Verdeckter Narzissmus in Beziehungen – ein Ratgeber

von Turid Müller
Normalerweise schreibe ich hier über die Projekte anderer ExCellent*innen. Heute möchte ich mal über eines meiner kreativen Babys sprechen. Denn es hat Geburtstag: Heute, am 16.05.2022 erscheint mein erstes Buch. Und es hat eine ganz persönliche Geschichte…

„Narzissmus“ ist ein Modewort. Genau wie „toxische Beziehung“ oder „Gaslighting“. Aber hinter diesen Anglizismen verbirgt sich etwas sehr Reales, das noch immer unter dem Radar, und somit besonders gefährlich ist: Narzisstischer Missbrauch ist ein Angriff auf die Persönlichkeit. Er unterhöhlt das Selbstwertgefühl und kann schwerwiegende seelische und körperliche Schäden nach sich ziehen: Von Depressionen über Fatigue bis hin zum Suizid.
Ist dieser emotionale Missbrauch aber so gut versteckt, dass nicht mal die Leidtragenden merken, was sie gerade erleben, ist es kaum möglich, sich zu schützen – zum Beispiel durch den Schritt hinaus aus der krankmachenden Partnerschaft. Das ist beim verdeckten Narzissmus der Fall, auf dem in meinem Buch der Schwerpunkt liegt.

Allen, die sich fragen, ob in ihrer Beziehung was nicht stimmt, kann ich nur Mut machen, sich zu informieren. Zu leicht wird (selbst von Profis) als normales Beziehungsproblem abgetan, was in Wirklichkeit psychischer Missbrauch ist: Die einzelnen Interaktionen (despektierliche Kosenamen, eine merkwürdige Lösungslosigkeit bei gemeinsamen Konflikten, unmerkliches Kleinmachen…) können lange wie Lappalien wirken. Erst das Erkennen der Muster hilft Betroffenen, die richtigen Schlüsse zu ziehen, dem Kind einen Namen zu geben, und sich gegebenenfalls für sich selbst zu entscheiden.

Übrigens: Anders als vielfach angenommen, sind nicht unbedingt nur Männer narzisstisch. Gerade auch bei den subtileren Formen liegen die Geschlechter gleichauf. Und es wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, dass Geschlechtsrollenklischees nicht zu Fehlern in der Diagnostik führen („Es kann nicht Narzissmus sein, es geht ja um eine Frau!“), und dass auch männliche Opfer („Männer sind Täter; Frauen sind Opfer!“) ihre Verletzungen anerkennen und Hilfe finden.
Darum war es mir beim Schreiben ein Anliegen, mich im Ratgeber geschlechtergerechter Sprache zu bedienen. – Und mit Ausnahme einiger Schnitzer (schließlich ist das auch für mich Neuland) ist mir das auch gelungen. – Übrigens eine Herausforderung für die Kreativität, Formulierungen zu finden, die keinem Geschlecht zuzuordnen sind!
Wer sich selbst von der viel zitierten „Lesbarkeit“ überzeugen möchte, oder einen Eindruck vom Thema bekommen will, kann online eine Leseprobe einsehen oder das Buch erwerben.

Das Erscheinen dieses Ratgebers ist für mich ein Erfolg in mehrfacher Hinsicht. Die Autorin in mir freut sich natürlich sehr über diesen Meilenstein – der übrigens ohne zahlreiche hilfreiche Hände aus dem Umfeld der Celler Schule so nicht möglich gewesen wäre.
Doch auch die Privatperson kommt auf ihre Kosten: Dies ist ein persönlicher Scheiße-zu-Gold-Moment in meinem Leben. Denn was im Buch beschrieben wird, habe ich selbst erlebt.
Darum möchte ich allen, die mich auf dieser Reise unterstützt haben, aus vollem Herzen sagen: Danke! Dieser Prozess war und ist für mich ein kraftvoller und heilsamer. – Und ich hoffe, das Buch kann etwas davon weitergeben.

