Max Colpet im Porträt

Von Claudia Karner (Celler Schule 2006)

 

Max Colpet Graphik
Max Colpet: Die unsignierte Grafik stammt aus seinem Buch „…wenn man trotzdem lacht“

Sag mir, wo die Blumen sind! Wo sind sie geblieben? Was vordergründig wie eine Frage einer enttäuschten Frau am Valentinstag klingt, sind die ersten Verse eines der bekanntesten deutschsprachigen Antikriegslieder. Das Original Where have all the flowers gone schrieb 1955 der US-amerikanische Singer-Songwriter Pete Seeger. Angeblich hat er sich dazu auf einem Flug nach Ohio von einem ukrainischen Volkslied inspirieren lassen. Die Übertragung ins Deutsche stammt von Max Colpet. Der wiederum nahm dafür Anleihe bei einem Gedicht aus dem 18. Jahrhundert, das Johann Georg Jacobi schrieb und Sag mir, wo die Veilchen sind hieß. Die Interpretin, die das Lied 1962 zum ersten Mal sang, ist bis heute unvergessen. Es war Marlene Dietrich. Max Colpet hingegen erlitt das typische Textdichter-Schicksal. Die Erinnerung an ihn bedarf also einer kleinen Politur.

HOPPLA, JETZT KOMM ICH!

Max Colpet (auch Max Kolpe) wurde am 19. Juli1905 als Max Kolpenitzky in Königsberg (heute Kalingrad) in Ostpreußen geboren. Sein Vater war ein russisch-jüdischer Kaufmann. 1914, bei Ausbruch des 1. Weltkriegs, war die Familie gezwungen, das Land Richtung Deutschland zu verlassen. Max verbrachte seine Jugend in Hamburg, wo er sein Abitur machte. Er übersiedelte nach Berlin, um an der Technischen Hochschule zu studieren und kam mit der dortigen Künstlerszene in Kontakt. Seine ersten literarischen Lorbeeren verdiente er sich mit Gedichten, später mit Texten für die Kabaretts von Friedrich Hollaender, Tingeltangel und Katakombe. 1928 gründete er mit dem Schauspieler Erik Ode, der in den 1970er Jahren mit der Krimiserie „Der Kommissar“ Fernsehgeschichte schreiben sollte, das Kabarett Anti. Dann verlegte er sich aufs Drehbuchschreiben für den Film. Mit dem Script für Scampolo – ein Kind der Straße, das er mit Billy Wilder (damals noch Samuel Wilder) verfasste, landete Colpet 1932 einen Erstlingserfolg. Weitere gemeinsame filmische Arbeiten folgten. Dass sich Hans Albers in dem Film Der Sieger mit dem Lied Hoppla – jetzt komm ich (Musik: Werner Heymann) in die Herzen der Zuschauerinnen katapultierte, ist auch Max Colpet zu verdanken.

I LIKE TO BE IN AMERICA

Die Schaffensperiode in Deutschland war allerdings nicht von langer Dauer. 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, musste Colpet, der staatenlose Jude, erneut fliehen. Während es ihm gelang, sich nach Paris abzusetzen, wurden seine Eltern deportiert und starben im KZ. Auch in Frankreich gelang es dem Sprachtalent ins Filmgeschäft einzusteigen. Colpet schrieb vier französische Drehbücher. 1948 lockte Hollywood, wo sein Freund Billy Wilder auf ihn wartete, und er packte wieder seine Reiseschreibmaschine ein. I like to be in America lautete nun sein Credo. Pikanterie am Rande: Einige Jahre später übertrug Colpet die Westside Story, d a s Erfolgsmusical von Leonard Bernstein (Text: Stephen Sondheim), ins Deutsche. Aus I like to be in America wurde Was uns gefällt in Amerika. In seinen Memoiren Sag mir, wo die Jahre sind – Erinnerungen eines unverbesserlichen Optimisten – die Erstauflage erschien 1976 – resümierte er wehmütig: „Emigrieren: das Land, in dem man geboren ist, verlassen, sich an andere Länder, an andere Gebräuche gewöhnen, das ist nicht einfach. Hoffnungen werden schnell begraben. Enttäuschungen häufen sich. Selten gelingt es einem, sich völlig anzupassen und zu assimilieren, so sehr man sich auch bemüht. Man ist und bleibt ein Emigrant, ein Zuwanderer, wird nie das Gefühl los, ein Eindringling zu sein, ein Fremdkörper in einem andersartigen Gefüge, einem fremden Land, einer ungewohnten Welt. Aber noch schwerer ist die Remigration.“

