ExCellent durch die Krise – Kreative Wege in Zeiten des Lockdown (Teil I )

Von Turid Müller

Was machen eigentlich die Absolvent*innen der Celler Schule jetzt, wo die Spielstädten geschlossen sind? – Weiter! Aber oft auf anderem Wege…

Mario Rembold

Mario Rembold, Celler Schule 2015, ist (im bürgerlichen Beruf) Wissenschaftsjournalist. Er betrachtet den Ausnahmezustand durch die Brillen seiner beiden Professionen, die auf unterschiedliche Weise vom Shutdown betroffen sind: „Mein Song Tausend Smileys und ein Herz entstand im heimischen Wohnzimmer (Wo sonst?). Was mach ich sonst so? Als Wissenschaftsjournalist schreibe ich und telefoniere auch schon mal mit Forschern. Da ich meist zuhause arbeite, ist das keine große Umstellung. Sorgen habe ich trotzdem, was meine Auftragslage in naher Zukunft betrifft. Vieles wird sich ja ändern, für jeden von uns. Erstmal ist wichtig, gesund zu bleiben und die Menschen um uns zu schützen.“

Aus professioneller Sicht aus der Welt der Wissenschaft hat er einen Wunsch: „Leider gibt es in den digitalen sozialen Netzen derzeit massenhaft selbsternannte Experten, die mit gefährlichem Halbwissen fragwürdige Thesen verbreiten und damit Klicks generieren. Als Wissenschaftsjournalist wünsche ich mir jetzt, dass wir ausnahmsweise mal alle auf die seriösen Stimmen hören.

Melvin Haack

Als Songschreiber und Bühnenbiologe will ich aber auch, dass wir dabei unseren Mut und Humor behalten. Momentan ist das Wichtigste: Meidet soziale Kontakte! Damit schützt ihr euch und eure Lieben. Aber hey: Ihr dürft trotzdem Spaß haben, mit Freunden videochatten, lustige Videos anschauen oder selber filmen. Seid kreativ oder fahrt einfach mal runter. Es gibt eine Welt nach SARS-CoV-2. Bis dahin lasst uns die Menschen um uns herum schützen, lasst uns gesund bleiben – damit es für all unsere Lieben auch ein Leben nach Corona gibt.“

Melvin Haack, Celler Schule 2016, ist in Wohlstandsquarantäne. Diese gibt ihm und seiner Band Schnaps im Silbersee aber ganz offenbar Zeit für neue Musikvideos.

Und da ist er nicht allein. Viele Kreative stehen statt auf der Bühne zurzeit im Netz.

Michael Krebs

So zum Beispiel auch Michael Krebs, Celler Schule 2003. Er hat einen Online-Channel live aus dem Wohnzimmer ins Leben gerufen, um in Kontakt mit seinem Publikum zu bleiben, und mich damit auf die Idee zu diesem Artikel gebracht. Er hat übrigens seit Neustem in einen Spuckschutz auf dem Flügel investiert. – Ich zitiere: „Irre, was man alles schafft, wenn mal mal gar nichts tut!“

Dagmar Schönleber, Celler schule 2018, ist in der Krise regelmäßige Gästin in der Geistershow vom Hoftheater Baienfurt, Samstags 20:15. Dort spielt sie das Lied der Woche zur Lage der Nation. Und sie war im WDR-Portal #weiterlachen zu sehen. Zur Frage, was sie von einem eigenen Live-Channel hält, sagt sie: „Ich selbst bin noch nicht live gegangen, werde das auch vorerst nicht tun, da ist dieses Überangebot und ich würde das jetzt auch nicht exzessiv betreiben wollen…“

Dagmar Schönleber (Foto: Ralf Bauer)

Stefan Noelle, Celler Schule 2009, sieht die neuen Blüten, die die Kulturszene in Corona-Zeiten im Internet treibt, kritisch: „Ich nutze die freiwerdende Zeit vor allem zum Üben. Mich zu verbessern, damit ich nach der Krise im Zweifel noch mehr gefragt bin, ist immer ein gutes Ziel. Zum Schreiben fehlte mir bis jetzt die Muße, denn Verschiebungen und Umbuchungen erfordern Zeit. Skeptisch bin ich gegenüber dem ganzen freien Content, der jetzt von uns Kreativen massiv ins Netz gedrückt wird. Ich halte das für eine gute Möglichkeit zur Klientelpflege, bezweifle aber stark, dass das tatsächlich eine dauerhafte wirtschaftliche Grundlage für ganz viele sein kann. Im Gegenteil befürchte ich da eher eine weitere Entwertung unserer Arbeit, wenn wir jetzt massenhaft zeigen, dass wir alle bereit sind, ohne Bezahlung schöne Sachen zu machen. Unser Publikum darf uns ruhig ein bisschen vermissen, oder? Dann will es uns danach um so mehr wiedersehen.“

Und ich (Celler Schule 2016, by the way)? Ich habe keine Lust, mich durch vermeintlich unbürokratische Anträge und dergleichen zu arbeiten. Und ebenso wenig möchte ich, dass die kreative Selbst- und Frendausbeutung nun online fortgesetzt wird (Stichwort „Honorar können wir leider nicht zahlen, wir zahlen ja schon das Kamera-Team…“). Lieber mache ich aus der Not eine Tugend und freue mich, endlich Zeit zu haben: Ich schreibe an meinen Musical-Projekten, und sitze an neuen Songs für mein Programm. Mein persönliches Experiment heißt „Crowdfunding„: Dieser Tage startet ein Blog, der meine virtuelle Bühne sein wird in dieser Zeit. Wer will, kann sich gratis inspirieren lassen. Wer möchte kann aber auch solidarisch sein und spenden. Wofür: Für neue Gedichte, Geschichten, Sprüche und Songs, die uns online durch die Tage der Isolation begleiten, und die hinterher auf die Bühne kommen. Dann, wenn es wieder geht. Und bis dahin gilt: #wirbleibenzuhause

 

 

Konnst du mi hern

von Turid Müller

Aktuelle Single der Hundskrippln: Eine Rockballade über den Tod.