Anker: Video-Release von Mackefisch

Von Turid Müller
„Du bist das Pflaster auf die Wunde, die ich ohne dich nicht hätte.“ – Ein Kleinkunst-Duo und Paar verarbeitet musikalisch die Höhen und Tiefen von Liebesbeziehungen. Und: Es ist mal wieder ein Produkt der Celler Großfamilie…

… denn die Grundbausteine sind im Band-Camp der Celler Schule entstanden:
„Die Grundbausteine für den Text kamen mir tatsächlich in der Celler Schule,“ verrät Peter Fischer – der „Fisch“ in Mackefisch. Beim Band-Camp im Bereich Chanson entstand unter der Leitung von Rainer Bielfeldt gemeinsam mit ihm, Thomas Lienenlüke und Feli (Karla Feles) das Lied „Die Hölle, die mich wärmt“, das den Weg in Rainers Bühnenprogramm fand. Peter Fischer erinnert sich:

„Irgendwann fehlte uns vor allem noch eine Bridge und wir hatten die Aufgabe, jeder soll mal bis zum nächsten Tag allein ein bisschen brainstormen und Textideen sammeln.“ Und das war die Geburtsstunde des neuen Songs:

„Da entstand bei mir dieser ganze „Pflaster-auf-die-Wunde-die-ich-ohne-dich-nicht-hätte“-Refrainteil. Der aber dann viel zu umfangreich war, und für das eigentliche Lied nicht so gut passte. Also hab ich ihn erstmal „behalten“ und er lag ne ganze Weile bei mir in der Schublade. Als ich deutlich später dann mal ein eigenständiges Lied daraus basteln wollte, kam ich nach einer Weile nicht so recht weiter.“

Aber an der Stelle kam dann die andere Hälfte der 2-Personen-Band ins Spiel: Lucie Mackert. Von ihr stammen die Strophen. Und gemeinsam haben die beiden am Rest gefeilt.

Auch die gesamte Song-Produktion lief in kompletter Eigenregie: „Wir haben die Corona-Zeit und auch Fördergelder genutzt, unsere Homerecording-Möglichkeiten zu professionalisieren; ich habe außerdem eine Ausbildung zum Audio-Engineer angefangen, die uns ermöglicht, die Produktion in eigene Hände zu nehmen. Das ist besonders spannend, da wir ja viel mit untypischen Instrumenten (z.B. Banjo-Ukulele), eigenen Klängen, selbstgebastelter Percussion (Koffertrommel, Reisbrett-Snare…) usw. arbeiten und so auch viel kreative Arbeit in die Musik stecken können. Und da wir es selbst produzieren, haben wir etwas besser die Möglichkeit und können wir uns es auch leisten, da bei Bedarf etwas kleinteiliger dran rumzutüfteln.“

Das Video, das die beiden unter der Dusche gedreht haben, wurde heute veröffentlicht.
Im Pressetext heißt es: „Ihr neuestes Release „Anker“ ist eine Hymne auf die Zweisamkeit. Denn die ist wunderschön. Und schlimm.“

Der Ankläger – Ein mutiges Musical mit Texten von Anette Heiter

von Turid Müller

Fritz Bauer. Schon von ihm gehört? Nein? Eben! – Das soll sich ändern! Und zwar mit dem neuen Musical von Patrick Bach und Anette Heiter…

Anette Heiter und Patrick Bach

Das Stück, das extra für Aufführungen an Schulen entwickelt wurde, möchte zum Nachdenken anregen. Über die Geschichte eines Mannes, der politische Verfolgung, Flucht und Anfeindungen überlebt hat, und der mit demokratischen Mitteln für seine Werte eingetreten ist:
Fritz Bauer, Sozialdemokrat und Jude, war Amtsrichter. In der NS-Zeit musste er sein Amt abgeben und wurde in einem KZ inhaftiert. Nach seiner Entlassung gelang ihm die Flucht ins Exil. Als der Krieg vorbei war kehrte er nach Deutschland zurück, wurde in Hessen Generalstaatsanwalt und kämpfte aus dieser Position heraus für die juristische Aufarbeitung der Gräuel des NS-Regimes. Dabei erlebte er keinesfalls nur Unterstützung. Um ihn auszubremsen, wurde beispielsweise seine Homosexualität instrumentalisiert. Doch er ließ sich nicht beirren.
Das Schulmusical über sein Leben und Wirken möchte unter anderem dazu anregen, Menschen, die als Geflüchtete zu uns kommen, mit mehr Verständnis zu begegnen.

