Leise rieselt der Schnee – Eduard Ebel im Porträt

Weihnachtskarte: Kinder, Schnee, Regenschirm

 

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

Traditionelle Weihnachtslieder haben jetzt Hochsaison. Ganz weit oben in der Beliebtheitsskala der Deutschen steht das Lied Leise rieselt der Schnee, in dem der Theologe Eduard Ebel vor 122 Jahren eine Weihnachtsidylle beschrieb, nach der sich alle Romantiker noch heute sehnen. Ihm ist dieses Porträt gewidmet.

DER ORIENT IST EIN ZAUBERLAND

Eduard Ebel wurde am 7. August 1839 in Stargard in Westpreußen (heute Polen) geboren. Nach dem Theologiestudium in Königsberg trat er seine erste Stelle als evangelischer Pfarramtskandidat in Hamburg an, danach wurde er Seelsorger und Predigerin Königsberg. Von 1866 bis 1869 war er als Pastor in der deutsch-französischen evangelischen Gemeinschaft in Beirut im Osmanischen Reich tätig. „Der Orient ist ein Zauberland; wer einmal seinen Boden betreten, wird die Sehnsucht nach seinen ewigen Höhen nicht mehr in diesem Erdenleben los.“ Für das Wochenblatt der Johanniter  schrieb er im Dezember 1869: „Es ist Weihnacht geworden im heiligen Lande. Nicht, wie daheim, mit Schnee und Regen, nein, wie zur Zeit, als die Hirten mit ihren Herden des Nachts auf den Feldern lagerten, – sonnenhell und warm.“

LEISE RIESELT DER SCHNEE

Einige Jahre später – Ebel war nach Westpreußen zurückgekehrt und arbeitete als Pfarrer in Graudenz – sah die Welt wieder ganz anders aus. Weiße Flocken fielen vom Himmel, der See war vereist:  ein Szenario, das Ebel wohl zu Leise rieselt der Schnee inspirierte. Als kleiner Weihnachtsgruß für Kinder waren die Zeilen gedacht, die er 1895 in dem Band „Gesammelte Gedichte“ veröffentlichte. Auch die Melodie stammt vermutlich von ihm. Allerdings gibt es keinen Beleg dafür. Nicht nur in Kindergarten, Schule und Familie wird das Lied gesungen, auch die Unterhaltungsindustrie kam und kommt nicht daran vorbei. Die Liste der Sänger und Sängerinnen, die Leise rieselt der Schnee im Repertoire haben, ist lang. Hier einige Interpreten: Peter Alexander, Heintje, Die Wiener Sängerknaben, Hermann Prey, die Fischer Chöre, Mireille Matthieu, Nana Mouskouri, Roger Whittaker, die Kelly Family sowie – man höre und staune – Udo Lindenberg und Unheilig. Auch eine englische Übersetzung gibt es: Softly falls the snow. Das Lied wurde und wird gern als Vorlage für spöttische Parodien wie diese verwendet: Leise rieselt die Vier/auf das Zeugnispapier./ Hört doch, wie lieblich es schallt/, wenn die Ohrfeige knallt.

Eduard Ebel zog kurz vor der Jahrhundertwende mit seiner Familie nach Halle an der Saale und wurde dort Superintendent. Am 30. Januar 1905 verstarb er im Alter von 66 Jahren. Als großer Vorteil für seine Erben erwies sich der Umstand, dass Ebel der 1903 gegründeten Genossenschaft der Tonsetzer (GdF) beigetreten war, der ersten Verwertungsgesellschaft und Vorläuferin der GEMA. Denn die Noten für Leise rieselt der Schnee entwickelten sich zu einem Verkaufsschlager. Seine Tochter kassierte noch 1955 an die 10.000 DM an Tantiemen. Dann erlosch die Regelschutzpflicht, die damals bis 50 Jahre nach dem Tod des Verfassers galt.

SCHNEEGESTÖBER IN DER KUGEL

Eduard Ebel
Die 1. patentierte Schneekugel

Während Eduard Ebel heute vollkommen in Vergessenheit geraten ist – nicht einmal eine Abbildung existiert von ihm – ist Leise rieselt der Schnee zum geflügelten Wort geworden. In der Firma Perzy in Wien-Hernals, der 1. Wiener Schneekugelmanufaktur, bestimmt die Parole sogar ganzjährig den Unternehmensalltag. Erwin Perzy, Mechaniker für chirurgische Instrumente und Spielzeugbauer erfand um 1900 bei der Suche nach einer besonders hellen Lichtquelle als Nebenprodukt die Schneekugel, die als „echte Glaskugel mit Schnee-Effekt“ zum Patent angemeldet wurde. Darin war ein Metallmodell der Basilika von Maria Zell, um das beim Schütteln Schneeflocken aus Gries wirbelten. Heute werden in 3. Generation an die 300 verschiedenen Motive hergestellt und in alle Welt exportiert. Sogar auf dem Schreibtisch von US-Präsident Bill Clinton soll eine Schneekugel aus dem Hause Perzy gestanden sein. Ob Bill bei ihrem Anblick I’m dreaming of a white Christmas? gesungen hat? Oder doch Softly falls the snow?

 

 

  1. Nicht eine Glaskugel sondern die erste Textzeile schüttelte der „Kryptokommunist“ Dieter Süverkrüp 1969: „Leise schnieselt der Re- / aktionär seinen Tee …“ Klar, das ist, mit Goethe gesprochen, „Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!“. Aber mit einem wunderbar reimwitzigen Anfang, vor dem auch nichtkommunistische Zeitgenossen den Hut ziehen müssen. Oder?

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