Werk und Werkzeug

Schlag nach bei Shakespeare (Peter Alexander)

Nicht nur von Außenstehenden – auch von Insidern – hören wir regelmäßig dasselbe: Was ein wahrer Dichter dichtet oder ein wahrer Songschreiber schreibt, muss aus seinem Innern sprudeln – besser noch: sich unter Schmerzen ans Licht zwängen. Hilfsmittel: pfui!

Respekt, wenn Sie in einer genialen halben Stunde das perfekte Lied raushauen. Dieser Musenkuss trifft jeden von uns in einigen Glücksmomenten. Aber was ist mit den restlichen 364 ½ Tagen im Jahr? Wo steht geschrieben, dass wir dann aufs halb leere Blatt stieren müssen, uns Blutblasen grübeln und uns für Versager halten? Jeder Fernfahrer hat eine Straßenkarte dabei (wahrscheinlicher: ein Navi), jeder Handwerker einen Werkzeugkasten. Und wir würden die beiden für umnachtet halten, wenn sie das nicht hätten.

Dichten ist nicht in dem Maße Eingebung, wie es unser künstlerisches Ego gern verkündet und wie es der Rest der Welt gern sehen möchte. Größtenteils ist es Arbeit. Unser Hirn hat eine bestimmte Kapazität. Wie ein Computer, nur viel größer. Aber auch unser Hirn hat Grenzen. Vergleichen wir es mit dem Arbeitsspeicher eines Rechners. Wenn wir viele Programme gleichzeitig laufen lassen, wird er langsamer. Bis er sich schließlich aufhängt. Besonders Suchprogramme können alles lahmlegen. Und nichts anderes als Suchprogramme laufen ab, wenn wir Reime finden müssen oder für ein Wort ein Synonym brauchen. Manchmal geht das sehr schnell und stört nicht weiter. Wenns aber nicht klappt – und das kennen wir alle – dann liegt auch die Kreativität flach. Und die kann gar nichts dafür! Dann sind wir in der Negativspirale:

  • Wir finden keinen Reim.
  • Wir können unseren Gedanken nicht zu Ende formulieren.
  • Wir verspüren Frust
  • Wir begnügen uns mit zweitbesten Lösungen.
  • Wir verlieren die Lust, weil unser Text uns nicht begeistert.
  • Wir vertagen das Weiterschreiben
  • Der Text wandert unfertig in die Schublade.

Erfolg verstärkt die Lust, Misserfolg die Unlust. Warum also schaufeln ausgerechnet wir uns sehenden Auges dermaßen viel Unlust auf den Schreibtisch? Es gibt Menschen, die haben das Reimlexikon im Kopf – oder auch andere Nachschlagwerke. Aber Erfolg und Können bemessen sich nicht primär daran, sondern an der Gabe, Lieder zu schreiben, Ideen und Geschichten in Emotionen zu kleiden. Ein wandelndes Wörterbuch müssen wir nicht sein. Alles, was wir nachschlagen können, dürfen wir unserem Hirn-Arbeitsspeicher ersparen. Der ist viel zu wertvoll, um wie ein Lagerraum vollgestapelt zu werden…

Was Sie auf jeden Fall brauchen, ist ein Reimlexikon. Hierbei kommt immer wieder der Einwand: Was, wenn wir total abseitige Reimworte finden, und die verderben dann unseren Text? Wenn Sie sich ein Steak braten, streuen Sie auch keinen Zucker drauf, bloß weil der in Reichweite steht. Anfangs mag man ein bisschen anfällig für diese Reimreizüberflutung sein, aber das verliert sich schnell.

Reimlexika gibt es in großer Zahl. Ganz perfekt ist leider keines. Vielleicht ist das auch gar nicht möglich. Die bekanntesten und meist benutzten seien hier dargestellt und kommentiert:

