Kurt Hertha im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Es ist wieder mal so weit. Der Mai ist gekommen. Da schlagen nicht nur (Vorsicht!) die Bäume aus, nein, da wagen auch scharenweise romantische Bräute den Gang zum Traualtar in Seide, Tüll und Spitze – ganz in weiß. So wie schon vor 51 Jahren von Roy Black besungen. Die Musik zu diesem Kassenschlager, der 2,5 Millionen Mal verkauft wurde, stammt von Rolf Arland, der Text von Kurt Hertha.

 

„ICH MÖCHT GERN AN BIERSEE…“

Kurt Hertha wurde am 2. Mai 1926 im oberfränkischen Gestungshausen bei Coburg geboren. Er trug zwar den Namen eines bekannten Hamburger Fußballvereins, zog aber die Musik dem Kicken vor. Hertha erlernte Violine und Klavier zu spielen und wurde im Zweiten Weltkrieg – gerade mal achtzehn Jahre alt – Funker, der an die 1000 Funksprüche absetzte und dazu noch ein paar freche Bemerkungen gegen das Nazi-Regime. Diese brachten ihm den Vorwurf der Wehrkraftzersetzung ein. Nur mit viel Glück entkam er einer Internierung in ein Straflager, weil er als frontnaher Unterhaltungsmusiker tätig war. Nach Ende des Krieges stand Herthas Berufsziel fest: IMM (Irgendwas mit Musik). Er spielte als Gitarrist bei den 3 Jools (mit Fritz Jool am Akkordeon und Richard Hacker am Kontrabass) und schrieb kabarettistische Texte für den Bayrischen Rundfunk, so auch das parodistische Lied Pack den Badenweiler aus.3 Jools Kurt Hertha
1955 komponierte und textete er die Lobeshymne auf den Gerstensaft Ich möcht’ gern an Biersee, die der bayrische Jodlerkönig Franzl Lang bekannt machte. Das Lied wurde die Nummer 1 auf dem Münchner Oktoberfest und sorgt auch 60 Jahre danach dort noch immer für ausgelassene Schunkellaune.

GANZ IN WEISS

Als Hertha feststellte, dass es mehr gute Komponisten als Textdichter gab, verlegte er sich ganz aufs Schreiben. Sein Durchbruch gelang ihm 1961 mit Tanze mit mir in den Morgen, mit dem sich Gerhard Wendlandt in die Herzen der Damenwelt sschmeichelte. Erfolg bedeutete damals – in Zahlen ausgedrückt – mehr als eine Million verkaufter Schallplatten. Von nun an hatte Kurtchen, wie ihn der Komponist Christian Bruhn nannte, viel zu tun. Mit ihm verband ihn nicht nur eine kongeniale Zusammenarbeit, sondern eine lebenslange Freundschaft, wie Bruhn in seinen Lebenserinnerungen Marmor, Stein und Liebeskummer erzählt. Neben Gerhard Wendlandt verfasste Hertha Texte für Petula Clark (Monsieur und Casanova Baciami), Ralph Bendix, Zarah Leander, das Medium Terzett sowie Gitte Haenning, die sich damals nur Gitte nannte, Bernd Spier und den singenden Eisschnellläufer Manfred Schnelldorfer. Für Franz Beckenbauer, damals noch 21 Jahre alt und Held der Fußball-WM in England, schrieb er Gute Freunde kann niemand trennen und für Gilbert Becaud die deutsche Fassung von Nathalie. Ganz in weiß1965 gelang Hertha mit einem Schmusesong der ganz große Coup. Und das zu seiner Zeit, wo die sogenannte Beatwelle rollte. Ein Schild im Schaufenster eines Brautmodensalons hatte ihn zu jenem Lied inspiriert, das Roy Black zum Star machte: Ganz in Weiß. 

Du KANNST NICHT IMMER SIEBZEHN SEIN

In den 1970ern legte Hertha noch einen Zahn zu und schrieb 33 Hits. Die Liste der Künstler ist lang und unvollständig und umfasst u. a. Bata Ilic, Christian Anders, Wencke Myhre, Nana Moskouri, Adamo, Katja Ebstein, Freddie Breck, Iwan Rebroff, Ireen Sheer und Jürgen Marcus. Für Chris Roberts schrieb er Du kannst nicht immer siebzehn sein und Die Maschen der Mädchen und für Freddy Quinn (damals Freddy) die deutschen Fassung des Hits der George Baker Selection Morning Sky. Der Versuch 1976 beim Eurovision Song Contest, der noch Grand Prix de la Chanson hieß, zu punkten, scheiterte. Der Sing Sang Song, interpretiert von den Les Humphries Singers, erreichte nur den 15. Platz.

Kurt Hertha, der sich auch hinter dem Pseudonym Felix Prost verbarg, war ein Vielschreiber. 1300 Titel sind es im Laufe seines Lebens geworden. Sogar Kurt Herthaein Weihnachtslied von Robert Stolz ist darunter. Er vertonte Herthas Gedicht Es blüht eine Rose zur Weihnachtszeit. 1998 holten Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe das Lied Halte fest den, der dich liebt aus der Versenkung, das im Original in den 1970er Jahren von Michael Holm gesungen wurde, der auch als Co-Autor fungierte. Das war eine der letzten Veröffentlichungen eines Textes von Kurt Hertha. Danach widmete sich das Ehrenmitglied der GEMA seiner großen Leidenschaft, der Astronomie. Die ging so weit, dass er sich auf das Dach seines Haus in Grünwald bei München eine Sternwarte bauen ließ. Der Glanz der Goldenen und Platin-Schallplatten war ihm offensichtlich nicht genug.

Kurt Hertha starb am 8. Juli 2007 im Alter von 81 Jahren. Er fand am Waldfriedhof in Grünwald die letzte Ruhestätte, dort wo auch Joachim und Thomas Fuchsberger sowie Max Greger begraben sind. Dem Abschied von dieser Welt sah der ambitionierte Sternengucker gelassen entgegen. Und kommt für mich die letzte Nacht, sind keine Tränen angebracht, weil meine Seele quietschvergnügt von einem Stern zum andern fliegt.

Ein Prosit der Gemütlichkeit – Bernhard Dietrich im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)
„Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit, ein Prosit, ein Pro-o-sit der Gemütlichkeit…“ Das ist der Allzeit-Wiesn-Hit schlechthin. An die neun Millionen Menschen besuchen jährlich das Münchner Oktoberfest, das größte Bierfest der Welt, kurz Wiesn genannt. ein-Prosit-der-GemuetlichkeitWer jemals dort in einem Bierzelt auf den Bänken tanzte, der weiß: An diesem Lied kommt keiner vorbei. Auch wenn die Bayern das gar nicht gerne hören: Das Loblied auf die Gemütlichkeit schrieb ein Sachse, Bernhard Dietrich aus Chemnitz.
OANS, ZWOA, DREI, GSUFFA
Du lieber Herr Gesangsverein! Es muss wohl Ende des 19. Jahrhunderts gewesen sein, dass Bernhard Dietrich diese epochalen Zeilen für seine Sangesbrüder verfasste. Viel ist nicht aus seinem Leben bekannt. Er war von 1860 bis 1896 Mitglied des Jakobs-Kirchenchores in Chemnitz, sang bei einem nach ihm bekannten Doppelquartett und betätigte sich, wie aus dem Chemnitzer Stadtarchiv hervorgeht, neben seiner Arbeit als Prokurist als Komponist. Seine Hymne auf die Gemütlichkeit fand bei den Männerchören Gefallen und wurde in alle Richtungen getragen, so auch nach München auf das Oktoberfest. Dort wurde es mit einem Schlachtruf „Oans, zwoa, drei, gsuffa!“ von den Bayern ergänzt. Die Idee dazu dürfte aus dem nicht minder berühmten Lied „In München steht ein Hofbräuhaus“ stammen, das von Wilhelm „Wiga“ Gabriel (Musik) und Klaus Siegfried Richter (Text) verfasst wurde. Heute werden mit jedem Prosit, das vom jeweiligen Kapellmeister mit einem „Die Krüge hoch, die Krüge hoch!“ eingeleitet wird, die Bierzeltbesucher zum Griff zum Maßkrug ermuntert. Und diese kommen der Aufforderung gerne nach. Bis 3000 (!) Euro sollen dabei in die Kasse des Wiesn-Wirts gespült werden, geht das Gerücht. Was die Wiesn-Wirte allerdings heftigst dementieren.

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Foto: Die Krüge hoch! ©Exithamster

DIE KRÜGE HOCH, DIE KRÜGE HOCH!
Der Komponist Bernhard Dietrich hingegen ging leer aus. Er konnte den Siegeszug seines Liedes nicht mehr erleben und starb 1902. Seine Sangesbrüder attestierten ihm in der Traueranzeige edle, unvergessliche Charaktereigenschaften. „In seinen köstlichen Liedergaben wird sein Andenken bei uns stets fortleben.“ Dass zumindest eine dieser musikalischen Köstlichkeiten unsterblich wurde, dafür sorgte Georg Lang, ein fränkischer Gastwirt. Er revolutionierte das Münchner Oktoberfest, in dem er – durch einen geschickten Schachzug – fünf Buden anmietete und mit Planen überdachte. So entstand das erste Bierzelt. Und weil es in den Zelten immer so laut herging und die Musikkapelle kaum zu hören war, teilte man beim Eingang Liedtexte aus, damit die Besucher mitsingen konnten.

SÜSSER DIE TANTIEMEN NIE KLINGEN…
Lauthals im Bierzelt zu mitzusingen, dieser Brauch hat sich bis in unsere Tage erhalten. bildAber was macht einen heutigen Wiesn-Hit aus? „Die Melodie muss ins Ohr gehen und der Text darf nicht zu kompliziert sein. Zumindest der Refrain muss von allen mitgegrölt werden können. Oder wenigstens eine Zeile“, sagt Walter Bankhammer, der Kapellmeister der Niederalmer. Und der muss es ja wissen, schließlich spielt seit 20 Jahren mit seiner Showband im Schützen-Festzelt auf. Sein Tipp für den Wiesn-Hit 2016? „Lulapalu“ von Andreas Gabalier oder „Ham kummst“ von Seiler und Speer. Die drei Herren dürfen sich – gemäß dem Motto: Süßer die Tantiemen nie klingen… schon jetzt die Hände reiben.