Die Mundart-Band ist eigentlich „für fetzige bayrische Lieder bekannt“. Doch die aktuelle Single hat eine ganz andere Note: Es geht um den Tod. Und um die Frage: Was passiert danach?

Als Nordlicht mag man sich fragen: Was ist das eigentlich? Hundskrippln? Die Website der bayrischen Boygroup liefert Antworten: „Hundskrippln ist ein bayerisches Schimpfwort für einen gerissenen, gemeinen Kerl oder die Bezeichnung für ein ungezogenes Kind.“ So versteht sich auch der Kommentar der Stadlpost zur Single: „Die Hundskrippln werden erwachsen“!

Leadsänger Manuel Peisker ist der Haupt-Texter des neuen Songs. Matthias (Hias) Riegler – Celler Schule 2019 – hat bei dem Song das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Kameramann war Lukas Plöchl aus Österreich. Schnitt: Thomas Eberl (der Gitarrist). „Konnst du mi hern“ ist die erste Single vom zweiten Album. Es wird im Herbst erscheinen. Es ist der erste Song, den die Band bei Erwin Bader aufgenommen hat, einem Produzenten aus Wien. Bekannt ist Bader unter anderem durch das Erfolgsduo ‚Pizzera&Jaus‘. Auch hat er die ESC-Gewinnerin Conchita Wurst produziert.

„Es gab trotz des traurigen Inhalts beim Dreh immer mal wieder Momente, an denen wir rumgeblödelt und gelacht haben,“ erzählt Hias. „Ich denke es ist auch wichtig bei so einem traurigen Song, da man sich sonst irgendwann gegenseitig runterzieht. Gleichzeitig ist es aber genauso wichtig, sich wenn die Kamera läuft dann wieder schnellstmöglich in die Lage zu versetzen, um das Ganze auch authentisch und glaubwürdig rüber bringen zu können.

Ich selbst spiele ja den Verstorbenen im Video. Ich wurde oft gefragt, ob es denn nicht schwierig sei, da sein eigenes Sterbebild anzuschauen und einen Toten zu spielen. Ich empfand das aber nicht als schwierig, da für mich hier der künstlerische Aspekt im Vordergrund steht. Die Musik und auch eventuell dazugehörige Videos sind einfach Emotion pur, egal ob fröhlich, traurig oder sonst was. Das ich persönlich dann eben diesen jenen gespielt habe steht für mich völlig im Hintergrund.“

Dem emotionalen Video werden Worte aber nur begrenzt gerecht. „Gänsehautmomente“ müsst Ihr Euch selbst abholen. Schaut mal rein! – Ihr seid nicht die Ersten. Das Video hat schon eine beachtliche Anzahl von Views.- Der Tod geht uns eben doch alle an.

Risikobereitschaft – Feindlers Wort zum neuen Jahrzehnt

Eingestellt von Turid Müller

Das aktuelle Monatsgedicht gibt uns den Wunsch zu Besonnenheit mit auf den Weg.

 

Was werden wir aus dem neuen Jahrzehnt machen? fragt Michael Feinder. Und: Was werden die künftigen politischen Debatten bringen? Werden wir es lernen, „demokratisch notwendige“ von denen zu unterscheiden, die „überflüssig“ sind? Oder machen wir weiter wie bisher?

„Welche dieser beiden Optionen die größeren Risiken birgt, hängt vom konkreten Fall ab. Es soll ja sogar Fälle geben, in denen die unbedingte Beibehaltung eines Status quo diesen Status quo erst recht gefährdet.“ Im Gedicht geht es folgerichtig um „gesunde und ungesunde Formen von“:

 

Risikobereitschaft

 

Du hast mir häufig imponiert
mit Deinem Hang zum Risiko.
Da hab ich manchmal Neid verspürt,
noch öfter dachte ich: „Chapeau“,

 

weil ich mich selbst so wenig traute,
zumal ich das Spontane mied
und gern auf die Statistik schaute,
bevor ich irgendwas entschied.

 

Statt mich, wie Du, ins Abenteuer
zu stürzen und mal viel zu wagen,
war mir das nie so ganz geheuer
und ständig hörtest Du mich fragen:

 

„Was tust Du, wenn Dir was passiert?“
Dann kamst Du nachher grinsend an
und meintest: „Hat ja funktioniert.“
Das ändert aber nichts daran,

 

dass ich inzwischen klar erkenn:
Es ist bescheuert, was Du machst.
Das sag ich Dir persönlich, wenn
Du aus dem Koma noch erwachst.

Deutscher Freiheitsbegriff – Michael Feindlers Monatsgedicht

Michael Feindler hat ein neues Monatsgedicht und auch ein neues Bühnenprogramm.

„Worum es dabei geht?“ fragt er in seinem Newsletter. „Zum Beispiel darum“:

Deutscher Freiheitsbegriff

Ihr dürft mich online überwachen,
mich arm und dadurch kränker machen,
an Eure eig’nen Lügen glauben,
mir schließlich meine Würde rauben,
doch lasst mir bitte dreierlei,
dann fühl ich mich auch künftig frei:
Böller, Wurst und Raserei.

Appetit bekommen? Das neue Programm gibt’s hier:Ihr Standort wird berechnet„.

Im Ankündigungstext heißt es: „Im neuen Bühnenprogramm unternimmt Michael Feindler den Versuch einer Standortbestimmung, und zwar für die Menschheit im Allgemeinen: Zwischen ökologischem Kollaps, Demokratiekrise und unübersichtlichen Datenströmen will er Freiraum für politische Visionen schaffen. Das ist anmaßend, aber womöglich der einzig realistische Weg aus den Dilemmata“. Feindler meint das ernst. Nichtg nur im Kabarett. Darum schließt er in seinem Newsletter auch mit den Worten: „Vielleicht sehen wir uns ja an irgendeiner Bühne. Oder auf der Straße – aus gegebenem Anlass.“

Unsichtbar: Kinder & Jugendliche in Pflegeverantwortung

Von Turid Müller

Sie leben mitten unter uns. Und doch ist den Wenigsten bewusst, dass es sie gibt: Junge Pflegende. Eine Initiative setzt sich nun dafür ein, sie in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen. Ein Lied soll dafür sorgen, dass nicht nur der Kopf, sondern auch die Gefühle angesprochen werden.