Steputat Reimlexikon in der Ausgabe von Reclam:
Der Klassiker. Klein, handlich, preiswert, passt in jede Jackentasche. Hat leider in der jüngsten Überarbeitung 1997 einiges an Benutzerfreundlichkeit verloren. Innerhalb der üblichen Endsilbensortierung sind die Begriffe nur noch alphabetisch angeordnet anstatt nach Endungen. Was vorher eine kompakte Kolumne auf die Endung –bar war, verteilt sich jetzt in der Reimsilbe –ar,  die Endung –los geht in –os auf. Die Endungen –heit und –keit sind vermischt. Vorher konnte man, wenn man den Reim auf –heit suchte, die Rubrik –heit mit einem Blick ausschließen (denn einen identischen Reim will man ja nicht). Jetzt muss man –heit und –keit selbst auseinandersortieren. Für viele andere Endsilben (-rei, -lei, -tum u.v.m.) gilt das genauso.
In der vorhergehenden Ausgabe war das besser gelöst – und der Rand für eigene Hinzufügungen war breiter, da der Druck noch zweispaltig war und nicht dreispaltig wie jetzt. Dafür litt die Vorversion aber an wesentlich mehr Falschbetonungen – ein Produkt damaliger Hörgewohnheiten. Auch gegenwärtig  sind Betonungsfehler nicht ganz ausgemerzt. Trotzdem: Im Großen und Ganzen zählt der kleine Steputat immer noch zu den besten gedruckten Reimlexika. Er verzichtet darauf, allzu viele zusammengesetzte Begriffe aufzulisten, enthält aber alle wesentlichen Reimworte. Verweise beschränken sich auf das Notwendige: ein guter Kompromiss zwischen Gehalt und Gewicht.

Empfehlenswert auch die CD-ROM-Version, die im Übrigen noch durch zahlreiche Redensarten aufgewertet wurde. Leider ist sie nicht Mac-kompatibel. Und nur noch second hand zu erwerben. Sehr schade.

Das große Reimlexikon von Günter Pössiger ist ebenfalls weit verbreitet. Es ist beeindruckend dick, gibt sich gewichtig und hat eine eigene Reimkategorie auf die Endung Y. Sein Untertitel ist „Anleitung für Hobby- und Gelegenheitsdichter“. Schon das muss nachdenklich stimmen. Funktionieren Reime für Amateure anders als für Profis? Oder haben Amateure vor allem mehr Zeit für die Schnitzeljagd durch die Verweise, die für gleichen Klang in verschiedenen Schreibweisen die Reime über das halbe Buch verstreuen? Bei der Endung –ecks wird man z.B. im Pössiger sage und schreibe zu fünf verschiedenen Stellen weiter verwiesen. Steputat verweist auf –ex und –ächs, und damit hat sich’s.

Lobenswert wiederum bei Pössigers Reimlexikon: es hält die Endsilbensortierung konsequent durch. Dafür wimmelt es von falschen Betonungen: unter der Endung –ame finden wir z.B. neben drei Querverweisen 32 Einträge, darunter
Bardame, Hausdame, Hofdame, Beiname, Deckname, Ortsname, Rufname, Spitzname, Spottname, Taufname, Zuname. Reimen kann man nur auf einer betonten Silbe (zur Verdeutlichung fett gedruckt). Wollte man die Reimwörter als solche für die Endung -ame verwenden, müsste sie so betont werden: Bardame, Hausdame, Rufname). Von 32 Einträgen sind also 12 falsch. Eine inakzeptable Quote.

Relativ neu (Erstausgabe 1998, Neuauflage 2006) Ist das Reimlexikon von Siegfried Rabe – „mit vergnüglicher Dichterschule“. Ausdrücklich richtet sich dieses Nachschlagwerk an Hobbydichter. Dementsprechend ist es mit Blümchengirlanden und anderen Spielereien geschmückt und schreckt damit zunächst ab. Hinter dem Poesiealbum-Design verbirgt sich aber ein erstaunlich  pragmatischer und benutzerfreundlicher Inhalt. Leider vermisst man auch hier die Endsilbensortierung innerhalb der Endungen. Dafür hat die vergnügliche Dichterschule als Begleitprogramm 72 Seiten brauchbares Basiswissen zu bieten. Grundsätzlich empfehlenswert.

Ein echtes Schwergewicht ist der gute alte Peregrinus Syntax. Mit 850 Gramm und über 40.000 Reimwörtern ist er eher nichts für die Handtasche. In die Waagschale wirft er aber seine solide Machart. Wer ihn ausschließlich auf dem Schreibtisch benutzen will, hat etwas für die Ewigkeit. Kaputt geht er sicher so bald nicht.
Das Deutsche Reimlexikon, wie der Peregrinus Syntax korrekt heißt, geht auf eine Fassung von – sage und schreibe – 1826 zurück. Viele Bearbeitungen sind seitdem erfolgt. Ein wenig altertümlich bleibt er trotzdem. Und Querverweise zu anderen Reimendungen fehlen, was recht benutzerunfreundlich ist. Falsche Betonungen jubelt auch er uns unter – was allerdings nicht gleich auffällt, weil sie sich nur bei bestimmten Endungen häufen.
Fazit: Mit gewissen Einschränkungen immer noch empfehlenswert!