 

 

Ostseewellen? Nordseewellen?
Maik Brandenburg erinnert an die Reisen eines bekannten Liedes und an seine Schöpferin
Martha Müller-Grählert

Das Lied „Mine Heimat“, das mit den Zeilen „Wo de Ostseewellen trecken an den Strand“ beginnt, kennt an der Küste jedes Kind. In der Mongolei, so heißt es, würden die Kinder eher reiten als gehen lernen. An der Ostsee ist es noch verrückter, hier lernen sie das Lied sogar bevor sie reiten können. Es hat eine sanfte, wiegende Melodie, man kann sich die  Wellen, die langsam heranrollen und auf den Strand treffen, gut vorstellen. Das Wort „trecken“ heißt übrigens so viel wie „ziehen“, weshalb hier ein Traktor stets ein „Trecker“ ist. So ein Zusammenhang ist ja nicht jedem klar, von nun an aber dürften Sie mit diesem Premiumfakt bei jedem Smalltalk punkten. Vergessen Sie nur nicht zu erwähnen, von wem Sie das haben.

MüllerGrählertMartha (Quelle: wikipedia)

Die Dichterin des „Ostseewellenliedes“, wie es ebenfalls genannt wird, ist Martha Müller-Grählert, geboren in Barth bei Rostock, beerdigt in Zingst. Ein Glaser aus Flensburg brachte die Zeilen in die Schweiz, wo ein gebürtiger Thüringer sie vertonte. Das Lied war sozusagen schon in der Wiege international: Von der Schweiz aus trat es seinen Siegeszug um die Welt an. Die Formulierung klingt platt, aber platt ist das Lied ja sowieso, bester vorpommerscher Schnack.

Außerdem stimmt es: Gesungen wird das Lied heute in den Niederlanden, in England, Spanien, Kanada, Australien, Brasilien, möglicherweise auch in Afrika, ich werde meine Ohren offenhalten. In Frankreich singen sie von „Les Flots du Nord“, in Dänemark steigen sie ein mit „Der, hvor nordsøbølger ruller ind mod land“. In Südtirol, wo es auf sogar ladinisch über die Bergweiden hallt, kämmt der Wind die Wiesen, was jeden, der das gesehen hat, ohne weiteres an Wellen erinnern wird. Gut möglich, dass es auch eine japanische Version des „Ostseewellenliedes“ gibt, einige Jahre lebte Martha Müller-Grählert in Sapporo. Eine Fassung existiert aus dem KZ Eschwegen, “Wo das Lager steht so dicht am Waldesrand“.

Die Insassen, die „Moorsoldaten“, sangen es heimlich nach der Melodie des „Friesenliedes“. Als solches, nicht als „Ostseewellenlied“, ist es berühmt. Zu spät hatte sich die Dichterin um ihre Urheberrechte gekümmert. Abgeräumt hatte ein anderer, ein Niedersachse, der das Stück möglicherweise bei einem Kuraufenthalt in der Schweiz hörte, um es dann als friesisches Heimatlied zu drucken, es populär und sich selbst reich zu machen. Auch das ebenso bekannte „An der Nordseeküste“ ist kein eingeborener Song des Volkskunstduos Klaus&Klaus, obwohl es inzwischen wirkt, als sei er irgendwann aus dem friesischem Schlick gespült worden. Es ist in Wahrheit ein irischer Shanty! Guckt denen da oben denn keiner auf die Finger? Das „Friesenlied“ ist weiträumig lizenziert, auch die USA zahlen GEMA-Gebühren. Ich will jetzt keine alten Geschichten aufrühren, aber dieses Lied haben wir Ossis in die deutsche Einheit gebracht. Wenn wir es mit dem Solidaritätszuschlag verrechnen, sind wir quitt.

Ich habe das Grab Martha Müller-Grählerts in Zingst besucht und Blumen niedergelegt, keinen „gelen Ginster“, sondern Rosen. Vor allem, um dieser bemerkenswerten Frau zu gedenken, die arm und fast vergessen in einem Altenheim starb. Aber auch, weil Martha Müller-Grählert und ich Geschwister im Geiste sind, wir teilen ein ähnliches Künstlerschicksal. Denn auch ich verfasse Songtexte. Auch ich habe Hits geschrieben, die um die Welt gehen – in Thailand, auf den Philippinen, in Indonesien, Russland, Kuba, Botswana waren sie schon zu hören, in China, auf den Fidschis, in Japan, von Europa rede ich gar nicht. Sogar auf den fernen Marshallinseln im Pazifik und auf Guam. Ich musste meine Lieder dort zwar bislang stets alleine singen, aber was zählt, ist ja die Qualität. Auch ich habe, wie die große Vorpommerin, kaum einen Cent dafür gesehen.

Oder heißt es „Vorpommeranerin“? In diesem Jahr (Karl: 2016) wäre das One-Hit-Wonder Martha Müller-Grählert 140 Jahre alt geworden. Zeit, das Lied der Vorpommerschen jeden Tag anzustimmen. Oder wenigstens zu summen. In Friesland und Umgebung aber sollten sie endlich die Gelegenheit nutzen und sich zur wahren Historie von „Mine Heimat“ bekennen. Falls das zu hart ist, könnten sie dort gern ein Lied gern ein Lied von mir singen, wäre auch okay.

www.mare.de

 

Walter Rothenburg im Porträt

 

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Walter Rothenburg
Walter Rothenburg

Wenn die Deutschen ihr kollektives Glücksgefühl gesanglich ausdrücken wollen, sei es nun bei einer feucht-fröhlichen Geburtstagsrunde oder nach einem gewonnenen Fußballmatch im Stadion, kommen sie an einem Gassenhauer nicht vorbei: So ein Tag, so wunderschön wie heute! Auch in den nächsten Wochen wird er während der Fußball-EM in Frankreich vermutlich landauf, landab aus Abertausenden Fan-Kehlen klingen. Eine gute Gelegenheit also, jenen Mann vorzustellen, dem vor 65 Jahren dieser Text eingefallen ist: Walter Rothenburg.

O DU VLAAMISCHE DEERN

Walter Rothenburg wurde am 28. Dezember 1889 in Hamburg-Eimsbüttel geboren. Sein Vater Joseph war ein Brauereivertreter, sein Großvater Charles Schriftsteller und Verleger. Schon in jungen Jahren zog es Walter in die Ferne. Anstatt Brötchen zu backen, wie es die Eltern gewollt hätten, fuhr er als Schiffsjunge zur See. 1899 war er bei der Kaiserlichen Marine im Einsatz. Bereits in dieser Zeit schrieb er Lieder auf Plattdeutsch. Sein erstes überliefertes Lied verfasste er 1916 an der Flandernfront, wo er im Kriegseinsatz war: O du vlaamsche Deern. Überaus erfolgreich war seine Zusammenarbeit mit dem Volkssänger Charly Wittong, mit dem er u.a. Couplets vom Hamburger Fährjung (Fohr mi mol röber!) und An de Eck von de Steenstroot schrieb. Die Lieder wurden so populär, dass sie heute viele Hamburger für alte Volksweisen halten.

KAMPF UM MEISTER UND MILLIONEN

In den Zwanziger Jahren startete Rothenberg, der in den USA mit dem Boxsport in Berührung gekommen war, in Deutschland eine sensationelle Karriere als Boxpromotor. 1925 veranstaltete er den ersten Boxkampf im Berliner Sportpalast. Für den Kampf Walter Neusel gegen Max Schmeling ließ er 1934 in Hamburg eine Sandrennbahn in der Nähe des Tierparks Hagenbeck innerhalb weniger Wochen zu einer Arena umgestalten, die fast 100.000 Besuchern Platz bot – ein Zuschauerrekord, der bis heute nicht eingestellt wurde. Für den Kampf Max Schmeling gegen den Amerikaner Steve Hamas ließ er ein Jahr später innerhalb von 42 Tagen in Hamburg eine Lagerhalle in die größte überdachte Sportarena der Welt umbauen. Die Hanseatenhalle umfasste 25.000 Sitzplätze, der Madison-Square-Garden in New York nur 20.000. Der Sieg gegen Hamas ermöglichte Schmeling, Ex-Weltmeister im Schwergewicht, wieder in Amerika als Boxer Fuß zu fassen und 1936 gegen Joe Louis anzutreten. Zuvor hatte sich Schmeling auch als Schauspieler und Sänger versucht. Das Lied Das Herz eines Boxers aus dem Film Liebe im Ring schrieb allerdings nicht Rothenburg, sondern Fritz Rotter.

SO EIN TAG, SO WUNDERSCHÖN WIE HEUTE

Nebenbei, aber vor allem nach seinem Abschied vom Ring war Rothenburg, der seine Erinnerungen in dem Buch Kampf um Meister und Millionen festhielt, als Schriftsteller und Textdichter tätig. Er schrieb Glossen, Gedichte und Kurzgeschichten, die mit seinem Spitznamen, dem Kürzel Wero, versah. Für das 1949 gegründete Hamburger Abendblatt verfasste er Kolumnen mit Lokalkolorit und veröffentlichte Gedichtbände in Plattdeutsch.

 

Freddy Quinn
Freddy Quinn

Als Liedtexter war er so produktiv, dass seine Komponisten Lotar Olias, Michael Jary, Gerhard Winkler und Gerhard Jussenhoven kaum nachkamen. Du, du, du, laß mein kleines Herz in Ruh‘, im Original gesungen von Lonny Kellner, wurde in der Übersetzung als You, you, you, – Interpreten waren The Ames Brothers – als erstes deutsches Lied nach dem 2. Weltkrieg Nummer 1 in der amerikanischen Hitparade. 1951 gelang Walter Rothenburg mit So ein Tag so wunderschön wie heute sein größter Hit. Als Auftrittslied der Mainzer Hofsänger in der Fastnacht 1952 wurde es über Nacht zur Karnvalshymne. 1954 wurde der Schlager in den Unterhaltungsfilm Geld aus Luft eingebaut, und Lonny Kellner verhalf ihm so zu weiterer Popularität. Auch Ernst Neger, Freddy Quinn und Heino nahmen es in ihr Repertoire auf, und sogar beim Fall der Berliner Mauer sangen Tausende Menschen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergeh’n…“ Und noch ein Lied aus der Feder von Walter Rothenburg ist bestens geeignet für die Bekundung grenzenlose Freude: Oh, wie bist du schön! Die Musik dazu stammt von Willibald Quanz.

JUNGE, KOMM BALD WIEDER!