Es ist das erste Mal, dass ich vor einer Fernsehkamera stehe, die sich nicht jenseits der Bühne im Publikum versteckt. Sie wird direkt vor meiner Nase sein. Etwas nervös steige ich mit Hanneli Döhner aus dem Taxi, das uns zum Drehort bringt: Der Wohnung von Julika Stich, der Gründerin von Young Helping Hands. Die Dokumentation, die heute um einige Szenen bereichert wird, bringt einen Beitrag über sie. Über ihr Leben, ihre Geschichte und ihr Engagement. In der Sendung wird es um junge Pflegende gehen. Eine Menschengruppe, die in Deutschland fast vollkommen untergeht. Sogar in Politik und Wissenschaft!

Die Tür schwingt auf und schon geht es los: Als ich Julika Stich und Janine Adomeit endlich persönlich kennenlerne (bislang haben wir lediglich telefoniert und gemailt) hängt bereits eine Tonangel über uns. Aber was sich in den ersten Minuten anfühlt wie Beobachtet-Werden, wird bald zur Gewohnheit. – Nicht zuletzt auch Dank des feinfühligen Film-Teams. Rund um die gemütliche Sitzgruppe entspannen wir uns in ein wirklich bewegendes Gespräch. Mein Wille, mich für diese Sache als Botschafterin einzusetzen, wächst immer mehr: Unfassbar, dass statistisch gesehen in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder betroffen sind! Und niemand weiß davon! Und das mit schwerwiegenden Folgen: Statt den Kids zu helfen, drohen Strafen für nicht gemachte Hausaufgaben und Schulschwänzen! Höchste Zeit, das öffentlich zu machen! – Und dafür sind wir schließlich hier.

Als erstes stimme ich mit meiner Morgenstimme und noch etwas wackelig in der vorm Frühstück erdachten Melodie den Song an, den ich am Vortag getextet habe. Die Reaktion überwältigt mich: Glänzende Augen. Ich bin sehr glücklich, dass es mir offenbar gelungen ist, die Essenz einzufangen. In Telefonaten und Mails mit Julika Stich und Janine Adomeit und mit Hilfe der bereitgestellten Informationen habe ich das für mich recht unbekannte Thema erforscht und in zwei Strophen, zwei Refrains und einer Bridge gebündelt. Gemeinsam diskutieren wir den Text und seine Wirkung. Die Musik soll ein Weg in die Herzen sein. Informationen allein sind nicht genug, um Menschen zu erreichen. Um sie zu bewegen braucht es mehr als den Kopf.

Es entspinnt sich ein Gespräch über die Wege der Öffentlichkeitsarbeit, die wir gemeinsam angehen wollen. Über die Probleme des Pflegesystems, das bislang oft übersieht, dass zu pflegende Personen Kinder haben, die ebenfalls Unterstützung benötigen. Und über die weiteren Dreharbeiten. Denn nach der ersten Ausstrahlung am 24.03. um 17:30 in der ARD in der Reihe Echtes Leben wird eine weitere, umfangreichere Version gesendet werden.

Wer vor März schon mal ein bisschen rein gucken möchte, kann das übrigens online tun: Auf der Facebook-Seite finden sich ein Einblick in die Dreharbeiten und viele informative Beiträge zum Thema. Teilen ist ausdrücklich erwünscht. Den es geht ja darum, #youngcarers ins Gespräch zu bringen. Und das scheint wirklich bitter nötig: Meine Facebook-Posts dazu jedenfalls haben so viel Resonanz erlebt wie selten zuvor! Es stimmt wohl wirklich: Viele Menschen haben etwas Ähnliches erlebt. Und viele von ihnen haben lange dazu geschwiegen. Die Gründe sind vielfältig. Aber so oder so scheint Austausch ein Bedürfnis zu sein. ‚Sorgen wir dafür‘, nehme ich mir vor, ‚dass Junge Pflege kein Tabu mehr ist!‘ – Nur dann ist es möglich, betroffene Familien angemessen zu unterstützen.

Als ich an diesem Tag nach Hause komme, habe ich viel gelernt. Ich bin berührt von der geballten Power, die ich heute erleben durfte. Und wild entschlossen, mein Amt als Botschafterin gut auszufüllen. Außerdem habe ich etwas über mich verstanden: Das ist mein Ding, meine ganz spezielle künstlerische Nische: Durch die seelische Brille, die ich als Psychologin nun mal aufhabe, auf politische und gesellschaftliche Verhältnisse blicken. Die Erlebnisse Betroffener in eine Form bringen, die sie mit ihren Erfahrungen abholt und diese einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Ich bin Dolmetscherin, die mit Texten und Tönen um Verständnis wirbt. Musikalische Lobbyistin für diejenigen, die in unserer Welt keine Lobby haben.

Übers Ziel hinaus

Von Turid Müller

Wie Julia Hagemann Jesus wiedergefunden, Schubladen über Bord geworfen und einen Wettbewerb gewonnen hat.

Julia Hagemann ist ein Celler Unikat. Wenn sie nicht gerade die Celler Schule mit ihren aberwitzigen Reim-Übungen zum Zählen und zum Lachen bringt oder quer durch die Republik Gesangsunterricht gibt, steht sie auf inländischen Kabarett-Bühnen oder wandelt auf fremdländischen Pilger-Pfaden. – Aber so eine kurze Zusammenfassung wird ihrer Vielfalt gar nicht gerecht. Das zeigt nicht nur ein Blick auf ihre Homepage, das zeigte auch jüngst ihre Nominierung für den Autorenwettbewerb auf der multimedialen Plattform  www.travelepisodes.com. Und den hat sie dann auch gewonnen. Mit ihrem Reisebericht „Übers Ziel hinaus“.

