Musical Moments – Songtexte fürs Musiktheater

„Heppenheim!
Deine Bürger müssen Deppen seiM!
Sie erzwingen und sie rappen Reim!-
Was denkst du dir, oh, Heppenheim!?!“

Das ist nicht aus EVITA? Das klingt nicht nach Musical, sondern nach den Beatles…? Stimmt. –
Aber es trainiert & illustriert ein paar der Fähigkeiten, die es braucht, um einen guten Musical-Song zu kreieren: Beim Schreiben ist darauf zu achten, dass Betonungen und Silben-Verteilungen stimmen; beim Lesen zeigt sich die Singbarkeit.

Eine gute Übung ist es auch, sich ein- und demselben Sachverhalt aus der Perspektive unterschiedlicher Figuren zu nähern. Dafür (und natürlich ausschließlich zu Übungszwecken) mussten auch andere Welthits sich einiges gefallen lassen, z.B. YMCA:

„Liebste,
schön, Sie wiederzusehn,
wirklich, Liebste,
sind die Perlen nicht schön?
Sicher, Liebste,
würden die ihnen stehn!
Die sind wie für Sie geschaffen.“
(Annette Müller)

So klingt ein ähnlicher Dialog im Stadtteil nebenan vielleicht ganz anders:

„Gibts nich!
Hamwa grade nich da,
nee, dat gibts nich!
Ja, is schade, schon klar,
aber gibts nich, schon seit vorigem Jahr,
ey, wir sind hier nich im Hilton!“

img-20161129-wa0002

(Julia Hagemann)

Diese und andere Techniken vermittelte das Seminar „Songtexte im Musical“, das vom 19.-23.11. unter der Leitung von Edith Jeske in Berlin stattfand. Und natürlich machte es nicht nur schlau, sondern auch wahnsinnig viel Spaß! – Was haben wir gelacht bei „Memories“-Variationen wie

„Fernweh,
oh, das tut mir im Kern weh…“
(Juliane Weigel-Krämer),

zu denen uns Co-Leitung Julia Hagemann inspirierte! Und Julia ging dabei selbst immer mit gutem Beispiel und einer großen Portion Humor voran:

„Hulda!
Das war wirklich nicht nett,
also Hulda!
Mit dem Ferdi ins Bett,
wirklich, Hulda!
Hätt ich das geahnt, hätt
ich dich eher nicht genommen.
Hulda,
Mensch, was sollte das bloß
deinen, Hulda,
unvergleichlichen Schoß
gerade Ferdi,
diesem müffelnden Kloß
zum Gebrauch zu überlassen!?! –

Wir sehn uns wieder beim
Scheiiiidungsgericht,
nächsten Mittwoch beim…“
(Julia Hagemann)

Wir haben mit allen Sinnen geschrieben und wir haben mit allen Sinnen genossen. Und das nicht nur dank des abwechslungsreichen Programms aus Theorie und Schreibpraxis, sondern auch wegen des gemütlichen Dach-Ateliers und dem Buffet, mit dem uns unser Gastgeber Ludwig verwöhnt hat.
Abgerundet wurden die Tage mit Hörbeispielen aus Musicals wie Les Misérables und Linie 1.

Und die Cocktailkirsche auf dem Sahnehäubchen war das Gespräch mit Peter Lund, der uns am letzten Tag einen Einblick in seine Arbeit gab. Mit dem Musical STELLA räumten er und Wolfgang Böhmer den Großteil der Preise ab, die im Oktober von der Deutschen Musical-Akademie vergeben wurden.

Ja, es gab manchen Moment in der harmonischen aber streitbaren Gruppe, der es – wären wir Teil eines Musicals gewesen – erforderlich gemacht hätte, zu singen. Weil bloße Worte zum Beschreiben nicht mehr ausgereicht hätten. –
Zu dick aufgetragen? Macht nichts! Musical darf das.

Lukas Hainer, Santiano und der König der Piraten

Die Musik von Santiano begeistert schon seit drei Jahren ganze Familien. Ihren jüngsten Fans widmet die Band nun nicht nur ein ganzes Album, sondern eine komplett neue Welt voller Abenteuer und Geschichten. Ausgedacht hat sich dieses Hörspiel Lukas Hainer (Celler Schule 2012)koenig-der-piraten

Was geschieht?
Gemeinsam mit dem alten Haudegen Käpt’n Kork macht sich Schiffsjunge Freddy auf die Suche nach seinem Vater, einem berühmten Piraten, der schon vor langer Zeit verschollen ist. Unterwegs treffen sie auf den Feigling Wutz und die kämpferische Tiah, deren Heimat vom schwarzen Korsaren belagert wird. Und das ist nicht alles: Der Kaiser hat bekannt gemacht, den größten Freibeuter der sieben Meere zum „König der Piraten“ zu krönen. Freddy und seine Freunde stürzen sich ins Geschehen und erleben klirrende Säbelduelle, Verfolgungsjagden auf hoher See und manche faustdicke Überraschung.

Zwölf neue Songs mit allen Santianos und Gastsängerin Oonagh ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte, darunter die kraftvollen Santiano-Klassiker wie „Volle Fahrt“ oder „Herren der Winde“.

Damit sowohl Musik als auch Geschichte des „König der Piraten“ voll zu Geltung kommen erscheint das neue Album als Doppel-CD. Während auf CD1 alle Songs in das Hörspiel eingearbeitet sind, findet sich auf CD2 noch einmal das Musikalbum mit den Songs ohne Unterbrechung durch die Geschichte. So steht einem Daueraufenthalt des Hörspiels im Kinderzimmer nichts im Weg, während das Musikalbum mit den neuen Songs eigene Wege gehen kann.

Seit dem 04.11.2016 ist dieser generationenübergreifende Hörgenuss überall erhältlich. Das Buch „König der Piraten“ mit der ganzen Geschichte um Freddys erstes Abenteuer erscheint im Frühjahr 2017 im Thienemann-Esslinger Verlag. Schon jetzt gibt es für den „König der Piraten“ sicher nur einen Kurs: Volle Fahrt voraus!