1954 brachte der Komponist Lotar Olias im Operettenhaus in Hamburg die Revue-Operette Heimweh nach St. Pauli heraus. Die Story war dem singenden Seemann Freddy Quinn auf den Leib geschrieben. Das Libretto stammte von Gustav Kampendonk und Heinz Bruck, die Liedtexte u. a. von Kurt Schwabach, Ernst Bader, Stephan Weiss und Walter Rothenburg. Rothenburg gelang mit Junge, komm bald wieder! der ganz große Wurf. 1963 wurde das Musical verfilmt. Junge, komm bald wieder führte dreizehn Wochen die deutsche Hitparade an. 2,5 Millionen Singles wurden verkauft.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte der fernwehgeplagte Wero mit seiner fünften Ehefrau, die er der Einfachheit halber Weroline nannte, und Yorkshire-Terrier Lord Simon in Ascona in der Schweiz. Nicht aus Steuergründen, sondern der gesunden Luft wegen, wie er einmal dem Hamburger Abendblatt anvertraute. Rothenburg starb am 10. März 1975 in Ascona, wurde aber als echter Hamburger Jung in Hamburg-Ohlsdorf beigesetzt. Ihm zu Ehren wurde eine Brücke im Stadtteil Neuallermöhe benannt.

 

 

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Günter Loose im Porträt

Günther Loose -V-
– Günter Loose –

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

In Kürze geht der Eurovision Songcontest 2016 über die Bühne. Deutschland schickt Jamie-Lee Kriewitz nach Stockholm. Ob das Manga-Mädchen mit dem Titel Ghost einen Blumentopf gewinnen kann? Seit 1970 wissen wir: Wunder gibt es immer wieder! Damals landete Katja Ebstein mit diesem Titel auf Platz 3 und erreichte die bis dato beste Platzierung beim ESC, der damals noch Grand Prix de la Chanson hieß. Die Musik schrieb Christian Bruhn, den Text Günter Loose, dem das heutige Porträt gewidmet ist.

EIN KLEINER NEGERJUNGE TRÄUMT VON EINER SCHNEEBALLSCHLACHT

Rudolf Günter Loose wurde am 5. Februar 1927 in Berlin geboren, wo er auch seine Jugend verbrachte. Sein Interesse galt schon im Gymnasium der Unterhaltungsmusik und dem Jazz, er studierte aber auf Wunsch seines Vaters fünf Semester Medizin. Nach dem Studienabbruch trennte er sich von seinem ersten Vornamen und startete mit Schulfreund und Jazz-Kumpel Klaus Hübner ein ehrgeiziges Projekt. Er gründete eine Gastspiel-Direktion für Jazz. „Bei unseren Jam-Sessions machte Paul Kuhn seine ersten Schritte – wir allerdings nach zwei Jahren unsere letzten“, notierte Loose in seinen Erinnerungen im Booklet zur CD-Sammelbox „Meine Lieder – meine Texte“. Nach dieser Pleite versuchte er sich als Lesezirkel-Vertreter, Regieassistent und klinkenputzender Schlagertexter. Erstmals auf offene Ohren stieß er bei dem Komponisten Gerhard Honig, Musikredakteur des Deutschlandsenders, der im Osten der damals noch nicht geteilten Stadt Berlin ansässig war. Ein kleiner Negerjunge träumt von einer Schneeballschlacht, so lautete der Titel und wurde von der dunkelhäutigen Leila Negra gesungen. Von nun an ging’s bergauf. In Ostberlin entwickelte sich eine gedeihliche Zusammenarbeit mit dem Komponisten Gerd Natschniski, die bedauerlicherweise durch den Bau der Berliner Mauer ein Ende fand. Loose textete u. a. für den DDR-Star Bärbel Wachholz.

ITSY BITSY TEENY WEENY HONOLULU STRANDBIKINI

Den Durchbruch in der Bundesrepublik erlebte Günter Loose 1959 mit dem Song Ein Mädchen mit 16, gesungen von Conny Froboess. Das brachte ihm die erste Hitparadenplatzierung ein. 1960 verschaffte Loose mit Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strand Bikini Catarina Valente den Sommerhit des Jahres. Jedes neue Freddy Quinn-Lied bedeutete damals eine Goldene Schallplatte. Deshalb suchte Loose den Kontakt zu Freddys Komponisten Lotar Olias. So entstanden Du musst alles vergessen, La Guitara Brasilana und Irgendwann gibt’s ein Wiedersehen. Durch Olias lernte Loose James Last kennen, mit dem er Eine ganze Nacht (Games that Lovers play) verfasste, der von über 100 Interpreten in der Welt gesungen wurde. Loose schrieb für alle Schlagergrößen seiner Zeit: Rex Gildo, Vicky Leandros, Ireen Sheer, Bata Ilic, Ricky Shayne und Ted Herold sowie die ehemaligen Eislaufstars Marika Kilius und Hans Jürgen Bäumler. Auch ausländische Stars wie Johnny Cash, Chris Andrews, Paul Anka, Cliff Richard und Adamo kamen nicht an Loose vorbei. Er übersetzte deren Hits ins Deutsche.

MARMOR, STEIN UND EISEN BRICHT

Die erste Begegnung mit dem Komponisten Christian Bruhn dauerte zwei feuchtfröhliche Tage und Nächte. Zum Schreiben und Komponieren kamen die beiden nicht. „Aber wir entdeckten unsere gemeinsame Liebe zum Jazz, und das machte uns zu Freunden“, so Loose. Keine schlechte Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. So entstand für Drafi Deutscher Marmor, Stein und Eisen bricht (Wegen des grammatikalisch falsch gebrauchten Verbs durfte das Lied in Bayern nicht im Radio gespielt werden), für Manuela Ich geh’ noch zur Schule und für Roberto Blanco Ein bisschen Spaß muss sein. Dieser Titel war auch Looses Lebensmotto. „Ohne Spaß läuft gar nichts“, sagte er. „Mir wäre kein Text eingefallen, viele schöne Lieder wären nie entstanden, und ich wäre nie bei diesem Beruf geblieben, der mir viel mehr als nur ein bisschen Spaß bereitet hat“.

WUNDER GIBT ES IMMER WIEDER

Eines Abends im Jahr 1970, kurz vor Einsendeschluss zum Grand Prix d’Eurovision de la Chanson (der heute Eurovision Songcontest heißt) in Amsterdam rief Günter Loose Christian Bruhn an: „Du, wir haben da noch eine angefangene Country-Nummer, die heißt Wunder gibt es immer wieder. Die sollten wir einreichen. Mach‘ eine schöne Festival-Musik dazu, vielleicht etwas langsamer, bedeutender, ich kann ja den Text ändern, wenn’s nötig ist“, erinnerte sich Bruhn in seiner Biographie „Marmor, Stein und Liebeskummer“. Innerhalb weniger Stunden schrieb er eine Melodie mit einem gewaltigen, spannungsgeladenen Intro, dazu ein Arrangement mit Bigband und Streichern. Das Ergebnis ist bekannt. Katja Ebstein holte sich den 3. Platz beim Grand Prix. Es war aber auch der Startschuss für eine jahrelange enge Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten und der Sängerin, die 1972 in eine Ehe mündete. Das Lied wurde in viele Sprachen übersetzt und auch oft gecovert, u .a. von Guildo Horn, Karel Gott und Deborah Sasson.

WELCHE FARBE HAT DER SONNENSCHEIN?

Apropos Songcontest: 1984 wollte es Loose noch einmal wissen. Für die Formation Rainy Day verfasste er Text und Musik zu Welche Farbe hat der Sonnenschein, den Schweizer Beitrag für Luxemburg. Das Lied landete auf Platz 17, und Loose beendete seine höchst erfolgreiche Karriere als Textdichter. 3000 Lieder hatte er geschrieben, darunter auch unter dem Pseudonym Peter Berling, was wohl als eine Reminiszenz an seine Heimatstadt gedacht war. Bis 2002 betrieb Loose in Zürich eine Künstleragentur. Er starb am 3. Oktober 2013 im Alter von 86 Jahren in der Schweiz. „Was kann dem Künstler Besseres passieren, als dass seine Werke ihn überleben. Und das ist Dir gelungen, lieber Rudi. Hab Dank!“, schrieb Christian Bruhn in einem Nachruf.

Fritz Rotter im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Fritz Rotter
Veronika, der Lenz ist da!

Kaum schielt der Frühling um die Ecke, bricht alle Welt in einen Freudenschrei aus: Veronika, der Lenz ist da! Dass die Comedian Harmonists Veronika zum unausrottbaren Ohrwurm und ihrer Kennung gemacht haben, ist hinlänglich bekannt. Wem wir den köstlichen Text zu verdanken haben, weiß kaum jemand. Darum: Fritz Rotter vor den Vorhang!

VERONIKA, DER LENZ IST DA!

Fritz Rotter (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Berliner Theaterunternehmer) wurde am 1. März 1900 in Wien geboren. Sein jüdischer Vater war Generalvertreter für Champagner, seine Mutter führte den gutbürgerlichen Haushalt. Schon als 17jähriger war Fritz Stammgast im Café Dobler an der Linken Wienzeile, wo die Kabarett- und Literaturszene verkehrte – das spätere Filmgenie Fritz Lang liebte es ebenso, dort seine Melange zu trinken – und schrieb für das Kabarett Simpl Texte und Lieder. An die 1200 Lieder sollten es im Laufe seines Lebens werden. Ob Rotter auch einen „ordentlichen“ Beruf erlernt hat, verschweigt die Chronik.„Die Lieder sind kabarettistisch-komisch und leicht und höchst liebenswert und frech und charmant und alles zugleich!“ so beschrieb sie Robert Dachs in dem Buch „Sag zum Abschied…“. Und er stellte fest: „Rotter war ein Meister der dritten Strophe. Bei ihm bekam ein an und für sich harmloser Refrain in der letzten Strophe immer etwas leicht Unanständiges.“

WENN DER WEISSE FLIEDER WIEDER BLÜHT

Fritz Rotter
Fritz Rotter

Rotter war ein Multitalent und Vielschreiber. Er verfasste Libretti für Operetten und Revuen, Bühnenstücke und Drehbücher sowie Romane und Gedichte und war auch als Komponist tätig. Lieder, die heute noch unvergessen sind, sind Wenn der weiße Flieder wieder blüht (Musik: Franz Doelle),Ich hab’ mir für Grinzing einen Dienstmann engagiert (Musik und Co-Autor: Bruno Uher) und Heut war ich bei der Frieda. Rotter besaß eine untrügliche Nase für musikalische Talente. Er hatte sich bereits in der Szene einen Namen gemacht, als er Walter Jurmann, einen ehemaligen Medizinstudenten und Barpianisten, kennenlernte. Er schlug ihm vor, mit ihm zusammenzuarbeiten und nach Berlin zu übersiedeln, dorthin wo in den Zwanziger Jahren der Bär steppte. Bereits das erste gemeinsame Lied Was weißt denn du, wie ich verliebt bin, gesungen von Star-Tenor Richard Tauber, wurde ein durchschlagender Erfolg. Dann folgte das Jahrhundertlied Veronika, der Lenz ist da. Der zündende Einfall kam Jurmann, als er mit Rotter auf den Schallplattenproduzenten Herbert Grenzebach im Büro der Plattenfirma Ultraphon wartete. Als dieser endlich kam, sang Jurmann spontan: „Wer kommt denn da? Der Grenzebach!“ Der Produzent witterte sofort Erfolgspotential in den acht Tönen und meinte: „Das ist eine Melodie. Da müssen Sie was draus machen!“ Die Autoren ließen sich nicht lange bitten. Ungeklärt geblieben ist allerdings, welche Dame namens Veronika den Textdichter zu den heiter-frivolen Zeilen inspiriert hat.

