„Wir wünschen uns PartnerInnen, die unsere Kulturbranche ernst nehmen und mit uns zusammenarbeiten“ – ein Statement zur Radiolandschaft von LUKAS HAINER

Von Lukas Hainer
Bezug nehmend auf diesen Artikel des Medienmagazins DWDL.de mit dem Titel „Wieso Radiosender einen Bogen um Deutschpop machen“ schreibt Lukas Hainer, einer der erfolgreichsten Textdichter und Musikautoren Deutschlands und außerdem DTV-Vorstandsmitglied und -Schatzmeister, nachfolgende Worte, die wir mit seiner freundlichen Erlaubnis hier publizieren dürfen: 

Foto: Franziska Nehmer

Dass deutschsprachige Musik in der deutschen Radiolandschaft keinen leichten Stand hat, ist kein neues Phänomen. Obwohl im letzten Jahrzehnt medial gerne schlagzeilenstark einem „Boom des Schlager-Genres“ nachgegangen wurde, war davon in der Radiolandschaft nichts zu sehen. Im Gegenteil verräumten selbst die öffentlich-rechtlichen Sender den deutschsprachigen Schlager fast ausschließlich in online abrufbare Spartenangebote. Und während deutschsprachige Popmusik mit KünstlerInnen wie Mark Forster, Vincent Weiss oder Sarah Connor in den Radiocharts noch lange gut vertreten war, scheinen die Sender auch hier nun umzudenken: Deutschsprachige Musik testet in Umfragen zunehmend schlechter und verschwindet folgerichtig aus dem Angebot. Schuld daran seien die Kreativen selbst.

Komponisten und Textdichterinnen, Produzentinnen und Künstler bieten Songs an, „wo heute vieles eher nach einem alten Schema produziert zu werden scheint“, sagt zum Beispiel Tanja Ötvös, Musikchefin bei Radio Hamburg, in einem Interview gegenüber DWDL. „Vor ein paar Jahren wirkten diese Titel noch deutlich innovativer als heute.“
Und Niklas Gruse, Musikchef bei Radio FFN, beklagt im selben Kontext die starke Zunahme deutschsprachiger Popmusik: „Es ist wie beim Kochen: Zu viel macht das Essen nicht schmackhafter.“

Dass ausgerechnet Radioredakteure Innovation in der Musiklandschaft vermissen, klingelt einem als Musikautor schon in den Ohren. Immerhin ist der Fingerzeig aufs Radio bei Songwriting und Listening Sessions stets mit der Überlegung verbunden, provokante Textzeilen zu entschärfen, harte Sounds weichzuzeichnen und nach zwei Schritten nach vorne vielleicht lieber nochmal einen zurückzutreten. Und auch Herrn Gruse muss man fragen, wohin seine Essensmetapher ihn denn nun trägt: Sollte die Muttersprache bei deutschen Musikschaffenden vielleicht nur das Salz in der Suppe sein, mit dem man vorsichtig umgehen muss? Sollten wir doch lieber generell mehr auf ein internationales „simple English“ zurückgreifen, das auch gerne mal inhaltsarm aber mit Wohlklang die Autofahrt untermalt? Zu mehr Innovation dürfte dieser Ansatz nicht führen.

Auch wir MusikautorInnen haben uns in den vergangenen Jahren oft gefragt, wo die Ursachen der Verdrängung der deutschen Sprache in unserer Radiolandschaft liegen. Immerhin ist deutschsprachige Musik aus allen Genres in vielen anderen Formaten, vom klassischen Fernsehen bis zum Streaming, weiterhin stark nachgefragt. Doch während zum Beispiel viele Streamingangebote ihre HörerInnen schon strukturell dazu animieren, auch neue KünstlerInnen kennenzulernen, haben die meisten RadiohörerInnen von der zunehmenden Menge kontemporärer, deutschsprachiger Musik, von der Herr Gruse spricht, gar nichts mitbekommen. Präsentiert werden bei FFN wie auch bei zahlreichen anderen privaten wie öffentlich-rechtlichen Sendern seit Jahren starke Rotationen der immer gleichen KünstlerInnen, die auf Dauer zur Ermüdung und vielleicht auch dem Eindruck fehlender Innovation führen, wie er bei Frau Ötvös entstanden ist. Als Musikschaffende beklagen wir diese Einseitigkeit ebenfalls schon lange und so gibt es sogar eine Initiative, die in Zeiten der Pandemie entstanden ist und die hiesigen Kreativen ebenso wie die Vielfalt im Radio stärken möchte: #musikvonhier. Bei #musikvonhier stellen in Deutschland beheimatete KünstlerInnen, darunter Silbermond, Alvaro Soler, Leslie Clio oder Alle Farben, die ganze Vielfalt unserer Musiklandschaft liebevoll in einer ganz persönlichen Auswahl vor. Es sind engagierte KollegInnen, die dieses Format in Kooperation mit Rundfunkpartnern geschaffen haben, und die mit großem Einsatz an dessen Verbreitung arbeiten. Und ich bin sicher, dass genau solche Beiträge in der Breite auch zu einer besseren Testung des deutschsprachigen Repertoires unter den Hörern führen könnten.

Doch noch ein zweites Phänomen, das Herr Gruse in seinem Kommentar anspricht, sticht ins Auge: „Die Grenzen zwischen deutscher Popmusik und deutschem Schlager sind oft fließend“ und das sei ein Problem, denn „beide Musikstile [sind] nicht miteinander kompatibel. Wer deutsche Popmusik mag, steht nicht zwingend auf Schlagermusik und erwartet diese auch nicht bei seinem Lieblingssender.“

Dass Schlager und Popmusik sich in vielen Bereichen näherkommen oder sogar verschmelzen gibt es nicht erst seit Helene Fischer. Wir MusikautorInnen beobachten diese Tendenz seit mindestens einem Jahrzehnt und sind selbst oft genug über Genregrenzen hinweg tätig. Und dass ein Mainstream-Radio bei so einem Repertoire Gefahr sieht, mit seinem Image aus dem Fahrwasser der jungen Zielgruppe zu geraten, ist nachvollziehbar. Aber kann die Antwort darauf sein, alles Undefinierbare auszuklammern? Es demonstriert zumindest nicht besonders viel Gefühl für den Zeitgeist und gibt ein schlechtes Zeugnis zur Innovationskraft des eigenen Senders, wenn die Wellen so einen offensichtlichen musikalischen Trend nicht nur nicht mitgehen, sondern im Gegenteil altbewährte Genrebegriffe zementieren, an Geschmacksklischees verhaften und alle Zwischenbereiche großflächig umgehen.