Viele – vor allem junge – Liederschreiber schwören auf das Internet-Reimlexikon 2rhyme.ch. Zu empfehlen ist es dennoch nur sehr eingeschränkt. Die Quote falscher Betonungen ist bei 2rhyme katastrophal. Der Originalitätsfaktor der Reimangebote ist hingegen ein echtes Plus. Wo sonst fände man Stuttgart-Hohenheim als Reimvorschlag! Aber wer sich hier mit dem Gedanken „Wenn‘s hier steht, muss es richtig sein“ bedient, versaut sich jeden Maßstab. Dass man das Betonungsempfinden selbst mitbringen muss, wird nicht klar.

Dann lieber gleich ein rückläufiges Wörterbuch. Da weiß man von vornherein, dass man selbst für die Betonungen verantwortlich ist. Und dass man die unterschiedlichen Schreibweisen in Eigenarbeit zusammensuchen muss. Hexe, Kleckse, Gewächs(e) stehen auf unterschiedlichen Seiten, und auf das Plural-e bei Gewächse muss man selbst kommen. Für die geistige Mehrarbeit gibt es aber die Garantie auf den vollständigen deutschen Wortschatz. Der Klassiker ist das kiloschwere rückläufige Wörterbuch der deutschen Sprache von Wehrle-Eggers. Leider teuer und schlecht gebunden – er fällt nach kurzer Zeit auseinander. Und er verlangt unserem Hirn einige Umstellung ab, bis es sich an den Rückwärtsmodus gewöhnt hat. Die CD-ROM-Version eines rückläufigen Wörterbuches von Erich Mater nimmt uns diese Arbeit ab. Von Hause aus für wissenschaftliche Zwecke gedacht, bietet sie aber auch uns Unterhaltungsdichtern allerlei. Die Software ist preisgünstig und hat eine Menge Spezialfunktionen, mit denen man kreativ herumspielen kann. Alliterationssuche und Vorsillbenscan beherrscht sie perfekt. Für hundertprozentige Benutzerfreundlichkeit ist der Mater etwas zu komplex. Man muss sich einarbeiten. Das zahlt sich aber aus!

Auch Online werden Sie fündig. Auf Aurint.de können Sie das rückläufige Wörterbuch des Deutschen von Dr. Jürgen Aurich und Joachim Intreß als preiswerten Download erwerben. Das Programm ist auf Anhieb leicht zu bedienen: Die Anschaffung lohnt allein schon für die traumhafte Sammlung von Redewendungen und Redensarten (die der Mater nicht hat). Wenn Sie z.B. „machen“ als Schlüsselwort  eingeben, erhalten Sie fast 270 Zusammensetzungen und Redewendungen, in denen „machen“ vorkommt. Bei den meisten Verben ist die Ausbeute sehr gut. Noch nicht alle Rubriken sind vollständig. Aber sie werden regelmäßig aktualisiert – und es gibt die Möglichkeit, den Verfassern Ergänzungen zu mailen und damit zur Sammlung beizutragen – was einfach Spaß bringt.

Auch den elektronischen Duden kann man wie ein rückläufiges Wörterbuch benutzen, indem man zwischen der gewünschten Vorsilbe und der Infinitivendung ein * einfügt. Die Eingabe aus*en ergibt dann Treffer wie ausatmen, ausputzen, ausziehen etc.

Auch eine Phrasensuche ist im elektronischen Duden über die Funktion „Erweiterte Suche“ möglich.

Redensarten-Index.de findet ebenfalls Redewendungen und steuert Hilfreiches zur Verwendung bei. Vorausgesetzt, das Suchwort hat mindestens vier Buchstaben. Redewendungen mit „Hut“ oder „Not“ können Sie z.B. nicht suchen. Wikipedia bietet unter Subseiten wie „Liste_deutscher_Redewendungen“ und „Liste_gefluegelter_Worte“ diejenigen Allgemeinplätze, die so bekannt sind, dass wir uns überlegen sollten, ob sie uns noch etwas bringen. Wenn Sie aber stöbern möchten (z.B. um solche Redewendungen oder geflügelte Worte umzudrehen oder abzuwandeln) oder auch wenn Sie einfach nur etwas über deren Ursprung wissen wollen, sind Sie hier richtig. Und wenn Sie die großen Suchmaschinen an die Arbeit schicken, werden Sie noch viele andere Seiten zu diesen Themen entdecken.

Zurück zur Übersicht Bonuskapitel

Zurück zur Übersicht Lounge

Schreibe einen Kommentar