Eckart Hachfeld im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Vierzig Jahre sind es her, dass Mathilde, Ottilie, Marie und Liane, das Damenkränzchen in der Konditorei ums Eck, das erste Mal zum Sturm auf das Kuchenbuffet bliesen. Udo Jürgens hat ihren genüsslichen Schlachtruf Aber bitte mit Sahne! unvergessen gemacht. In den Mund gelegt wurde ihm dieser von dem satirischen Multitalent Eckart Hachfeld. – Ein Porträt mit Sahnehäubchen.
hachfeld-2

VOM OFFIZIER ZUM SATIRIKER
Eckart Hachfeld wurde am 9. Oktober 1910 als Sohn eines Offiziers in Lothringen, das damals zu Deutschland gehörte, geboren. Er besuchte das Gymnasium in Mannheim und studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg, Leipzig und Kiel. Nach der Promotion 1935 arbeitete der Jurist u. a. als Anzeigen- und Werbeleiter und war im Zweiten Weltkrieg als Offizier im Einsatz. Er kam in englische Kriegsgefangenschaft, wo er – man glaubt es kaum – sein humoristisches Talent entdeckte und eine Kabarett-Truppe namens Waschbrettl um sich scharte. 1946 ließ sich Hachfeld mit seiner Frau Erika Levin und seinen drei Söhnen Eckart, Rainer und Tilman in Hamburg nieder und startete als Kabarett-Texter durch. Er schrieb für die Bonbonniere in Hamburg, die Mausefalle in Stuttgart sowie die Stachelschweine in Berlin, wurde Hausautor im Düsseldorfer Kom(m)ödchen und machte Wolfgang Neuss zum ,Mann an der Pauke’. Hachfeld galt als kreativster Satiriker des Wirtschaftswunders. Sammy Drechsel von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft bezeichnete ihn als Kaiser unter den Kabarett-Textern. Auch viele Sendungen in Radio und Fernsehen trugen seinen satirischen Stempel.
hachfeld-1

AMADEUS GEHT DURCHS LAND
Ein neues Kapitel schlug der vielseitige Texter, der nach Berlin übersiedelt war, 1951 auf, als er für Die Welt eine gereimte wöchentliche Zeitsatire mit dem Titel Amadeus geht durchs Land verfasste. Sein Wechsel zum Stern zehn Jahre später hatte einen unerfreulichen Rechtsstreit zur Folge, den der Autor aber gewann. Bis 1990 nahm Amadeus Woche für Woche seine Landsleute aufs Korn. An die 2000 Glossen sind es geworden. Sie erschienen auch in Buchform, ebenso wie eine Neufassung des Struwwelpeters. Sohn Rainer, der als Karikaturist arbeitete, steuerte die Zeichnungen bei. Auch als Drehbuchautor machte sich Hachfeld einen Namen. Die Liste der Filme ist lang. Unvergessen sind Der Pauker (1959, mit Heinz Rühmann), Was eine Frau im Frühling träumt (1959, mit Winnie Markus), Ich zähle täglich meine Sorgen (1960, mit Peter Alexander), Der letzte Fußgänger (1960, mit Heinz Erhardt) Kohlhiesls Töchter (1962, mit Lieselotte Pulver) und Was ist denn bloß mit Willi los? (1970, mit Heinz Erhardt). Noch heute tauchen die einstigen Kassenschlager im Samstagsnachmittagsprogramm im Fernsehen auf.
udo-juergens-hachfeld

ABER BITTE MIT SAHNE
Am meisten im Gedächtnis geblieben sind aber Hachfelds Schlagertexte. 1970 kontaktierte Udo Jürgens’ Manager Hans R. Beierlein den Autor auf der Suche nach gesellschaftskritischen Liedern. Lieb Vaterland war ein Wagnis, das zahlreiche Diskussionen auslöste. Soviel Provokation wollten die meisten Udo-Fans dann doch nicht hören und auch die Radiostationen wie Radio Luxemburg nicht, die das Lied boykottierten. Versöhnlicher stimmte das Lied Zeig mir den Platz an der Sonne, das Udo Jürgens im August 1971 im Berliner Olympiastadion vor 75.000 Zuhörern als Hymne der Deutschen Fernsehlotterie präsentierte. Den Vogel schoss Hachfeld eindeutig mit Aber bitte mit Sahne ab. Das Lied erschien 1976, wurde 1977 in den Diskotheken zum Superhit und ist heute noch ein unverwüstlicher Oldie. Insgesamt 18 Lieder schrieb Hachfeld für Udo Jürgens. Französisch singende Stars wie Dalida (Er war gerade achtzehn Jahr), Adamo, Gilbert Becaud und Charles Aznavour belieferte er mit deutschen Texten. Auch die Übersetzung von Stephen Sondheims Song Send In The Clowns aus dem Musical A Little Night Music (Wo sind die Clowns) stammt aus seiner Feder.

AUF DEM WALK OF FAME

Eckart Hachfeld drängte sich nie ins Rampenlicht. „Mein Vater verstand sich als Handwerker, nie als Künstler“, sagte sein Sohn Tilman, ein Theologe, in einem Interview. Und sein Sohn Eckart, der Gründer des Berliner Gripstheaters, der den Künstlernamen Volker Ludwig trägt, meinte: „Jeder deutsche Fernsehzuschauer und Rundfunkhörer kennt Texte von ihm, auch wenn er in der Regel nicht weiß, wie der Autor heißt“.

Der Ruhm war bereits verblasst, als der „Text-Kaiser“ am 5. November 1994, wenige Wochen nach seinem 84. Geburtstag, nach einem Herzinfarkt starb. Die Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze, behauptete Schiller. Dem Textdichter auch nicht, füge ich hinzu. Für Satiriker jedoch fällt manchmal ein Stern ab. So auch für Eckart Hachfeld. Ein Stern auf dem Walk of Fame des Kabaretts in Mainz trägt seinen Namen.

Der Schlager lebt. Noch Fragen?

von Edith Jeske

fast vier Stunden deutscher Schlager zur Primetime im Fernsehen. Der Musikantenstadl ist tot, es lebe der Schlagerboom. Wobei sich ja auch in der volkstümlichen Musik seit einiger Zeit was tut. Und hier wie dort steht derselbe Name drauf: Florian Silbereisen. Zugegeben: Wenns um volkstümlichen Schlager geht, gefällt mir nicht alles. Im Schlagerboom übrigens auch nicht. Ein musikalischer Fan von Micky Krause werde ich wohl nie.
Es geht um etwas anderes:

Florian Silbereisen und das Team dieses TV-Großevents haben es hingekriegt, den Schlager aus der Mottenkiste zu ziehen, wo er vor sich hin gemodert hat. Zumindest haben weite Teile der Öffentlichkeit es so wahrgenommen. Erst recht die Sendeanstalten, die eine Schlagersendung nach der anderen haben sterben lassen.
Und plötzlich kommen da die quicklebendigen Jungs von nebenan:  Sie haben den Schlager entstaubt, durchgelüftet und Lametta draufgeworfen. Bisschen viel Lametta, besonders für die Älteren unter uns. Dafür junge Gesichter im Publikum – wohin auch immer die Kamera schaut.
Und das ist der Punkt.