Als kreativ an Musik arbeitende Menschen in Deutschland nehmen wir gerne jede Herausforderung an, musikalische und sprachliche Innovationen zu schaffen und mit unseren Werken zu überraschen, oder auch einfach die HörerInnen Ihrer Wellen in Ihrem Alltag mit viel deutschsprachigem Gefühl in alle Richtungen zu begleiten. Wir wünschen uns dabei aber PartnerInnen auf Seiten der deutschen Radiolandschaft, die uns nicht mit Pauschalurteilen abstrafen, sondern unsere Kulturbranche ernst nehmen und mit uns zusammenarbeiten, um das heimische Repertoire zu fordern und zu fördern. Ich für meinen Teil würde mich freuen, #musikvonhier-Beiträge auch bei FFN oder Radio Hamburg zu entdecken, und auch über jede andere Form der Kooperation und des sachlichen Austauschs. Unsere Kulturlandschaft könnte davon besonders nach diesen schwierigen Pandemiejahren nur profitieren.

Anker: Video-Release von Mackefisch

Von Turid Müller
„Du bist das Pflaster auf die Wunde, die ich ohne dich nicht hätte.“ – Ein Kleinkunst-Duo und Paar verarbeitet musikalisch die Höhen und Tiefen von Liebesbeziehungen. Und: Es ist mal wieder ein Produkt der Celler Großfamilie…

… denn die Grundbausteine sind im Band-Camp der Celler Schule entstanden:
„Die Grundbausteine für den Text kamen mir tatsächlich in der Celler Schule,“ verrät Peter Fischer – der „Fisch“ in Mackefisch. Beim Band-Camp im Bereich Chanson entstand unter der Leitung von Rainer Bielfeldt gemeinsam mit ihm, Thomas Lienenlüke und Feli (Karla Feles) das Lied „Die Hölle, die mich wärmt“, das den Weg in Rainers Bühnenprogramm fand. Peter Fischer erinnert sich:

„Irgendwann fehlte uns vor allem noch eine Bridge und wir hatten die Aufgabe, jeder soll mal bis zum nächsten Tag allein ein bisschen brainstormen und Textideen sammeln.“ Und das war die Geburtsstunde des neuen Songs:

„Da entstand bei mir dieser ganze „Pflaster-auf-die-Wunde-die-ich-ohne-dich-nicht-hätte“-Refrainteil. Der aber dann viel zu umfangreich war, und für das eigentliche Lied nicht so gut passte. Also hab ich ihn erstmal „behalten“ und er lag ne ganze Weile bei mir in der Schublade. Als ich deutlich später dann mal ein eigenständiges Lied daraus basteln wollte, kam ich nach einer Weile nicht so recht weiter.“

Aber an der Stelle kam dann die andere Hälfte der 2-Personen-Band ins Spiel: Lucie Mackert. Von ihr stammen die Strophen. Und gemeinsam haben die beiden am Rest gefeilt.

Auch die gesamte Song-Produktion lief in kompletter Eigenregie: „Wir haben die Corona-Zeit und auch Fördergelder genutzt, unsere Homerecording-Möglichkeiten zu professionalisieren; ich habe außerdem eine Ausbildung zum Audio-Engineer angefangen, die uns ermöglicht, die Produktion in eigene Hände zu nehmen. Das ist besonders spannend, da wir ja viel mit untypischen Instrumenten (z.B. Banjo-Ukulele), eigenen Klängen, selbstgebastelter Percussion (Koffertrommel, Reisbrett-Snare…) usw. arbeiten und so auch viel kreative Arbeit in die Musik stecken können. Und da wir es selbst produzieren, haben wir etwas besser die Möglichkeit und können wir uns es auch leisten, da bei Bedarf etwas kleinteiliger dran rumzutüfteln.“

Das Video, das die beiden unter der Dusche gedreht haben, wurde heute veröffentlicht.
Im Pressetext heißt es: „Ihr neuestes Release „Anker“ ist eine Hymne auf die Zweisamkeit. Denn die ist wunderschön. Und schlimm.“

Zungenspitzer – Kleinkunstfestival und Nachwuchsförderung

Von Turid Müller
2021 ging das von Tilman Lucke ins Leben gerufene Festival samt Förderseminar erstmals an den Start. Im Sommer öffnet es wieder die Tore für Nachwuchs aus Kabarett und Comedy – und für alle, die gern mal spitzen Zungen lauschen…

Logo: Christine Zeides

„Möglich geworden“, berichtet der Gründer, „ist das Festival durch das Programm ‚Neustart Kultur‘ der Bundesregierung.“ Für Sommer 2022 ist es nun zum zweiten Mal geplant: „In Bretzfeld und Obersulm finden sechs Kabarettveranstaltungen statt,“ berichtet der ExCellent (Celler Jahrgang 2008). Bis 30. April kann man sich für das Zungenspitzer-Förderseminar bewerben, „das sich mit Komik auf der Bühne, Textarbeit, Rollenfindung, Regie, Selbstvermarktung und anderen Aspekten der künstlerischen Arbeit befasst und per Einzel- und Gruppencoaching auf die kreativen Vorhaben der einzelnen Teilnehmenden eingeht.“

Foto: Sven Bermel

Die Teilnahme an der zweiwöchigen Fortbildung ist kostenlos. Wer noch kein Videomaterial hat, kann bei der Bewerbung alternativ Texte in Schriftform einreichen.

Der Berliner Kabarettist sieht in der neuen Institution eine Chance für die Kultur-Szene: „Wir hoffen, dass das Stipendium mithelfen kann, dass sich begabte junge Menschen trotz der Corona-Krise für die Bühne als Beruf entscheiden. Das Zungenspitzer-Seminar kann dabei eine Starthilfe sein.“

AUFGEBEN IST NICHT! – Die Sisters sind zurück!