2018 hatte es die Jury nicht leicht: „Fünf Geschichten haben die gleiche, höchste Punktzahl bekommen – deswegen haben wir entschieden: alle fünf kommen ins Buch!“. Aber für Jurymitglied Christoph Rehage ist klar: „Julia Hagemann hat mich mitgenommen. Ich möchte von ihr ein ganzes Buch lesen, egal, zu welchem Thema“. Und sein Wunsch ist dabei wahr zu werden:

Ab dem 04.06. kann er, und können wir alle, das Buch bestellen, das aus dem Wettbewerb hervorgegangen ist – zum Beispiel hier. Es geht darin um die Lust daran, allein zu reisen: „Jeden Tag nach den eigenen Wünschen und Vorlieben leben? Die Freiheit, zu bleiben oder zu gehen, wie es einem beliebt? Im eigenen Tempo reisen, ohne Kompromisse eingehen zu müssen? Das Solo-Reisen öffnet verborgene Türen und fremde Herzen, es macht verwundbar, aber auch empfänglich für die Wunder der Ferne.“ Und auch „Übers Ziel hinaus“ ist dabei. Wer nicht warten kann, kann schon mal rein lesen – zum Beispiel in die Erlebnisse von Julia Hagemann, die mit Humor und Tiefgang ihre (vorerst!) letzten Tage auf dem ersten Camino beschreibt: www.travelepisodes.com/reise/uebers-ziel-hinaus/ – Und ein ganzes Buch steht auch in Aussicht… 

Aber Vorsicht! Ihr Reiseblog, dessen Auszüge wir hier lesen, hat Suchtpotenzial. Wer die Dosis erhöhen, und virtuell mitreisen möchte, kann das zwar tun. Allerdings sind die Blogs von Julia Hagemann bisher nicht online zu finden: „Ich glaube, ich schreibe anders, dichter und persönlicher, wenn ich denke, ich schriebe für meinen Freundeskreis,“ so die Autorin des Email-Blogs. ‚Leise Reisemeise‘ (bei einer Doppelmoppelei entstanden) ist dabei ihr Pseudonym und Blog-Name. Im letzten Sommer und Herbst hat sie 30 Reisemeisen geschrieben und als Privatblog in Mailform an FreundInnen und Verwandte geschickt. 2017 hieß das „Schnitzeljagd am Rande des Atlantiks“. Und vermutlich wird daraus bald ein Buch. – Wenn nicht im Malik-Verlag, dann woanders, eine e-Book-Fassung ist in Arbeit. Wenn es soweit ist, gibt’s hier den nächsten Artikel zur leisen Reisemeise.

Für alle, die so lange nicht warten wollen gibt es Hoffnung: „Wer die „Blogs“ lesen möchte, kann mich anmailen (jhhag@gmx.de) und bekommt die Datei,“ stellt die Offline-Bloggerin in Aussicht. Wer in den Verteiler aufgenommen werden möchte, schreibt in den Betreff am besten „bitte in den Reiseverteiler“. Vielleicht unternimmt die Autorin aber auch bald eine Reise in die Weiten des World Wide Web: „Möglicherweise mache ich die nächste Reise tatsächlich in öffentlicher Blog Form, zu Weihnachten habe ich einen Webseitenoptimierungskurs für eins dieser Blogprogramme bekommen.“ 

Wie sie zum Reisen gekommen ist, habe ich Julia Hagemann gefragt. Denn ihre Reise-Dosis geht weit über die üblichen paar Wochen im Jahr hinaus. Ihre Antwort: „Keine Ahnung. Es treibt mich dazu – und das immer mehr. Der Anfang“, sagt sie, „war eine dieser Abschluss-Visionen am letzten Tag der Celler Schule, wo in meinem Text plötzlich drinstand: ‚Ich reise durch die Welt und schreibe Lieder. Das halbe Jahr Bali war erst der Anfang.‘ Und dann wusste ich, ich kanns nicht länger aufschieben, ich MUSS nach Bali. Und so eine Reise kann man nicht für vierzehn Tage machen, das lohnt erst ab zwei Monaten. […] Jedenfalls war ich nach Bali versaut fürs sesshafte Leben und wollte gleich acht Monate später wieder hin. […] Nur um dann zu merken, dass eine wiederholte Neuentdeckung keine Neuentdeckung mehr ist.

Also zog ich für zwei Monate nach Venedig, was ein weiterer Traum von mir war. Und NACH Venedig war ich noch mehr durch den Wind […] und deswegen musste ich gleich im Sommer meinen dritten Reisetraum verwirklichen und den Jakobsweg laufen. Als zwanghafte Individualistin natürlich nicht den, den alle gehen, sondern den an der Küste. Tja, und wer einmal auf dem Camino war… Ich hatte mich ja am Anfang gewundert, wieso ich so oft gefragt wurde, „mein wievielter“ das jetzt sei.“

Und so wird es weiter gehen: „Ich bin jetzt seit Juli 2017 ca. 3200 km auf sechs verschiedenen Jakobswegen gelaufen. Aber nur zweimal in Santiago angekommen. Es sind also noch ein paar Fäden lose, die darauf warten, dieses Jahr aufgenommen zu werden.“

Die Blog-Idee hatte ganz zufällig begonnen: Um „den Daheimgebliebenen“ mitzuteilen, was sie so treibt, ohne die „komplette Zeit für Einzelmails im Internetcafé“ zu verbrauchen. Aber aus dem Bloggen ist mehr geworden als nur eine praktische Rundmail: „Es erhöht an manchen Erlebnissen kolossal den Genuss, wenn man sich schon darüber freut, wie man das nachher satirisch verwursten wird.“ Und wir LeserInnen bekommen eine Kostprobe von den vielen Erlebnissen, die Julia Hagemann dann „schreibend sozusagen ‚einweckt‘ für schlechte Zeiten oder überhaupt für später“.

Was als Mail an den Freundeskreis begann, füllt nun bald Bücher. – Auch der Blog ist also sozusagen ‚übers Ziel hinaus‘ geschossen. – Schön da!

