Übers Ziel hinaus

Von Turid Müller

Wie Julia Hagemann Jesus wiedergefunden, Schubladen über Bord geworfen und einen Wettbewerb gewonnen hat.

Julia Hagemann ist ein Celler Unikat. Wenn sie nicht gerade die Celler Schule mit ihren aberwitzigen Reim-Übungen zum Zählen und zum Lachen bringt oder quer durch die Republik Gesangsunterricht gibt, steht sie auf inländischen Kabarett-Bühnen oder wandelt auf fremdländischen Pilger-Pfaden. – Aber so eine kurze Zusammenfassung wird ihrer Vielfalt gar nicht gerecht. Das zeigt nicht nur ein Blick auf ihre Homepage, das zeigte auch jüngst ihre Nominierung für den Autorenwettbewerb auf der multimedialen Plattform  www.travelepisodes.com. Und den hat sie dann auch gewonnen. Mit ihrem Reisebericht „Übers Ziel hinaus“.

2018 hatte es die Jury nicht leicht: „Fünf Geschichten haben die gleiche, höchste Punktzahl bekommen – deswegen haben wir entschieden: alle fünf kommen ins Buch!“. Aber für Jurymitglied Christoph Rehage ist klar: „Julia Hagemann hat mich mitgenommen. Ich möchte von ihr ein ganzes Buch lesen, egal, zu welchem Thema“. Und sein Wunsch ist dabei wahr zu werden:

Ab dem 04.06. kann er, und können wir alle, das Buch bestellen, das aus dem Wettbewerb hervorgegangen ist – zum Beispiel hier. Es geht darin um die Lust daran, allein zu reisen: „Jeden Tag nach den eigenen Wünschen und Vorlieben leben? Die Freiheit, zu bleiben oder zu gehen, wie es einem beliebt? Im eigenen Tempo reisen, ohne Kompromisse eingehen zu müssen? Das Solo-Reisen öffnet verborgene Türen und fremde Herzen, es macht verwundbar, aber auch empfänglich für die Wunder der Ferne.“ Und auch „Übers Ziel hinaus“ ist dabei. Wer nicht warten kann, kann schon mal rein lesen – zum Beispiel in die Erlebnisse von Julia Hagemann, die mit Humor und Tiefgang ihre (vorerst!) letzten Tage auf dem ersten Camino beschreibt: www.travelepisodes.com/reise/uebers-ziel-hinaus/ – Und ein ganzes Buch steht auch in Aussicht… 

Aber Vorsicht! Ihr Reiseblog, dessen Auszüge wir hier lesen, hat Suchtpotenzial. Wer die Dosis erhöhen, und virtuell mitreisen möchte, kann das zwar tun. Allerdings sind die Blogs von Julia Hagemann bisher nicht online zu finden: „Ich glaube, ich schreibe anders, dichter und persönlicher, wenn ich denke, ich schriebe für meinen Freundeskreis,“ so die Autorin des Email-Blogs. ‚Leise Reisemeise‘ (bei einer Doppelmoppelei entstanden) ist dabei ihr Pseudonym und Blog-Name. Im letzten Sommer und Herbst hat sie 30 Reisemeisen geschrieben und als Privatblog in Mailform an FreundInnen und Verwandte geschickt. 2017 hieß das „Schnitzeljagd am Rande des Atlantiks“. Und vermutlich wird daraus bald ein Buch. – Wenn nicht im Malik-Verlag, dann woanders, eine e-Book-Fassung ist in Arbeit. Wenn es soweit ist, gibt’s hier den nächsten Artikel zur leisen Reisemeise.

Für alle, die so lange nicht warten wollen gibt es Hoffnung: „Wer die „Blogs“ lesen möchte, kann mich anmailen (jhhag@gmx.de) und bekommt die Datei,“ stellt die Offline-Bloggerin in Aussicht. Wer in den Verteiler aufgenommen werden möchte, schreibt in den Betreff am besten „bitte in den Reiseverteiler“. Vielleicht unternimmt die Autorin aber auch bald eine Reise in die Weiten des World Wide Web: „Möglicherweise mache ich die nächste Reise tatsächlich in öffentlicher Blog Form, zu Weihnachten habe ich einen Webseitenoptimierungskurs für eins dieser Blogprogramme bekommen.“ 