Turid Müller

„Aufgeben ist nicht!“ lautet das diesjährige Motto der Sisters of Comedy. Die Pandemie hat nicht nur den Kreativen, sondern auch den Frauen schwer zugesetzt. Doch der Backlash in alte Rollenmuster ist ein Grund mehr, am 08.11. für Gleichstellung auf die Bühne zu gehen!

Seit dem wir vor ein paar Jahren 100 Jahre Frauenwahlrecht feierten, stellen die Ladies aus Kleinkunst, Kabarett und Comedy jährlich lautstark fest, dass damit noch längst nicht alles erreicht ist. In zahlreichen Shows im ganzen deutschsprachigen Raum wird gemeinsam nachgelacht. Eine der Initiatorinnen der Aktion: Dagmar Schönleber (Celler Schule 2018) – diesmal Patin in Köln. Mit von der Partie sind jedes Mal ein Haufen anderer ExCellentinnen. Und zuweilen auch ein ExCellent – wie beispielsweise mein liebevoll als „Quotenmann“ bezeichneter Pianist und Bühnen-Kollege Michael Hierer (Celler Schule 2018).
In Baienfurt spielt Anne Folger (Jahrgang 2019); in Bern Marie Diot (Gewinnerin vom Hans-Badtke-Förderpreis 2021). In Dorsten ist Jutta Wilbertz (Celle 2011), und in Oberhausen Katie Freudenschuss (Celle 2008) am Start. Die Schrillen Fehlaperlen rücken mit ihrem Quoten-ExCellenten Ferdi Riester (Celle 2018) in Neufra an. – Und ich habe bestimmt noch etliche vergessen!

Die Message ist so kurz wie klar: Geh hin! Und unterstütze nicht nur Deinen „local artist“, sondern auch die Gleichberechtigung – sowie die durch Einnahmen und Spenden geförderten sozialen Projekte!
In der Pressemitteilung heißt es:
„Wo anderen 3 G‘s reichen, bieten wir 7G’s:
Geimpft, Genesen, Getestet, Gute Laune, für Gender Gerechtigkeit – Garantiert!
Alles was wir noch brauchen sind volle Häuser.“
Und übrigens: „Männer sind herzlichst Willkommen, Humor ist für alle da!“

Zungenspitzer: Nachwuchs-Stipendium & Kabarett-Festival

Von Turid Müller

Mitten in der Corona-Krise gibt es für Kleinkunst-Newies ein Licht am Horizont: Tilman Lucke hat ein Festival ins Leben gerufen, das ihnen den Start in die Bühnenwelt erleichtern soll.

Tilman Lucke (Fotografin: Rekekka Denkwitz)

Der ExCellent (Celle 2008) steht schon seit vielen Jahren als Kabarettist vor Publikum und als Dozent vor Seminargruppen.

In seine brandneue Fortbildung werden neben ihm viele weitere Referent*innen eingebunden, die im Rahmen des Festivals ihr Programm spielen und anschließend einen Workshop halten. Für die Teilnahme am Förderprogramm werden bundesweit zehn Newcomer*innen aus Kabarett und Comedy ausgewählt, wobei – wie der Gründer anmerkt – „die Kategorie ‚Nachwuchs‘ kein bestimmtes Alter kennt.“

Auch die zurzeit schwierige Situation Kulturschaffender wurde mitgedacht: Da viele Neueinsteigende durch die Corona-Krise bisher keine Gelegenheit hatten, „Erfahrungen auf Bühnen zu sammeln und Auftritte zu organisieren, können bei der Bewerbung auch ersatzweise selbstgeschriebene Texte eingesandt werden, falls noch kein Videomaterial vorhanden ist. Es geht ja um die Förderung genau dieser jungen Zielgruppe.“

Möglich wurde das Projekt durch Neustart Kultur. Für 2022 ist bereits ein zweites Festival gesichert!

Logo-Design: Christine Zeides

“Wir freuen uns auf zwölf Tage voller Ideen, Aha-Effekte, Lacher, Kollegialität und Spaß, während wir künstlerisch von einer Hochtour auf die nächste kommen. Dabei hilft uns gewiss auch die idyllische Umgebung: das gemütliche Seminarhaus Zwickmühle am Ortsrand von Bretzfeld-Rappach, mitten im schwäbischen Nirgendwo!“
Dann heißt es: Jetzt schnell anmelden! – Denn das geht nur noch bis zum 1. 9.!

 

 

 

Ein Preis – zwei ExCellent*innen: Der Förderpreis vom Kleinkunstpreis Baden-Württemberg geht an Anne Folger & Mackefisch

Von Turid Müller

Dieses Jahr wurde der hochdotierte Förderpreis gleich zweifach vergeben: Einer an Mackefisch, das Liedermacher-Duo aus Peter Fischer (Celler Schule 2018) & Lucie Mackert. Und einer an Klavierkabarettistin Anne Folger (Celler Schule 2019).

„Die Rekordzahl an eingegangenen Bewerbungen zeigt: Der Kleinkunstpreis ist aktuell wichtiger denn je“, betont Georg Wacker, Geschäftsführer von Lotto Baden-Württemberg. „Mehr als doppelt so viele Künstler wie üblich haben ihre Unterlagen eingereicht. Wir freuen uns besonders, die Preisträger auch in so einer schwierigen Situation unterstützen zu können und ihre Leistung zu würdigen.“ Daher wichen die Veranstalter*innen 2021 vom Usus ab, den Förderpreis nur an ein Projekt zu vergeben: „Der Fördergedanke ist tief bei uns verankert, deshalb haben wir beschlossen“, diesmal gleich „zwei vielversprechende Talente zu unterstützen“, bekräftigt Georg Wacker.

Lucie Mackert und Peter Fischer „sind sehr dankbar für diesen Preis des Landes Baden-Württemberg. Besonders in den auftrittslosen Zeiten von Corona, in denen einem das direkte Feedback zur eigenen Kunst etwas fehlt“ sei „so eine Auszeichnung ein fantastischer Rückenwind“, ließ das Bühnengespann verlauten.
„Superspannend“ war der Kommentar der Jury zum Material der Mini-Band.