Den Ikonen des Schlagers wurde Ehre erwiesen. Und wenn sie wollten, haben sie gezeigt, was sie Neues am Start haben. Wenn nicht, liebt man sie trotzdem. Dass die große Zeit des deutschen Schlagers in Vergessenheit gerät, ist nicht zu befürchten. Aber wir schreiben das Jahr 2016. Und der Schlager ist dort angekommen.
Für uns Autoren heißt das: umdenken. Und uns selbst in Frage stellen. Möglich, dass ich diese Art von Schlager nicht werde liefern können. Dann muss das so sein. Die jungen (und jung gebliebenen) Textdichter sind da. Die nächste Generation war mehr als fällig.
Der Schlager lebt.
Und die Welt da draußen hats bemerkt. Spätestens jetzt.

20 Jahre Celler Schule: dritter und letzter Teil

Thomas Woitkewitsch – unser treuer Freund

Als ganz besonderer Gast sei noch Thomas Woitkewitsch erwähnt. Er schrieb für Rudi Carrell Songtexte wie „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ und brachte …

 

….richtig –

 

„Monty Python’s Flying Circus“ nach Deutschland – um nur zwei Beispiele aus seinem Lebenswerk zu nennen. Seit fast anderthalb Jahrzehnten lässt Woitkewitsch keine Celler Schule aus und ist, so hört man es regelmäßig von den Absolventen, ein emotionales Highlight der zwei Wochen. Mit seinen Anekdoten und Songtexten bringt er die Kursteilnehmer zum Lachen und rührt sie zu Tränen. Folgerichtig war es daher ein Lied aus seiner Feder, mit dem der Abschlussabend begann:

 

Wir singen einen Song von Thomas Woitkewitsch
Gemeinsam sangen alle Rudi Carrells – nein, Woitkewitschs großes „La la la“, bevor es losging mit der Werksschau. Und der Song zum Schluss war wieder von Thomas: „Wenn man Freunde hat“.

.
.

Hier noch ein paar weitere Impressionen vom letzten Abend. Es heißt, dass die Raumpflegerin morgens um acht die letzten MusikerInnen aus dem Raum feudeln musste…

000-collage-003

Freundeskreis Celler Schule

Damit die Celler Schule auch noch die kommenden zwanzig Jahre Textdichter auf den Weg bringen kann, wollen sich Jeske und Reitz nicht allein auf die Förderung durch die GEMA-Stiftung verlassen. Bislang ist sie Hauptgeldgeberin der Stipendien für die zehn Teilnehmer. „Die dürfen ihr Stammkapital nicht anrühren“, begründet Jeske und erklärt, dass die Stiftung ausschließlich Zinserträge dafür verwenden kann, um Projekte zu unterstützen. Wer sich die Zinsentwicklung der letzten Jahre und seine eigenen Auszüge vom Tagesgeldkonto anschaut, weiß, was das seit der Finanzkrise bedeutet.

Zum Glück gibt es dafür jetzt den „Freundeskreis Celler Schule – ins Leben gerufen von ExCELLEnt Jahrgang 2010, Gordon November und Willi Giere. Der Freundeskreis soll sicherstellen, dass der Eigenbeitrag der Stipendiaten auch künftig möglichst gering bleibt und vielleicht sogar auf Null gedrückt werden kann. Wer dem Förderverein beitreten will oder eine Spende überweisen möchte, kann das sogar von der Steuer absetzen.
Weitere Informationen – zum Ausdrucken oder Runterladen:

freundeskreis-celler-schule

Also dann – bis zum Fünfundzwanzigsten 2021 !!! Und für diesmal: tschüs!
dsc08973

dsc08986

dsc08985

 

20 jahre Celler Schule – Teil 2

Und weil sie nicht gestorben sind…

Seit 1996 hat sich einiges getan in der Celler Schule. Vieles davon verdankt sie einem Absolventen aus dem Jahre 2001: Tobias Reitz. Für ihn bedeutete das Zusammentreffen mit Edith Jeske nicht nur die Initialzündung seiner Karriere als Schlagertextdichter, sondern er stieg kurz darauf auch ……...

jawohhhhhhl!!!
….. als Dozent der Celler Schule ins Boot.

.

miniatur-mit-rainer-1Fast von Anfang an als Komponist dabei ist außerdem Rainer Bielfeldt.  Weil es ja beim Songtextschreiben nicht allein um Silben und Reime geht, sondern auch um das richtige Gefühl für die Musik. Davon hat er so überreichlich, dass er es in enormen Mengen abgeben kann.

.

.

.

klatschen-mit-julia

Seit 2014 ist das Team zu viert: Julia Hagemann heißt der Zuwachs – Celler Schule Jahrgang 2011. In ihren Trainingseinheiten bringt Julia Ideen zum Sprudeln und beweist, wie vergnüglich saubere Metrik sein kann.

 

 

Texte mit Augenzwinkern

Nach zwanzig Jahren und 21 Jahrgängen zählt die Celler Schule mehr als 200 Absolventen, Hinzu kommen all diejenigen, die die Celler Schule als Gastdozenten unterstützen oder als Komponisten oder Produzenten schon mit ExCellenten zusammengearbeitet haben. Schade, dass man so viele Künstler nicht alle unter einen Termin-Hut bekommt.

 

Noch einmal zurück zum Abschlussabend, der gleichzeitig auch eine Werkschau darstellte. Nebenbei wurden etliche Songs der Dozenten fröhlich durch den Kakao gezogen. Lennart Schilgen etwa hatte aus der poetisch-melancholischen „Rinnsteinprinzessin“ die „Bimssteinprinzessin“ gemacht – eine Fußpflegerin aus Leidenschaft. Weil Schilgen leider schon vor dem Finale abreisen musste, gaben Komponist Bielfeldt und Textautorin Jeske Lennarts Version kurzerhand selbst zum Besten.