Wie sie zum Reisen gekommen ist, habe ich Julia Hagemann gefragt. Denn ihre Reise-Dosis geht weit über die üblichen paar Wochen im Jahr hinaus. Ihre Antwort: „Keine Ahnung. Es treibt mich dazu – und das immer mehr. Der Anfang“, sagt sie, „war eine dieser Abschluss-Visionen am letzten Tag der Celler Schule, wo in meinem Text plötzlich drinstand: ‚Ich reise durch die Welt und schreibe Lieder. Das halbe Jahr Bali war erst der Anfang.‘ Und dann wusste ich, ich kanns nicht länger aufschieben, ich MUSS nach Bali. Und so eine Reise kann man nicht für vierzehn Tage machen, das lohnt erst ab zwei Monaten. […] Jedenfalls war ich nach Bali versaut fürs sesshafte Leben und wollte gleich acht Monate später wieder hin. […] Nur um dann zu merken, dass eine wiederholte Neuentdeckung keine Neuentdeckung mehr ist.

Also zog ich für zwei Monate nach Venedig, was ein weiterer Traum von mir war. Und NACH Venedig war ich noch mehr durch den Wind […] und deswegen musste ich gleich im Sommer meinen dritten Reisetraum verwirklichen und den Jakobsweg laufen. Als zwanghafte Individualistin natürlich nicht den, den alle gehen, sondern den an der Küste. Tja, und wer einmal auf dem Camino war… Ich hatte mich ja am Anfang gewundert, wieso ich so oft gefragt wurde, „mein wievielter“ das jetzt sei.“

Und so wird es weiter gehen: „Ich bin jetzt seit Juli 2017 ca. 3200 km auf sechs verschiedenen Jakobswegen gelaufen. Aber nur zweimal in Santiago angekommen. Es sind also noch ein paar Fäden lose, die darauf warten, dieses Jahr aufgenommen zu werden.“

Die Blog-Idee hatte ganz zufällig begonnen: Um „den Daheimgebliebenen“ mitzuteilen, was sie so treibt, ohne die „komplette Zeit für Einzelmails im Internetcafé“ zu verbrauchen. Aber aus dem Bloggen ist mehr geworden als nur eine praktische Rundmail: „Es erhöht an manchen Erlebnissen kolossal den Genuss, wenn man sich schon darüber freut, wie man das nachher satirisch verwursten wird.“ Und wir LeserInnen bekommen eine Kostprobe von den vielen Erlebnissen, die Julia Hagemann dann „schreibend sozusagen ‚einweckt‘ für schlechte Zeiten oder überhaupt für später“.

Was als Mail an den Freundeskreis begann, füllt nun bald Bücher. – Auch der Blog ist also sozusagen ‚übers Ziel hinaus‘ geschossen. – Schön da!

 

Juhu, berühmt! – Ach nee, doch nich'“ Unerhörte Abenteuer einer Musikerin

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Christin Henkel, Celler Schule Jahrgang 2013, war schon immer vielseitig: Sie vertont Filme, Werbung & Hörspiele, hat jüngst das Orchesterstück „Ein Sommer aus Stahl“ fertig gestellt und tourt mit ihrem Klavier-Kabarett-Programm durch Deutschland.
Jetzt hat sie auch noch ein Buch geschrieben! Und zwar über ein Thema, das sowohl für ihr Publikum als auch für uns KollegInnen interessant sein könnte.

In den Pressestimmen heißt es: „Ein Buch, das mehr über den aktuellen Kulturbetrieb aussagt als eine wissenschaftliche Untersuchung und dabei liebenswert unbekümmert bleibt (Eclipsed, 01.04.2017)!“

Christin Henkel hat ein Faible für Prokrastination, einen Hang zum Liebeskummer und einen tiefschwarzen Humor. Die junge Kabarettistin ist hochtalentiert, aber jenseits der Musik lauern die Fettnäpfchen. In „Juhu, berühmt! – Ach nee, doch nich‘.“ erzählt sie vom schweren Weg, sich selbst zu finden, vom seltsamen Treiben in der Musikbranche und davon, wie ein Label versuchte, aus ihr eine Helene Fischer zu machen. In ihren amüsanten Geschichten erzählt die Musikerin mit viel Gespür für Humor und Selbstironie, wie sie endlich ihre Nische findet: Einige meinen, es sei Klavier-Kabarett, die anderen sagen, sie sei Singer/Songwriterin, der nächste nennt es Chanson. Christin Henkel selbst nennt es „KlaKaSon“ – ein Mix aus Klavier, Kabarett & Chanson. Am Ende hat sie etwas, das ihr niemand nehmen kann und alle aus den Händen reißen: ihre erste eigene Platte „KlaKaSon“