Inzwischen arbeiten die zwei an ihrem neuen Album Oxytocin, das im März 2022 erscheinen wird.
Was das Dreamteam für Bühne und Leben sonst so bewegt? Nicht nur die Zukunft ihres Programms – auch die Zukunft unseres Planeten: Im Rahmen des Wettbewerbs Funny for Future vom Unterhaus Mainz haben Sie ein Video über ihren potenziellen Enkel gedreht. Bis 27.06. kann man für den bisher ungeborenen Nachfahren noch voten. Auch wenn es dabei eigentlich gar nicht ums Gewinnen geht, sondern um die Wurst – sprich: Um einen lebenswerten Planeten.

Anne Folger (Fotograf: Guido Werner)

Die andere Förderpreisträgerin ist Anne Folger. Fazit der Jury: „Blitzgescheit, charmant, spritzig, frech und hintergründig!“ Das Lied, das die Jury vor allem überzeugte, ist aus Fußnoten, dem brandneuen Programm der Musikkabarettistin: „Manche Anmerkungen findet man nicht im Text. Den kleingedruckten Stachel hinter dem Kompliment, die euphorische Schlagzeile mit ironischem Beigeschmack. Annes Blickwinkel sind eigenwillig und kommen leichtfüßig, aber tiefgründig daher. Mit Wortwitz und Ironie singt sie im Rosamunde-Pilcher-Stil gegen Großkonzerne, über das Glück zu fliegen, wenn die Beine fest auf dem Boden stehen, parodiert anschaulich Beethovens Götterfunken unter Lockdown- und Weingeist-Bedingungen, lässt Doremi (…), die Influencerin ihres Debüt-Programmes „Selbstläufer„, im neuen Tutorial erklären, welche Intervalle zum Fasten geeignet sind und warum der Tritonus keine Nuss ist.“

Bei ihrer Bewerbung hatten die Preisträger*innen es dieses Jahr krisenbedingt besonders schwer: „Die extrem hohe Anzahl der Bewerbungen ist (…) ein deutliches Signal dafür, dass die Künstlerinnen, Künstler und Gruppen auch in der Pandemie neue Programme und Formate entwickelt haben.“ Die Organisator*innen wollten mit dem Preis „in der herausfordernden Zeit der Corona-Pandemie auch ein Signal des Mutmachens setzen“, betonte Petra Olschowski. Die Kunststaatssekretärin ist sich sicher: „Auch die große Fangemeinde wird der Kleinkunst treu bleiben.“ Das kann sie dann hoffentlich spätestens bei der offiziellen Preisverleihung unter Beweis stellen: Wenn alles gut geht ganz klassisch in 3D – am 12. Oktober in der Württembergischen Landesbühne in Esslingen.

 

Stefan Noelle – ist noch da.

Von Turid Müller

Er steht seit über drei Jahrzehnten auf der Bühne. Der Münchner Vollblutmusiker ist von Haus aus Schlagzeuger, zieht allerdings mittlerweile zudem als Liedermacher durch die Lande. Wie die ganze Branche hat die Pandemie auch ihn hart getroffen. Aber: Er ist noch da. Und er nutzt die Spielpause für ein ganz besonderes Album…

Fotografin: Lena Semmelroggen

„Der Entschluss, eigene Texte zu singen, reifte spät. Doch die Liebe zur deutschen Sprache und der Wille, sie gut klingen zu lassen, brachen sich letztlich Bahn. Als 46-Jähriger nahm Stefan Noelle“ (Celle 2009) „wieder die Gitarre seiner Jugend in die Hand und ging mit ersten Liedern auf die Bühne“, verrät der Künstler auf seiner Homepage.

Sein 2. Album bringt nun seine beiden Lebenswelten nun zusammen: Die Münchner Musikszene und die Kleinkunst: „Ich bin ein schlechter Ökonom“, gesteht er: „Ein unwirtschaftlicheres Projekt gibt’s eigentlich nicht!“ Nichtsdestotrotz folgt er ganz seinem Sinn für Ästhetik und seiner Leidenschaft fürs Zusammenspiel: Für jedes Lied sind andere Kolleg*innen zu Gast. Denn: Es soll ein besonderes Album werden! Wie früher. Mit Bildern, zum Hören, Blättern und Entdecken. – Ein kleiner Ersatz für das gemeinsame Erleben von Kunst und Kultur, das uns dieser Tage fehlt. – „Es lebe die Schönheit!“

Fotografin: Lena Semmelroggen

Die Hälfte ist schon im Kasten. Aufgenommen wird in einem der letzten großen Studios der Gegend, dem Mastermix: Retro-Flair. Alles echt. Kein Geschnibbel. Kein Hinterher-drüber-singen. Für ein Lied wird er sich Streicher und Bläser dazu holen und trotzdem alles live einspielen: „Ein Mal so aufnehmen wie früher! Ein Mal im Leben will ich das haben!“ schwärmt Stefan Noelle und erntet mit seinem Ansatz in der Szene durchweg begeisterte Reaktionen. Er ist sehr dankbar für die Unterstützung seiner Mitwirkenden. Denn ihm ist bewusst: Das ist kein normales Album. Die große musikalische Diversität ist einzigartig.
Man hört es raus: Es ist ein echtes Wunschkind. Die Geburtsvorbereitung könnt Ihr auf Startnext unterstützen. Stefan Noelle freut sich „extrem, wenn Ihr mithelft, dieses Baby auf die Welt zu bringen! Im September kommt’s!“

ExCellent durch die Krise – Kreative Wege in Zeiten des Lockdown (Teil VII)

Von Turid Müller

Inzwischen haben wir aufgehört zu zählen, wie oft der Lockdown verlängert wurde. Bei der Öffnungsstrategie stehen die Spielstätten weit hinten. Und die englische Mutante ist in der Statistik ganz weit vorn. Aber – auch wenn die Kreativen zuhause bleiben: Die Kultur steht nicht still …

