Das Mädchen aus dem Song

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Kürzlich stieß ich beim Surfen im Internet auf folgenden – mittlerweile  beinahe schon verjährten – verbalen Hilfeschrei: „Hallo ich bin verzweifelt möchte meiner freundin ein lied machen um ihr zu zeigen wie sehr ich sie liebe doch ich kann keinen songtext schreiben!!! Wär echt nett wenn es einen geben tuht, der es machen würde.“ Pech für Forum-User Elbow-Joe! Sein Wunsch blieb, wie ich aus den fehlenden Angeboten schließen konnte, unerfüllt. Joes Ellbogen-Taktik ging also nicht auf.

Auf die Idee, seiner Angebeteten ein musikalisches Denkmal zu setzen, waren allerdings schon einige vor ihm gekommen. Paul Anka zum Beispiel, der als schüchterner 15-jähriger ein Lied für die um drei Jahre ältere Diana schrieb, das kurz darauf ein Riesenhit wurde. Oder Donovan, der in „Jennifer Juniper“ das englische Model Jenny Boyd verewigte, die Schwester von Patty Boyd, die mit George Harrison verheiratet war. Oder Leonhard Cohen, der Suzanne besang, Suzanne  Verdal, die Muse der Beatniks aus Montreal, die mit Cohen am St. Lorenz-Strom Tee trank und Orangen aß, aber zu dessen Leidwesen nicht mehr von ihm wollte.

All das noch und viel mehr erzählt der englische Musikjournalist Michael Heatley in dem Buch „Das Mädchen aus dem Song“, erschienen im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag. Er hat sich auf die Suche nach fünfzig außergewöhnlichen Frauen gemacht, die berühmte Musiker – von Bob Dylan bis  Mick Jagger –  zu  legendären Liedern inspirierten. Wer waren Angie, Lola, Lovely Rita, Sweet Caroline, Peggy Sue & Co? Wie kam es dazu, dass ein Lied über sie geschrieben wurde? Und was machen sie heute? Heatley hat’s in akribischer Recherche herausgefunden. Die Süddeutsche Zeitung schrieb: „Ein ganz eigener Streifzug durch die Popgeschichte, mit der richtigen Mischung aus musikalischen und biographischen Hintergrundinformationen und Beziehungs-Tratsch.“

Schade, dass sich der Autor in dem Buch auf englischsprachige Lieder beschränkt hat. So werde ich vermutlich nie erfahren, wer jene Gabi war, die Gerd Böttcher in dem Lied  „Für Gabi tu ich alles“, einem Hit aus dem Jahre 1962, unsterblich gemacht hat (Wer sich noch daran erinnern kann, bitte aufzeigen!). Eine Zeile hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt: „Ich trag auch munter den Mülleimer runter. Für Gabi tu ich alles!“ Was für ein emanzipatorischer musikalischer  Liebesbeweis – zu einer Zeit, als Fifty-Fifty in deutschen Haushalten noch nicht einmal angedacht war, zu einer Zeit, als sogar der Begriff „angedacht“ noch nicht einmal angedacht war.

  1. Nicht zu vergessen die Gabi, die im Park wartet, Joanna, die sich später „geile Sau“ nennen lassen musste. Reinhard Meys „Christine (ma belle)“ hat ein reales Gesicht. Immerhin.

  2. Barbara Berrien sagt:

    Liebe Claudia,nun sollst Du doch noch erfahren,wer jene „Gabi“ war,für die Gerd Böttcher sich anscheinend so ins Zeug gelegt hat.Das war meine Mutter und sie hiess Renate(heisst sie immer noch) und es war nicht Gerd Böttcher,der diesen Text geschrieben hat,sondern Hans Bradtke,der des Klanges halber auf die sperrige (ansonsten recht schlanke,zierliche) „Renate“ verzichtete und mit dem damals sehr beliebten und vor allem singbaren Namen „Gabi“ ersetzte.Meines Wissens nach,gab es auch keine geheime Gabi in seinem Leben,schon gar nicht eine,für die er den Mülleimer runtergetragen hätte.Da er Zuhause im kleinen Kämmerchen zu dichten pflegte(anscheinend erzeugte die Enge und Unordnung in diesem wirklich winzigen Arbeitszimmer das richtige Biotop für all die wunderbaren Texte,die er uns hinterliess)waren ihm alltäglich intime Einblicke in die vielschichtige Arbeit einer, nebenbei als Hausfrau tätigen, Muse gewährt.Die daraus resultierenden Erkenntnisse brachte er in „Das bißchen Haushalt…sagt mein Mann“ selbstironisch zu Papier.Trotz zweifellos grosser Liebe und Verehrung für seine Renate,habe ich ihn allerdings nie den Mülleimer runtertragen sehen.. oder ähnliches.
    Ich muss das wissen,ich bin ja seine Tochter.

  3. Burkhard Ihme sagt:

    Und die Gabi heißt im übrigen „Gaby“, wie ein Blick in die GEMA-Datenbank beweist. Und der Komponist Heinz Buchholz.

  4. Claudia Karner (Celler Schule 2006) sagt:

    Liebe Barbara,

    früher kamen die Leut‘ durchs Reden zusammen, heute durch das Internet! 😉
    Ich hätte nie gedacht, dass ich so schnell hinter das Geheimnis von Gabi bzw. Gaby kommen würde!
    Ich muss gestehen, dass ich den Namen Hans Bradtke bis dato noch nie gehört hatte. Aber das ist das nun mal Los der Textdichter. Allerdings habe ich sofort gegoogelt und bin in Ehrfurcht erstarrt. Was hat doch dieser Mann für unvergessliche Lieder geschrieben! „Pack die Badehose ein“, „Die Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe“, die Hämmerchen-Polka… „Und dann hau‘ ich mit dem Hämmerchen mein Sparschwein, mein Sparschwein kaputt!“ Wie kriege ich jetzt Chris Howland wieder aus den Ohren? 🙂

    Herzlichen Dank für die Antwort
    und liebe Grüße
    Claudia

  5. Claudia Karner (Celler Schule 2006) sagt:

    Lieber Burkhard,

    klar hätte ich auf der GEMA-Datenbank nachschauen können, aber dann hätte ich nicht die charmante Erklärung von Barbara Berrien bekommen. Und ich hätte auch von dir keinen Kommentar gekriegt und ich hätte nie auf deine Homepage gefunden. Wäre schade gewesen!

    Liebe Grüße
    Claudia

    Übrigens: Auch im Internet, sogar auf YouTube, ist die falsche Schreibweise zu finden. Aber ich gebe dir recht: Ein Fehler wird auch nicht richtiger, wenn man ihn häufig macht.

  6. Claudia Karner (Celler Schule 2006) sagt:

    Jööööö, der Clip ist ja witzig!
    Und man beachte die Zugriffszahlen: Über 5 Millionen!
    Danke für den Link!

    Liebe Grüße
    Claudia

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