Die Singer-Songwriterin, Musikerin und Kabarettistin war mit „Surflehrer Klaus“, der Burn-out hat und „Juhu verliebt! Ach nee, doch nich'“ zu Gast bei Nightwash, Sebastian Puffpaff oder Dieter Nuhr und verzaubert regelmäßig mit ihren zarten Tönen und sarkastischen Texten das Publikum.“

Doch trotz des kurvenreichen Weges der künstlerischen Selbstfindung, trotz der harten Realität des Kulturbetriebes jenseits der Verklärung von Scheinwerferlicht und Nebelmaschine, scheint das Plädoyer der Geschichten ein hoffnungsvolles zu sein. Die Münchner Abendzeitung schreibt: „Die beschriebenen Alltagsszenarien bringt die junge Musikerin feinfühlig mit viel Witz auf den Punkt und vermittelt ganz nebenbei, dass es sich doch lohnt an seine Träume zu glauben.“

Das Mädchen aus dem Song

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Kürzlich stieß ich beim Surfen im Internet auf folgenden – mittlerweile  beinahe schon verjährten – verbalen Hilfeschrei: „Hallo ich bin verzweifelt möchte meiner freundin ein lied machen um ihr zu zeigen wie sehr ich sie liebe doch ich kann keinen songtext schreiben!!! Wär echt nett wenn es einen geben tuht, der es machen würde.“ Pech für Forum-User Elbow-Joe! Sein Wunsch blieb, wie ich aus den fehlenden Angeboten schließen konnte, unerfüllt. Joes Ellbogen-Taktik ging also nicht auf.

Auf die Idee, seiner Angebeteten ein musikalisches Denkmal zu setzen, waren allerdings schon einige vor ihm gekommen. Paul Anka zum Beispiel, der als schüchterner 15-jähriger ein Lied für die um drei Jahre ältere Diana schrieb, das kurz darauf ein Riesenhit wurde. Oder Donovan, der in „Jennifer Juniper“ das englische Model Jenny Boyd verewigte, die Schwester von Patty Boyd, die mit George Harrison verheiratet war. Oder Leonhard Cohen, der Suzanne besang, Suzanne  Verdal, die Muse der Beatniks aus Montreal, die mit Cohen am St. Lorenz-Strom Tee trank und Orangen aß, aber zu dessen Leidwesen nicht mehr von ihm wollte.

All das noch und viel mehr erzählt der englische Musikjournalist Michael Heatley in dem Buch „Das Mädchen aus dem Song“, erschienen im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag. Er hat sich auf die Suche nach fünfzig außergewöhnlichen Frauen gemacht, die berühmte Musiker – von Bob Dylan bis  Mick Jagger –  zu  legendären Liedern inspirierten. Wer waren Angie, Lola, Lovely Rita, Sweet Caroline, Peggy Sue & Co? Wie kam es dazu, dass ein Lied über sie geschrieben wurde? Und was machen sie heute? Heatley hat’s in akribischer Recherche herausgefunden. Die Süddeutsche Zeitung schrieb: „Ein ganz eigener Streifzug durch die Popgeschichte, mit der richtigen Mischung aus musikalischen und biographischen Hintergrundinformationen und Beziehungs-Tratsch.“

Schade, dass sich der Autor in dem Buch auf englischsprachige Lieder beschränkt hat. So werde ich vermutlich nie erfahren, wer jene Gabi war, die Gerd Böttcher in dem Lied  „Für Gabi tu ich alles“, einem Hit aus dem Jahre 1962, unsterblich gemacht hat (Wer sich noch daran erinnern kann, bitte aufzeigen!). Eine Zeile hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt: „Ich trag auch munter den Mülleimer runter. Für Gabi tu ich alles!“ Was für ein emanzipatorischer musikalischer  Liebesbeweis – zu einer Zeit, als Fifty-Fifty in deutschen Haushalten noch nicht einmal angedacht war, zu einer Zeit, als sogar der Begriff „angedacht“ noch nicht einmal angedacht war.