Mit der ihm eigenen Unschuldsmiene beklagte sich Jens Ohrenblicker, Celler Schule 2016, in seiner Betextung einer Bielfeldt-Ballade „…aber Rainer spielt mal wieder nur in Moll“– am Klavier begleitet natürlich von … Rainer Bielfeldt! Zu später Stunde rockte schließlich ein Hit dieses Sommers durchs Lutherheim: Max Giesingers „80 Millionen“ – an der Gitarre Mitautor Martin „Fly“ Fliegenschmidt – Celler Schule 2006. Auch diesen Text bekam das Publikum nicht ganz originalgetreu zu hören. Tobias Reitz sang nämlich die Fassung, die Google als ersten Treffer auswirft. Aus dem „Zufall unserer Begegnung“ wird so das „Ufer unserer Begegnung“. Funktioniert auch! Und – wir erinnern: Da war noch das Geburtstagsständchen für Tobias Reitz von Rolf Zuckowski. Vor lauter Hingerissen-Sein dachte niemand ans Fotografieren. Aber in diesem Video von Henning Ruwe auf facebook ist es eingefangen. Mit vielen anderen magischen Momenten.

Thomas Woitkewitsch – Freund mit Seltenheitswert

Als ganz besonderer (und ganz besonders treuer!) Gast muss noch Thomas Woitkewitsch erwähnt werde. Er schrieb für Rudi Carrell Songtexte wie „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ und brachte

 

  • … ihm zu jeder Sendung ein Fischbrötchen mit??
  • … das Funkhaus des WDR Köln beinahe zum Einsturz?
  • … seine erste Gage auf dem Rummelplatz durch?

 

Wie es sich damals wirklich verhielt, wird morgen Abend an dieser Stelle verraten.

20 Jahre Celler Schule:
wahre Worte, schöne Töne und das große Lalala…..

Dritter Oktober 2016, Tag der Deutschen Einheit. Im Lutherheim Springe strömt schon seit drei Tagen das Nestwerk der Celler Schule zusammen. Der Abschlussabend begießt gleich zwei Geburtstage: Die Celler Schule hat ihre ersten zwanzig Jahre gestemmt. Und Tobias Reitz wird um Mitternacht 37. (wir dürfen das an dieser Stelle verraten, weil es ja ohnehin auf Wikipedia steht).
unterricht-01konsrtantins-reimweltSeit drei Tagen schon haben gut dreißig ExCELLEnten unterschiedlichster Jahrgänge einander gecoacht, blindgedichtet, die Publikumspsychologie der ersten fünf Minuten erforscht, Sinn und Unsinn aus Rhythmen hervorgezaubert, Konstantin Schmidts neue, bessere Reimdatenbank mit-entworfen, julias-rhythmen-1Variationen zu einer Bielfeldt-Miniatur geschrieben, einen Hit aus den eigenen Reihen nach Geschenken ans Publikum durchforstet (Max Giesinger: 80 Millionen), einem zweistündigen Radioportrait der Celler Schule mit Henry Gross auf NDR1 Niedersachsen gelauscht, gut gegessen und:



immer zu wenig geschlafen.

dsc08282-001

 

 

Denn bis in die Nacht zieht es die Gäste an Tasten und Saiten und sie spielen sich gegenseitig ihre Songs vor. Statt Genregrenzen ein wunderbar buntes Durcheinander, die ganze Bandbreite von Klamauk und Kabarett über Pop und Schlager bis hin zu Chansons und Liedermacherjuwelen.

 

Am letzten Abend platzt die Bude dann fast aus den Nähten. Ein weiteres reichliches Dutzend ehemaliger Teilnehmerinnen trudelt ein und ein paar der alten Hasen: Burkhard Brozat, Thomas Woitkewitsch (sowieso) und Rolf Zuckowski. Der bringt seine ganz andere Nationalhymne mit und singt um Mitternacht für Tobi das wohl berühmteste Geburtstagsständchen in unserer Sprache: „Wie schön, dass du geboren bist“. Wer hört das schon live vom Original? Und wann erlebt Rolfs Lied einen solchen Chor wie an diesem Abend? Die Celler Schule schmettert mit.
Und ein bisschen darf sie dabei auch sich selbst meinen.

Es war einmal…

Sommer 1996: Zum allerersten Mal trafen sich zehn Pioniere im Predigerheim Celle zum „Förderseminar für Textschaffende in der Unterhaltungsmusik“. Die Idee dahinter dürfte den meisten Lesern dieses Blogs bekannt sein:
Jeder, der Songtexte in deutscher Sprache verfasst, kann sich für diese zweiwöchige Masterclass bewerben. Eine Jury wählt zehn Teilnehmer aus und bestimmt in einem anonymisierten Bewerbungsverfahren anhand der Texte, wer dabei sein wird. Bewerben kann man sich bis zum 21.10. hier:

Draufgebracht wurde Edith Jeske übrigens von Hans Hee, dem wir unter zahllosen Hits das unsterbliche „Wasser ist zum Waschen da“ verdanken und einen der meistgespielten Evergreens: „Sierra Madre“. Hee war damals Präsident des deutschen Textdichterverbandes und verordnete Edith, ein Förderseminar für Textdichter zu entwerfen. Thomas Woitkewitsch war es dann, der irgendwann ganz selbstverständlich von der „Celler Schule“ sprach – denn damals war es noch Celle, wo die Veranstaltung stattfand. Der Name blieb, obwohl sie längst nach Springe umgezogen ist.

gruppenbild-cs-2016

Und weil sie nicht gestorben sind…

Seit 1996 hat sich einiges getan in der Celler Schule. Vieles davon verdankt sie einem Absolventen aus dem Jahre 2001: Tobias Reitz. Für ihn bedeutete das Zusammentreffen mit Edith Jeske nicht nur die Initialzündung seiner Karriere als Schlagertextdichter, sondern er stieg kurz darauf auch …

  • … durch ein Kellerfenster in eine Millionärsvilla ein?
  • … in einen Zug nach Nirgendwo?
  • … in der Fußball-Kreisliga dramatisch ab?

Mehr dazu morgen an dieser Stelle.