 

Absurdes zwischen Alltag und Weltpolitik

 

Matthias Reuter unterwegs mit seinem neuen Programm „Wenn ich groß bin, werd’ ich Kleinkünstler“

Von Mario Rembold

Matthias Reuter (Foto: Peter Heske)

„Große Kunst ist immer, wenn ich das nicht verstehe“, stellt Matthias Reuter fest, kurz nachdem er die Bühne betreten hat. Da war zum Beispiel dieser Besuch in einer Kunstgalerie zusammen mit seiner Freundin, „und da hab ich vieles nicht verstanden.“ Vor meinem inneren Auge läuft sofort ein Film ab, und offenbar auch bei den anderen Zuschauern. Es wird gelacht und geklatscht, obwohl die Show gerade erst anfängt. Große Kunst, so erfahren wir, ist manchmal auch einfach „mit fünf Dübeln befestigt“. Matthias macht aber lieber Kleinkunst, verrät er uns. Zitat: „Denn das verstehe ich.“ Dann setzt er sich ans Klavier und legt los.

Es ist der 16. November 2018, und wir befinden uns gerade in Oberhausen im ausverkauften Ebertbad. Premiere: Matthias Reuter präsentiert sein neues Bühnenprogramm „Wenn ich groß bin, werd’ ich Kleinkünstler“. Links steht ein Flügel, rechts ein kleiner Tisch mit Stuhl. Am Flügel hören wir Songs über russische Hacker, denen wir Trump, die AFD und David Hasselhoff verdanken, über Kinder, die von ihren kindischen Eltern genervt sind, oder eine aktualisierte Version seines „NRW-Abitur“-Songs. Wer im bevölkerungsreichsten Bundesland sein Abi gemacht hat, der darf sich nämlich auch mal verrechnen, wenn er, sagen wir, einen Flughafen plant.

Vom Tisch aus liest uns Matthias Geschichten vor, die aus dem Alltag gegriffen scheinen und dabei das Groteske in den Mittelpunkt rücken. In einem der Texte geht es um diese Schublade, die jeder von uns zu Hause hat: die mit dem Krimskrams drin, die „Schrömmelschublade“. Doch was ist das für ein Plastikteil, das da zwischen Entlüftungsschlüssel und alten Eintrittskarten liegt? Matthias möchte es herausfinden, und das Chaos nimmt seinen Lauf. In einer anderen Erzählung erfahren wir, dass man als Kleinkünstler regelmäßig Weinflaschen von Veranstaltern geschenkt bekommt, und welche Herausforderungen damit verbunden sind.

Premiere (Foto: Peter Heske)

Zwischen Flügel und Tisch bleibt Matthias häufig stehen, um scheinbar aus dem Stegreif Anekdoten zum Besten zu geben. Es kommt sogar vor, dass er mitten im Song die Tasten loslässt und aufsteht, weil ihm da etwas einfällt, das er jetzt erzählen muss. Wir wissen nicht, wie viel aus den Geschichten und Berichten tatsächlich aus dem Leben gegriffen ist, doch ganz gewiss hat Matthias einen Blick für das Absurde zwischen Alltag und Weltpolitik. Manchmal ist es auch die ganz eigene Art, wie er etwas erzählt, das uns im Publikum zum Lachen bringt. Ein kurzer Satz aus seinem Mund, leicht eingefärbt in eine Prise Ruhrpott, kann ganze Bilder und Geschichten im Kopf des Zuschauers entstehen lassen.

Wer ihn noch nicht live gesehen hat, mag sich nun fragen: Ist das Comedy oder Kabarett? Matthias Reuter beweist, dass dieses typisch deutsche Schubladendenken manchmal zu kurz greift. Nein, es gibt in seinem Programm keine Schenkelklopfer. Wir hören keine flachen Gags über das andere Geschlecht oder über peinliche Liebschaften. Auf der anderen Seite macht Matthias aber auch kein Zeigefinger-Kabarett. Statt über „die da oben“ herzuziehen, zeigt er humorvoll, wie Demokratie im Kleinen bei jedem einzelnen von uns beginnt (und was Ernie und Bert damit zu tun haben). Aber genau das ist eben auch eine Haltung in einer Zeit der Shitstorms und Empörungen.

Die zwei Stunden sind schnell vorbei, doch es gibt noch eine Zugabe: Matthias geht „Rentner fischen im Hallenbad“. Eine rundum gelungene Premiere – das sage nicht nur ich, sondern der Applaus im Saal spricht für sich und für Matthias. Wer neugierig geworden ist auf sein neues Programm: Aktuelle Termine gibt es auf Matthias’ Website.

Lach mal was mit wünschdirwas

Von Turid Müller

Sandra Niggemann ist Ärztin. Kinderärztin. Und sie weiß: Selbst die beste Medizin ist nicht alles. Das Herz ist mindestens genauso wichtig.

„Urlaub von der Krankheit“ ist das, was der Verein wünschdirwas schwerkranken Kindern ermöglichen möchte. Und es wirkt: Die Glücksmomente helfen bei der Heilung oder zumindest bei der Akzeptanz der Krankheit. Der Verein erfüllt Herzenswünsche und schenkt Vorfreude und Erinnerung rund um den besonderen Tag. Dafür werden Spenden gesammelt wie unter anderem im Rahmen von „Lach mal was mit wünschdirwas“. Das Kabarett-Benefiz-Programm findet am 06. November zum siebten Mal statt – und zwar im Pantheon in Bonn. Auf die Frage, warum sie das Benefiz-Event organisiert, antwortet Sandra Niggemann: „Weil es ein Herzenswunsch von mir ist, mein Hobby Kabarett und mein Ehrenamt zu verbinden“. Und das macht sie hochprofessionell und unter Einbeziehung all ihrer Berufe und Talente: So schafft sie durch ihre PR-Arbeit für das soziale Anliegen der Veranstaltung Öffentlichkeit und durch ihre Moderation einen Rahmen für die auftretenden KünstlerInnen.