SAG MIR, WO DIE BLUMEN SIND

Trotz seiner Erfolge kehrte Colpet, mittlerweile amerikanischer Staatsbürger, 1958 nach Good Old Germany zurück und ließ sich in München nieder. Er verfasste Kabarett-Texte für die Lach- und Schießgesellschaft und schrieb Chansons und Schlager für die Größen der Zeit: Marlene Dietrich, Zarah Leander, Nana Mouskuri, Charles Aznavour, Gilbert Becaud, Lale Andersen, Gitte, Katja Ebstein, Thomas Fritsch, Freddy Quinn und Gus Backus. An die 1000 sollen es im Laufe seines Lebens geworden sein. Sag mir, wo die Blumen sind blieb sein größter Hit. Seine weiteren Antikriegslieder wie Der ewige Soldat (Original: The Universal Soldier von Buffy Sainte-Marie) oder „Der Deserteur (Original: Le Deserteur von Boris Vian) fanden nicht den Anklang, den er sich gewünscht hatte. „Ich schäme mich fast, dass ich mit einem Lied wie Bohnen in den Ohr’n, das ich aus Gefälligkeit für Gus Backus geschrieben habe, das Zehnfache verdiente“, so Colpet.

Was heute vielen Musical-Fans den Schauer über den Rücken laufen lässt: In den 1960er Jahren war es üblich, fremdsprachige Musicals ins Deutsche zu übersetzen. Das eröffnete dem Sprachengenie Colpet ein weites Betätigungsfeld. Neben der Westside Story war er auf die deutschen Fassungen von drei Musicals von George Gershwin Lady be good, Girl-Crazy und Oh, Kay sowie auf Irma la Douce besonders stolz, wie er in seinen Memoiren festhielt. Noch mehr Herzblut legte er in sein eigenes Musical Millionen für Penny, zu dem Lothar Olias, ebenfalls ein gebürtiger Königsberger, die Musik komponierte. Es wurde am Gärtnerplatztheater in München 1967 uraufgeführt und gilt als das erste deutsche Musical. Der rauschende Erfolg wollte sich allerdings nicht einstellen.

IM SANDMEER DER ZEIT

Max Colpet war auch schriftstellerisch tätig. Außer seinen Lebenserinnerungen veröffentlichte er 1979 den Roman Es fing so harmlos an und Satierische Verse – Zoo ist das Leben, die der tschechische Künstler Miroslav Sasek illustrierte. Sein letztes Buch Im Sandmeer der Zeit. 60 Jahre Filmschaffen – eine moderne Odyssee kam zu seinem 90. Geburtstag auf den Markt. Max Colpet starb am 2. Jänner 1998 im 93. Lebensjahr in München und fand auf dem Nordfriedhof seine letzte Ruhestätte.

 

 

 

  1. Ich hatte das unglaubliche Glück, Max Colpet noch persönlich kennenlernen zu dürfen und ihn einige Jahre lang auf den Mitgliederversammlungen der GEMA zu treffen. Erlebt habe ich ihn als ganz bezaubernden Menschen, dem so gar nichts Dünkelhaftes zu eigen war. Heute noch denke ich an ihn, wenn ich „Sag mir wo die Blumen sind“ im Unterricht erwähne.

  2. Norbert Tefelski (Celler Schule 2005) sagt:

    Immer wieder schön, die Textdichter-Recherchen von Claudia Karner. Hier wurde ich allerdings stutzig, als sie den „Universal Soldier“ Pete Seeger zuschrieb. Ich (Jg. 1950) kannte es von Donovan – und der hat es auch gecovert, nämlich von der tollen Buffy Sainte-Marie. Tja, nicht alle ollen Folksongs stammen von Seeger oder Guthrie.
    Aber egal, kleine Irrtümer erhalten die Neugier. Ich freue mich aufs nächste Porträt von Claudia.

  3. Claudia Karner (Celler Schule 2006) sagt:

    Lieber Norbert,
    Herzlichen Dank fürs genaue Lesen und für den Hinweis. Ich habe den Fehler schon korrigiert.
    Liebe Grüße
    Claudia

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