Ein Prosit der Gemütlichkeit – Bernhard Dietrich im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)
„Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit, ein Prosit, ein Pro-o-sit der Gemütlichkeit…“ Das ist der Allzeit-Wiesn-Hit schlechthin. An die neun Millionen Menschen besuchen jährlich das Münchner Oktoberfest, das größte Bierfest der Welt, kurz Wiesn genannt. ein-Prosit-der-GemuetlichkeitWer jemals dort in einem Bierzelt auf den Bänken tanzte, der weiß: An diesem Lied kommt keiner vorbei. Auch wenn die Bayern das gar nicht gerne hören: Das Loblied auf die Gemütlichkeit schrieb ein Sachse, Bernhard Dietrich aus Chemnitz.
OANS, ZWOA, DREI, GSUFFA
Du lieber Herr Gesangsverein! Es muss wohl Ende des 19. Jahrhunderts gewesen sein, dass Bernhard Dietrich diese epochalen Zeilen für seine Sangesbrüder verfasste. Viel ist nicht aus seinem Leben bekannt. Er war von 1860 bis 1896 Mitglied des Jakobs-Kirchenchores in Chemnitz, sang bei einem nach ihm bekannten Doppelquartett und betätigte sich, wie aus dem Chemnitzer Stadtarchiv hervorgeht, neben seiner Arbeit als Prokurist als Komponist. Seine Hymne auf die Gemütlichkeit fand bei den Männerchören Gefallen und wurde in alle Richtungen getragen, so auch nach München auf das Oktoberfest. Dort wurde es mit einem Schlachtruf „Oans, zwoa, drei, gsuffa!“ von den Bayern ergänzt. Die Idee dazu dürfte aus dem nicht minder berühmten Lied „In München steht ein Hofbräuhaus“ stammen, das von Wilhelm „Wiga“ Gabriel (Musik) und Klaus Siegfried Richter (Text) verfasst wurde. Heute werden mit jedem Prosit, das vom jeweiligen Kapellmeister mit einem „Die Krüge hoch, die Krüge hoch!“ eingeleitet wird, die Bierzeltbesucher zum Griff zum Maßkrug ermuntert. Und diese kommen der Aufforderung gerne nach. Bis 3000 (!) Euro sollen dabei in die Kasse des Wiesn-Wirts gespült werden, geht das Gerücht. Was die Wiesn-Wirte allerdings heftigst dementieren.

bild-zum-lied-ein-prosit-der-gemuetlichkeit
Foto: Die Krüge hoch! ©Exithamster

DIE KRÜGE HOCH, DIE KRÜGE HOCH!
Der Komponist Bernhard Dietrich hingegen ging leer aus. Er konnte den Siegeszug seines Liedes nicht mehr erleben und starb 1902. Seine Sangesbrüder attestierten ihm in der Traueranzeige edle, unvergessliche Charaktereigenschaften. „In seinen köstlichen Liedergaben wird sein Andenken bei uns stets fortleben.“ Dass zumindest eine dieser musikalischen Köstlichkeiten unsterblich wurde, dafür sorgte Georg Lang, ein fränkischer Gastwirt. Er revolutionierte das Münchner Oktoberfest, in dem er – durch einen geschickten Schachzug – fünf Buden anmietete und mit Planen überdachte. So entstand das erste Bierzelt. Und weil es in den Zelten immer so laut herging und die Musikkapelle kaum zu hören war, teilte man beim Eingang Liedtexte aus, damit die Besucher mitsingen konnten.

SÜSSER DIE TANTIEMEN NIE KLINGEN…
Lauthals im Bierzelt zu mitzusingen, dieser Brauch hat sich bis in unsere Tage erhalten. bildAber was macht einen heutigen Wiesn-Hit aus? „Die Melodie muss ins Ohr gehen und der Text darf nicht zu kompliziert sein. Zumindest der Refrain muss von allen mitgegrölt werden können. Oder wenigstens eine Zeile“, sagt Walter Bankhammer, der Kapellmeister der Niederalmer. Und der muss es ja wissen, schließlich spielt seit 20 Jahren mit seiner Showband im Schützen-Festzelt auf. Sein Tipp für den Wiesn-Hit 2016? „Lulapalu“ von Andreas Gabalier oder „Ham kummst“ von Seiler und Speer. Die drei Herren dürfen sich – gemäß dem Motto: Süßer die Tantiemen nie klingen… schon jetzt die Hände reiben.

 

 

Ostseewellen? Nordseewellen?
Maik Brandenburg erinnert an die Reisen eines bekannten Liedes und an seine Schöpferin
Martha Müller-Grählert

Das Lied „Mine Heimat“, das mit den Zeilen „Wo de Ostseewellen trecken an den Strand“ beginnt, kennt an der Küste jedes Kind. In der Mongolei, so heißt es, würden die Kinder eher reiten als gehen lernen. An der Ostsee ist es noch verrückter, hier lernen sie das Lied sogar bevor sie reiten können. Es hat eine sanfte, wiegende Melodie, man kann sich die  Wellen, die langsam heranrollen und auf den Strand treffen, gut vorstellen. Das Wort „trecken“ heißt übrigens so viel wie „ziehen“, weshalb hier ein Traktor stets ein „Trecker“ ist. So ein Zusammenhang ist ja nicht jedem klar, von nun an aber dürften Sie mit diesem Premiumfakt bei jedem Smalltalk punkten. Vergessen Sie nur nicht zu erwähnen, von wem Sie das haben.

MüllerGrählertMartha (Quelle: wikipedia)

Die Dichterin des „Ostseewellenliedes“, wie es ebenfalls genannt wird, ist Martha Müller-Grählert, geboren in Barth bei Rostock, beerdigt in Zingst. Ein Glaser aus Flensburg brachte die Zeilen in die Schweiz, wo ein gebürtiger Thüringer sie vertonte. Das Lied war sozusagen schon in der Wiege international: Von der Schweiz aus trat es seinen Siegeszug um die Welt an. Die Formulierung klingt platt, aber platt ist das Lied ja sowieso, bester vorpommerscher Schnack.

Außerdem stimmt es: Gesungen wird das Lied heute in den Niederlanden, in England, Spanien, Kanada, Australien, Brasilien, möglicherweise auch in Afrika, ich werde meine Ohren offenhalten. In Frankreich singen sie von „Les Flots du Nord“, in Dänemark steigen sie ein mit „Der, hvor nordsøbølger ruller ind mod land“. In Südtirol, wo es auf sogar ladinisch über die Bergweiden hallt, kämmt der Wind die Wiesen, was jeden, der das gesehen hat, ohne weiteres an Wellen erinnern wird. Gut möglich, dass es auch eine japanische Version des „Ostseewellenliedes“ gibt, einige Jahre lebte Martha Müller-Grählert in Sapporo. Eine Fassung existiert aus dem KZ Eschwegen, “Wo das Lager steht so dicht am Waldesrand“.