Lucy van Kuhl alias Corinna Fuhrmann

Seit dem 29.01. ist die neue Scheibe von Lucy van Kuhl (Celle 2017) im Handel erhältlich. Denn Corinna Fuhrmann, wie die Songwriterin im bürgerlichen Leben heißt, hat die politisch verordnete Spielpause genutzt:
„Ich habe im Winter-Lockdown mein neues Album Alles auf Liebe rausgebracht. Fünfzehn Lieder, die sich zwischen Melancholie und Ironie bewegen. Zur Promo hab ich mal nen kleinen Rap gewagt, den Lockdown-Song. Edith hat einen sehr liebevollen Pressetext geschrieben. Die CD könnt Ihr im Online Shop auf meiner Website kaufen.“

Es sind auch noch zwei weitere Musikvideos veröffentlicht worden: Der Moment, in dem es sticht. Und Hochzeitstag (mit Konstantin Wecker), auf dessen Label ihre CDs erscheinen:

„Lucy van Kuhls Art zu musizieren und zu singen begeistert mich, ihre Worte sind poetisch und ironisch. Sie schafft ausdrucksstarke Bilder und setzt sie musikalisch ganz zauberhaft um.“
(Konstantin Wecker)

Mackefisch: Peter Fischer & Lucie Mackert

Für alle, die weniger umtriebig sind, und denen im Lockdown „öööööde“ ist, haben Peter Fischer (Celle 2018) und Lucie Mackert den richtigen Soundtrack: Manno!
Und zwar mit einem Video, das zum Mitmachen anregt!
Im Newsletter warnt das Duo seine Fans vor: „Das Lied ist zum Teil etwas untypisch für Mackefisch. Zum Teil dafür aber auch sehr typisch. ‚Aber… wie das?!“, fragt ihr euch?‘ Nun, es ist so: Das Ergebnis ist geradezu discotauglich, klingt fast schon nach Techno. Entstanden ist die Musik aber nach mackefischiger Bastelmanier. Oder Manie, sagen wir, Manie. Denn wenn man schon nicht rauskann, fängt man irgendwann halt an, das Zeug drinnen zweckzuentfremden. Das führte zu einer ungewöhnlichen Instrumentierung des Liedes: Schüsseln, Schalen, Sieb, Käsereibe, benetzte Finger auf Weinglasrändern und Peters persönlicher Favorit: unser Küchenmixer. Der mit apokalyptischem Getöse den Zeitgeist unter den hämmernden Küchengeräte-Beat dröhnt. Ein Lied über Stillstand, Frustration und die einzige heute noch unumstößliche Wahrheit: Wir müssen da jetzt gemeinsam durch.“

Turid Müller

„Gemeinsam“ ist auch das Stichwort, das mich (Celle 2016) bei meinem neuen Video beschäftigt hat, das ich mit Michael Hierer (Celle 2018) mit 255 Kilometern Abstand getextet, gesungen und produziert habe. Mich trieb bei dem Song die Frage um: Wie läuft Dating in Zeiten von Mundschutz und Mindestabstand? Inspiriert hatte mich eine schöne Wortschöpfung, die nun immer öfter im Gebrauch ist: Infektionsgemeinschaft!
Das Video wurde in meinem neuen Radio- & TV-Format TAUCHSIEDER released und ist übrigens auch auf einem brandneuen YouTube-Channel zu finden, den Peter Vollmer ins Leben gerufen hat. Der Comedy-Booster ist ein Versuch, die Reichweite von Kolleg*innen aus Kabarett & Comedy zu erhöhen, freut sich also über Klicks, Likes und Teilen. Und sicher auch über weitere Inhalte…
Insofern – falls auch Euch im Lockdown ööööööööööde ist: Ran an die Buletten! Peter Vollmer freut sich auf Euch: info@peter-vollmer.de. Und wer dank uns Kleinkunst bingewatchen kann, hält es vielleicht im Sinne von Solidarität und Gesundheit noch etwas länger zuhause aus und randaliert nicht in Verweilverbots-Zonen…
In diesem Sinne: Halten wirs gemeinsam durch!

PFEIFFER. – Ein Name, der verpflichtet…

Von Turid Müller
Björn Patrik Pfeiffer veröffentlicht  unter dem Namen „PFEIFFER.“ mit „Wenn du abdrehst“ seine Debut-Single und rollt damit für uns eine musikalische Landebahn für schwere Zeiten aus. – Deutschsprachiger Rock´n´Roll-Pop mit Wunderkerzenmomenten.

Foto: Mario Brinkschulte

„Ich musste es tun. Sonst liegt sich die Nummer tot,“ sagt PFEIFFER.  über das Debut in Pandemie-Zeiten. – Und Totliegen geht nicht. Denn er hat einen Plan: Das erste eigene Album ist für Frühjahr 2022 angepeilt. Und vorher sollen in 2021 noch zwei weitere Singles erscheinen. – Aber von vorn:

„Musik ist der rote Faden in meinem Leben,“ Im Alter von 13 Jahren Gründete er mit Freunden die erste Band – die Punkband TÜTENKLEBER. Damit hatte alles angefangen – und zwar mit deutschen, systemkritischen Texten: „Unsere Themen: Rassismus, Faschismus – alles, was auch heute noch kacke ist!“
Was folgte war ein längerer Umweg zurück  zu den eigenen künstlerischen Wurzeln: Er hat mit verschiedensten englischsprachigen Formationen von Progressive Rock bis Hard’n’Heavy gespielt, gecovert und als Gitarren- und Gesangslehrer gearbeitet. Seit fast 10 Jahren ist er auch als Autor und Produzent für andere KünstlerInnen und Bands unterwegs. Die eigene Karriere als Musiker trat immer mehr in den Hintergrund.
Und dann kam 2019 die Celler Schule – ein „Erweckungserlebnis“, das den Umbruch brachte. Was vorher Jahrelang nur dann und wann so passierte, wurde nun auch wieder zur Priorität: Die eigene Musik. – Back to the roots: Kritische Gedanken, deutsche Texte. Wenn auch inzwischen längst nicht mehr auf überspielten Jan Tenner-Kassetten wie bei der ersten Band, sondern professionell im eigenen Studio produziert. Um diese Früchte zu ernten, musste der Musiker die eigene Komfort-Zone verlassen. Er verrät: „Vorm Flaschendrehen in der Celler Schule hatte ich mehr Respekt als vorm Gig in Wacken.“ Aber dieser Kickstart Richtung eigene Musik hat sich gelohnt, denn jetzt kann er – Krise hin oder her – mit dem Brustton der Überzeugung sagen: „Ich bin als Künstler jetzt da – welchen Weg das auch nehmen wird!“
Der vegane Hobby-Koch ist sehr dankbar für dieses Beschneiden der „Geiztriebe“, wie man es beim Tomatenanbau nennen würde. Er hat seine Energie gebündelt und seit der Celler Schule dadurch auch mehr Power für die eigene Musik, die ihn zwingt, noch mehr in die Tiefe zu schauen und sich zu zeigen. Und so hat auch die erste Single eine persönliche Geschichte: Auch er hat dunkle Zeiten erlebt, in denen es Menschen gab, die für ihn ein Leuchtturm waren. Sie haben ihm in unübersichtlichen Lebenslagen Orientierung geboten. Solche Menschen wünscht uns sein neuer Song an die Seite. – Gerade in diesen Tagen können vermutlich viele eine sichere Landebahn brauchen.