Patrick Bach, Musiklehrer und Musical-Macher, hat die Stücke komponiert, die sich an kein Klischee halten, sondern durch alle Stile hüpfen. Anette Heiter, Celler Schule 2005, Juristin und Kabarettistin, hat die Texte geschrieben:
„Mir persönlich liegt hier eigentlich alles am Herzen“, so Heiter. „Es ist für mich eine großartige Möglichkeit, die beiden Extrem-Pole meines Lebens zu vereinen: Juristerei und Musik/Textdichtung. Die Zusammenarbeit mit Patrick, den ich schon von meiner Acapella-Gruppe Salt Peanuts her kenne, war überaus inspirierend und ich hoffe, dass wir viele Schulen finden, die Lust haben, das Musical auf die Bretter zu bringen.“ Tipps und Kontakte seien willkommen.
Gesucht wird außerdem noch Unterstützung, Playbacks aller Songs zu erstellen, um auch den Schulen eine Inszenierung zu ermöglichen, die keine Livemusik ermöglichen können. Für inhaltliche Fragen können sich die aufführenden Schulen gern an das Fritz-Bauer-Institut wenden.
Zurzeit wird an den Noten letzte Hand angelegt; demnächst geht alles in den Druck. „Und dann kann’s raus in die Welt!“

Das Auge hört mit – Sylvia Nitzsche designt Lyric Videos

von Sylvia Nitzsche & Turid Müller

Sylvia Nitzsche (CS 2007) Designerin mit großer Liebe zu Songtexten. Sie ist Expertin für Lyric Videos. Sie animierte Songtexte für Sasha, Sarah Connor, Lena, Gregor Hägele und
viele andere.
„Das Lyric Video“, schreibt die ExCellentin, „ist die kleine Schwester des Musikvideos. Lange war es in Verruf, weil Musik-Fans eingetippte Songtexte als Videos auf YouTube veröffentlichten. Unter der Bezeichnung ‚Lyric Video‘ befinden sich aber auch wahre Kunstwerke, die Suche danach lohnt sich. Das Lyric Video wird als eigenständige Kunstform immer beliebter. Pandemie-erschwerte Drehbedingungen und der Druck ständig neuen Content zu liefern machen Musiker und Labels experimentierfreudig. Für mich als Video-Produzentin ist das Lyric Video die Möglichkeit, mit überschaubaren Mitteln einen emotionalen Film zu kreieren. Die Hauptdarsteller sind ja schon da: die Musik und DER SONGTEXT.“

Obwohl sie schon immer Musikvideos machen wollte, kam ihr erster Auftrag 2018 überraschend: „Es war eine riesige Herausforderung“, erinnert sich die Designerin. „Denn es ging um ein Lyric Video für den tollen Künstler Sasha. Ich weiß noch, wie ich nach der Video-Abgabe in einem Café saß und mich selbst feierte. So stolz war ich noch nie.“
Inzwischen hat die Künstlerin an der Tastatur zahlreiche Produktionen gewuppt und stellt uns ein paar ihrer virtuellen Babys vor…
„2020 bestellte der begnadete Songwriter Rainer Thielmann ein Lyric Video für seine Band Sonderglück. Ich hatte ein halbes Jahr Zeit, so zeichnete und animierte ich aufwendige
Illustrationen und Laufzyklen von 6 unterschiedlichen Protagonisten. Dieses Video sprüht vor kreativen Ideen (genau wie der Songtext).“
Ihr internationalstes Lyric Video war dann Troye Sivan – Take Yourself Home: 2020 zu Beginn der Pandemie suchte US-Star Troye Sivan Video-Creators aus aller Welt. Die Aufgabe war zu seinem Song „Take Yourself Home“ eine Lyric Video in Landessprache zu machen. Ich war das „German Mastermind“ für das deutsche Video. Im Film fahren wir mit der SBahn von Berlin-Alexanderplatz bis raus in die Plattenbaurandbezirke und Waldgebiete. Der Text auf der Fensterscheibe ist zurückhaltend, aber trotzdem präsent.“
Ganz aktuell ist Gregor Hägele – Paracetamol: „Bei diesem Lyric Video von 2022 im Comic-Stil steht wirklich der Text im Vordergrund. Denn auch bei Lyric Videos gilt: weniger ist mehr. Der Text soll mit uns sprechen und sich geschmeidig bewegen. Animierte Illustrationen
unterstreichen die jeweilige Emotion.“
Obwohl sie schon viel erlebt hat, bleibt für die Video-Künstlerin noch Raum zum träumen: „Ich wünsche mir, dass auch der deutsche Schlager das Lyric Video für sich entdeckt und mal ganz auf den Liedtext setzt! Auch auf MTV würde ich gern mehr Lyric Videos sehen, aber
natürlich nur welche von der guten Sorte.“
Na dann, liebe Pop- & Schlagersternchen: Traut Euch!!!