ICH KÜSSSE IHRE HAND, MADAME!

Fritz Rotter hatte nicht nur überbordende Lust am Nonsens, er hatte auch einen Hang zur Galanterie, wie das Lied Ich küsse Ihre Hand, Madame! beweist. Richard Tauber machte es zu einem Kassenschlager. In dem gleichnamigen Film war das Lied als kurze Tonsequenz in einem der letzten deutschsprachigen Tonfilme zu hören. Eine echte Sensation!

Die Machtübernahme Hitlers 1933 bedeutete das brutale Aus für die Karriere von Fritz Rotter. Er flüchtete mit Frau und Kind über Paris und London in die USA. Mehr als sieben dürre Jahre musste er überstehen, ehe sich wieder der Erfolg einstellte. Mit einem Bühnenstück, dem Kriegsdrama Letters to Lucerne, landete er auf dem Broadway in New York einen Triumph. Mit dem Film September Affair schaffte er den Sprung nach Hollywood. Er arbeitete u. a. mit Franz Werfel, Fritz Kortner und Fritz Lang. Dem Filmproduzenten Erich Pommer gelang es, Fritz Rotter, der mittlerweile die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, wieder nach Deutschland zu holen. Gemeinsam mit Helmut Käutner schrieb er für den Film Nachts auf den Straßen  das Drehbuch. Hans Albers und Hildegard Knef spielten die Hauptrollen.

WAS MACHT DER MAYER AM HIMALAYA?

Nach seiner Rückkehr konnte Rotter nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen. Mit Liedern wie Ich soll dich grüßen von Berlin und Ich möchte gern ein Beatle sein war allerdings kein Blumentopf zu gewinnen. 1966 geriet ein Lied von Rotter, das Freddy Quinn interpretierte, in die Negativ-Schlagzeilen. Wir, so der Titel, war eine harsche Kritik an der herumgammelnden Jugend. Dafür musste Freddy Quinn arge Kritikerschelte einstecken und sich öffentlich rechtfertigen. Martin Kraus vermerkte in dem Blog „Deutsche Lieder. Die Bamberger Anthologie“, das Lied bliebe als kuriose Kommentierung der sogenannten 68er-Bewegung im Gedächtnis. 1987 entdeckten die Toten Hosen den Song und coverten ihn unter ihrem Pseudonym Rote Rosen.

Fritz Rotter drängte nie ins Rampenlicht. In einem seiner seltenen Interviews antwortete er auf die Frage, wo er denn am liebsten lebe:„Dort, wo man mich am wenigsten belästigt.“ Seine Ruhe fand er im Tessin. wo er in Ascone – von der Öffentlichkeit gänzlich unbeachtet – seinen Lebensabend verbrachte und  am 11. April 1984 starb. Das Wiener Volksliedwerk widmete dem genialen Textdichter zum 30. Todestag im Rahmen des Wienerliedfestivals Weanhean 2014 im Konzerthaus einen Abend unter dem Titel Was macht der Mayer am Himalaya. Österreichische Bühnengrößen wie Katharina Straßer, Ursula Strauss und Wolf Bachofner sowie der Pianist Bela Koreny stellten unter Beweis, wie grandios diese Schlagerkunst einmal gewesen ist.

Fritz Löhner-Beda im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Sie sind das Obst der deutschen Einheit. Aber warum Bananen,ausgerechnet Bananen? „Die Banane ist eine Hoffnung für viele und eine Notwendigkeit für uns alle“, sagte Konrad Adenauer einst im Wirtschaftswunderland. Die Aussage muss sich wohl ins kollektive Gedächtnis der Deutschen gegraben haben. Wie ließe es sich sonst erklären, dass einen Tag nach dem Mauerfall am 9. November 1989 in den westdeutschen Supermärkten alle krummen Dinger schlagartig ausverkauft waren? Die Banane – das Luxussymbol der Ossies!

Dabei hatte schon in den 1920-Jahren die Tropenfrucht Furore gemacht. Josephine Baker brachte nur mit einem Bananenröckchen bekleidet die Männer in Paris, Berlin und Wien zur Raserei, und Fritz Löhner-Beda, einer der genialsten Textdichter seiner Zeit, setzte dem gelben Früchtchen mit dem Lied „Ausgerechnet Bananen“ ein literarisches Denkmal.

WAS MACHST DU MIT DEM KNIE, LIEBER HANS?

Fritz Löhner-BedaFriedrich Löhner wurde am 24. Juni 1883 als Bedrich Löwy im böhmischen Wildenschwert geboren. Die gutbürgerliche jüdische Familie zog vier Jahre später nach Wien. Beda bedeutet auf Tschechisch Fritz. So riefen ihn seine Eltern, und diesen Namen nahm er auch als Pseudonym an, als er als Gymnasiast seine ersten Gedichte veröffentlichte. 1908 promovierte Löhner zum Doktor der Rechte, übte seinen Beruf allerdings nie aus. Er hatte schon früh schriftstellerische Ambitionen und liebte die Unterhaltung, die sogenannte leichte Muse. Beda schrieb Gedichte und Kabarett-Sketche und machte sich auch bald als Schlagertexter einen Namen. Die Texte bestachen durch feine Ironie, charmante Zweideutigkeiten und höchste Reimkunst. Zur raschen Verbreitung trugen die neuen Medien Radio und Tonfilm  bei, und die Comedian Harmonists, die erste Boygroup der Welt, machten sie zu Hits mit ungeahntem Haltbarkeitsdatum. Wer kennt nicht „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans!“ (Musik: Richard Fall), „O Donna Clara! (Musik: Jerzy Petersbursky ) und „Ausgerechnet Bananen“ (Musik: Irving Cohn). Dieses Lied war eine äußerst freie Übertragung des englischen Songs „Yes, we habe noch Bananas“. Dass all diese Lieder in den 1990er Jahren ein Revival erlebten, ist nicht zuletzt Max Raabe und dem Palast-Orchester zu verdanken.

DEIN IST MEIN GANZES HERZ

Entscheidend für die steile Karriere von Löhner-Beda war die Begegnung mit dem Operettenkomponisten Franz Lehár. Dem ersten gemeinsamen Werk, „Der Sterngucker“, war zwar kein Erfolg beschieden. Aber schon beim zweiten Anlauf schafften Lehár und Löhner-Beda, der Ludwig Herzer als Co-Autor ins Boot holte, mit „Friederike“ einen Sensationserfolg. Den größten Triumph erreichte das Trio mit „Land des Lächelns“ (1929). „Dein ist mein ganzes Herz“ wurde zum berühmtesten aller Lieder die der Startenor Richard Tauber sang. Löhner-Beda widmete es seiner Frau Helene. Um in Lehárs Nähe zu sein, kaufte er sich in Bad Ischl die Villa Felicitas, die ehemalige Villa von Katharina Schratt. Dort pflegte der damalige Kaiser Franz Josef, wenn er in Bad Ischl auf Sommerfrische war, zu einem Gugelhupf und mehr einzukehren. (Übrigens: Zur Zeit steht die Villa wieder zum Verkauf frei!)

Auch viele dieser Operettenklassiker feiern wieder ein Revival. Im vergangenen Jahren erschienen CDs der Startenöre Jonas Kaufmann („Du bist die Welt für mich“) und Piotr Bezcala („Mein ganzes Herz“), die Werke von Franz Lehàr und somit auch Fritz Löhner- Beda zum Inhalt haben.

FREUNDE, DAS LEBEN IST LEBENSWERT!

Mit dem Komponisten Paul Abraham schrieb Löhner-Beda 1930 „Victoria und ihr Husar“, 1931 „Die Blume von Hawaii“, 1932 „Ball im Savoy“ und 1934 mit Franz Lehár „Giuditta“. Daraus stammt das Lied „Freunde, das Leben ist lebenswert!“. Es sollte die letzte Operette der beiden sein. Löhner-Beda erkannte nicht die tödliche Gefahr, die von Hitler, den er spöttisch den Tapezierer nannte, ausging. Freunde drängten ihn, das Land zu verlassen, doch er blieb. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 war es für Flucht zu spät. Mit dem 1. Prominenten-Transport wurde er in das KZ Dachau und dann nach Buchenwald deportiert. Unter den Häftlingen befand sich auf der Komponist  Hermann Leopoldi. Im KZ schrieben die beiden das Buchenwaldlied, eine Lagerhymne, die die Häftlinge beim täglichen Appell singen mussten. Ein Lied, von dem Löhner-Beda sagte, es wäre sein bestes gewesen.

EINMAL KOMMT DER TAG, DANN SIND WIR FREI!

Währenddessen hatte sein Name schon aufgehört zu existieren. Er wurde in das „Lexikon der jüdischen Musik“ aufgenommen und durfte, obwohl die Lieder und Operetten gespielt wurden, nicht mehr in den Programmen, Notenheften und Schallplattenetiketten aufscheinen. Löhner-Beda hoffte bis zuletzt auf Lehárs Fürsprache. Umsonst! Er starb am 4. Dezember 1942 in Auschwitz, ohne vom Tod seiner Frau und seiner beiden Töchter, die in einem KZ in Minsk ums Leben gekommen waren, erfahren zu haben. Weil er zu langsam arbeitete, wurde er von einem Mithäftling erschlagen. Die offizielle Todesursache lautete Altersschwäche. „Denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei“ – diese Zeile aus dem Buchenwaldlied ging für Fritz Löhner-Beda nicht in Erfüllung.

…UND PFEIFEN AUF DIE SITTSAMKEIT!

Wer mehr über das tragische Leben und das Werk von Fritz Löhner-Beda, Collage Jörg Hoffmann_2Löhner-Beda wissen will, kann dies in zwei Biographien nachlesen: „Kein Land des Lächelns“ von Barbara Denscher und „Dein ist mein ganzes Herz“ von Günther SchwarbergCharles Lewinksy verwandelte Bedas Leben in das berührende Theaterstück „“Freunde, das Leben ist lebenswert“. Christoph-Wagner-Trenkwitz, Chefdramaturg an der Wiener Volksoper, brachte den Gedichtband „Wie man sich trefft im Ampezzotal“ heraus, der längst vergriffene Texte von Beda beinhaltet.

