Nachlese der Ausschreibung zur
Celler Schule 2012

Der Tag der Jurysitzung zur Celler Schule ist ein Tag, auf den wir uns das ganze Jahr über freuen – und vor dem uns das ganze Jahr über graut. Nun ist er wieder vorbei. Zwölf Juroren – Vertreter der unterschiedlichsten Genres; Textdichter, Komponisten, Produzenten, Verlags- und Medienleute – haben am 15.02.2012 zusammen gesessen und 121 Bewerbungen gesichtet. Am Schluss standen die zehn Celler Schüler 2012 fest. Ein Ergebnis, mit dem wir kollektiv einverstanden waren und das auf einen starken Jahrgang hoffen lässt. Die Freude war berechtigt.
Das Grauen auch?

Ja. Zunächst verschwindet es am Ende eines solchen Tages hinter der Freude. Und trotzdem: Ja. Und es hat nicht nur etwas mit der enorm hohen Beteiligung zu tun, die zwar Arbeit macht, uns aber natürlich gefreut hat: 121 Einsendungen – so viele waren es noch nie! Es waren auch noch nie so viele Erstbewerber: 84. Damit hatten wir nicht gerechnet. Gefreut hat uns auch, dass einige der Wiederbewerbungen deutlich zugelegt und etwas gewagt haben. Und dass das Interesse der Pop-, R&B- und Rapkultur auch bei uns angekommen ist.

Was wir dieses Jahr mit Bedauern feststellen mussten, ist ein Rückgang an Mut, Phantasie und Frische. Viele der eingesandten Texte halten sich an das Bekannte und vermeintlich Bewährte: Häufiger als sonst begegneten uns Bilder, Formulierungen und Blickwinkel, die man aus bestehenden Liedern fast identisch kennt. Wenn das dann auch noch – vor allem im Schlager – in einem Stil geschrieben ist, der die Stilistik der 1960er oder 70er imitiert, ist absehbar, dass Erfolge mit solchen Werken in den Jahren 2012 ff. nicht zu feiern sein werden.

Aufgefallen ist uns auch, dass sehr viele Texte  – und das betrifft vor allem Chanson und Pop – davon handeln, dass die Welt da draußen den Schreiber / die Schreiberin nicht versteht. Natürlich: Das ist ein ergiebiges Thema. Es kommt aber auf den Blickwinkel an. Wenn man den Eindruck gewinnt, da bittet jemand um Lebenshilfe, der eigentlich dem Publikum ein Geschenk machen sollte, entsteht ein Gefühl von Abwehr. Schreiber und Sänger sollen die Gebenden sein – nicht das Publikum sollte sich als Therapiegruppe fühlen.

Jedes Lied muss dem Publikum in irgendeiner Weise ein Geschenk machen. Wer Lieder schreibt, braucht Unterhaltungswillen. Damit sind nicht Schenkelklopfen und hirnloser Konsum gemeint. Gemeint ist: Farbe. In vielen eingereichten Texten dominierte: Grau. Sollten Sie sich beworben haben und abgelehnt worden sein: Prüfen Sie, ob Ihre Texte den Zuhörern ein Geschenk machen:

  • Sind sie originell?
  • Verwenden Sie Bilder, die frisch und unverbraucht sind?
  • Artikulieren Sie etwas, das der Hörer nicht auch selbst artikulieren könnte?
  • Solidarisieren Sie sich mit ihrem Hörer?
  • Versuchen Sie seine Welt zu verstehen?
  • Versuchen Sie womöglich sogar, diese Welt von mehreren Seiten zu betrachten?
  • Sind Ihre Texte empathisch?
  • Ist es Ihnen wichtig, dass es Ihrem Hörer besser geht, nachdem er Ihr Lied gehört hat?

Kaum ein Bewerber hat Geschichten erzählt. Mindestens jede zweite Bewerbung las sich wie eine Aneinanderreihung von Zustandsbeschreibungen oder Etiketten. Viele davon auch noch abstrakt. Prüfen Sie sich selbst: Was löst spontan (unser Publikum hört auch spontan!) ein Bild in Ihnen aus – „und trug man Karo, na dann trug ich eben Karo“ (Klaus Hoffmann) oder das Wort „Angepasstheit„?
Sehen Sie?

Kaum ein Bewerber hat wirklich originelle, griffige Hooklines angeboten. „Ohne dich“ haben wir dafür mindestens fünfzehnmal gelesen. Nicht in jedem Genre braucht man Hooklines (siehe Genrekunde). Aber da, wo man Hooklines braucht, müssen sie stark und unverwechselbar sein. Ähnliches gilt für den Refrain. Kommerzielle Songs kommen kaum ohne Wiederholungen aus. Sie müssen aber gut gewählt und richtig positioniert sein.

Nie waren die Chancen für Themenvielfalt so groß – nutzen wir sie doch! Denn da liegt die größte Chance für neue Autorinnen und Autoren! Machen wir uns bewusst, dass uns niemand eine Kopie von etwas bereits Vorhandenem aus der Hand reißen wird.

 

Auf den Punkt: Wen oder was will die Celler Schule fördern?

Autoren mit frischen Ideen, Instinkt für Themen und Perspektiven, Sprachgefühl, Gefühl fürs Publikum, Mut zum Blick über den eigenen Tellerrand. Machen Sie sich klar: Eine übers Ziel hinaus schießende Idee zu entschärfen ist viel leichter als eine langweilige, nichtssagende Idee nachträglich aufzuwerten.

Und hier noch ein paar formale Tipps für Ihre künftigen Bewerbungen, die ihnen aber ebenso nützen, wenn Sie Ihre Texte anderswo anbieten.

 

 

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