Zungenspitzer – Kleinkunstfestival und Nachwuchsförderung

Von Turid Müller
2021 ging das von Tilman Lucke ins Leben gerufene Festival samt Förderseminar erstmals an den Start. Im Sommer öffnet es wieder die Tore für Nachwuchs aus Kabarett und Comedy – und für alle, die gern mal spitzen Zungen lauschen…

Logo: Christine Zeides

„Möglich geworden“, berichtet der Gründer, „ist das Festival durch das Programm ‚Neustart Kultur‘ der Bundesregierung.“ Für Sommer 2022 ist es nun zum zweiten Mal geplant: „In Bretzfeld und Obersulm finden sechs Kabarettveranstaltungen statt,“ berichtet der ExCellent (Celler Jahrgang 2008). Bis 30. April kann man sich für das Zungenspitzer-Förderseminar bewerben, „das sich mit Komik auf der Bühne, Textarbeit, Rollenfindung, Regie, Selbstvermarktung und anderen Aspekten der künstlerischen Arbeit befasst und per Einzel- und Gruppencoaching auf die kreativen Vorhaben der einzelnen Teilnehmenden eingeht.“

Foto: Sven Bermel

Die Teilnahme an der zweiwöchigen Fortbildung ist kostenlos. Wer noch kein Videomaterial hat, kann bei der Bewerbung alternativ Texte in Schriftform einreichen.

Der Berliner Kabarettist sieht in der neuen Institution eine Chance für die Kultur-Szene: „Wir hoffen, dass das Stipendium mithelfen kann, dass sich begabte junge Menschen trotz der Corona-Krise für die Bühne als Beruf entscheiden. Das Zungenspitzer-Seminar kann dabei eine Starthilfe sein.“

Celler-Bibel goes University: Ladina prüft Songwriting-Regeln aus DEM HANDBUCH

Von Turid Müller
Wird ein Songtitel eher als Titel wahrgenommen, wenn er Teil der Hookline ist? Wird das durch Wiederholung unterstützt? Bleiben Wörter auf Power Positions den Hörenden eher im Gedächtnis? – Diesen und anderen Fragen ist Ladina Vaigt in ihrer Abschlussarbeit im Bereich Multimedia Production an der Fachhochschule Kiel nachgegangen…

„Ich bin seit 2017 viel für Songwriting Session unterwegs gewesen, durfte 2019 an der Celler Schule und am Schlagerland teilnehmen und habe seitdem im Pop, Schlager und Dance viele weitere Songs geschrieben,“ erzählt die ExCellentin.
Ihre musikalische Heimat ist also der Pop, und zwar der richtig „catchy-kommerzielle“, wie sie selbst sagt. Kurz: Die unter dem Pseudonym Ladina Viva schreibende Songwriterin kennt sich aus mit dem Thema, das sie beforscht: Catchiness – sprich: Eingängigkeit. Die im „Handbuch für Songtexter“ beschriebenen musikalischen Naturgesetzte dabei genauer unter die Lupe zu nehmen, war ihr ein ganz besonderes Vergnügen. Denn unter anderem durch Ediths und Tobis Buch, dass ihr Frank Ramond nahegelegt hat, ist sie auf die Celler Schule aufmerksam geworden: „Es war eine Riesenehre für mich, mit damals 20 Jahren dort teilzunehmen!!! Und ich bin mit meiner Celler Crew immer noch herzlich in Kontakt. Deshalb freut es mich um so mehr, dass sich der Kreis nun schließt und ich das Werk (meiner Vorbilder) in meiner Bachelor(ette)arbeit zitieren konnte!“

Knapp 100 Seiten umfasst ihre Untersuchung. Und ich darf vielleicht mal spoilern und verraten, was das durchgeführte Experiment ergeben hat – Fazit: Ja. Die Grundsätze aus dem Buch von Tobias Reitz und Edith Jeske sind nun empirisch belegt:
„Die Auswertung der Ergebnisse belegen die Funktionalität der Hookline Übereinstimmung, Power Position Positionierung sowie Wiederholungsanzahl. Wie sich herausstellte, begünstigt ein Song mit klassischer Popsongstruktur und einem prägnanten Songtitel die Wahrnehmung und Merkfähigkeit des Songtitels. Wenn diese Line der Hookline entspricht, wird sie […] häufiger als Titel wahrgenommen, als wenn der Titel unbetont mitten im Text steht. Je häufiger diese Hookline wiederholt wird, desto leichter wird sie als Songtitel wahrgenommen. Außerdem gilt, dass Wörter, die im Songtext an Power Positions positioniert sind, […] häufiger […] hängen bleiben als Wörter, die nicht an Power Positions platziert sind. Dementsprechend können diese Erkenntnisse als wirksame Methoden zur Gestaltung der Catchiness eines Songtitels für Songwriter bestätigt werden.“ – Wer mehr Details will, kann sich an die Popmusikerin wenden: music(at)ladinaviva.com – Und by the way: Die Dozierenden fanden die Arbeit wohl auch, wie Ladina sagt, „ganz nett“. Jedenfalls haben sie eine 1,0 vergeben.