Die Insassen, die „Moorsoldaten“, sangen es heimlich nach der Melodie des „Friesenliedes“. Als solches, nicht als „Ostseewellenlied“, ist es berühmt. Zu spät hatte sich die Dichterin um ihre Urheberrechte gekümmert. Abgeräumt hatte ein anderer, ein Niedersachse, der das Stück möglicherweise bei einem Kuraufenthalt in der Schweiz hörte, um es dann als friesisches Heimatlied zu drucken, es populär und sich selbst reich zu machen. Auch das ebenso bekannte „An der Nordseeküste“ ist kein eingeborener Song des Volkskunstduos Klaus&Klaus, obwohl es inzwischen wirkt, als sei er irgendwann aus dem friesischem Schlick gespült worden. Es ist in Wahrheit ein irischer Shanty! Guckt denen da oben denn keiner auf die Finger? Das „Friesenlied“ ist weiträumig lizenziert, auch die USA zahlen GEMA-Gebühren. Ich will jetzt keine alten Geschichten aufrühren, aber dieses Lied haben wir Ossis in die deutsche Einheit gebracht. Wenn wir es mit dem Solidaritätszuschlag verrechnen, sind wir quitt.

Ich habe das Grab Martha Müller-Grählerts in Zingst besucht und Blumen niedergelegt, keinen „gelen Ginster“, sondern Rosen. Vor allem, um dieser bemerkenswerten Frau zu gedenken, die arm und fast vergessen in einem Altenheim starb. Aber auch, weil Martha Müller-Grählert und ich Geschwister im Geiste sind, wir teilen ein ähnliches Künstlerschicksal. Denn auch ich verfasse Songtexte. Auch ich habe Hits geschrieben, die um die Welt gehen – in Thailand, auf den Philippinen, in Indonesien, Russland, Kuba, Botswana waren sie schon zu hören, in China, auf den Fidschis, in Japan, von Europa rede ich gar nicht. Sogar auf den fernen Marshallinseln im Pazifik und auf Guam. Ich musste meine Lieder dort zwar bislang stets alleine singen, aber was zählt, ist ja die Qualität. Auch ich habe, wie die große Vorpommerin, kaum einen Cent dafür gesehen.

Oder heißt es „Vorpommeranerin“? In diesem Jahr (Karl: 2016) wäre das One-Hit-Wonder Martha Müller-Grählert 140 Jahre alt geworden. Zeit, das Lied der Vorpommerschen jeden Tag anzustimmen. Oder wenigstens zu summen. In Friesland und Umgebung aber sollten sie endlich die Gelegenheit nutzen und sich zur wahren Historie von „Mine Heimat“ bekennen. Falls das zu hart ist, könnten sie dort gern ein Lied gern ein Lied von mir singen, wäre auch okay.

www.mare.de

 

Robert Gilbert im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Am Sonntag will mein Süßer...Sommer, Sonne, dazu eine frische Brise – idealer können die Voraussetzungen für ein gelungenes Wochenende nicht sein. Denn: Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n… Ein klassischer Ohrwurm! 1929 erklang der Schlager zum ersten Mal und wurde 32 Jahre später für den gleichnamigen Film wieder aus der Versenkung geholt. Dany Mann And The Old Merry Tale Jazzband landeten damit den Sommerhit 1961. Wenke Myrrhe verhalf dem unverwüstlichen Gute-Laune-Lied Ende der 1960er Jahre zu erneuter Popularität. Aber wer hat es geschrieben? Von Anton Profes stammt die Melodie, von Robert Gilbert der Text. Robääär Gilbääär? Nie gehört? Dann unbedingt weiterlesen!
.

KATHRIN, DU HAST DIE SCHÖNSTEN BEINE VON BERLIN

Robert Gilbert wurde am 29. September 1899 als Robert David Winterfeld in Berlin geboren. Da war sein Vater Max Winterfeld gerade 20 Jahre alt und schlug sich als Kapellmeister und Komponist durch, ehe er sich den Künstlernamen Jean Gilbert zulegte und mit der Operette Die keusche Susanne und dem Ohrwurm Puppchen, du bist mein Augenstern den Durchbruch schaffte. Weil sein Vater immer auf Achse war, besuchte Robert zwangsläufig an die 30 Schulen. 1918 wurde er in den Krieg eingezogen, wo der Spartakusbund, einer Vereinigung marxistischer Sozialisten, sein politisches Bewusstsein weckte. Nach Kriegsende studierte er Philosophie und Kunstgeschichte, ging für mehr soziale Gerechtigkeit auf die Straße und opponierte vorerst gegen seinen zu Reichtum gekommenen Vater. Da er aber heiraten wollte und Geld verdienen musste, machte der Junior eine Kehrtwendung, nahm er Künstlernamen seines Vaters an und verfasste mit ihm Texte für Revuen und Operetten. „Von Schopenhauer zum Gassenhauer“ notierte er Jahre später in seinem „beiläufigen Lebenslauf“. Den ersten Schlager, komponiert von Fritz Löwe (später Frederick Loewe), widmete er seiner Frau: Kathrin, du hast die schönsten Beine von Berlin. Kathrin nannte er die Angebetete nur um um des Reimes Willen, in Wirklichkeit hieß sie Elisabeth, genannt Elke.

Robert Gilbert (rechts im Bild) und Werner Richard Heymann mit der Sängerin Elisabeth von Lüdinghausen.

EIN FREUND, EIN GUTER FREUND

Robert Gilbert arbeitete mit den besten Komponisten seiner Zeit zusammen: Nico Dostal, Friedrich Hollaender, Oscar Straus und Ralph Benatzky. In der Operette Im Weißen Rössl (Uraufführung:1930)fragte er: Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist? und verhalf mit Liedern wie Im Salzkammergut, da kamma gut lustig sein und Im Weißen Rössl am Wolfgangsee einer ganzen Region zur unbezahlten Fremdenverkehrswerbung, die heute noch Früchte trägt.Danach entdeckte ihn der neue Tonfilm.
Mit dem Komponisten Werner Richard Heymann schuf er unvergessliche Evergreens: Ein Freund, ein guter Freund und Liebling, mein Herz läßt dich grüßen (aus: Die Drei von der Tankstelle, 1930), Das gibt’s nur einmal (aus: Der Kongreß tanzt, 1931) und Das ist die Liebe der Matrosen (aus: Bomben auf Monte Carlo, 1931). In über 100 Filmen sangen Stars wie Lilian Harvey, Willy Fritsch, Zarah Leander, Heinz Rühmann und Willi Forst Gilberts Texte.