Heuer setzten das Salzburger Vokalensemble Auftakt und der Wiener Schauspieler Alfred Pfeifer ein Herzensprojekt von mir in die Tat um. „…und pfeifen auf die Sittsamkeit!“ heißt die heiter-frivole Hommage an den verehrten Meister. Das Besondere an der CD: Einen Tonträger, der ausschließlich Werke von Fritz Löhner-Beda beinhaltet, gab es noch nie. „…und pfeifen auf die Sittsamkeit!“ – so heißt auch das Bühnenprogramm, das am 11. November wieder im kleinen theater in Salzburg zu sehen ist.

Bernd Meinunger im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Er ist eine Hälfte des erfolgreichsten Komponisten-Textdichter-Duos beim Eurovision Songcontext. Achtmal landeten seine Lieder unter den ersten fünf. Mit „Ein bisschen Frieden“, gesungen von der 17-jährigen Nicole,  katapultierte sich Bernd Meinunger Bernd Meinungergemeinsam mit dem Komponisten Ralph Siegel  1982 in Großbritannien in den Schlagerolymp und bescherte Deutschland den allerersten Sieg beim Eurovison Songcontest, der damals noch Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß. Der Siegertitel 1982 entstand, so geht die Mär, weil Siegel  – dem Zeitgeist entsprechend – unbedingt ein Lied über den Frieden machen wollte, Meinunger aber eigentlich nicht. Um dann im Laufe der Diskussion einzulenken: „Höchstens ein bisschen Frieden“. Damit war der Titel, die sogenannte „Zeile“, gefunden. Und Meinunger schwört, dass die Geschichte kein bisschen erfunden ist.

VOM WEIZEN ZUM HIMBEEREIS

Bernd Meinunger wurde am 30. September 1944 in Meiningen (Thüringen) geboren. Genau zehn Jahre später als Udo Jürgens. Da ist es nicht verwunderlich, dass der 70. Geburtstag, den Meinunger im vergangenen Jahr feierte, fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Schließlich ließ alle Welt Udo hochleben. Ein Umstand, der den Jubilar nicht störte, denn er steht nicht gern im Rampenlicht. Im Alter von fünf Jahren war Bernd mit seiner Mutter in die gerade gegründete Bundesrepublik Deutschland übersiedelt, wo der Vater lebte. Musikalische Ambitionen zeigten sich schon bald. Schon als Teenager wirkte Meinunger in verschiedenen Bands mit, unter anderem  mit den Red River Boys. 1966, während der Bundeswehrzeit, schrieb er Text und Melodie für seinen ersten Titel, der auf Schallplatte erschien: Chu Chu“.  Die Musik trat in den Hintergrund, als Meinunger  in München Volkswirtschaft studierte, wo er  seine Dissertation über die Handelsbeschränkungen des Weltweizenmarktes schrieb. Anschließend arbeitetete er zehn Jahre lang  in der Wirtschaftsforschung. Erst mit  33 Jahren startete er als Textdichter  durch, und zwar „Himbeereis zum Frühstück“. Das Lied war die deutsche Version des amerikanischen Songs „Standing in the Crossfire“ der Bellamy Brothers. In Deutschland machten es ebenfalls zwei Brüder zum Hit: Hoffmann und Hoffmann.

DSCHINGHIS KHAN UND EIN BISSCHEN FRIEDEN

1979 landete Meinunger seinen ersten Welterfolg: „Dschinghis Khan“, interpretiert von der gleichnamigem  Gruppe  Dschinghis Khan landete beim ESC  – Uuuuh, aaaah! –  in Jerusalem auf Platz  4. „Das Schönste ist, wenn man aus dem Nichts einen Hit schreibt“, so der Textdichter, „am besten für eine Band, die noch niemand kennt.“ Zwischen ihm und dem Komponisten Ralph Siegel entwickelte sich eine kongeniale Partnerschaft. Siebzehnmal seit 1978 traten die beiden gemeinsam beim Eurovision Song Contest an. Achtmal kamen sie unter die besten fünf, ihr Sieg 1982 mit „Ein bisschen Frieden“ ist legendär. Aber auch die Zweiplatzierungen, etwa Katja Ebsteins „Theater“ (1980), Lena Valaitis’ „Johnny Blue“ (1981) und „Lass die Sonne in dein Herz“ von Wind (1987) sind noch immer in den Köpfen der Deutschen.  

Bernd Meinunger hat mehr als 4600 Lieder geschrieben, die veröffentlicht und  350 millionenfach verkauft wurden, und erhielt an die 400 Gold- und Platin-Auszeichnungen. Neben dem Textdichten frönt er noch einer Leidenschaft, dem Golf. Auf dem Green traf er auch Hansi Hinterseer. Die Folge: Fast 100 Lieder in 20 Jahren!  Bernd Meinunger, der mit seiner Frau Barbara  in München lebt,  hat für beinahe jeden deutschsprachigen Künstler gearbeitet, der in den vergangenen 40 Jahren in den Hitparaden vertreten war, so zum Beispiel  Peggy MarchPeter AlexanderAndrea Berg, Rex GildoStefanie Hertel, die Kastelruther SpatzenMireille MathieuVicky LeandrosPeter Maffay, Semino Rossi und Wolfgang Fierek. Nur zwei große deutschsprachige Künstler fehlen ihm auf seiner langen Liste: Udo Jürgens und Howard Carpendale.  Und falls Sie auf einem Plattencover auf  klingende Namen wie John O’Flynn, Jim Leary, O. Pinion und Gunter Johansen stoßen: Auch hier steckt Bernd Meinunger dahinter.

VON DEUTSCHLAND NACH SAN MARINO

Anfang des 21. Jahrhunderts kam das Kreativ-Duo Siegel/Meinunger  in Deutschland irgendwie aus der Mode. 2005 wollte es Meinunger  noch einmal wissen und schrieb mit dem Komponisten David Brandes unter dem Pseudonym John O’Flynn den Song „Run & Hide“ , holte sich aber keine Lorbeeren. Die Sängerin Gracia landete auf dem letzten Platz – was nicht unbedingt an mangelnder Qualität des Songs gelegen haben dürfte, sondern an einem handfesten Skandal, der seinerzeit durch die Presse rauschte……….
Ralph Siegel scheint noch immer dem Songcontest verfallen zu sein. Er versucht seit Jahren  sein Glück mit anderen Nationen, darunter Malta, Bosnien und Herzegowina und San Marino – für das letztgenannte Land  heuer schon zum vierten Mal. Dieses Mal holte er wieder  John O’Flynn  ins Boot, der sich die Zeilen für  „Chain of Lights“  einfallen ließ. „Es wäre ein Traum, ins Finale kommen“, meinte Siegel vor wenigen Tagen. Dieser Traum ging nicht in Erfüllung. Für Anita Simoncini & Michele Perniola, beide erst 16 Jahre alt,   aus San Marino, war am Donnerstag in der Vorentscheidung Endstation.

Die Herren Siegel und Meinunger können sich also am 23. Mai die Übertragung in der Wiener Stadthalle ganz entspannt anschauen.  Den Grand Prix-Urgesteinen sei ein bisschen Frieden gegönnt. 

 

 

Hans Fritz Beckmann im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Es gibt Tage, da denkt man: „Welt, lass mich in Ruhe“, wie DIE ZEIT vor kurzem titelte. Tage, an denen man alles außen vor lassen möchte und sich nur eines wünscht: „Ich wollt’, ich wär ein Huhn! Ich hätt’ nicht viel zu tun. Ich legte jeden Tag ein Ei, und sonntags auch mal zwei…“ Diesen unausrottbaren Ohrwurm sang 1936 der UFA-Traumpaar Lilian Harvey und Willy Fritsch in dem Film  „Glückskinder“. 73 Jahre später fand er sich in derselben Interpretation in dem Oscar-preisgekrönten amerikanischen Streifen „Inglorious Basterds“  wieder. Geschrieben hat das Lied einer der erfolgreichsten Textdichter des jungen deutschen Tonfilms, Hans Fritz Beckmann, die Melodie stammt von Peter Kreuder.

VON BERLIN NACH BUENOS AIRES UND RETOUR

Hans Fritz Beckmann wurde am 6. Januar 1909 in Berlin-Schöneberg geboren. „Mein Vater war Offizier, meine Mutter nicht  – diese Veranlagung habe ich auch dann von meiner Mutter geerbt“, so beschrieb Beckmann augenzwinkernd seine Eltern. Auch mit dem zweiten Mann seiner Mutter, mit dem die Familie 1920 nach Argentinien auswanderte, hatte der Junge keine rechte Freude. Er hatte schon damals literarische Ambitionen, sollte aber nach dem Willen des Stiefvaters Buchhalter werden. Als er sich widersetzte, verfrachtete dieser den 19-jährigen kurzerhand mit einer nur halbbezahlten Schiffspassage auf einen Dampfer Richtung Deutschland. Das fehlende Geld musste sich Hans auf der Überfahrt als Schiffsjunge verdienen. 1928 nach Berlin zurückgekehrt schlug sich er als Gelegenheitsarbeiter und Eintänzer durch. Tangotanzen hatte er in Buenos Aires gelernt, und dieser Tanz war in Deutschland groß in Mode. In einem Tingel-Tangel-Varieté sah ihn der Kabarettist und Conferencier Erich „Elow“ Lowinksy und holte ihn 1932 als zweiten Mann in sein berühmt-berüchtigtes  „Kabarett der Namenlosen“. Das war ein ziemlich mieser Job, denn dort durften nur die Untalentiertesten auftreten, die dann gnadenlos verrissen und vom Publikum ausgebuht wurden. (Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?) In dieser Zeit schrieb Beckmann seine ersten Chanson-Texte und landete 1934 in Trude Hesterbergs Kabarett „Musenschaukel“, wo er den Komponisten Theo Mackeben kennenlernte, der damals in der Schlagerwelt schon eine große Nummer war. Was für ein Glück, dass Mackeben dringend einen neuen Autor suchte. Sein bisheriger Autor Felix  Joachimson (später: Felix Jakobson) war jüdischer Abstammung und musste aus politischen Gründen Deutschland verlassen.