Reinhören lohnt sich übrigens auch: Was sie im Corona Jahr so im lauschigen Home Studio an der Ostsee für andere DJs und Produzenten geschrieben und gesungen hat, erscheint meist hier (sowie auf Social Media unter Ladina Viva). Ansonsten arbeitet Ladina aktuell mit ihrem Producer in Berlin an ihrem englischsprachigen Pop-Solo-Projekt #power #glitter #cheers und macht nebenbei ihren Master in Medienkonzeption. – Mal sehen, welches Thema die Masterarbeit dann erforschen wird…

Mal unter uns… – Ein tiefer Blick ins Herz von Hape Kerkeling

von Turid Müller

Sein aktuelles Album zeigt den Künstler einmal ganz privat, ohne angeklebten Schnurrbart und ohne Rolle. Dafür aber mit viel Gefühl – transportier nicht zuletzt durch die Songtexte aus der Feder von Tobias Reitz.

„Da ist es nun. Das persönlichste Album in der Karriere von Hape Kerkeling. Und womöglich auch mein persönlichstes“, postet Tobias Reitz am 22.10., als Mal unter uns… das Licht der Welt erblickt. – Und so hat alles angefangen:
„Vor einem halben Jahr rief mich Musikproduzent Christian Geller an und erzählte von seiner Idee. Ich war wirklich nervös. Hape Kerkeling? Im Ernst?
Hape ist mein Hero, in vielerlei Hinsicht. Ich bewundere ihn für seine Komik, seine Improvisationen, seine Figuren, seine Vielseitigkeit und seine Art mit dem Publikum umzugehen. Wenn ich auf der Impro-, Moderations- oder Workshopbühne stehe, hab ich seine Stimme oft im Ohr. Er ist in Sachen Bühnenarbeit – warum schreib ich’s nicht einfach ganz ehrlich – mein Vorbild. Vor allem aber bewundere ich ihn dafür, dass er irgendwann die Hosen runtergelassen und wahrhaftig aus seinem Leben erzählt hat.
Ich war sogar mal sein Promoter, 2007, als Horst Schlämmer „Schätzelein“ sang und ich mich noch bei der Ariola ums Online-Marketing gekümmert habe. Kennengelernt hab ich ihn nie und eigentlich wollte ich das auch nicht. Ich hatte das Gefühl, meinem Bild von ihm kann ein normal sterblicher Mensch überhaupt nicht standhalten.
Vollkommen starstruck ging ich nun ins Telefonat, das Christian Geller arrangiert hatte.
„Sag mir, was ich schreiben soll“, sagte ich.
„Nein“, sagte Hape. „Schreib bitte das, was DU für richtig hältst. Schreib, wie du mich siehst! Du machst das schon.“
Wenn ein Künstler dir (ohne dass man sich gut kennt!) ein solches Vertrauen signalisiert, ist das beflügelnd und beängstigend zugleich. Heute weiß ich: Die Ansage „Schreib, wie Du mich siehst!“ hat mir nicht nur viel erlaubt, sondern auch den Spiegel vorgehalten. Ich habe wohl nie so viel künstlerisch über mich selbst erzählt wie auf diesem Album.“

Doch auch Hape Kerkeling fühlt sich ganz offensichtlich gut abgeholt. Den Opener des Albums, Der Weg nach Haus, beschreibt er im Promo-Video mit folgenden Worten: Anstelle einer Visitenkarte könnte ich Leuten auch sagen: Hör dir den Song an, und dann kennst du mich!“

Auf der CD ist auch eine berührende Hommage an seine Großmutter – diese bestärkende Stimme, die sich vermutlich in Der Junge muss an die frische Luft der ganzen Bundesrepublik ins Herz gepöttelt hat. Und auch Vereinsamung und Spaltung durch die Pandemie bleiben nicht unerwähnt. – Der Leerlauf in Krisenzeiten war übrigens auch ein Ideengeber für das Projekt. Da ist dem Entertainer nämlich zuhause „die Decke auf den Kopf gefallen“. Und darum gibt es nun eine Scheibe seiner niederländischen Lieblingssongs – mit deutschen Texten. Mehr Details hat er neulich auf dem roten Sofa ausgeplaudert.

