Genrekunde

Für alle (Wind)

DAS Publikum gibt es nicht

„Kannst du nicht allen gefallen durch deine Tat und dein Kunstwerk, mach es wenigen recht; vielen gefallen ist schlimm“. Das schrieb Friedrich Schiller. Wie hat er das gemeint? Natürlich visieren wir ein möglichst großes Publikum an und wollen vielen gefallen. Klar muss uns aber sein, dass wir niemals alle erreichen können. Dazu sind die Menschen mit ihren Geschmäckern zu verschieden. Was jeden interessieren soll, interessiert am Ende keinen. Unsere Auftraggeber vergessen das manchmal und wir sehen uns mit dem Wunsch nach der eierlegenden Wollmilchsau konfrontiert. Dabei wird den Deutschen doch immer wieder nachgesagt, sie denken in Schubladen. Man kann das nervig finden. Für jeden Kunstschaffenden ist es eine Bürde. Für das Verständnis unseres Musikgeschehens ist es aber durchaus von Vorteil, sich einmal mit den Kriterien der einzelnen Genres zu beschäftigen. Aufbrechen kann man diese Grenzen hinterher immer noch. Alle unsere Genres – so unterschiedlich sie auch sind – tragen Tradition und Zeitgeist in sich. Spannenderweise gehen die Bezeichnungen der Genres oft auf Basis-Begriffe der Musik zurück, die erst einmal nichts über ihren Härtegrad oder ihren Stil aussagen. „Chanson“ zum Beispiel heißt im Französischen nichts anderes als „Lied“. Ein „Schlager“ war das Lied, das im Volk einschlug – ob das nun rockig war oder seicht. Und „Pop“ ist die Abkürzung für „popular song“, also für das mehrheitsfähige, kommerzielle Lied. Der Bedeutungswandel hat aus allen dreien Genreetiketten gemacht. Als ein Journalist die frisch gebackene Grand-Prix-Siegerin Lena recht betulich fragte, ob sie sich schon entschließen konnte, weiterhin als Schlagersängerin zu arbeiten, spiegelte das genau diese unterschiedliche Verwendung der Worte wider. Es war einfach nur komisch („Ich möchte bitte NIE Schlagerstar sein!“).

Eine buntgeblümte volkstümliche Ballade wird den Gothic-Rocker kaum begeistern. Und der Rap, den Justin-Ashley „porno“ findet, den findet Tante Trude höchstwahrscheinlich „nicht hübsch“. Wer also sind die Leute, zu denen das Lied passt, das wir gerade schreiben wollen? Wenn ich mit eigenen Liedern auf der Bühne stehe, weiß ich es zumindest für mein eigenes Stammpublikum recht genau. Denn die sind ja da, weil sie meinen Geschmack teilen.

Im Folgenden werden Sie die verschiedenen Genres in ihren Grundzügen kennen lernen. Grundzüge bedeutet, dass wir hier nicht alle Feinheiten und Überschneidungen mit anderen Genres erfassen können. Denn es liegt in der Natur von Musik, dass sie fortwährend neue Verbindungen eingeht. Wichtig ist, dass auch Sie sich der Grenzen bewusst sind, wenn Sie sie überschreiten. Eine realistische Wahrnehmung ist auch hier – vorsichtig ausgedrückt – von Vorteil. Auch wenn es wohl nirgendwo so problematisch ist wie hier, sie zu fordern. Genres sind fast immer eine Interpretationsfrage. Die meisten Interpreten sehen sich anderswo als ihre Kritiker sie sehen. Peter Maffay ist so ein Musiker, an dem sich die Geister scheiden. Das Schlager-Image hat er in den Augen der weniger wohlmeinenden Teile der Bevölkerung nie abgelegt, auch wenn seine Musik heute zwischen Rock und Pop angesiedelt ist. Aber selbst in vielen Läden steht er noch im Schlager-Regal. In solchen Regalen kann man denn auch Yvonne Catterfeld, Stefan Gwildis und Reinhard Mey finden. Wenn man sich als Ladenbesitzer Arbeit sparen will, kann man es so machen. An der Selbstwahrnehmung der Interpreten geht es meist vorbei. Denn die würden sich wohl eher als Rock-Musiker, Pop-Sängerin, Soul-Sänger und Liedermacher definieren. In anderen Genres und bei anderen Interpreten ergibt sich ein ähnliches Bild. Eindeutigkeit scheint also fehl am Platze. Wie auch immer wir im Folgenden bestimmte Interpreten den Genres zuordnen werden: Es lassen sich für fast alle auch andere Zuordnungen finden, und sei es nur, indem man bestimmte Phasen ihrer Karriere stärker beleuchtet als wir es getan haben.

Grundsätzlich empfinden es die meisten Interpreten als Kompliment, wenn sie dem nächst härteren oder künstlerisch anspruchsvolleren Genre zugeordnet werden. In fast jeder Schlagersängerin schlägt das Herz einer Pop-Diva, Popstars schwärmen im Privaten für Rockmusiker und Kommerz-Rocker identifizieren sich musikalisch gerne mit Metal-Musikern, bei denen im Konzert noch immer – zumindest im Geiste – das Equipment zertrümmert wird. So ist der Mensch wohl. Nie zufrieden mit dem, was die Anderen an ihm haben…

Erinnern Sie sich an unseren Rüdiger, den unglücklichen Seemannslieder-Barden mit dem Hang zum Alpinen (Buch, S. 28)?
Selbst- und Fremdwahrnehmung müssen wir in einem Songtext unter einen Hut bringen, wenn die Geschichte ein Happy End haben soll. Wenn Sie schreiben – machen Sie sich bewusst, für wen es sein soll! Suchen Sie sowohl zum Künstler oder seinem Mittler (also Manager, Produzenten o.ä.) als auch zur Zielgruppe Kontakt! Finden Sie heraus, was diese Menschen gerne hören. Lesen Sie Fan-Foren. Gehen Sie in Konzerte und schauen Sie sich um, welche Art von Leuten Ihnen da begegnet. Schauen Sie einschlägige Sendungen im Fernsehen an und achten Sie auch auf die Werbeblöcke! Diese verraten Ihnen viel darüber, wer die Sendung anschaut – und das ist Ihre Zielgruppe! Und noch etwas: wenn Ihnen eine solche Zielgruppe aus tiefster Seele gegen den Strich geht, Ihnen zu naiv erscheint oder zu abgehoben, zu konservativ oder zu subversiv – lassen Sie die Finger davon. So lange, bis Sie Ihre Meinung vielleicht einmal ändern.