SO ODER SO IST DAS LEBEN

Hans Fritz Beckmann mit dem Komponisten Peter Kreuder (links)
Hans Fritz Beckmann mit dem Komponisten Peter Kreuder (links)
Quelle: privat, mit freundlicher Genehmigung

Mit  dem Lied So oder so ist das Leben aus dem Film „Liebe, Tod und Teufel“, gesungen von Brigitte Horney, gelang Beckmann schnell der Durchbruch. Die Platte, bei der Deutschen Grammophon aufgenommen, wurde zu einem Sensationserfolg. Über Nacht hatte sich Beckmann in der Branche einen Namen gemacht, und viele Komponisten rissen sich um seine Texte. Er schrieb nicht nur für Theo Mackeben, sondern auch für Peter Kreuder, Friedrich Schröder und Peter Igelhoff. Kein Star der 1930er und 1940er Jahre, der nicht einen Titel von Beckmann im Repertoire gehabt hätte. Viele der Lieder sind zu Evergreens geworden: Lilian Harvey und Willi Fritsch sangen in dem Film „Die sieben Ohrfeigen“  Ich tanze mit dir in den Himmel hineinJohannes Heesters in „Gasparone“ Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen, Hans Albers  in „Wasser für Manitoga“ Goodbye Johnny, Lizzi Waldmüller in  „Bel Ami“ Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami“ sowie  Willi Forst„Gnädige frau, wo war’n Sie gestern?, Marika Röck  in „Hallo Janine“ Musik, Musik, Musik (besser bekannt unter dem Titel Ich brauche keine Millionen), Zarah Leander in „Es war eine rauschende Ballnacht“ Nur nicht aus Liebe weinen, Johannes Heesters in „Immer nur du“ Man müsste Klavier spielen können, Evelyn Künneke in „Karneval der Liebe“ Haben Sie schon mal im Dunkeln geküsst? und Margot Hielscher in dem gleichnamigen Film Frauen sind keine Engel. Neben den Liedtexten, über 958 sind bei der GEMA registriert, schrieb Beckmann auch eine beachtliche Zahl von Filmdrehbüchern. Hier seien nur einige aufgezählt:  „Kleiner Mann – ganz groߓ (1938), „Hallo Janine“ (1939) und „Traummusik“ (1940).

LIEBER GOTT, LASS DIE SONNE WIEDER SCHEINEN

Nach Kriegsende wurde es stiller um den einstigen Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Beckmann eröffnete in Berlin ein Kabarett, das aber schon nach kurzer Zeit wieder geschlossen wurde, und versuchte sich als Lyriker. Trotz heftigen Bemühens konnte er nicht mehr an seine alten Erfolge anschließen, obwohl er alles tat, um sich auf veränderten Publikumsgeschmack und das Zwei-Minuten-Dreißig-Diktat der Musikboxen einzustellen. Er schrieb weiterhin Filmmusiken, aber ohne echtes Hitpotential. In Erinnerung geblieben ist das Lied „Lass die Sonne wieder scheinen“ aus dem  gleichnamigen Film, für das Beckmann 1955 gemeinsam mit Franz Marischka das Drehbuch verfasste. Die kleine Cornelia sang das Titellied, zu dem Papa Gerhard Froboess die Musik geschrieben hatte: „Lieber Gott, lass die Sonne wieder scheinen für Mama, für Papa und für mich. Alle Leute, die großen und die kleinen, haben Sehnsucht nach Sonne wie ich…“

ABSCHIEDSBRIEF IM MÜNCHNER STAMMLOKAL

Für Beckmann hatte die Sonne nicht mehr dieselbe Strahlkraft wie in den Dreißiger- und Vierzigerjahren. Er arbeitete als Synchronautor für Hollywood-Filme, wurde 1958 Produzent bei der Plattenfirma Ariola und freute sich, als die Nostalgiewelle der Sechziger Jahre seine Evergreens wieder nach oben spülte. Das große Revival der Lieder der 1930er und 1940er Jahre, das von Max Raabe und seinem Palastorchester in den 1990er Jahren eingeläutet wurde, konnte er leider nicht mehr erleben.  Am 25. April 1975  – da war Hans Fritz Beckmann gerade mal 66 Jahre alt  – verlor er den Kampf gegen den Lungenkrebs. Seinen Freunden, darunter dem Komponisten Friedrich Hollaender, hatte er in seinem Stammlokal, dem legendären Max II, einen Abschiedsbrief hinterlassen. 

„Beckmanns Texte kann man auch in gedruckter Form als amüsante, manchmal satirisch-geschliffene, in jedem Fall aber als den Intellekt ansprechende Gebrauchslyrik begreifen“, schrieb Jens Uwe Völmeke  anlässlich des 100. Geburtstags in einem Artikel des Sikorski Magazins. „Damit ist Beckmann seinem persönlichen Wunschtraum, einmal ein bedeutender Literat zu werden, vielleicht näher gekommen als er es selbst jemals geglaubt hätte. Ein ‚Literat’ des deutschen Schlagers war er auf alle Fälle.“

 

Wolfgang Hofer im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Zwei Seelenverwandte: Udo Jürgens und sein Textdichter Wolfgang Hofer

Zwei Seelenverwandte: Udo Jürgens und sein Textdichter Wolfgang Hofer

Am 17. Februar feiert Wolfgang Hofer, einer der großen zeitgenössischen Textdichter  und Hitschreiber von Udo Jürgens, seinen 65. Geburtstag. Was läge da näher als den gebürtigen Linzer, der in den 70er Jahren als Liedermacher erfolgreich war, zu fragen: Fängt tatsächlich erst mit 66 das Leben an? Das etwas andere Porträt.

„Noch mehr Musical, das wär’ schon was!“

Im Internet lässt sich nicht sehr viel über Sie finden. Kollegen Ihres Kalibers haben eine umfassende Homepage. Stehen Sie lieber in der 2. Reihe als im Rampenlicht und wollen eigentlich von den Medien verschont bleiben?

Anfang der 70er stand ich für ein einige Jahre durchaus im Rampenlicht, nachdem ich als dahergelaufener Ösi Heino von Platz eins der ZDF-Hitparade verdrängt hatte. Mein Lied vom Trödler Abraham hatte einen außergewöhnlichen Text, und so fragten die Kollegen, ob ich auch für sie schreiben würde. Über Peter Kraus und Michael Schanze, die ich von gemeinsamen Auftritten kannte, kam ich auch zu Aufträgen für Fernsehshows. Das ging später bis „Flitterabend“, „Bambi“ und „Wetten dass…“ Irgendwann war für die Bühne einfach keine Zeit mehr. Für eine Homepage fehlen mir die Lust und die Eitelkeit.

Stammen Sie aus einem künstlerischen Elternhaus? Welche Musik wurde im Hause Hofer gehört?

Mein Vater war Buchhalter, meine Mutter hatte eine poetische Ader, die blieb aber privat. Als Kind habe ich alles gehört, was das Radio an Schlager und früher Popmusik hergab. Ich habe auch Beatles- und Rolling-Stones-Texte aus der Bravo ausgeschnitten.

Wie verlief Ihre Schullaufbahn?

Ich war ein Einser-Schüler, der im Gymnasium zum Rebellen mutierte. Als Rädelsführer der klasseneigenen OAS (Organsiation académique de sabotage) hatte ich etliches auf dem Gewissen, auch eine ziemlich satirische Maturazeitung. Dank meiner schulischen Leistungen blieben mir aber Sanktionen weitgehend erspart.

Wann machte sich Ihr dichterisches Talent zum ersten Mal bemerkbar?

Im zarten Alter von sieben Jahren habe ich einen Familienausflug in Gedichtform für die Nachwelt festgehalten. Leider hat die Nachwelt das Werk verschlampt.

War das Studium der Nachrichtentechnik nur ein Vorwand, um aus der Provinz nach Wien zu kommen?

 Erwischt! Zu Hause in Linz konnte man damals nur Sozialwissenschaften studieren. So kam ich als Bastler auf die Idee, Nachrichtentechnik zu belegen, ein Teilgebiet der Elektrotechnik. Und das gab es nur in Wien! Das Studium habe ich nicht abgeschlossen. Ich war zu viel mit der Musik beschäftigt, habe jeden Tag im Keller des Studentenheims mit der Gitarre komponiert und geübt.

Wann  entstand der Wunsch, Liedermacher zu werden? Gab es Vorbilder?

In meiner Gymnasialzeit waren Protestsongs angesagt, ausgehend von amerikanischen Songwritern wie Bob Dylan, Joan Baez & Co.  Also schrieb ich unter der Schulbank weltverbessernde englische Lieder und gründete mit Schulkollegen eine Folklore-Band. Nach der Matura gingen wir auseinander, jeder in eine andere Stadt. In Wien gab es eine Nachwuchsförderung durch den Österreichischen Rundfunk ORF, und ich wurde bei einem bunten Abend im Studentenheim begutachtet und für tauglich befunden. So entstanden erste professionelle Aufnahmen im Rundfunk-Tonstudio.

Sie haben als Sänger Ihren Nachnamen abgelegt.  Wegen Wolfgang Ambros’ „Hofer“? Oder kam der erst später?

Ich fand damals, mit dem Namen „Hofer“ kann man Tiroler Freiheitskämpfer werden, aber kein Schlagersänger. Wolfgang Ambros hat seinen Hofer erst kurz darauf „die Leich‘ massakrier’n“ lassen.

Ihre Karriere als Liedermacher und Sänger begann sehr vielversprechend. Warum haben Sie damit aufgehört? Haben Sie das jemals bereut?

Warum: Siehe oben! Bereut: Nein.

Wann gingen Sie nach München?

Ich ging von Wien zuerst nach Hessen, weil in Frankfurt meine Plattenfirma ansässig war. Eine Villa im Taunus konnte ich mir nicht leisten, also habe ich in Hanau gewohnt. Da gibt es übrigens einen Stadtteil namens „Wolfgang“. Passt doch, oder? Später zog ich nach München, da riecht’s mehr nach Heimat.

Wie schafften Sie es,  für Udo Jürgens zu arbeiten? Was war das erste Lied, das Sie für ihn schrieben?

Ich war als Sänger im Management von Hans Beierlein, der auch Udo betreut hat. Da lag es nahe, mich nach Kitzbühel zu schicken  „…und jetzt schreibt mal was zusammen!“ So stand ich dann mit Herzklopfen vor einer riesigen Villa, und es begann eine wundervolle und anstrengende Zusammenarbeit. Der erste Text, den ich für Udo schrieb, hieß „Mein Klavier“. Insgesamt sind es über 100 gemeinsame Lieder. Genau weiß ich die Zahl noch nicht, mit meiner Datenbank bin ich erst beim Buchstaben K.

Was sind die bekanntesten Lieder und  was Ihre liebsten?