Wenn auch in den Feuilletons nicht ganz unumstritten – „Mal unter uns…“ ist anders als andere Schlagerplatten, findet Tobias Reitz: „Wer in den letzten Jahren das große Gefühl, die Wertigkeit oder Wahrhaftigkeit im Schlager vermisst hat, wird hier hoffentlich fündig.“
Für ihn persönlich markiert das Album sein 20-jähriges Jubiläum in der Musikbranche: „Im Oktober 2001 wurde mein erster Text produziert.“ Übrigens kurz nach seiner Teilnahme an der Celler Schule, aus deren Leitungs-Team er heute nicht mehr wegzudenken ist.
Die Arbeit an der neuen Platte war für den Songtexter „eine grandiose Zeit“. Und er verrät auf seiner Facebookseite weiter:
„Man trifft in diesem Beruf die faszinierendsten Menschen. Manche begleitet man nur einen Schritt weit, manche viele Jahre lang. Ich bin gerade noch dabei die letzten Schritte zu sortieren und freue mich gleichzeitig auf die Begegnungen der nächsten 20 Jahre.“ – Aber das erwähnte er wahrscheinlich nur mal unter uns…

„Mehr!“ von Axel Pätz – Das Programm zum Zeitgeist

Von Turid Müller

Neulich habe ich mich nach fast 1,5jähriger Abstinenz mal wieder ins Theater getraut. Aus Gründen: Ich wollte mir das neue Kabarett-Programm von Celle- und SAGO-Kollegen Axel Pätz anschauen. Gute Idee! – Die zwickende Maske auf meiner Nase hab ich dabei glatt vergessen…!

Foto: Alex Lipp

„Mehr!“ – Intro und roter Faden nehmen die Unart aufs Korn, das Glück in exponentiellem Wachstum zu suchen. Dazu heißt es im Pressetext:

„Wir haben es geschafft. Willkommen im Anthropozän!

Die Erde ist uns untertan, wir haben alles, was der Mensch braucht und was kein Mensch braucht, haben wir doppelt und dreifach. Wir kommen an die entlegensten Winkel der Welt, in die tiefsten Tiefen, auf die höchsten Gipfel, wir kommen auf den Mond, auf den Mars, nur auf eines kommen wir nicht: Auf die Idee mal innezuhalten, uns mal zu fragen: Wo führt das alles hin?

Denn egal, was wir haben , wir brauchen MEHR! Logisch: „Her damit“ klingt doch viel dynamischer als: „Bin bisher auch ganz gut ohne klar gekommen“

Das Wachstumsdogma ist unumstößlich, treibt uns schneller, höher, weiter auf der nach oben offenen must-have-Skala. Wer rastet, der kostet, und Kosten sind das einzige auf das wir gerne verzichten.“
„Mehr!“ ist es aber auch, was wir vom Klavierkabarettisten zu sehen bekommen: Neben den gewohnten Klassikern, die zuverlässig die Bauchmuskeln stimulieren, zeigt er auch neue Seiten. – Zum Beispiel den Auftritt eines plüschigen Kollegen: Die Handpuppe ist Fachmann für Kriegs- und Rüstungsfragen, und steht singend für ein Interview zur Verfügung. – Am Ende haben wir dieses knuffige Kerlchen so ins Herz geschlossen, dass das Publikum einen eigenen Schlussapplaus für den frechen Neuzugang einfordert. – Nur ein Rätsel bleibt ungelöst: Wie ist es Axel gelungen, zweistimmig mit ihm zu singen!?!
Besonders still wirds im Saal, als die Zugaben kommen: „Manchen von Ihnen ist aufgefallen, das einige Lieder nicht lustig waren. Jetzt kommt noch so eins. Wer das nicht mochte, hat eben Pech gehabt…!“ Und dann kommt ein Song, den ich bereits aus vertrauten Runden kenne, den ich aber immer und immer wieder hören mag, weil er mir Bilder auf die Netzhaut meiner Erinnerung ruft, die bestimmt alles sind – „aber nicht schwarz-weiss„!
Als ich nach einem Plausch das Schiff verlasse, auf dem der ExCellent (Celler Schule Jahrgang ????) inzwischen auch Ensemble-Mitglied ist, merke ich, wie sehr ich das vermisst habe: Einen Abend lang von der Kunst entführt, getröstet und aufgerüttelt zu werden, möchte ich so bald nicht wieder missen!

AUFGEBEN IST NICHT! – Die Sisters sind zurück!