Nebenbei und Mittendrin

Soweit zu den Unterschieden. Es gibt aber auch Gemeinsamkeiten, zumindest zwischen einzelnen Genres. Im ersten Schritt lassen sich unsere Genres zwei Gruppen zuordnen: Zuhör-Musik (Kabarett, Chanson, Musical) und Nebenbei-Musik (Schlager, Pop, zum Teil auch Rock). Natürlich kann man auch dem Schlager aufmerksam zuhören und im Pop gibt es ausgewiesene Zuhör-Stücke (gerade in deutscher Sprache). Allerdings sind dies die beiden meistverbreiteten deutschen Radio-Genres, das heißt, sie funktionieren hervorragend in einem Nebenbei-Medium (Rock nur zum Teil, sowohl musikalisch als auch textlich). Heißt: Unser Publikum nimmt den Text, an dem wir so liebevoll gefeilt haben, oft nur mit halbem Ohr wahr. Man kann das als Textdichter bedauern. Das zu ändern dürfte aber schwierig werden. Darum sind die Beschränkung auf ein Thema, ein klarer Satzbau und die Verwendung von Schlüsselworten dringend notwendig. Nebenbei-Genres sind massenkompatibel, formatradiotauglich und leicht konsumierbar. Was auch immer Sie dafür anbieten: Es muss auch (oder: gerade) bei selektiver Wahrnehmung funktionieren, zumal hier die Musik oft wichtiger ist als der Text (mit Ausnahme der plakativen Hookline). Schlager und Pop dienen mehr als andere Genres der Untermalung des Alltags. Man hört sie beim Putzen, beim Autofahren, Einkaufen, Joggen, bei der ersten Tasse Kaffee am Morgen und bevor man abends mit den Heute-Nachrichten zum Fernsehprogramm übergeht. Würde man hier auf große Erzählungen und pralle Inhalte warten, wären so engmaschige Rotationen wie im Formatradio, wo ein Titel bis zu 40 Mal pro Woche gespielt werden kann, völlig absurd – wer sollte sich so oft das gleiche Drama erzählen lassen wollen? Schlager und Pop stehen auf ganz unterschiedliche Weise auch für eine Lebenshaltung: eher leicht als schwer, eher positiv als grüblerisch. Sie wollen das Leben der Zuhörerschaft ein bisschen schöner, ein bisschen leichter zu ertragen, ein bisschen angenehmer machen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Zuhör-Musik ist fast immer Musik mit Live-Charakter. In aller Regel wird sie von Naturinstrumenten untermalt (was im Schlager nachweislich nicht mehr der Fall ist und im Pop nur teilweise). Musical, Kleinkunst, Chanson und Liedermacherei erlebt man am besten im Konzertsaal. Manches davon funktioniert zwar hervorragend auch auf Tonträgern, aber das Gros der Künstler und der Produktionen erspielt sich ein Publikum live. Aufgrund der hohen Aufmerksamkeit, die man auf der Live-Bühne beim Publikum erzielt, wird in den Zuhör-Genres im Durchschnitt mehr auf handwerkliche Kriterien geachtet.

Spannenderweise hat sich allerdings in den letzten Jahren manches vom Geist der Zuhör-Musik auf den deutschen Pop und sogar auf Teile des Schlagers übertragen. Vertreter wie Rosenstolz, Wir Sind Helden oder Heinz Rudolf Kunze halten Rock/Pop-Kriterien genauso stand wie denen des Chansons. Zwischen Rock/Pop und Kabarett finden wir z.B. Ina Müller, die Erste Allgemeine Verunsicherung, Ganz Schön Feist, Wise Guys und Die Ärzte. Grenzen verwischen zusehends. Eher musikalischer Art, aber mit großem Einfluss auf die Texte sind auch Kombinationen aus Rock/Pop und volkstümlicher Musik. Manchmal kommen Country-ähnliche Töne dabei heraus, manchmal Partymusik und manchmal Kunstvolles, das sich sowohl auf Kleinkunst-Bühnen als auch auf Open-Air-Festivals reproduzieren lässt (siehe „Tollwood“ in München). Am Anfang standen Haindling, Hubert von Goisern und seine Original Alpinkatzen und die (Zillertaler) Schürzenjäger, es folgten die Seer, die Global Kryner und schließlich Bands wie die Dorfrocker, Die Zipfelbuben oder die Troglauer Buam. Die Musik solcher Bands hat nicht unbedingt dazu geführt, Rockmusikfans für den Musikantenstadl zu erwärmen, aber die Tendenz zur Modernisierung der volkstümlichen Musik geht zu einem großen Teil hierauf zurück. Die rockigere, ambitionierte Abteilung des Alpenrocks und Austropops, wie die beiden Strömungen genannt werden, hat allerdings bis heute nicht den Einzug in die konservativen Sphären der volkstümlichen Musik gefunden.

Die Genres:

Pop

Rock

Schlager

Chanson

Musical

Blues

Kinderlied

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