Von Anfang an mit dabei ist Matthias Reuter. Seit kurzem ist er auch „wünschdirwas“-Botschafter. Außerdem im Lineup: Markus Maria Profitlich – ebenfalls „wünschdirwas“-Botschafter – Fatih Çevikkollu, Martin Zingsheim, Bianka Kerres & Hans Fücker. Und auch ich habe dieses Jahr die Freude und Ehre dabei zu sein. Auf dem Programm: Musik und Kabarett – es wird ein bunter Abend! Und mit drei beteiligten AbsolventInnen (Sandra Niggemann, Matthias Reuter, Turid Müller) unter den bisherigen der mit der höchsten „Celler-Quote“.

Aus dem ersten, lange geplanten und schließlich sehr spontan umgesetzten, Benefiz vor sieben Jahren ist inzwischen eine feste Größe geworden. Sandra Niggemann organisiert und moderiert seitdem für viele gute Zwecke – so zum Beispiel auch für die jährliche Matinee der Lions im Senftöpfchen. Auch hier gab es schon einige Celler-Schüler-„Einsätze.

Damals nur durch den spontanen Kauf einer CD (Und zwar mittels eines gereimten Briefes!) mit Matthias Reuter bekannt, hat sie mittlerweile selbst die Celler Schule besucht und ist Kollegin geworden. Es sind die Schnittstellen, die sie besonders reizen. So gibt sie etwa humoristisch-medizinische Vorträge für die Stiftung „Humor Hilft Heilen“ (bekannt durch ihren Gründer Eckart von Hirschhausen). Und wenn es nach ihr geht, findet sie zukünftig noch viele weitere Möglichkeiten, ihre beruflichen Welten zu verbinden.

Wer Lust bekommen hat, Helferlein der Wunschfeen zu werden, kann sich diesen exklusiven Wunsch ganz einfach selbst erfüllen. Zum Beispiel mit dem Besuch des Abends!

Sisters of Comedy – Nachgelacht

Von Turid Müller

Der 12.11.2018 ist nicht irgendein gewöhnlicher Tag: Am 12. November feiert Deutschland 100 Jahre Frauenwahlrecht. Bundesweit erinnern Künstlerinnen daran, dass es trotzdem in Sachen Gleichberechtigung noch genug zu tun gibt. – Save the date!

124 Komikerinnen stellen an 22 Spielorten unter Beweis, dass Frauen komisch sind – und zwar auf der Bühne. Das wird ja von Kollegen und Kolleginnen (!) aus der Branche gern mal in Frage gestellt. Unter anderem dieses Vorurteil gab den Anstoß für die Aktion, die ab jetzt jährlich stattfinden wird, wenn es nach den „Sisters“ geht, die sich zusammen geschlossen haben. Denn auch in unserer Branche klafft noch immer eine Lücke zwischen Soll und Haben der Gleichstellung: Im Kleinkunst-Bereich ist es keine Seltenheit, die einzige Frau am Abend zu sein. Und das liegt nicht unbedingt am Frauenmangel, wie zum Beispiel Kollegin Anny Hartmann eindrucksvoll mit ihren ‚Gelben Seiten für Machos‘ zeigt: Auf ihrer Homepage sammelt sie die Daten von Kabarettistinnen. Und – voila: Es gibt sie! – Sie werden nur nicht eingeladen. Je höher Frau nach oben kommt auf den Brettern, die die Welt bedeuten, desto dünner wird die Luft. Da geht es uns nicht viel anders als den Frauen in anderen Berufen.

In der Pressemitteilung des Netzwerkes heißt es:

 

„Vor 100 Jahren durften Frauen zum ersten Mal wählen. Und heute? Wählen sie immer noch: ob sie Kinder kriegen oder Karriere machen, ob sie ein Dirndl oder einen Antrag auf Hartz IV ausfüllen, ob sie sich damit abfinden, dass Männer immer noch mehr verdienen oder ob sie Krawallschachteln werden, die sich wehren. Frauen sind Bundeskanzler und Verteidigungsminister. Frauen haben eigene Parkplätze. „Ja, was wollt Ihr denn noch?“ hört man da oft. Vieles! Mehr Gehör, mehr Rechte.

Ja, Frauen sind komisch, viele sogar beruflich. Und die haben sich jetzt endlich zusammengetan und „den Richtigen“ gefunden. Den richtigen Moment, um ein Zeichen zu setzen! Denn: Humor ist die Reinform des Widerstands!

In Zeiten, in denen man wieder über Frauenrechte und Meinungsfreiheit diskutieren muss, der Wind von rechts weltweit schärfer bläst und auch in westlichen Kulturen ein sehr konservatives Frauenbild neu propagiert wird, gehen die Komikerinnen in die Offensive! „Sisters of Comedy – Nachgelacht“ ist fernab von Witzen über Frustshopping und Bindegewebe – keine Frauenquotengala, keine Männerschelte, einfach eine grandiose, fulminante Show, mit allem, was Deutschlands brodelnde Komikerinnen-Szene zu bieten hat: Comediennes, Musik-Kabarettistinnen, Poetry-Slammerinnen und noch viel mehr.

Als ob das noch nicht guter Zweck genug wäre, spenden die Sisters of Comedy einen Teil der Einnahmen an lokale Frauenhilfsprojekte, die sich auch an Ort und Stelle präsentieren.“

Ich habe das Glück, im Polittbüro in Hamburg als Patin die Veranstaltung zu managen. Und das Lineup unserer Show (wie auch das anderer Städte) kann deutlich mehr als nur Spuren von Celler Schule enthalten: Mit dabei zum Beispiel Katie Freudenschuss und Anette Heiter. Daneben aber auch Karmen im Nebel – und Sandra Kreisler, die moderierend durch den Abend führt. An den Tasten: Der Quotenmann des Abends: „Mein“ Pianist: Stephan Sieveking. Dem Spielort und dem Thema gemäß haben wir inhaltlich eine eher politische Ausrichtung. Wer nicht so Comedy-affin ist, findet hier also sicher auch was „Vollkörnigeres“.

Gleichberechtigung geht ja bekanntlich alle an. Und ich finde es großartig und leider nötig, dass sie auch in unserer Branche diskutiert und zum Thema gemacht wird. Insofern freue ich mich, wenn Ihr die Werbetrommel rührt, Pressekontakte zur Verfügung stellen mögt, auf andere Art einen Beitrag leisten wollt – oder einfach vorbei schaut und Euch von unserem Programm berühren lasst!