Turid Müller

„Aufgeben ist nicht!“ lautet das diesjährige Motto der Sisters of Comedy. Die Pandemie hat nicht nur den Kreativen, sondern auch den Frauen schwer zugesetzt. Doch der Backlash in alte Rollenmuster ist ein Grund mehr, am 08.11. für Gleichstellung auf die Bühne zu gehen!

Seit dem wir vor ein paar Jahren 100 Jahre Frauenwahlrecht feierten, stellen die Ladies aus Kleinkunst, Kabarett und Comedy jährlich lautstark fest, dass damit noch längst nicht alles erreicht ist. In zahlreichen Shows im ganzen deutschsprachigen Raum wird gemeinsam nachgelacht. Eine der Initiatorinnen der Aktion: Dagmar Schönleber (Celler Schule 2018) – diesmal Patin in Köln. Mit von der Partie sind jedes Mal ein Haufen anderer ExCellentinnen. Und zuweilen auch ein ExCellent – wie beispielsweise mein liebevoll als „Quotenmann“ bezeichneter Pianist und Bühnen-Kollege Michael Hierer (Celler Schule 2018).
In Baienfurt spielt Anne Folger (Jahrgang 2019); in Bern Marie Diot (Gewinnerin vom Hans-Badtke-Förderpreis 2021). In Dorsten ist Jutta Wilbertz (Celle 2011), und in Oberhausen Katie Freudenschuss (Celle 2008) am Start. Die Schrillen Fehlaperlen rücken mit ihrem Quoten-ExCellenten Ferdi Riester (Celle 2018) in Neufra an. – Und ich habe bestimmt noch etliche vergessen!

Die Message ist so kurz wie klar: Geh hin! Und unterstütze nicht nur Deinen „local artist“, sondern auch die Gleichberechtigung – sowie die durch Einnahmen und Spenden geförderten sozialen Projekte!
In der Pressemitteilung heißt es:
„Wo anderen 3 G‘s reichen, bieten wir 7G’s:
Geimpft, Genesen, Getestet, Gute Laune, für Gender Gerechtigkeit – Garantiert!
Alles was wir noch brauchen sind volle Häuser.“
Und übrigens: „Männer sind herzlichst Willkommen, Humor ist für alle da!“

Lucy van Kuhl gewinnt Publikumspreis vom Stuttgarter Besen

Von Turid Müller

Als einziger Musik-Act unter Wort-Beiträgen erobert Lucy van Kuhl alias Corinna Fuhrmann die Herzen: Das Publikum des renommierten Kabarett-Preises stimmte für sie und machte sie zur Siegerin des Gerhard Woyda-Publikumspreises…

Preisträgerin Lucy van Kuhl (Corinna Fuhrmann)

… Und dieser Stups kommt gerade recht. Denn endlich geht es wieder auf die Bühne:

„Ich freue mich sehr, beim Stuttgarter Besen 2021 den Publikumspreis gewonnen zu haben!“ schreibt die ExCellentin (Celler Schule 2017). „Gerade nach der langen Auszeit bringt mich diese Auszeichnung richtig in Schwingung für die anstehenden Auftritte. Schließlich hat das Publikum mich gewählt!
Außer mir gab es noch sieben andere Teilnehmende aus den Bereichen Comedy und Kabarett, allerdings war ich der einzige Musik-Kabarett-Beitrag. Jury-Vorsitzende war die Kabarettistin Simone Solga, moderiert wurde der Abend, der auch vom SWR-Fernsehen und Rundfunk aufgezeichnet wurde, von Florian Schröder.
Ich war sehr aufgeregt, zumal ich erst ganz am Schluss drankam. Nach vier Stunden Wettbewerb eine echte Aufgabe, das Publikum (und mich selber…) nochmal aufzuwecken. Hat ja zum Glück geklappt.“

Ausschnitte kann man in der Mediathek sehen.
Worauf wir uns schon jetzt freuen können: Am 26.11. läuft im SWR dann noch ein „Best of Besen“ mit den kompletten Beiträgen der Ausgezeichneten.

Aber am schönsten (und momentan Pandemie-bedingt leider auch am Schwierigsten) ist es doch live. Also kommt vorbei und lasst Euch von den preisgekrönten Songs verzaubern!