„Buenos Dias, Argentina,“ „Liebe ohne Leiden“, „Mein Bruder ist ein Maler“, „Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff“ und „Mit 66 Jahren…“ Lieblingslied ist schwer, vielleicht „Merry Christmas allerseits“, weil es doch recht originell ist.

Wie war die Zusammenarbeit mit Udo Jürgens? Sie haben bis zuletzt für ihn geschrieben. Die meisten Texte von  „Mitten im Leben“ sind von Ihnen. 

Die Zusammenarbeit war geprägt von einer Seelenverwandtschaft – nicht nur, weil wir beide Österreicher sind – von gegenseitigem Respekt und von höchster Akribie. Wir haben Worte oft x-mal umgedreht, bis wir zufrieden waren. Genauso ist Udo mit seinen Melodien verfahren, deshalb kamen ja auch große Lieder dabei heraus und nicht irgendwelche Allerweltschlager. Udo war ein Arbeitstier wie ich, aber am Abend war Schluss – da gab es früher Rot- und in den letzten Jahren Weißwein und ein entspanntes Essen. Nach dem obligatorischen Wodka Tonic sind wir hie und da doch wieder an den Flügel. „Buenos Dias, Argentina“ ist um drei Uhr nachts entstanden. Und wenn ich nicht mein Diktiergerät hätte laufen lassen, hätten wir uns am nächsten Tag vielleicht nicht mehr erinnert…

Wie geht es Ihnen jetzt – wenige Wochen nach seinem Tod?

Es ist alles ganz unwirklich. Ich habe noch seine Stimme im Ohr, wenn er auf den Anrufbeantworter gesprochen hat: „Jaaa, Udo hier…“ Und es ist eine brutale Erkenntnis: Letztlich bleibt auch vom größten Helden neben dem Ruhm nur eine Handvoll Asche.

Sie erleben das typische Schicksal eines Textdichters.  Alle kennen Ihre Lieder, die wenigsten wissen, dass sie von Ihnen stammen.  Ärgert Sie das? Oder freuen Sie sich im Stillen, wenn Ihnen ein „maßgeschneiderter“ Text gelingt?

Ich freu mich laut, wenn mir ein Text gelingt. Und das ist zum Glück nicht selten. So kann ich als graue Eminenz gut im Hintergrund leben. Die meisten kriegen ja eh raus, was ich mache. Wie mein Fischhändler auf dem Viktualienmarkt. Der hat mich bei der Geburtstagsgala im Fernsehen gesehen und dann ganz geschickt ein Gespräch eingefädelt, um Gewissheit zu haben.

Von Ihnen stammt auch der Hit von Margot Werner „So ein Mann“ und „Lass mein Knie, Joe“, gesungen von Wenke Myrhe. Für wen haben Sie noch geschrieben?

Hier ein kleines ABC meiner Künstler (Sänger und TV-Moderatoren): Dieter Thomas Heck mit Wolfgang HoferSalvatore Adamo, Tom Astor, Peer Augustinski, Roy Black, Gilbert Bécaud, Vivi Bach, Lill Babs, Gerhard Bronner, Axel Bulthaupt, Howard Carpendale, Costa Cordalis, Dorthe, Deutsche Fußball-Nationalmannschaft, The Eagles Charity Project, Thomas Gottschalk, Rex Gildo, Gitti & Erica, Hanne Haller, Heino, Dieter Hallervorden, Hansi Hinterseer, Eva Hermann, Chris Howland, Sigi Harreis, Bata Illic, Udo Jürgens, Jenny Jürgens, Harald Juhnke, Roland Kaiser, Peter Kraus, Johanna von Koczian, Daliah Lavi, Jürgen von der Lippe, Bruce Low, Martin Lauer, Mireille Mathieu, Nana Mouskouri, Wencke Myhre, Jürgen Marcus, Marianne und Michael, Carmen Nebel, Marianne Rosenberg, Iwan Rebroff, Dunja Rajter, Ilja Richter, Carolin Reiber, Harald Schmidt, Bud Spencer, Bobby Solo, Ingrid Steeger, Dietmar Schönherr, Michael Schanze, Sabine Sauer, Vico Torriani, Lena Valaitis, Margot Werner, Stefan Waggershausen, Günter Wewel

 Sie arbeiten in München in einer Werbeagentur und werden im Februar 65. Denken Sie an die Pension oder an neue Projekte?  Nach eigener Aussage ist ja mit 66 noch lang noch nicht Schluss.

Die Werbeagentur ist eine Ente. Rente kommt für mich nicht in Frage. Keine Kreuzfahrten, Kegeltouren, Kaffeekränzchen, lieber Arbeit, da bleibt man ewig 66!

Was möchten Sie noch gerne schreiben? Und für wen?

Letztes Jahr lief in Wien mit großem Erfolg das Musical Der Besuch der alten Dame nach Friedrich Dürrenmatt. Premiere hatte das Stück bei den Thunerseespielen in der Schweiz, in diesem Jahr geht es nach Tokio. Ich habe die Songtexte geschrieben. Noch mehr Musical, am liebsten mit Pia Douwes und Uwe Kröger in den Hauptrollen, das wär schon was!

Abschließend möchte ich Sie noch um ein paar  private Infos bitten. Was  neugierige Leut’ halt so wissen wollen: Verheiratet? Kinder? Katze? Hund?

Privates ist tabu. Nur so viel: Ich bin glücklich mit einer eleganten, rheinischen Frohnatur verheiratet, lebe trotz Weißwein gesund, wohne mitten in München in der vierten Etage, nehme statt dem Lift die Treppe und brauche keine Tabletten.

 Herzlichen Dank für das Interview!

PS: Wolfgang Hofer hat einen Fan besonderer Art. Tina betreibt  unter dem Namen „Wolfgang – The early Years“ auf Facebook eine öffentlich zugängliche Fanseite, die dem Sänger Wolfgang gewidmet ist. Die ist mehr als nur einen Blick wert.

 

 

Fred Jay im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

„Dankeschön,  es war bezaubernd. Dankeschön, wenn wir auch auseinander gehn, gibts doch ein Wiedersehn…“ Wer kennt nicht diesen einschmeichelnden Ohrwurm, den Peter Alexander  bis in die 1990er Jahre als Schlusslied seiner großen Samstagsabend-Shows sang? Diese Zeilen schrieb 1935 ein 21-jähriger Jura-Student jüdischer Abstammung, der davon träumte, Schlagertexter zu werden, in einem Wiener Kaffeehaus in sein schwarzes Notizbuch. Zwei Jahre später wurde das Lied von Harry’s Tanzorchester unter der Leitung von Heinz Sandauer und der Sängerin Gloria Astor auf Platte aufgenommen, und ganz Wien sang begeistert mit. Der Verfasser des Liedes war Friedrich Alex Jacobson, der sich Jahre später als Fred Jay einen internationalen Namen als Textdichter machte.

Fred JayWHAT I AM LIVING FOR?

Fred Jay wurde als Friedrich Alex Jacobson am 24. Juli 1914 in Linz geboren  und absolvierte in Wien ein Jura-Studium. Auf Grund seiner jüdischen Herkunft  musste er 1938 nach Paris flüchten und kam nach einem längeren Aufenthalt in einem französischen Lager dank eines lebensrettenden Visums in die USA. In New York fand er nicht nur eine spätere Ehefrau Mary, sondern auch einen Job bei dem Radiosender „The Voice Of America“. Schnell erlernte er die anglo-amerikanische Ausdrucksweise und schrieb unter dem neuen Namen Fred Jay nun auf Englisch Songtexte. Dem Song „What Am I living for?“ verhalf Ray Charles, der damals noch am Beginn seiner Karriere stand, zum Erfolg. „The Wedding“, gesungen von Julie Rogers, wurde  mehr als 7 Millionen Mal verkauft und wurde auch in der deutschen Version „Wenn die Glocken hell erklingen“, gesungen von Lys Assia, ein Hit.

ICH WEISS, WAS ICH WILL

Seine Frau Mary war die treibende Kraft, dass er 1963 mit seiner Familie nach Europa zurückkehrte. Fred Jay arbeitete bei „The Voice of America“ in München und wurde in weiterer Folge Programmdirektor des Senders Rias in Berlin, der Heimatstadt seiner Eltern. Dem Schreiben von Songtexten galt noch immer seine große Leidenschaft. Bei Peter Meisel, Verleger, Produzent und Talent-Scout (er entdeckte u.a. Manuela, Marianne Rosenberg, Drafi Deutscher, Juliane Werding, Bernd Clüver und später Die Prinzen) fand er ein offenes Ohr. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten.  „Diese Welt“, ein Lied, das er für Katja Ebstein schrieb, landete 1971 auf dem 3. Platz beim Eurovision Contest. Das war der Beginn einer beispiellosen Karriere. Der Spätzünder wurde Haus- und Hofschreiber für  Howard Carpendale. 87 Titel, darunter „Du fängst den Wind niemals ein“, „Deine Spuren im Sand“ und die deutsche Übersetzung von „Ti amo“ gehen auf Jays Konto. Für Christian Anders verfasste er 52 Lieder, darunter „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ und „Geh nicht vorbei“, für Jürgen Marcus 27, darunter „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ und „Ein Festival der Liebe“. Michael Holm verdankte Jay seinen Hit „Tränen lügen nicht“. Von der englischen Übersetzung „When a child was born“, gesungen von Johnny Mathis wurden am ersten Tag der Veröffentlichung unglaubliche 221 0000 Platten verkauft, was im Guiness-Buch der Rekorde verewigt wurde. Boney M. nahmen das Lied in ihr Christmas-Album auf. Für die Retortengruppe von Frank Farian lieferte Jay 36 Titel auf Englisch. „Ra-Ra-Rasputin“ verkaufte sich zwischen Rio de Janeiro und Moskau 7,5 Millionen Mal. Das Lied, das er  gemeinsam mit Udo Jürgens schrieb, war auch sein Lebensmotto: „Ich weiß, was ich will!“ Im Alter von fast  siebzig Jahren war für Dr. Friedrich Alex Jacobson alias Fred Jay der Traum, den er schon als Wiener Student geträumt hatte, in Erfüllung gegangen.