Feli rockt die Liederbestenliste

von Karla Feles

Der Corona-Winter legt die Kulturszene lahm. Die ganze Kulturszene? Nein! Eine ExCellentin rockt sich auf die Liederbestenliste. – Hier ist, was sie zu erzählen hat:

Eine freie Journalistin aus Berlin morst mich im Januar an, sie brauche mal meine feli-Perlmutt CD, könne aber noch nix verraten.

Im Halbschlummer hört eine Freundin Deutschlandfunk; nach einem Song fällt mein Name.

Der Studiomensch, bei dem ich meine CD aufgenommen hab, gratuliert mir per Messenger zu meinem Album des Monats Februar der Liederbestenliste.

Ich bin baff: Ich, Althippie mit Hamburger Herz, kleine Liedermacherin in einer Liga, in der sich MusikerInnen tummeln wie Helge Schneider, Christina Lux, Sebastian Krämer, Niedecken, AnnenMayKantereit… und übrigens auch Mackefisch, mit dessen Hälfte Peter Fischer ich 2018 die Celler Schule Masterclass absolvieren durfte.

Ja, es geht also tatsächlich um mein Album, um meine Lieder, ganz hübsch begleitet mit Gitarre resp. Akkordeon, keineswegs virtuos, aber passend; stimmt schon. Mein Album mit den –und an denen liegt es wohl- ehrlichen, authentischen Texten, die von Zuckerspeck und Rollmops des Lebens erzählen, hat es ganz nach vorne geschafft. Edith, Tobi, Julia, Rainer- nun mal ehrlich: Hättet ihr das gedacht? Ich nicht, und eine Liederbestenliste kannte ich nicht mal! Ohne Edith Jeskes grandiose Workshops, von denen ich vier (Oder waren’s fünf?) genossen, und bei denen ich so viel übers Texten gelernt habe, wäre das nicht möglich gewesen.

Dankbar bin ich und stolz und sehr glücklich über eine solch wunderbare Auszeichnung.

ExCellent durch die Krise (Weihnachts-Special)

Von Turid Müller

Der Lockdown wurde jüngst verschärft. Die Weihnachtsshows sind ausgefallen. Das Fest wird dieses Jahr wohl etwas anders als gewohnt. Die Corona-Lage ist düster. – Was macht die Kultur in dieser dunklen Jahreszeit?

Lennart Schilgen (Foto: Marcel Brell)

Ja, was macht die Kultur? – WEITER! Und vor allem: Niemals aufgeben! Mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen – vom digitalen Adventskalender bis zum satirisches Weihnachtsvermarktungs-Boykott.

Lennart Schilgen (Celle 2011):“Weihnachten ist für mich die Zeit der inneren Zerrissenheit: Den Kapitalismus verfluchen oder friedlich konsumieren? Künstlerisch integer bleiben oder zwecks Selbstvermarktung auf den Zug aufspringen? Dieses Jahr habe ich das zum Anlass genommen, mich auf meine (wenig bekannte) Punk-Vergangenheit zurückzubesinnen. Und mein Management zu grüßen.“
Was daraus geworden ist? Dieses Video! – Und natürlich die subtil darin versteckte Aufforderung, seine CD zu erwerben

 

Katie Freudenschuss

Ebenfalls nicht ohne Augenzwinkern – sondern irgendwo zwischen satirisch und emotional – verarbeitet Katie Freudenschuss (Celler Schule 2008) das Weihnachtsfest im Corona-Jahr. Mit ihrer Christmas-Single COVID-JAHR (in excelsis deo). Die kann man natürlich auch kaufen… Just saying…

 

Um Corona geht es auch im neuen Song von Kasalla, der Kölner Mundart-Band von Florian Peil (Celle 2005): „Eigentlich wollten wir keinen Song über Corona machen, weil es so offensichtlich ist, dass da jetzt alle drüber schreiben… Aber diese Krise ist so allumfassend, dass es gerade irgendwie gar nicht anders ging, weil nach acht Monaten Stillstand irgendwann nichts anderes mehr ein Thema ist, und das fließt natürlich auch in die kreative Arbeit mit ein.