Das Lied Irgendwo auf der Welt, das Lilian Harvey in dem Film Ein blonder Traum (1932) sang, wurde durch die Comedian Harmonists zum Hit und 1997 Titelsong der von Josef Vilsmaier verfilmten Biographie der ersten Boygroup der Welt. Werner Richard Heymann hatte nicht nur die Melodie geschrieben, sondern auch den Refrain. Seine Tochter Elisabeth Trautwein-Heymann vertraute mir an: „Es war das Hoffnungslied meines Vaters. Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück, und ich träum davon in jedem Augenblick… Ich habe Robert Gilbert als Kind fast täglich bei uns erlebt. Er und mein Vater arbeiteten quasi bis zu dessen Lebensende eng zusammen. Er war ein Genie des Wortes. Wenn zwei Genii sich finden und lieb haben, dann entsteht Ewiges.“

DA WÄR’S HALT GUT, WENN MAN ENGLISCH KÖNNT

Robert Gilbert war ein Zerrissener: Er widmete sich nicht nur der Tantiemen bringenden leichten Muse, er schuf mit Hanns Eisler gesellschaftskritische Lieder wie Das Stempellied, das, vorgetragen von Ernst Busch, zu einem klassischen Arbeiterkampflied wurde. „Ein deutsches Schicksal – zwischen Kunst und Kommerz“, befand der Feuilletonist Maurus Pacher. „Hier brillante Agitation, da die unvergesslichen Schlagertexte für Millionen. Ein Schuss Schizophrenie war sicher dabei.“ Auf Grund seiner politischen Einstellung und seiner jüdischen Herkunft sah Gilbert sich gezwungen, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 mit Frau und Tochter nach Österreich zu fliehen und fünf Jahre später nach Amerika zu emigrieren. Seine europäische Prominenz nützte ihm dort nicht viel. Er schrieb für das New Yorker Exilkabarett und räsonierte: „Da wär’s halt gut, wenn man Englisch könnt!“ Was für ein Glück es war, dass Gilbert es doch erlernte, sollte sich Jahre später herausstellen.

ES GRÜNT SO GRÜN, WENN SPANIENS BLÜTEN BLÜHEN

Nach elf Hungerjahren kehrte Robert Gilbert, der die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, nach Europa zurück und trennte sich von seiner Frau Elke. Mit seiner zweiten Frau Gisela und Sohn Stephan lebte er in München und später in der Schweiz und startete eine sensationelle Karriere als Übersetzer, die er Frederic Loewe alias Fritz Löwe, seinem alten Freund aus frühen Berliner Tagen, und der mittlerweile perfekten Beherrschung des amerikanischen Idioms zu verdanken hatte. Dem ersten Geniestreich, der Übertragung des Musicals My Fair Lady ins Deutsche und ins Berlinerische, folgten 22 weitere Übersetzungen, darunter Annie get your gun, Hello Dolly, Can Can, Oklahoma und Der Mann von La Mancha.

Gilbert war eine echte Berliner Schnauze. „Meckern ist wichtig, nett sein kann jeder“, behauptete er und machte die Lebensphilosophie zum Titel eines seiner Gedichtbände. „Erwarte mir als Verfasser der Liedtexte zum Weißen Rössl mindestens ein Denkmal. Aus Zwetschgenknödeln“, meinte er schnoddrig. Dieser Wunsch ging ebenso wenig in Erfüllung wie der, nicht vor dem Jahr 2001 endgültig Gute Nacht zu sagen. „Denn dann hätte ich in drei Jahrhunderten gelebt. Was gar nicht so einfach ist.“ Gilbert, den Maurus Pacher als unglaublich Vielseitigen, wahrhaft Gespaltenen und in Anspielung an Die Drei von der Tankstelle als ebenso wahrhaft „Guten Freund“ bezeichnete, starb am 20. März 1978 zurückgezogen in Locarno in der Schweiz – 23 Jahre vor seinem Wunschtermin.

Eine melancholische Lebensbilanz zog er schon lange vor seinem Tod.

Einen Grashalm besingen
Möchte ich.
Einen Freund trösten
Wollte ich.
Einen Feind versöhnen
Will ich.
Was wird aus dem, was ich will?
Der Freund ist untröstlich.
Der Feind unversöhnlich.
Und die Grashalme mahnen mich:
Sei still!

 

Literarisches PS: Wissenschaftlich mit dem Leben von Robert Gilbert befasst hat sich der Journalist Christian Walther. Die 435-seitige Dissertation ist 2016 im Verlag Peter Lang erschienen und kostet stolze 84,50 Euro. Marianne Gilbert Finnegan, die halbjüdische Tochter aus erster Ehe, schrieb unter dem Titel „Memories of a Mischling“ (deutscher Titel: Das gab’s nur einmal – Verloren zwischen Berlin und New York)“ ihre Lebenserinnerungen. Erschienen 2009 bei Diogenes.

Ex-CELLE-nter Doppelerfolg beim Textwettbewerb Traulieder!

Julia Hagemann
Julia Hagemann

Ilona Boraud

Neue Texte zu bekannten Kirchenliedern suchte die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und schrieb 2015 den Wettbewerb „Texte für Traulieder“ aus. In den folgenden Monaten wurden aus 128 Einsendungen drei Gewinnertexte ausgesucht – und gleich zwei davon stammen von Ex-CELLE-ntinnen!
Julia Hagemann überzeugte mit ihrem – so die Jury – „unkonventionellen“ Text „Dein liebster Mensch steht heut vor dir“ auf die Melodie von „Geh aus mein Herz“.

Ilona Boraud gewann bei der Melodie „Großer Gott, wir loben dich“ mit dem Beitrag „Eure Liebe“. Die Jury lobte den „bilderreichen“ und „leicht eingängigen“ Text.
Die vollständigen Texte sind hier zu lesen:
Die Gewinnertexte werden mit jeweils 300 Euro prämiert und in das neue Beiheft  zum Gesangbuch der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck aufgenommen. Am 10. September 2017 findet in Marburg ein feierlicher Gottesdienst statt, in dem das Beiheft der Öffentlichkeit übergeben wird und die Preisträgerinnen offiziell gewürdigt werden.