In unserer kleinen Welt aber vor allem in der großen Welt da draußen ist das gleichberechtigte Miteinander aller Geschlechter noch immer eine Baustelle. Sisters of Comedy möchte mehr sein als nur eine Show. Es geht auch und vor allem darum, das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit auf die Sache zu lenken. Also: Packen wir’s an!

Jour Fixe – Astgabelungen zum Nestwerken

Von Turid Müller

Rückblick auf den Jour Fixe am 20.08. in Hamburg und Impulsgeber für mehr dieser magischen Meetings.

Die ersten beiden Kolleginnen sind schon da, als ich in dem Restaurant eintrudele, wo diesmal das Treffen der ExcellentInnen stattfindet. Tobi und Edith sind in der Stadt und haben zum Jour Fixe geladen. Schon im Vorfeld zeichnet sich ab: Es wird einer der am besten besuchten ever.

Jour Fixe in Hamburg am 20.08.2018

Nach und nach füllt sich das Tischchen auf der sonnigen Terrasse und gemeinsam ziehen wir um ins eigens reservierte Separee. Schnell wird aus dem lockeren Vorgeplänkel der kollegiale Austausch, den ich so schätze: Wir klopfen uns gegenseitig ab: Wie es so geht, welche Anliegen wir mitgebracht haben, welche Texte. Und schon als die ersten Gläser serviert werden, tauchen wir ein ins Coaching. Die Musik ist extra für uns ausgemacht worden – so können wir unsere Songs ansingen und uns besser verstehen, an der wachsenden, eckigen Tafelrunde. Es wird diskutiert, Ideen fliegen durch den Raum. Und schon bald verschwinden die ersten Textblätter – inzwischen eng beschrieben mit Anregungen – in den Taschen.

Natürlich darf auch das traditionelle Spielen nicht fehlen! Nachdem wir alle satt sind, gibt es zum Nachtisch Blindgedichte – das geht immer! Beim Lesen – und vor allem beim Lachen – sind wir endlich einmal lauter als der Nachbartisch. Wir teilen uns den lauschigen Nebenraum mit einem PädagogInnen-Zirkel, der sein Verhalten vermutlich längst streng abgewatscht hätte, hätten es die SchülerInnen im Unterricht an den Tag gelegt. – Naja, wir sind flexibel: Auch das ein Thema für ein Blindgedicht!

Die ersten gehen. Es bröselt. Zum zweiten Spiel kommen wir gar nicht mehr. Die aufgelösten Reihen geben Gelegenheit für persönlicheren Austausch: Erlebnisse, Bücher, Karriere-Tipps…

Ich bin schon mit bühnenfertig gecoachten Songs, Buchungen, privaten Übernachtungsmöglichkeiten nach Shows und vielen neuen guten Kontakten und sogar Freundschaften aus unseren Runden raus gegangen, und kann sie daher nur empfehlen. Wie immer im Umfeld der Celler Schule aber ist das Schönste: Der Geist des Nestwerks, der immer und überall spürbar ist – im wertschätzenden, liebevollen und interessierten Austausch und Umgang miteinander.

Manchmal spreche ich mit KollegInnen, die (Wohnorts-bedingt) weniger reich mit solchen Celler-Abenden gesegnet sind als Hamburg. Es scheint den Wunsch nach mehr Vernetzung zu geben. Daher möchte ich mit diesen Zeilen ein Plädoyer für das Ritual „Jour Fixe“ halten. – Dazu muss man übrigens nicht darauf warten, dass Edith und Tobi in die Stadt kommen. Eigeninitiativ geht’s auch: Wenn zwei oder drei im Namen der Celler Schule versammelt sind…

In diesem Sinne: Who is next?

Wie ich die goldene Säge gewann. – Ein Bericht von Feli rockt vom 4.8.2018

Ein Artikel von Karla Feles

Es ist wahnsinnig heiß, bin voll durchgeschwitzt, denn ich habe seit kurz vor 11h etliche Miniauftritte absolviert. Mein Auftrittsstart war bei Station 1 am Herder Tor, und danach konnte man 17 weitere  Stationen in der Alt- und der Innenstadt von Osnabrück  bespielen. Alle hab ich nicht geschafft.

Es blieben tatsächlich öfters Menschen stehen in kleinen oder größeren Gruppen. Sehr nett einmal, wie sich eine Dreijährige einfach vor mich hin auf den Gehweg setzte, und die pädagogisch wertvolle Mutter die Lütte nicht wegzog, sondern sich dazu hockte. ’n paar Euro gab’s auch hier und da, speziell für meine Hamburger Lieder.

Der Jury, die überall rumhörte, schien ich zu gefallen. Na gut, ich hab mich auch besonders ins Zeug gelegt, als die Truppe auftauchte…

Gerade läutet es zur vollen Stunde vom nächstgelegenen Kirchturm und die Spielzeit ist geschafft. Ich sitze unterm Sonnenschirm vor einer ehemaligen Eisschokolade und bin gespannt auf später.

17h, Haus der Jugend. Bin ausgeruht, hab  gefuttert und mir ordentlich Flüssigkeit zugeführt. Aufm Flipchart hab ich mich für die offene Bühne soeben ein- und gleich wieder ausgetragen, weil- ich hab es gerade erfahren- ich tatsächlich bei den Preisträgern bin und eh spielen werde, um 21.40h nämlich. Aha, als Letzte? Ja, ich sei der Headliner, sagt Kuno, der Hauptorganisator. Uhhh, Spannung steigt: Wie das wohl wird im gut besuchten Hof des HdJ  auf der großen Bühne…? Und zugegeben: Es war nicht so leicht, sich auf die Künstler der Offenen Bühne einzulassen, ich war mit den Gedanken oft woanders. Kein Wunder, oder?