Florian Peil & Kasalla (Foto: Ben Wolf)

Wir haben den Song aber textlich offen gehalten, so dass er im Prinzip zu jeder Krise passt, und nicht nur zur Corona-Krise. Beim Video haben wir allerdings dann konkret Bezug auf das Thema genommen. Es war gar nicht so einfach, in den jetzigen Zeiten so ein Video zu realisieren, und weil das Budget sehr klein war und wir natürlich auch Corona-konform drehen mussten.“

 

Mitten im Sturm und unter schwierigsten Drehbedingungen trotzt auch eine weihnachtliche Familientradition der Krise: Isabel Arnold (Celler Schule 2019) Alias HüperBel produziert mit ihrer Familie jedes Jahr ein Weihnachtsvideo. Just for fun. Und dieses Jahr geht es darin um die Wurst – nämlich um die Weihnachtswurst. Das kommt von Fachleuten – Isabels Familie lebt in Thüringen… Isabel selbst wohnt allerdings inzwischen in Dänemark. Die Video-Produktion unter Corona-Bedingungen war also ganz schön herausfordernd. Nämlich aus der Ferne. Und das bedeutete für ihre Eltern: High Tech lernen:

Isabel Arnold & Family

„Eigentlich hätte ich wie jedes Jahr am ersten Adventswochenende beim Bachadvent in meiner Heimatstadt Arnstadt auftreten sollen – im Keller meiner Eltern. Das klingt jetzt ungemütlicher als es ist – sie wohnen in einem historischen Haus mit großem Gewölbekeller. An diesem Wochenende bringe ich normalerweise neues Material mit – und den Drehplan für unser Weihnachtsvideo. Dieses Video hat sich zu einer liebgewonnenen Tradition entwickelt, bei der meine Eltern und meine Schwester für fast jeden Quatsch zu haben sind. Dieses Mal mussten aber alle für sich ihre Zeilen einsingen und ihre Szenen drehen. Das hat dazu geführt, dass mein Papa mit 66 seinen ersten wetransfer verschickt hat. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen, finde ich. Es tröstet ein ganz klein wenig darüber hinweg, dass ich zum erstem Mal in meinem Leben Heiligabend ohne sie verbringen muss. Aber die Skype-Schaltung zu ihnen und der Oma ist bereit. Auf dass es nächstes Jahr wieder persönlich geht.“

 

Turid Müller (Foto: Torge Niemann)

Auch ich (Celler Schule 2016) fröne alle Jahre wieder meiner persönlichen Weihnachtstradition: Jedes Jahr gibt es einen satirischen Weihnachtsgruß. Diesmal ist es ein Gedicht. Es war gar nicht so ohne aus dem harten Tobak diesen Jahres etwas Locker-Leichtes zu zaubern. Ich hoffe, es ist mir geglückt? – Überzeugt Euch selbst!
Ich sag schon mal:
Trotz allem: Frohe Feiertage! Und ein glückliches und gesundes neues Jahr!

ExCellent durch die Krise – Kreative Wege in Zeiten des Lockdown (Teil VI)

Zusammengestellt von Turid Müller

Ein Lockdown light sollte es werden. Nun wurde er erneut verlängert… und gerade noch mal verschärft. Lockerungen sind nicht in Sicht. Und die finanziellen Rettungspakete schaffen derart hohe Hürden, dass viele Kreative durchs Raster fallen. Das Weihnachtsgeschäft fällt ins Wasser. Wie geht die Branche damit um? – Ein paar Eindrücke…

Die Gründerinnen der Sisters of Comedy (Foto: Stefan Mager)

3 Shows hätten es 2020 werden sollen, die zeitgleich am 12.11. in Deutschland, Österreich und der Schweiz stattgefunden hätten, mit über 120 Künstlerinnen, um ein Zeichen gegen Gewalt gegen Frauen und gegen Sexismus zu setzen und um zu zeigen, dass es sehr wohl viele beruflich komische Frauen gibt. Hätte, wäre… Dieses Jahr gab es aus bekannten Gründen keine Sisters of Comedy – nachgelacht– Shows. – Um aber auch 2020 nicht ganz aus dem Fokus zu fallen und um wenigstens für ein Frauenhilfsprojekt Spenden sammeln zu können, haben Dagmar Schönleber (Celler Schule 2018) und Vera Deckers kurzerhand am 12.11. einen Livestream als „Sisters Special“ präsentiert.

In der Kölner Kneipe „Heimathirsch“, von wo aus Vera Deckers zusammen mit den Kollegen Heinz Gröning und Keirut Wenzel seit dem ersten Lockdown wöchentlich das Format „Homekneiping“ präsentieren, wurde quasi das Setting geentert und zum „Sisters special“ geladen. Einspieler von Kolleginnen wie Carmela de Feo und Patrizia Moresco, die mit Dagmar Schönleber zu den Gründerinnen der Sisters of Comedy gehören, sowie Grüße und Sketche von Lisa Feller, Daphne De Luxe, Mirja Regensburg, Rebecca Carrington, Frau Kühne, Andrea Volk, Deana Ehrich, Nora Böckler, Ariane Müller und Julia Gamez Martin (Suchtpotenzial), Ramona Schukraft (Sybille Bullatschek), Constanze Lindner, Barbara Ruscher und Katie Freudenschuss (Celler Schule 2008), der Spendenaufruf ging zugunsten des Vereins „Frauen helfen Frauen e.V.“, die zwei autonome Frauenhäuser in Köln stellen.

Der Livestream wurde über 5 Facebook-Seiten gestreamt, hatte bisher insgesamt über 15000 Aufrufe und kann immer noch zum Beispiel hier angeguckt werden.

Und spenden für die Frauenhäuser könnt ihr natürlich auch immer noch. Bisher sind immerhin gut 1000,-€ an Spenden über den Livestream zusammengekommen.

Und 2021 wird es hoffentlich wieder eine große Sisters-Sause geben, live, mit Karacho und viel Herz und Humor!

 

Aber nicht nur die Sisters haben die virtuelle Bühne unsicher gemacht: Auch Sven Garrecht (Celler Schule 2020) sucht nach neuen Gefilden im World Wide Web und gründet zusammen mit seinen Kollegen eine eigene Online-Show: Lieder machen Leute findet komplett via Videokonferenz (genauer gesagt ZOOM) statt: „Ein kleines, ausgewähltes Publikum, meine Band und ich und jedes Mal ein/e andere/r Liedermacher*in als Gast, sitzen im digitalen Studio, analog heißt das bei sich Zuhause auf der Couch. Es wird ein bisschen erzählt, das Publikum kann im Chat Fragen an den Gast stellen und es wird natürlich auch Musik gemacht. Da das live im Videochat etwas schwierig ist, gibt es vom Gast und uns jeweils ein vorproduziertes Musikvideo. Und um die Spontanität bzw. das Überraschungsmoment eines gemeinsamen Jams nicht ganz verloren gehen zu lassen, schickt uns der Gast vorher ein Video von sich. Wir haben dann eine Woche Zeit, dazu zu spielen, uns aufzunehmen und ein gemeinsames Musikvideo daraus zu basteln. Welches Lied uns geschickt wird, wissen wir nicht und der Gast hört nicht die gemeinsame Version, bevor es gesendet wird.“

Ein Ticket für die erste Folge kann man hier erwerben. Auf der Seite kann man das Video dann auch direkt sehen. Die erste Folge ist ab 18.12.20 verfügbar. Der erste Gast ist Lars Reichow.