Walter Rothenburg im Porträt

 

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Walter Rothenburg
Walter Rothenburg

Wenn die Deutschen ihr kollektives Glücksgefühl gesanglich ausdrücken wollen, sei es nun bei einer feucht-fröhlichen Geburtstagsrunde oder nach einem gewonnenen Fußballmatch im Stadion, kommen sie an einem Gassenhauer nicht vorbei: So ein Tag, so wunderschön wie heute! Auch in den nächsten Wochen wird er während der Fußball-EM in Frankreich vermutlich landauf, landab aus Abertausenden Fan-Kehlen klingen. Eine gute Gelegenheit also, jenen Mann vorzustellen, dem vor 65 Jahren dieser Text eingefallen ist: Walter Rothenburg.

O DU VLAAMISCHE DEERN

Walter Rothenburg wurde am 28. Dezember 1889 in Hamburg-Eimsbüttel geboren. Sein Vater Joseph war ein Brauereivertreter, sein Großvater Charles Schriftsteller und Verleger. Schon in jungen Jahren zog es Walter in die Ferne. Anstatt Brötchen zu backen, wie es die Eltern gewollt hätten, fuhr er als Schiffsjunge zur See. 1899 war er bei der Kaiserlichen Marine im Einsatz. Bereits in dieser Zeit schrieb er Lieder auf Plattdeutsch. Sein erstes überliefertes Lied verfasste er 1916 an der Flandernfront, wo er im Kriegseinsatz war: O du vlaamsche Deern. Überaus erfolgreich war seine Zusammenarbeit mit dem Volkssänger Charly Wittong, mit dem er u.a. Couplets vom Hamburger Fährjung (Fohr mi mol röber!) und An de Eck von de Steenstroot schrieb. Die Lieder wurden so populär, dass sie heute viele Hamburger für alte Volksweisen halten.

KAMPF UM MEISTER UND MILLIONEN

In den Zwanziger Jahren startete Rothenberg, der in den USA mit dem Boxsport in Berührung gekommen war, in Deutschland eine sensationelle Karriere als Boxpromotor. 1925 veranstaltete er den ersten Boxkampf im Berliner Sportpalast. Für den Kampf Walter Neusel gegen Max Schmeling ließ er 1934 in Hamburg eine Sandrennbahn in der Nähe des Tierparks Hagenbeck innerhalb weniger Wochen zu einer Arena umgestalten, die fast 100.000 Besuchern Platz bot – ein Zuschauerrekord, der bis heute nicht eingestellt wurde. Für den Kampf Max Schmeling gegen den Amerikaner Steve Hamas ließ er ein Jahr später innerhalb von 42 Tagen in Hamburg eine Lagerhalle in die größte überdachte Sportarena der Welt umbauen. Die Hanseatenhalle umfasste 25.000 Sitzplätze, der Madison-Square-Garden in New York nur 20.000. Der Sieg gegen Hamas ermöglichte Schmeling, Ex-Weltmeister im Schwergewicht, wieder in Amerika als Boxer Fuß zu fassen und 1936 gegen Joe Louis anzutreten. Zuvor hatte sich Schmeling auch als Schauspieler und Sänger versucht. Das Lied Das Herz eines Boxers aus dem Film Liebe im Ring schrieb allerdings nicht Rothenburg, sondern Fritz Rotter.

SO EIN TAG, SO WUNDERSCHÖN WIE HEUTE

Nebenbei, aber vor allem nach seinem Abschied vom Ring war Rothenburg, der seine Erinnerungen in dem Buch Kampf um Meister und Millionen festhielt, als Schriftsteller und Textdichter tätig. Er schrieb Glossen, Gedichte und Kurzgeschichten, die mit seinem Spitznamen, dem Kürzel Wero, versah. Für das 1949 gegründete Hamburger Abendblatt verfasste er Kolumnen mit Lokalkolorit und veröffentlichte Gedichtbände in Plattdeutsch.

 

Freddy Quinn
Freddy Quinn

Als Liedtexter war er so produktiv, dass seine Komponisten Lotar Olias, Michael Jary, Gerhard Winkler und Gerhard Jussenhoven kaum nachkamen. Du, du, du, laß mein kleines Herz in Ruh‘, im Original gesungen von Lonny Kellner, wurde in der Übersetzung als You, you, you, – Interpreten waren The Ames Brothers – als erstes deutsches Lied nach dem 2. Weltkrieg Nummer 1 in der amerikanischen Hitparade. 1951 gelang Walter Rothenburg mit So ein Tag so wunderschön wie heute sein größter Hit. Als Auftrittslied der Mainzer Hofsänger in der Fastnacht 1952 wurde es über Nacht zur Karnvalshymne. 1954 wurde der Schlager in den Unterhaltungsfilm Geld aus Luft eingebaut, und Lonny Kellner verhalf ihm so zu weiterer Popularität. Auch Ernst Neger, Freddy Quinn und Heino nahmen es in ihr Repertoire auf, und sogar beim Fall der Berliner Mauer sangen Tausende Menschen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergeh’n…“ Und noch ein Lied aus der Feder von Walter Rothenburg ist bestens geeignet für die Bekundung grenzenlose Freude: Oh, wie bist du schön! Die Musik dazu stammt von Willibald Quanz.

JUNGE, KOMM BALD WIEDER!

1954 brachte der Komponist Lotar Olias im Operettenhaus in Hamburg die Revue-Operette Heimweh nach St. Pauli heraus. Die Story war dem singenden Seemann Freddy Quinn auf den Leib geschrieben. Das Libretto stammte von Gustav Kampendonk und Heinz Bruck, die Liedtexte u. a. von Kurt Schwabach, Ernst Bader, Stephan Weiss und Walter Rothenburg. Rothenburg gelang mit Junge, komm bald wieder! der ganz große Wurf. 1963 wurde das Musical verfilmt. Junge, komm bald wieder führte dreizehn Wochen die deutsche Hitparade an. 2,5 Millionen Singles wurden verkauft.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte der fernwehgeplagte Wero mit seiner fünften Ehefrau, die er der Einfachheit halber Weroline nannte, und Yorkshire-Terrier Lord Simon in Ascona in der Schweiz. Nicht aus Steuergründen, sondern der gesunden Luft wegen, wie er einmal dem Hamburger Abendblatt anvertraute. Rothenburg starb am 10. März 1975 in Ascona, wurde aber als echter Hamburger Jung in Hamburg-Ohlsdorf beigesetzt. Ihm zu Ehren wurde eine Brücke im Stadtteil Neuallermöhe benannt.

 

 

.