Unser potenzieller Enkel: Ein musikalischer Appell für Generationengerechtigkeit

Von Turid Müller

Mackefisch gewinnt den Song-Contest „Funny for Future“. Ihr preisgekrönter Song ist eine komödiantische Ohrfeige für Klimaleugner und Braunkohle-Bummler.
Im Blog war neulich schon eine kurze Notiz dazu erschienen: Das Bühnen- und Liebespaar Mackefisch hat sich einem zentralen Thema der Zeit angenommen: Dem Klimawandel.
„Wir wurden damals angefragt, im Rahmen“ von „Funny for Future ein Lied zu schreiben, das sich auf humorvolle Art mit dem Thema auseinandersetzt. Das fiel uns erstmal gar nicht so leicht, da in unseren Augen die Umweltprobleme eigentlich eine viel zu ernste Sache sind, als dass man darüber Witze macht. Wir haben den Spagat eben dann versucht (Humor hilft ja auch, Menschen zu erreichen, die man mit zu viel Ernst eher abschreckt) — und unser Ergebnis wurde dann von der Jury (Eckart von Hirschhausen, Suchtpotenzial und Tobias Mann) mit dem Jurypreis bedacht“, so Peter Fischer (Celler Schule 2018) und Lucie Mackert.

Das Wettbewerbsvideo von damals ist inzwischen durch ein schickes, neues ersetzt worden. Dazu das Kleinkunst-Duo.

„Wir hoffen jetzt mal, dass in unserer schnelllebigen Zeit alle den Song auch wirklich bis zu Ende hören, denn da kommt die aufrüttelnde Ohrfeige, da beziehen wir dann klar Stellung, dass es gilt, den Kampf gegen die Klimakrise zur Priorität zu machen.“ – In diesem Sinne: Hört mal rein!

Anne Folgers Debut-Programm – Ein Selbstläufer

Von Turid Müller

Selbstläufer – der Name ist Programm!
Anne Folger ist wieder auf Tour! Und ich habe meine post-pandemische Saison eröffnet, und mir ihre Show angeschaut…

Anne Folger auf Sylt (Foto: Turid Müller)

Eineinhalb Jahre bin ich nicht im Theater gewesen! – Also… als Besucherin. Und es ist ein Fest, meinen „Spielzeitbeginn“ frisch durchgeimpft mit der Show einer lieben Kollegin zu begehen! Und dann noch in bester Gesellschaft! Und auf Sylt!
Hochsicherheitsmäßig werden wir eingecheckt: Impfzertifikat! Ist die Luca-App auch an? – Aber ohne Eintrittskarte wären wir vermutlich rein gekommen…! – Ein beruhigendes Gefühl, dass man es hier so genau nimmt, mit den Corona-Maßnahmen! Trotz aller Lücken und Verrücktheiten im System – hier gibt man sich Mühe!

Die Spannung steigt, das Licht geht an! Und da kommt sie auch schon in den Kursaal!
Freundlich. Und so sympathisch, wie ich sie auch aus dem Leben kenne. Nur mit noch ein bisschen mehr Strahlen.

Ein Tag am Strand mit Anne Folger (Foto: Turid Müller)

Sie hat uns sofort. Alle: Die musiktheoretisch Vorgebildeten, die auch bei den Ostereiern für Opern-Cracks lachen. Die, die gedacht haben, das wird Stand-up. Und sogar das Kind, das von seiner Familie mitgeschleppt wurde.

Anne Folger (Celle 2019) und ihr „Hauptarbeitsgerät“, wie sie den Flügel des heutigen Abends liebevoll nennt, nehmen uns mit durch eine abwechslungsreiche Melange:
Klavierkabarett, wie man es kennt und liebt. Kurzgeschichten aus ihrem Leben. Intelligente Comedy (Das war das Erste, was ich von ihr kennenlernte – aber ich liege immer wieder unterm Stuhl!).

Und ihr Markenzeichen: Eine virtuose Liaison aus Rock-Pop und Klassik! – GÄNSEHAUT!

Als das Saallicht wieder angeht, ist der Abend noch lange nicht vorbei! Natürlich wird er gebührend gefeiert in der (Juchhuuuuh, es geht wieder!) Außen-Gastro! Aber vor allem wirkt er noch nach: Die Welt ist plötzlich voller Insider, die mich an die Abenteuer erinnern, die ich mitgenommen habe:

Als ich vor Verlassen des Gebäudes noch mal für kleine Kleinkunst-Fans gehe, muss ich lachen, als das Wasser quietsch-blau durch die Schüssel spült. – Wer das verstehen will, dem sei Anne Folgers Debut-Programm sehr ans Herz gelegt, solange sie es noch spielt. Denn aktuell steht sie schon mit dem nächsten auf der Bühne: Fußnoten sind keine Reflexzonen! – Klar, was ich als nächstes gucke…!