Für die zweite Folge im Januar haben schon Lucie Mackert und Peter Fischer (Celler Schule 2018), alias Mackefisch zugesagt.

Mackefisch mit Album

 

Die beiden sind übrigens nicht nur auf der Bühne liiert, sondern auch jenseits der Bretter, die die Welt bedeuten. Als freiberufliches Künstlerpaar, deren Haushalt sich komplett durch Kulturveranstaltungen finanziert, bekommt die Mannheimer Mini-Band die Corona-Krise deutlich zu spüren. Lähmen lassen wollen sich die beiden von den widrigen Umständen aber nicht: Liedermacherin und Schauspielerin Lucie Mackert ist trotz allem intensiv mit (teilweise mit Abstandsregeln, teilweise „remote“ organisierten) Theaterproben beschäftigt, deren Finanzierung und Aufführung durch Corona jedoch ständig mit neuen Fragezeichen versehen wird. Auch Peter Fischer – Musiker, Kabarettist und außerdem Celler-Schule-Absolvent – versucht die Bühnenpause sinnvoll zu nutzen: „Wenigstens habe ich mal wieder etwas mehr Zeit zum Klavier üben. Und gelegentlich schreibe ich auch an einer kleinen Buch-Idee herum. Außerdem bilde ich mich in Sachen Homerecording fort – das wird man wie’s aussieht künftig öfter mal brauchen.“

Jutta Wilbertz mit ihrer Krimi-Sammlung

Dass es hilft der aktuellen Situation hin und wieder mit Humor zu begegnen, beweist Mackefisch im neuesten Lied Wohnzimmer. Das Duo besingt darin die zur Normalität gewordenen Home-Videochats und damit verbundenen privaten Einblicke, die nun jedermann gewährt. Hören kann man es derzeit hier auf YouTube, eine Veröffentlichung über Spotify ist geplant. Das Lied ist außerdem bereits Vorgeschmack auf das neue Album, an dem Mackefisch bereits arbeitet. Ihr Debütalbum ‚Brot und Glitzer‘, Anfang 2020 veröffentlicht und dann durch Corona stark ausgebremst, wurde von Kritikern bereits sehr gut aufgenommen: Es wurde nominiert für den Preis der deutschen Schallplattenkritik, den Förderpreis der Liederbestenliste, war ‚Persönliche Empfehlung Album‘ der Liederbestenliste im März 2020 und ließ Mackefisch die Auszeichnung mit dem Walther-von-der-Vogeldweide-Preises zuteil werden. Nur die Verleihung des Preises beim renommierten Format Songs an einem Sommerabend musste leider coronabedingt abgesagt werden. Unterstützen könnt ihr die Künstler mit einer Bestellung der CD.

 

Feli strickt

Kreative unterstützen – das hat auch Songtexterin Ilona Boraud (Celler Schule 2015) im Sinn: Sie wirbt via Facebook dafür, die Weihnachtsgeschenke dieses Jahr mit gelebter Kulturförderung zu koppeln. Unter den Künstler*innen, die sie vorstellt, sind auch viele Menschen aus dem Dunstkreis der Celler Schule – neben Peter Fischer von Mackefisch zum Beispiel auch Karla Feles (Celler Schule 2018) mit gestrickten Winterträumen, Katharin Lena Orso (Celler Schule 2016) mit ihrem Kinderbuch Ahoi Ihr wilden Piraten, Christine Raudies (Celler Jahrgang 2014) mit ihrem Kinderliederalbum, und  Jutta Wilbertz (Celle 2011) Musikkabarettistin & Krimiautorin.

Kati Orso mit ihrem Kinderbuch

Mit ihrer Aktion hofft die Absolventin, Aufmerksamkeit für die Situation der Kreativbranche zu wecken. Denn sie glaubt, „dass vielen gar nicht klar ist, wie sie Künstler*innen unterstützen können und dass diese von Streamings, YouTube etc. so gut wie kein Einkommen haben. Sie leben von Live-Auftritten (und den bei dieser Gelegenheit verkauften CDs & Merch). Auch Autor*innen haben Probleme, weil Lesungen nicht stattfinden können.“ CDs kann man übrigens am besten bei den Künstler*innen direkt kaufen. „Positiver Nebeneffekt: Dann kann man sie gewidmet und signiert bekommen.“ Das „macht es persönlicher.“

Die Idee: „Eine Win-win-win-Situation schaffen, von der Künstler*innen, Schenkende und Beschenkte etwas haben.“ Künstler*innen bekommen etwas Einkommen in einer schwierigen Zeit. Schenkende finden endlich eine Antwort auf die schwierige Frage: ‚Was schenke ich nur zu Weihnachten?!‘ Und die Beschenkten bekommen etwas viel Wertvolleres als die üblichen Verlegensheits-Wollsocken: Ein schönes wie sinnvolles Geschenk!
Tine Andersen alias Christine Raudies & Erich Sellheim (Celle 2012)

„Das Ganze soll sehr persönlich laufen, von meinen FB-Freunden zu meinen FB-Freunden. Eine kleine Aktion, aber vielleicht machen andere ja etwas Ähnliches. Ich selbst werde für dieses Weihnachtsfest auch vermehrt bei Künstler*innen einkaufen und spenden.“

Wenn das Weihnachtsgeschäft durch einen sich ständig verlängernden Lockdown ersetzt wird, ist diese freundschaftliche Kulturförderung hoffentlich Anstoß und Vorbild für andere. Ilona Boraud ist vorsichtig optimistisch: „Ich habe schon öfters Produktempfehlungen ausgesprochen. Zu konkreten Käufen führt das nur selten. Aber ich hoffe, dass das dieses Jahr anders ist.“