DANKE SCHÖN, ES WAR BEZAUBERND

Fred Jay wurde als hochgebildeter, belesener Intellektueller, voll altösterreichischem Charme beschrieben. Und er war mit einer für seine Branche untypischen Eigenschaft  ausgestattet, der Bescheidenheit. Obwohl er der erfolgreichste deutschsprachige Textdichter seiner Zeit war, trat er nie ins Rampenlicht. Es holte sich nicht einmal seine Goldenen Schallplatten ab. 1985, zwei Jahre, nachdem sein letztes Lied veröffentlicht worden war und er sich aus dem Schlagerbusiness zurückgezogen hatte, kehrte er mit seiner Familie nach Amerika zurück. In Conneticut, wo sein Sohn Michael als Kardiologe arbeitete, fand er seinen Altersitz. Drei Jahre später, am 27. März 1988, starb er im 74. Lebensjahr. So unspektakulär wie er gelebt hatte, war auch sein letzter Abschied:  eine kleine Friedhofskapelle, an die zwanzig Trauergäste, ein schlichter Holzsarg. Es gab keine Reden. Aber es erklang Musik: „Danke schön, es war bezaubernd“.

FRED-JAY-PREIS

Fred Jay lebt nicht nur in seinen Liedern weiter. Seine Witwe Mary Jay-Jacobson stiftete in Erinnerung an den großen Textdichter 1989 den Fred-Jay-Preis, der mit 15.000 Euro dotiert ist. Er steht unter der Schirmherrschaft der GEMA-Stiftung und wird alljährlich an einen Künstler verliehen,  der sich um die Schaffung und Förderung deutscher Texte verdient macht. Die Wahl des Fred-Jay-Preisträgers, der durchaus auch weiblich sein darf, trifft, auf Wunsch von Mary Jay-Jacobson, die 2002 verstarb, die Jury des Deutschen Musikautorenpreises.  2014 konnte sich Dota Kehr über die Auszeichnung freuen, die bei der Preisverleihung den Liedermacher  Christoph Stählin zitierte: „Mit Kunst nicht zielen! Wenn man getroffen hat, wird man es schon merken.“

Bruno Balz im Porträt

von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

„Kann denn liebe Sünde sein? Darf es niemand wissen, wenn man sich küsst, wenn man einmal alles vergisst vor Glück? … Liebe kann nicht Sünde sein. Und wenn sie’s wär, wär’s mir egal. Lieber will ich sündigen mal als ohne Liebe sein.“ Wer hat nicht schon bei den ersten fünf Worten die sinnliche  Alt-Stimme von Zarah Leander im Ohr? Das Lied stammt aus dem Ufa-Film „Der Blaufuchs“, der 1938 in Düsseldorf zum ersten Mal über die Leinwand flimmerte, und ist bis  heute  unvergessen. Den Textdichter, der Zarah Leander den Text auf den Leib schrieb und sie zum Star des UFA-Films machte, kennen hingegen nur wenige. Es war Bruno Balz, dessen dramatische Lebensgeschichte das Lied in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Bruno Balz

TEXTDICHTER, EINE NEUE BERUFSBEZEICHNUNG

Bruno Balz, am 2. Oktober 1902 in Berlin-Prenzlauer Berg geboren, schrieb schon als kaufmännischer Lehrling Gedichte, mit denen er an Zeitungswettbewerben teilnahm. Bereits damals wusste er, was er werden wollte: Textdichter. Das war eine Berufsbezeichnung, die es bis dato noch gar nicht gab. Balz, so sagt man, habe den Begriff erfunden. Im Laufe seines Lebens verfasste er mehr als 1000 Liedtexte und prägte wie kein anderer die deutsche Musik- und Schlagerkultur. Für rund 170 Filme lieferte der Berliner die passenden Schlager, darunter auch für den allerersten deutschen Tonfilm „Dich hab’ ich geliebt“. In dem polnischen Komponisten Michael Jary (eigentlich: Maximilian Jarcyik) fand er einen kongenialen Partner. Gemeinsam mit Zarah Leander waren sie ein unschlagbares Team, das in der Szene als „Trio infernal“ bekannt war. Balz schrieb aber nicht nur für Zarah Leander, sondern alle Größen der Zeit:für Leo Slezak „Auf der Heide blüh’n die letzten Rosen“ (1935) – in den Augen von  Herbert von Karajan das schönste Volkslied des 20. Jahrhunderts, für Heinz Rühmann „Ich brech die Herzen der stolzesten Frau’n“ (1938) und „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ (1939), für Rosita Serrano „Roter Mohn (1938), für Johannes Heesters, Willi Forst, Ilse Werner und Marika Rökk.

ICH WEISS, ES WIRD NOCH MAL EIN WUNDER GESCHEH’N

Wegen seiner Homosexualität, die damals nach § 175 des Strafgesetzbuches unter Strafe stand (der sogenannte Schwulen-Paragraf wurde erst 1994 in Deutschland abgeschafft), kam Balz während des Nazi-Regimes auf die Rosa Liste Berlin. Er musste acht Monate in das Gefängnis Plötzensee und wurde, weil ein homosexueller Textdichter nicht in das geltende Weltbild passte, nach seiner Entlassung mit einer blonden Bäuerin aus Pommern namens Selma zwangsverheiratet. Balz durfte nur mehr anonym arbeiten. Sein Name wurde gänzlich ausradiert und verschwand von allen Filmabspannen. Aber seine Texte sollten das deutsche Volk trotzdem bei Laune halten. 1941 wurde er erneut in Gestapo-Haft genommen und schwer gefoltert. Zarah Leander und Miachel Jary intervenierten und Balz musste innerhalb von 24 Stunden für den Film „Die große Liebe“ zwei Lieder für Zarah Leander schreiben, die nachträglich in den schon fertiggestellten Film „Die große Liebe“ eingebaut wurden. Balz fielen, wie durch ein Wunder, die Texte für „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ und „Davon geht die Welt nicht unter“ ein. Das rettete ihn vermutlich vor dem Transport ins Konzentrationslager. Mit 27 Millionen Zuschauern wurde „Die große Liebe“ nicht nur der wichtigste Propagandastreifen der NS-Zeit, sondern der erfolgreichste deutschsprachige Film aller Zeiten.

Bitterböse Ironie des Schicksals: Nach Kriegsende wurde der Textdichter von den Allierten wegen dieser als Durchhaltelieder deklarierten Lieder angeklagt. Er geriet unter Beweisnot und musste sich gegen seinen Willen als Homosexueller, der zur Zwangsehe verpflichtet wurde, outen. Bruno Balz wurde freigesprochen und konnte seine Karriere fortsetzen. Seine ungeliebte Frau Selma hielt aus Statusgründen an der Ehe fest, auch als er 1960 den Maler Jürgen Draeger kennen lernte, mit dem ihn von da an eine lebenslange Beziehung verband.

WIR WOLLEN NIEMALS AUSEINANDERGEH’N

Auch Weihnachten ging nicht spurlos an Bruno Balz vorbei. 1958 bat ihn der amerikanische Komponist Irving Berlin „White Christmas“ ins Deutsche zu übertragen. In der Interpreation von Bing Crosby wurde dieses Lied zur meistverkauften Single aller Zeiten. Bruno Balz machte aus „I’m dreaming of a white Christmas“ Bruno Balz kurzerhand „Süß klingt der Engel Chor: Weihnacht“. Zwei Jahre später entstand „Wir wollen niemals auseinandergehn“. Balz hatte den Text für Zarah Leander geschrieben, die 1942 in ihre schwedische Heimat zurückgekehrt war und jetzt in Deutschland ein Comeback feiern wollte,  die Melodie komponierte Michael Jary. Er war es auch, der durchsetzte, dass die 17-jährige Heidi Brühl das Lied interpretierte und nicht Zarah Leander. Obwohl es der größte Hit wurde, den Balz und Jary mitsammen schufen, ging die fast 30-jährige Freundschaft der beiden in die Brüche. Von wegen „Wir wollen niemals auseinander gehen!“ Balz zog sich ins Privatleben zurück. Dieser Erfolg, so dachte er, wäre nicht mehr zu toppen. Wie man sich doch täuschen kann! 1967 suchte der Sänger und Manager Wolfgang Roloff, besser bekannt unter dem Namen Ronny, ein Lied für einen kleinen holländischen Jungen namens Heintje. In Balz’ Schreibtischlade lag seit Jahren ein  auf Tonträger bis dato unveröffentlichtes Lied, das der Startenor Beniamino Gigli ohne großen Erfolg 1941 in einem italienischen Film gesungen hatte. Balz überließ Rolloff den Text. Der Rest ist Geschichte. Wenn Heintje „Mama“ schmetterte, flossen nicht nur die Tränen von Millionen Frauen, sondern auch die Tantiemen. So viel, dass Balz mit dem Geld ein SOS-Kinderdorf errichten ließ.

BRUNO-BALZ-ARCHIV IN BERLIN

Bruno Balz starb am 14. März 1988 im 85. Lebensjahr und wurde auf dem Friedhof in Berlin-Wilmersdorf begraben, wo auch Robert Biberti, Sänger der Comedian Harmonists, und der Komponist Theo Mackeben ihre letzte Ruhe fanden. In einem Nachruf schrieb die FAZ: „Bruno Balz hatte einen Hauptanschluß an die unterschwelligen seelischen Bedürfnisse seiner Zeitgenossen: er beherrschte die Kunst, in einer Liedzeile das, was jeden bewegte, wie in einer Schlagzeile zusammenzufassen. Witz, Charme, Gefühl, Sentimentalität, alles stand ihm zu Gebote, das Geflüster so unfehlbar wie das Pathos. Auf seine Weise war er – nehmt alles nur in allem – ein Genie.“ Balz legte testamentarisch fest, das bis zehn Jahre nach seinem Tode keine privaten Details aus seinem Leben veröffentlicht werden durften.  „Niemand kennt mich. Zehn Jahre nach meinem Tod werden auch meine Lieder vergessen sein“, meinte er. Doch er sollte nicht Recht behalten. Universalerbe und Nachlassverwalter wurde sein Lebensgefährte Jürgen Draeger, der nun bemüht ist, Balz seine Geschichte wiederzugeben.   Er tut dies mit viel Liebe und Akribie. Anlässlich des 100. Geburtstags erschien eine Doppel-CD unter dem Titel „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“, die 36 Original-Titel von Bruno Balz enthält – ein Best of aus mehr dreißig Jahren. Das Booklet illustrierte Jürgen Draeger. Auf einer umfassenden Homepage kann man in das Werk von Bruno Balz eintauchen. Seit 2011 befindet in der Oranienburger Straße 21 in Berlin, direkt am Monbijou Park das Bruno-Balz-Archiv, das nach Voranmeldung öffentlich zugänglich ist. Darin befindet sich  historisches Mobilar aus den 1930er Jahren, darunter der Barschrank, den Zarah Leander Bruno Balz geschenkt hat.

Das Porträt, das Bruno Balz als 33jährigen zeigt und von dem Fotografen Walter Jaeger stammt, wurde uns vom Bruno-Balz-Archiv dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.