20h. Zusammen mit Jeske und Heske, über deren Erscheinen ich mich sehr freue, höre ich den Darbietungen der „Sonderpreise“ zu. Wir kommentieren die 4 Acts gebührend, aber nur ganz leise.

21.45h, es ist soweit! Marcus Riemann, unser Moderator, erklärt, nach welchen Kriterien die Jury ausgewählt hat: -Musikalität -Kommunikation mit dem Publikum -Textgüte -Originalität -Authentizität. Auch schräg durfte man sehr gerne sein! Und jetzt:

„Aus Hamburg! Zum ersten Mal dabei! Und gleich die goldene Säge gewonnen! Feli rockt!“ Ich stürze auf die Bühne (zum Glück nicht auf d e r Bühne!), Akkordeon in Hand, und ha! Da schimmert es mir entgegen, das goldene Werkzeug, das mir zusammen mit einem Preisgeld und einer liebevollen Umarmung von der Tochter des GS-Erfinders überreicht wird. Nun spielen!

Ich bin nicht auf-, nur voll angeregt. Diese Athmosphäre mit den vielen zuhörwilligen Menschen, der warme Sommerabend, ein schönes Weizen…Ich danke noch fix den zwei Personen, ohne die ich nicht hier wäre: Edith Jeske, die mich ganz am Anfang auf den Liedermacherpfad geschubst hat, und Markus Riemann, der mir in HH dieses Liedermacherfest ans Herz gelegt hatte.

Dann los: Eins, zwei, drei Lieder mit Akkordeon laufen super. Bei Nr vier, nachdem Gaby mir ihre Gitarre hochgereicht hat, verhaue ich aber gleich den ersten Barrégriff, Mist. Mein Kommentar: „Äh, das war ’n falscher Akkord, aber nur wegen der falschen Gitarre. Ich spiel jetzt lieber was Anderes.“ Lacher. Und ne Zugabe darf ich trotz vorgerückter Stunde auch noch, passend betitelt mit  „Jetzt ist Schluss“, wieder auf dem  Akkordeon.

Und das war’s. Noch Sekt von Edith, Sekt von der Jury und kleines bisschen Selters dazwischen.

Boahhh, war das ein voller, toller Tag! Nun bin ich eine glückliche Goldenesägebesitzerin.

Es muss ja nicht immer Hollywood sein! – Katie Freudenschuss live im TV.

Turid Müller im Gespräch mit Katie Freudenschuss

„Bis Hollywood is eh zu weit“ heißt ihr aktuelles Programm. Aber an prominenter Stelle ins hiesige Fernsehen hat sie es in letzter Zeit gleich drei Mal geschafft.

 

„Seit 2014 bin ich solo in dem Genre unterwegs“, erzählt die Songschreiberin, Sachensagerin und Comedienne. Im TV war sie schön öfter – unter anderem bei Ladies Night oder Pufpaffs Happy Hour. Aber in den letzten Monaten hat sie gleich drei Meilensteine erreicht: Zwei Live-Aufzeichnungen – beim hr (hier sogar mit live-Improvisation) und beim 3Sat. Und eine Einladung in die Anstalt: „Das ist etwas Besonderes! Da habe ich mich sehr drauf gefreut!“ sagt sie über den Besuch in der Anstalt, ihre „Lieblingssendung in dem Segment“.

„Und“, fügt sie hinzu „ich hatte einen riesen Respekt. Weil ich bin ja gar nicht politisch politisch. Also im Sinne von solidem Hintergrundwissen. Meine Stärke ist eher die Frage zu stellen: Wie fühlen sich die Menschen in einer Situation, die auch politisch ist?“

Offenbar hat gerade das die bekannte Kabarett-Sendung sehr bereichert, denn im Rückblick nach dem schönsten Moment befragt, verrät die Sängerin: „Einer der schönsten Momente war eigentlich nach der Sendung. Rückmeldung auf Augenhöhe von jemandem, zu dem man selbst so aufschaut.“ Ihre Texte kamen gut an, und „die Kraft ihrer Musik“.

„Der ganze Prozess ist toll“, erzählt die Pianistin begeistert von den Erlebnissen der intensiven Vorbereitungen. „Wie sich das gegenseitig beflügelt. Das Miteinander auf der Bühne! Wie die Werke ineinander greifen!“ Das täte ihr gut; sie sei eigentlich ein Teamplayer. Und lachend ergänzt sie: „Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist, mit diesem Soloprogramm.“

Wie sie diese aufreibenden Tage vom ersten Reading bis zur Live-Sendung durchgestanden hat? Antwort: Ein Kompliment an die Celler Schule: „Je besser das Handwerk, desto besser funktioniert man in Stress-Situationen!“ Und nachts um vier vorm Sendetermin danach befragt, ob man aus der spontanen Improvisation vorhin in der Pause nicht eine Nummer schreiben wolle, erinnert man dann eben, „dass das wichtige Wort nicht auf der unbetonten Zählzeit sitzen sollte.“ Auch sowas wie die Vorgabe, ein Programm ohne nennenswerte Toleranzzeit in einen vorgegebenen Zeitrahmen zu bringen, ist Teil des Jobs: „Das ist nicht besonders poetisch – aber es gehört halt auch dazu.“

Die Angebote von den Sendern waren ein wichtiger Beweggrund, ihr Programm noch ein weiteres Jahr zu spielen. Aber schon bald, gibt es die ersten Try Outs vom neuen Programm:

Am 14.09. gibt es eine Vorpremiere in der Motte in Hamburg, und am 15.10. im Lutterbeker. Die endgültige Premiere findet dann im November in der Schweiz statt. Und wir sind die ersten, die den Titel der neuen Show erfahren (Trommelwirbel!):

„Einfach Compli-Katie“

„Ein Experiment“, zwinkert Katie. „Wegen des teilweise älteren Publikums, das ja nicht so Englisch-affin ist.“

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Das Konzept ist klar. Aber es wird aufregend. „Wir lassen uns überraschen!“ sagt sie selbst. – Und ich trage die Termine fürs Try Out in meinen Kalender ein und denke an Mark Twain:

„Gäbe es die letzte Minute nicht, so würde niemals etwas fertig.“