wir haben sofort ein Bild vor Augen – Kinder, die Schlitten fahren oder einander mit Schneebällen bewerfen…

bleiben – entscheiden
Emotionale Sofortwirkung: hier steht eine Beziehung auf der Kippe:

Ganz oder gar nicht – gehn oder bleiben,
Ganz oder gar nicht – du musst dich entscheiden

(aus:„Ganz oder gar nicht“, Wolfgang Petry, dt. Text: Bernd Meinunger)

Der Sinn der Aussage färbt auf die Schlüssigkeit des Reims ab und lässt ihn sauber erscheinen, obwohl er es nicht ist.

Lieb – tief

Erstens: wieder eine schlüssige Psychologie. Zweitens aber auch eine Sache der Sprachgeschichte, genauer: der Lautverschiebung. Diesen Reim finden wir z.B. in „Es waren zwei Königskinder„. Im Plattdeutschen heißt „lieb“ „leev“, und „tief“ heißt (deutsch ausgesprochen) „deep“. Ein F (auch der Laut V ist phonetisch ein F) wird zu P oder B. Beides – wie auch das F sind Lippenlaute (Labiale). Die Lautverschiebung hat sich zwischen genau diesen beiden Lauten ereignet, die unserem Instinkt jetzt den Reim akzeptabel erscheinen lassen.

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